Entertainer aus den Niederlanden

Unterhaltungskünstler aus den Niederlanden im deutschen Fernsehen – eine Erfolgsgeschichte, die Mitte der fünfziger Jahre begann und bis heute andauert. Keine andere Nation ist im Bereich der TV-Shows so eng mit Deutschland verbunden wie das Land der Tulpen.

Wie alles begann

Lou van Burg war der erste Showmaster aus Holland, der in der Bundesrepublik Deutschland ab 1955 zum Publikumsliebling avancierte. Der singende Moderator, der bereits in Paris Erfahrungen als Conférencier gesammelt hatte, entsprach dem damaligen Trend zur Weltoffenheit auf bundesdeutschen Mattscheiben. Den größten Fernseherfolg feierte van Burg im ZDF mit der Show „Der goldene Schuss“, die er von 1964 bis 1967 moderierte. Dank einer technischen Neuerung bot „Der goldene Schuss“ etwas, was bis dato in dieser Form nicht möglich gewesen war: Zuschauer konnten von zu Hause aus mitspielen, indem sie über Telefon eine mit der Kamera gekoppelte Armbrust steuerten. Der väterliche Moderator machte seine Sendung zum Erlebnis für die ganze Familie und gehörte sogar gewissermaßen dazu. Bester Beleg: sein freundschaftlich-vertraulicher Beinamen „Onkel Lou“.

Nach 24 Folgen musste van Burg wegen „privater Verfehlungen“ die Sendung abtreten. Obwohl er in den Folgejahren immer wieder mit eigenen Sendungen, zum Beispiel 1983 mit „Spiel mit Onkel Lou“, im deutschen Fernsehen auftrat, konnte er nie wieder an seine früheren Erfolge anknüpfen. Sein 50-jähriges Bühnenjubiläum im Jahr 1985 blieb in der Öffentlichkeit unbeachtet. 1967, als van Burg seinen Beliebtheitseinbruch hatte, feierte ein anderer Holländer, von dem bis heute nur wenige wissen, dass er gebürtiger Niederländer ist, sein 45-jähriges Bühnenjubiläum: Johannes Heesters. Seine Karriere ist auch insofern einmalig, als sie über Jahrzehnte hinweg anhält. Seine populärste Rolle, Graf Danilo aus der Lehár-Operette „Die lustige Witwe“, spielte er über 1600 Mal.

Der gebürtige Amersfoorter debütierte, gerade 19 Jahre alt, am Königlich-Niederländischen Schauspielhaus in Amsterdam. Es folgten Filmrollen und der Wechsel als Tenor ins Operettenfach. Während der NS-Zeit spielte er in sogenannten Ablenkungsfilmen der UFA mit, was ihm seine niederländischen Landsleute zum Teil bis heute übelnehmen. Nach dem Krieg folgten Operettenfilme, unter anderem mit Marika Rökk, später Auftritte in Shows wie „Musik ist Trumpf“. „Für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“ erhielt er 1975 das Filmband in Gold. Im Wesentlichen unterscheiden zwei Dinge Heesters von den anderen "Unterhaltungskünstlern aus Holland". Zum einen gibt es keinen offensichtlichen Bezug zu seinem Geburtsland. Während seine Kollegen über ihren Akzent Assoziationen schaffen, legt Heesters "typisch Niederländisches" ab, und zwar so konsequent, dass er seinen Wohnsitz außerhalb der Niederlande hat und zwischen zwei Auftritten in Holland durchaus dreißig Jahre liegen können. Zum anderen war er von jeher Darsteller und kein Moderator. Heesters errang seinen Ruhm ausschließlich als Sänger und Schauspieler.

Der größte Exportschlager

Mit einem ähnlichem Erfolgsrezept wie Lou van Burg trat einer der inzwischen populärsten Unterhaltungskünstler aus dem kleinen Nachbarland an: Rudi Carrell. Sein Einfallsreichtum und die Betonung des Familiären ließen ihn zum bedeutendsten Export-Star werden. Carrell war bereits ein Fernsehstar in seiner Heimat, als er Mitte der sechziger Jahre zur ARD kam. Fröhlich und unbekümmert, schlagfertig und witzig, so sahen die Deutschen den neuen Showmaster. Er verkörperte den netten jungen Mann von nebenan, sympathisch und charmant. Carrell, der das Gefühl hatte, in Holland seine beruflichen Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, machte seine Zusage für „Die Rudi-Carrell-Show“ (1965 bis 1973), nachdem er Bremen besichtigt hatte. Er war davon überzeugt, dass eine kleine Show nur in einer verhältnismäßig kleinen Stadt wie Bremen, die er später als die wichtigste Stadt seiner Laufbahn bezeichnete, produziert werden konnte.

Wie Lou van Burg tourte Rudi Carrell, obwohl bereits ein bekanntes Gesicht im deutschen Fernsehen, durchs Land, trat in zahlreichen Städten mit Bühnenprogrammen auf und moderierte Veranstaltungen. Das bot nicht nur die Möglichkeit, mit dem Publikum in Kontakt zu treten und Anregungen zu sammeln, sondern war eine sehr einträgliche, zusätzliche Einnahmequelle. Waren in dieser Zeit die Shows pompös und glamourös, so wählte Carrell einen anderen Weg. Er erhob den Alltag zum Ereignis, stellte Heimisches und Vertrautes in einem neuen Kontext dar und zeigte seinem Publikum, worüber oder über wen in anderen Ländern gelacht wurde. Viele Künstler feierten bei Carrell ihr Fernsehdebüt, andere wurden in den Carrell-Shows entdeckt. Dazu gehörten der niederländische Kinderstar Heintje sowie eine seiner Assistentinnen aus „Am laufenden Band“ (1974 bis 1979), die sich später mit eigenen Sendungen in die Riege der holländischen Unterhaltungsstars einreihte: Marijke Amado.

Die nächste Generation

Die gebürtige Tilburgerin Marijke Amado bekam 1980 ihre erste Chance als Moderatorin. Zusammen mit Jürgen von der Lippe und Frank Laufenberg präsentierte sie den „WWF-Club“ vom Westdeutschen Rundfunk. Populär wurde sie 1992 mit der „Mini Playback Show“, einer Show, die Kinder in den Mittelpunkt stellte und in erster Linie ein erwachsenes Publikum ansprach. Trotz erhitzter Diskussionen in der Öffentlichkeit, ob Kinder, wie Stars herausgeputzt und diese imitierend, so im Fernsehen auftreten sollten, stellte Amado die kleinen Imitatoren sechs Jahre lang vor, bis RTL sie durch eine jüngere Moderatorin ersetzte und sie sich mit dem Sender überwarf.

Das Privatfernsehen und seine Folgen

Die Geschichte der niederländischen Entertainer in Deutschland wurde und wird entscheidend beeinflusst von der Entwicklung der Medienlandschaft. Ein Wendepunkt waren das Aufkommen des Privatfernsehens 1984 und die damit verbundene stetige Zunahme des Programmangebots. Produzierten früher die Fernsehanstalten ihre Sendungen noch selber, so ging nun der Trend immer mehr dahin, die Produktion Dritten zu übertragen. Zudem zeichnete sich ab, dass ein Imagegewinn für den Sender am ehesten mit eigenen Stars zu erreichen war. In der Folge wurden einerseits eigene Ideen entwickelt, andererseits erfolgreiche Produktionen aus dem Ausland eingekauft und für den deutschen Markt umgesetzt. Ein Produzent, dem sich aufgrund der Globalisierung des Showgeschäfts ganz neue Möglichkeiten in Deutschland boten, war der Niederländer John de Mol.

Der 45-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der ENDEMOL Entertainment Holding N.V., die seit Oktober 1996 an der Amsterdamer Börse notiert ist. ENDEMOL – im Januar 1994 als Zusammenschluss der niederländischen Entertainment-Produktionsunternehmen John de Mol Produkties B.V. und Joop van den Ende Productions B.V. gegründet – ist inzwischen eine der führenden TV-Produktions- und Vertriebsgesellschaften in Europa. Ob TV-Film, Serie („Stadtklinik“), Show („Wer wird Millionär?“) oder Reality-TV („Notruf“), ENDEMOL-Produkte sind auf vielen Kanälen Europas zu finden. Allein im Geschäftsjahr 1998/99 produzierte die Holding 10.300 Programmstunden, was rund 14 Monaten TV rund um die Uhr entspricht. Außerdem tragen die Sendungen immer wieder zu lebhaften Mediendiskussionen bei, zum Beispiel „Big Brother“. Als RTL II täglich die in Deutschland neuartige Sendung ausstrahlte, in der junge Menschen abgeschirmt von der Außenwelt in einem Wohn-Container beobachtet wurden, entbrannte ein heftiger Streit über das sogenannte Voyeurismus-Fernsehen, der Kreise bis in die Politik zog.

Die Stars der Privaten

John de Mol bescherte den Deutschen nicht nur neue Formen der Unterhaltung, sondern exportierte zusammen mit seiner „Traumhochzeit“ 1992 auch die Moderatorin, seine Schwester. Wie ihre männlichen Kollegen setzte Linda de Mol auf das Familiäre, knüpfte mit ihrer frischen und natürlichen Art an das Image als „Frohnatur aus Holland“ an. Der Titel ihrer Show sagt bereits aus, worum sich alles in der Sendung dreht – familiärer geht’s nicht. Anfang der neunziger Jahre kann RTL durchaus als Treffpunkt und Weichensteller für niederländische Unterhaltungskünstler gesehen werden. Marijke Amado und Linda de Mol erlangten mit ihren Shows bundesweite Bekanntheit, Harry Wijnvoord gelang das Gleiche mit seinem Spiel „Der Preis ist heiß“, das von 1989 bis 1997 an jedem Werktag vormittags ausgestrahlt wurde. Wie schon in Lou van Burg sahen die Zuschauer in ihm das fröhliche, gönnerhafte Schwergewicht.

Nur Rudi Carrell erfuhr durch den Wechsel zu RTL einen Karriereknick. Bei der ARD hatte er durch Sendungen wie „Am laufenden Band“ (Start 1974), „Rudis Tagesshow“ (1981) oder „Die verflixte 7“ (1984) kontinuierlich an Popularität gewonnen. Mit der Überraschungsshow „Die Rudi Carrell Show“ (1988) gelangte er in den Ruf, einer der besten Showmaster Deutschlands zu sein. Bei RTL verblasste sein Stern mit „Die Post geht ab“ (1993) zusehends. Erst mit dem satirischen Wochenrückblick „7 Tage – 7 Köpfe“ (1995) konnte er den Imageverlust wieder abfangen. Trotz aller Unterschiede haben die Spaßmacher aus dem Nachbarland etwas gemeinsam, das ihren Erfolg erklären könnte: die unkomplizierte Fröhlichkeit und Gemütlichkeit, die sie in ihren Sendungen vermitteln. Ihren niederländischen Akzent assoziieren die Zuschauer seit fast einem halben Jahrhundert mit familiärer Atmosphäre und neuen Ideen in Sachen Unterhaltung.

Autorin: Susanne Schult
Erstellt: Februar 2004