Amsterdams Filmpalast EYE

Das im April 2012 eröffnete EYE Filminstitut in Amsterdam
Das im April 2012 eröffnete EYE Filminstitut in Amsterdam
© Anneke Wardenbach

„Amsterdam hat das Kino neu erfunden!“ freut sich Wim Paul, als er vom Filmsaal zurück in die „Arena“ schlendert. Diese Arena ist das Herz des Neubaus. Ein Raum so groß wie eine italienische Piazza. Die riesige Fensterfront gibt den Blick frei nach Süden über Amsterdams Hafengewässer Het IJ. Langgestreckte Treppen laden zum Sitzen ein, ebenso wie ein Café und eine Bar.

Hier beginnt und endet jeder Filmbesuch im EYE Filminstituut Amsterdam. Sämtliche Ausgänge der vier Kinosäle führen hierher. „Wir wollten weg von den ungemütlichen Multiplexkinos!“, erklärt Architektin Elke Delugan Meissl. „Dort kauft man seine Eintrittskarte und Popcorn, wird ins Dunkle geschickt und nach dem Film meist in eine schäbige Seitengasse abgeschoben. Eine Gelegenheit, über den soeben gesehenen Film zu sprechen, muss man sich woanders suchen.“ Die Architekten haben eine zeitgenössische Version der großzügigen Foyers der Art-Déco-Kinos geschaffen. Wo Architekten meist versuchen, Korridore und Flure zu minimalisieren, haben Architekten der renommierten Wiener Architektengruppe Delugan Meissl sie just in den Mittelpunkt gestellt.

Reizvolle Architektur: Eisscholle oder Auster?

Strahlend weiß prunkt der Neubau am Nordufer von Amsterdams Hafengewässer Het IJ. Vom Hauptbahnhof aus dauert es nur wenige Minuten, bis Gäste mit der Fähre fast vor der Tür anlanden. Die Architekten von  Delugan Meissl haben in der exponierten Lage einen gelungenen Blickfänger errichtet: Das Gebäude hat keine eindeutige Vorder- oder Rückseite.

Amsterdams neuer Filmpalast verkörpert den Geist des Kinos. Der Grundgedanke: Film ist eine Illusion, geschaffen aus dem Zusammenspiel von Licht, Raum und Bewegung. Licht reflektiert sich in der weißen Fassade immer wieder neu und ergießt sich durch die enorme Fensterfront über die helle Innenausstattung. Die seltsam formlose Gestalt des Baus erzeugt das Raumgefühl und die Bewegung bringt der Betrachter selbst mit. Denn kaum geht er zwei Meter, sieht der Bau wieder anders aus – sowohl von innen als von außen.

Die Arena: "Glänzende Perle" des Filminstituts
Die Arena: "Glänzende Perle" des Filminstituts
© Anneke Wardenbach

Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis der gewitzte Amsterdamer Volksmund dem Bau einen Spitznamen verpasst. „Eisscholle“ könnte wegen der weißen, flächigen Fassade passen. Architektin Elke Delugan Meissl zieht lieber den Vergleich mit einer Auster: „Außen rauh und innen glänzt durch die Öffnung (= Fensterfront) die Perle (= Arena)!“

EYE: Der Name ist Programm

Der Name „EYE Film Institute“ soll zeigen, dass sich die Macher an internationales Publikum wenden. „Eye“ – das englische Wort für Auge – ist zudem eine kleine Wortspielerei: Es spricht sich aus wie „IJ“, der Name des Gewässers in dem sich der neue Filmpalast spiegelt.

Das Hauptziel des Museums ist es, (historisches) Filmmaterial sammeln, zu konservieren und zu restaurieren, um es dem Publikum in neuen Zusammenhängen zu zeigen. In vier Kinosälen mit insgesamt 640 Plätzen und auf knapp 1.200 m² Ausstellungsfläche soll die umfangreiche Sammlung zum Leben erweckt werden: 37.000 Filme (darunter Einzelstücke aus der Anfangszeit des Kinos), 60.000 Filmplakate und 700.000 Film-Fotos. Hinzu kommen die vollständigen Archive der wichtigsten niederländischen Filmemacher. Ein Teil der Sammlung gehört zum Welterbe der UNESCO. Die Sammlung des Filmmuseums wird im Untergeschoss mit verschiedenen Techniken zugänglich sein. Das kostenlose Angebot soll besonders Kinder und Jugendliche ansprechen – die zahlenden Kinobesucher der Zukunft.

Public-private partnership

Gewagte Architektur: Finanziert von der ING Real Estate
Gewagte Architektur: Finanziert von der ING Real Estate
© Anneke Wardenbach

Auch finanziell geht EYE neue Wege. Die 36 Millionen Euro Baukosten hat die ING Real Estate getragen. EYE mietet den Bau für 1.450.000 Euro pro Jahr. Insgesamt kostet der Betrieb des neuen Filmmuseums (inklusive Miete) 13 Millionen Euro. Davon steuert das Kultusministerium 8 Millionen Euro bei. 2,5 kommen aus anderen öffentlichen Töpfen, Fonds, Spenden, usw. In Zeiten von schrumpfenden Kulturbudgets soll EYE 2,5 Millionen Euro eigene Einkünfte generieren.

Das Museum selbst ist frei zugänglich, ebenso die Gastronomie und das interaktive Untergeschoss. Kinokarten, Sponsoring und Vermietung der Räumlichkeiten sollen Geld bringen. Immerhin verfügt der Bau über einen der größten durchgehenden Ausstellungsräume der Niederlande, einen schönen Trausaal mit Blick über das Wasser und eine riesige Café-Terrasse, die in der Nachmittags- und Abendsonne badet. Rund 165 Mitarbeiter werden zukünftig bei dem Institut beschäftigt sein. Auch die Werbung für experimentelle Filme der Filmbank und die internationale Marketingfirma für niederländische Filme, Holland Film, werden im Gebäude des Eye untergebracht sein.

Erreichbarkeit

EYE ist leicht zu finden. Direkt hinterm Hauptbahnhof Amsterdam legen die kostenlosen Fähren für Fußgänger und Radfahrer ab. Parkmöglichkeiten für Autos sind hinter dem Bau. Das Museum hat sieben Tage die Woche von 10.00–1.00 Uhr geöffnet, am Wochenende bis 2.00 Uhr morgens.

http://www.eyefilm.nl

Gleichzeitig beherbergt der Bau ein kommerzielles Kino, das ein breites Publikum anspricht. „Wir zeigen Filme in der vollen Bandbreite – von Schwarzeneggers Terminator bis zu Avantgarde-Stücken aus der Stummfilmzeit,“ erklärt Leiterin Sandra den Hamer. „Aber – wir sind ein Museum und werden jeden Streifen im Zusammenhang mit der Filmgeschichte präsentieren!“ Bildung ist schließlich eine der zentralen Aufgaben von EYE.

225.000 Besucher soll das vielseitige Programm locken, drei Mal mehr als in den vergangenen Jahren im Vondelpark, wo das Museum seit 1946 untergebracht war. Zum Eröffnungsfestival Anfang April 2012 zog EYE mehr als 38.000 Besucher an, etwa 16.000 kauften eine Kinokarte (NiederlandeNet berichtete). „Endlich hat der Film das Museum, das er verdient.“ jubelte Leiterin Den Hamer, „schließlich ist Film das beliebteste Medium überhaupt!“.

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt:
Mai 2012