VII. Design 2.0, 2000-2001: Das neue Handwerk und die Rückkehr des Modernismus?

Wie aus der Schließung des Vormgevingsinstituut deutlich wird, war um die Jahrtausendwende viel Verwirrung und Unsicherheit in der niederländischen Designergemeinschaft entstanden. Trotzdem wird und wurde von Dutch Design gesprochen, als ob niederländische Designer unter einen gemeinsamen Nenner gebracht werden könnten.

Konzeptionalität, Eigensinn und Ironie sind oft genannte Charakteristika des Dutch Design, aber der Begriff wird auch verwendet, als ob von einer Kunstbewegung mit Stilmerkmalen wie Klarheit, Geometrie und Abstraktion die Rede sei. Diese Einordnung ist nicht verwunderlich, weil die Formsprache des konzeptionellen Designs oft auf den Modernismus verwies. Aber auch Ornamente wurden von den Designern nicht gescheut. Dies ist zum Beispiel am Laser Chair von Ineke Hans aus dem Jahr 2002 oder am Minute Service von Jurgen Bey aus dem Jahr 2003 deutlich zu erkennen.

Wie auch immer, die Form, die die Objekte annehmen, ist für den konzeptionellen Designer ein Mittel, um eine Botschaft zu vermitteln oder um die Welt, die uns umgibt, zu reflektieren.[1] In diesem Zusammenhang bemerken viele Autoren, dass die Mentalität, die das niederländische Design ausdrückt, wichtiger sei als die eigentlichen Produkte.[2] In den letzten Jahren entwickelte sich jedoch eine immer fruchtbarere Zusammenarbeit zwischen bekannten Designern und großen Unternehmen. Beispiele hierfür sind die Entwürfe, die Hella Jongerius für Vasen und Tapeten für den Möbelgiganten IKEA fertigte, aber auch der Stuhl und der Tisch, die Ineke Hans kürzlich noch für den Büromöbelhersteller Ahrend entwarf.

Dass die niederländische Designmentalität auch eine sehr praktische und anwendbare Seite hat, wurde in der Ausstellung The Foreign Affairs of Dutch Design, demonstriert, die mit finanzieller Unterstützung des Wirtschaftsministeriums zwischen 2004 und 2006 um die Welt reiste und aus einer Zusammenarbeit von Premsela und der Beroepsorganisatie Nederlandse Ontwerpers (dt. Berufsverband Niederländische Designer, BNO) resultierte. Sie wollten mit dieser Ausstellung zeigen, dass niederländisches Design neben einem kulturellen Wert auch eine ökonomische Bedeutung besitzt. An Stelle der konzeptionellen Museumsstücke von Droog waren hier Entwürfe zu sehen, die für ein breites Publikum bestimmt waren, wie die Beschilderung für die New Yorker U-Bahn von Paul Mijksenaar, der Bugaboo Kinderwagen von Max Barenburg und Eduard Zanen und die Senseo Kaffeemaschine für Philips von Waac’s Design. Bekannte Droog-Designer wie Hella Jongerius, Marcel Wanders und Jurgen Bey waren mit Konsumprodukten zu sehen, die sie im Auftrag großer Hersteller wie Vitra, Philips und Puma entwarfen.

Ein vergleichbarer Querschnitt niederländischen Designs war 2008 in der Ausstellung Limited/Unlimited im Museum Boijmans Van Beuningen zu sehen. Diese Ausstellung wurde von der Konservatorin Mienke Simon Thomas anlässlich der Veröffentlichung ihres Buchs Goed in Vorm (dt. Gut in Form) organisiert, das eine Übersicht über 100 Jahre niederländischer Designgeschichte gibt. Simon Thomas plädiert für eine Sicht auf niederländisches Design, die auch den Produkten ausreichend Aufmerksamkeit widmet, deren Designer vielleicht nicht so bekannt sind, die jedoch durch Benutzerfreundlichkeit, breite Anwendbarkeit, durch kommerziellen Erfolg oder sogar nur durch ihre Schönheit hervorstechen. Als Beispiele hierfür waren in ihrem Buch und in der Ausstellung Produkte wie die praktische Gießkanne für IKEA von Monika Mulder, der weltweit verwendete Maxi Cosi von Huibert Groenendijk und die neueste, von Well Design entworfene Schneidemaschine von Van Berkel zu sehen.

Ausstellungen wie diese sind jedoch Ausnahmen bei der großen Zahl der Designpräsentationen, die in den vergangenen zehn Jahren in niederländischen Museen organisiert wurden. Die alte Präferenz für in Handarbeit hergestellte oder einmalige Schmuck- und Gebrauchsgegenstände scheint hartnäckig zu sein. Das traditionelle und beinahe ausgestorbene Handwerk scheint in den letzten Jahren sogar durch Designer, die die Zusammenarbeit mit Handwerkern im In- und Ausland suchen, wieder ganz zurückgekehrt zu sein. Aus dieser Zusammenarbeit entstehen Entwürfe, die das Handwerk mit neuen Formen oder Techniken oder mit neuen Ideen verknüpft. Konzeptentwicklung und Experiment spielen auch hier wieder eine wichtige Rolle.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Clay Service vom Atelier NL, eine Koproduktion der Designer Lonny van Rijkswijk und Nadine Sterk. Das Service für das Keramikunternehmen Tichelaar aus Makkum ist aus Bodenproben hervorgegangen, die an sechs verschiedenen Orten in den Niederlanden gesammelt wurden. Die wechselnden Farbtöne der Teller, Tassen und Schüsseln sind eine direkte Folge der Zusammenstellung des verwendeten Tons. Scholten & Baijings entwarfen eine Geschirrserie, die an die Handwerkstechnik des Weidenflechtens angelehnt war: fijn scheenwerk (dt. feines Flechtwerk). Bei den Serviettenringen und Schüsseln werden die geflochtenen Weidenzweige mit grellen Farben kombiniert. In der Serie der Wasserkrüge sieht man nur noch die Textur der Form aus Weidengeflecht, die als Abdruck im Glas zurückblieb.

Bereits in einigen frühen Entwürfen von Droog spielte dieser Streifzug durch das traditionelle Handwerk ebenfalls eine Rolle, zum Beispiel bei der Entwicklung des Knotted Chair von Marcel Wanders, der aus dem Droog-Projekt Dry Tech entstand. Der Stuhl ist nach der altmodischen Macramee-Technik aus Seil geknüpft. Um die nötige Festigkeit zu erzielen, wird der Stuhl in Epoxidharz gegossen, wodurch das „Netz“ die feste Form eines Stuhls annimmt. Genau dieses Hand-in-Hand-Gehen des alten Handwerks mit modernen Techniken war, was Wanders auf seinen Entwurf brachte. So verkörpert der Stuhl die Kombination von Handwerk und Technik.

Die Clay Furniture von Maarten Baas von 2006 kam auf vergleichbare Weise zustande. Baas baut die Möbel, indem er synthetischem Ton auf ein Metallgerüst klebt. Wenn der Ton trocknet, entstehen bizarr geformte, aber solide Möbel. Die grellen Farben der Stühle, Tische und Ventilatoren verstärken das widersprüchliche Zusammengehen von weich und hart, organisch und eckig, künstlich und natürlich, Handwerk und Technik.

Bei allen genannten Themen formen das Material und die Technik den Ausgangspunkt. Aber langsam scheint auch der Funktionalismus ein vorsichtiges Comeback zu wagen. 2009 gewann Joost Grootens den Rotterdamer Designpreis für vier Atlanten, die er bis dahin entworfen hatte. Dazu gehörte unter anderem der Vinex Atlas von 2008, worin das Wachstum von Vinex-Vierteln in den Niederlanden sehr sorgfältig dokumentiert wird. Auf der Grundlage von Daten zu 55 Vinex-Orten, die in Diagrammen, Zahlenreihen, Piktogrammen, Karten und Fotos präsentiert werden, gibt der Atlas eine Übersicht über dieses riesige niederländische Wohnungsbauprojekt. Grootens weiß in all seinen Buchentwürfen auf wissenschaftliche Art und Weise große Daten- und Informationsmengen in eine visuelle Form zu gießen. Seine Methode ist systematisch und seine formalen Lösungen unterstützen den Inhalt. Sein Ansatz der Buchgestaltung schließt an die funktionalistische Auffassung von Wim Crouwel an: grafisches Gestalten ist das Ordnen von Information.[3]

Es scheint als ob man nun drauf und dran ist, den Funktionalismus wieder schätzen zu lernen. Diese Tendenz wurde mit der großen Bauhaus-Retrospektive eingeläutet, die 2009 in Berlin stattfand. In den Niederlanden fand diese Initiative mit einer Serie monographischer Ausstellungen über Piet Zwart, Laszlo Moholy-Nagy und Georges Vantongerloo im Haager Gemeentemuseum bescheidene Nachahmung. Vielleicht am aussagekräftigsten ist die kürzlich wiedererwachte Aufmerksamkeit, die dem vielseitigen Oevre von Wim Crouwel gewidmet wird. Anfang 2011 eröffnete im Londoner Design Museum die umfangreichste Übersichtsausstellung Wim Crouwel: A Graphic Odyssee, die danach am 13. August im Stedelijk Museum Amsterdam wiedereröffnet wurde. Die Zeit für eine neue, breitere Auffassung von Dutch Design scheint nun angebrochen zu sein.


[1] Vgl. Fuhring, P./Eggink, R.: Binnenhuisarchitectuur in Nederland: 1900-1981, Den Haag 1981, S. 87.
[2] Vgl. Huygen, F.: Tussen ambacht en industrie. Ontwerpen op eigen initiatief’, in: Items Nr. 14 (1984).
[3] Vgl. Staal, G.: Going Dutch: the Eindhoven Connection, in: Schouwenburg, L./Staal, G.: House of Concepts. Design Academy Eindhoven, Amsterdam 2008, S. 230.

Autorin: Roosmarijn Hompe
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012