VI. Wiedervereinigung Deutschlands und die „Krise“ in den Beziehungen 1992/1993

Waren die antideutschen Vorfälle 1988 und während der Fußball-WM 1990, als die Niederlande wieder auf Deutschland trafen und der berüchtigte Spuckvorfall zwischen den Nationalspielern Frank Rijkaard und Rudi Völler stattfand, noch als „Vorfälle“ einzustufen gewesen, geriet die niederländische Bildformung über Deutschland und die Deutschen in den frühen 1990er Jahren ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Eine Reihe von Ereignissen gab Anlass zu besorgten Reflexionen über den Stand der niederländisch-deutschen Beziehungen. Darüber wurde im weiteren Verlauf so viel diskutiert und geschrieben, dass schon bald von einer Krise gesprochen wurde – auch wenn diese Beobachtung manchen Kommentatoren zu weit ging und sich die meisten Politiker in den Niederlanden und Deutschland davon distanzierten. Zweifellos war ihnen, die sich für die Beziehungen zum Nachbarland verantwortlich fühlten, nur allzu bewusst, dass der, der von einer Krise spricht, leicht dazu beitragen kann, dass es auch tatsächlich zu einer Krise kommt oder diese bestehen bleibt.

Dass die niederländische Bildformung über Deutschland Probleme aufwarf, war überraschender, als es möglicherweise im ersten Moment scheint. Anders als oft gedacht wird, war die unerwartete Wiedervereinigung Deutschlands 1989 bis 1990 Meinungsumfragen zufolge von einer großen Mehrheit von Niederländern mit Zustimmung begrüßt worden. Als man beispielsweise Ende November 1989 eine Reihe von Niederländern fragte, ob sie das Ziel von Kohls Zehn-Punkte-Plan zur schrittweisen Vereinigung von Ost- und Westdeutschland unterschreiben würden, äußerten 54 Prozent ihre Unterstützung, während lediglich 27 Prozent dagegen waren und 19 Prozent keine Meinung hatten. Auch die verschiedenen Umfragen, die im Laufe des Jahres 1990 vor dem Hintergrund des tatsächlichen Einigungsprozesses durchgeführt wurden, kamen stets zu dem Ergebnis, dass zwischen 50 und 70 Prozent der Niederländer die Einigung unterstützten. Die Gegner machten nie mehr als ein Viertel und manchmal nicht einmal ein Zehntel der Befragten aus. Die niederländische Unterstützung für die deutsche Wiedervereinigung blieb auch nicht hinter der Unterstützung in vergleichbaren Ländern innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zurück. Höchstens in den ersten zwei Monaten des Jahres 1990 war noch etwas stärker als andernorts ein vorübergehender Rückfall beim Prozentsatz der Befürworter zu registrieren. Während der Einigungsprozess in diesem Zeitraum stark an Geschwindigkeit zunahm, wuchs auch das Unbehagen bei den Nachbarn. Sie verlangten mehr Klarheit über die Oder-Neiße-Grenze, als sie CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl zu diesem Zeitpunkt bereits geben wollte, und erlebten die westdeutsche Dominanz im Umgang mit der DDR mit einigem Unbehagen.[1]

Unter den europäischen Führern war es neben der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gerade der niederländische Premier Ruud Lubbers (CDA), der sich zum Sprachrohr dieses Unbehagens machte. Vor allem auf europäischen Spitzentreffen und gelegentlich auch in der Öffentlichkeit äußerte er seine Bedenken gegen das Zustandekommen eines deutschen Nationalstaats und die damit einhergehenden Grenz- und Machtverschiebungen. Sein Kollege Kohl war darüber äußerst verärgert, und nicht zuletzt dadurch entstand in Deutschland der Eindruck, dass gerade die Niederlande ein Problem damit hätten, „Abschied“ von der deutschen Teilung zu nehmen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Anfang Oktober 1990 schrieb.[2]

In Wirklichkeit war die niederländische Haltung Deutschland gegenüber sehr viel komplexer, als die FAZ mit einem einfachen Rückgriff auf das Klischee der antideutschen Niederlande Glauben machen wollte. Aus den Protokollen der Kabinettssitzungen im November 1989 geht zwar hervor, dass der Fall der Berliner Mauer die Minister weniger zu Freude und mehr zu Besorgtheit veranlasste – machten sie sich doch Sorgen über die künftige Sicherheitsstruktur eines Europas in der die Gewissheiten des Kalten Kriegs allesamt wegzufallen schienen. Es wird aber auch klar, dass das Kabinett, das erst gerade von der damaligen Königin Beatrix installiert worden war, einfach noch zu frisch im Amt und zu viel mit sich selbst beschäftigt war.[3] Die niederländische Regierung – in Person des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten Hans van den Broek (CDA) – unterstützte die deutsche Wiedervereinigungspolitik allerdings in vollem Umfang, solange das neue Deutschland nur in der NATO verankert blieb und weiterhin Teil der sich vertiefenden Europäischen Gemeinschaft ausmachte. Die Niederlande gingen also nicht auf Distanz zu dem bereits unter anderem im Deutschlandvertrag 1952 gemachten und später von den westlichen Ländern regelmäßig wiederholten Versprechen der Unterstützung einer deutschen Wiedervereinigung und passten sich der Linie an, die der US-amerikanische Präsident George H.W. Bush eingeschlagen hatte.

Das war, mehr als die unklugen Auslassungen Lubbers, die offizielle Haager Politik, und sie entsprach auch der öffentlichen Meinung über Deutschland und die deutsche Einheit. Natürlich spielten im Hintergrund die deutschen Bestrebungen aus der Vergangenheit nach europäischer Hegemonie in der Wahrnehmung des Nachbarlands durchaus mit eine Rolle, und vereinzelte Male holten Publizisten auch das Schreckgespenst eines „Vierten Reichs“ vom Dachboden. Das Vertrauen in den deutschen Partner und die demokratische Ordnung der Bundesrepublik war jedoch groß. Hinter den Äußerungen des Unbehagens über die Einheit Deutschlands verbarg sich denn auch viel eher Unsicherheit über die zukünftige staatliche Ordnung in Europa, nun, da die vertraute Nachkriegsordnung zu verschwinden schien.

Gerade wegen dieser Unsicherheit strebte van den Broek auch an, bei den Verhandlungen über die deutsche Einheit mit am Tisch zu sitzen, was von der Bundesregierung als Beweis für die niederländische Ablehnung der Wiedervereinigung Deutschlands gewertet wurde – ohne dass davon die Rede war. Van den Broek wollte, womöglich aus einer Selbstüberschätzung der niederländischen Seite heraus, über den fundamentalen Eingriff in die europäische Staatenordnung, die auch die Zukunft seines Landes berühren würde, mitreden. Bundeskanzler Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) fürchteten jedoch, den Einigungsprozess noch komplizierter zu machen, als er ohnehin schon war, und es irritierte sie, dass die niederländischen Bündnispartner dies nicht sofort verstanden.

Die niederländische Unsicherheit über die Zukunft Europas bildete in den ersten Jahren nach der deutschen Einheit wahrscheinlich auch die Basis für eine wachsende Ambivalenz in der Haltung Deutschland gegenüber. Das deutsche Suchen nach einem neuen außenpolitischen Kurs, vor allem während der Kuwait-Krise bzw. des Krieges gegen den Irak 1990 bis 1991 sowie der Krise und des Bürgerkriegs in Jugoslawien ab 1991, aber auch die Schwierigkeiten bei der Integration Ost- und Westdeutschlands und die Gewalt gegen Einwanderer säten einige Zweifel am deutschen Partner – zu einem Zeitpunkt, an dem die Niederlande selbst in einem neuen internationalen Kräftefeld nach Richtung und Halt suchten. An sich scheint das Bild Deutschlands auch in diesem Moment positiv geblieben zu sein. So ergab eine Eurobarometer-Befragung vom März/April 1993, nach der 58 Prozent der Niederländer ziemlich großes und 16 Prozent sogar großes Vertrauen in das Nachbarland hatten. Auf die Frage, ob das vereinte Deutschland eine Gefahr für den Frieden in Europa bedeuten könne, antworteten ebenfalls 58 Prozent verneinend – fast doppelt so viele wie die 31 Prozent, die dies durchaus für vorstellbar hielten. Im Vergleich zu einer Reihe europäischer Länder war diese letzte Gruppe nicht besonders groß. In Großbritannien war sogar eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Meinung, dass Deutschland den europäischen Frieden bedrohen könne.[4]

Dennoch gab es in den frühen 1990er Jahren auch Momente, in denen Niederländer sich von Deutschland überflügelt fühlten. Das war beispielsweise bei der Übernahme des Unternehmens Fokker durch die DASA im Herbst 1992 der Fall. Diese Übernahme wurde von einer ausgiebigen öffentlichen Diskussion über das niederländische Deutschlandbild und die von manchen Beobachtern festgestellte antideutsche Einstellung vieler Niederländer begleitet. Angesichts der Ergebnisse etwa des Eurobarometers liegt es jedoch nicht auf der Hand, zu glauben, dass derartige Ressentiments hier tatsächlich den Ausschlag gaben. Es war eher so, dass Ereignisse wie die Fokker-Übernahme die Gefühle der Unsicherheit über die Stellung des kleinen Landes in einer unübersichtlicher gewordenen Weltordnung weiter verstärkten.

Es war in diesem ein wenig gärenden öffentlichen Klima rund um die deutsch-niederländischen Beziehungen, dass das Institut Clingendael im März 1993 die Ergebnisse einer Umfrage über das Bild Deutschlands und der Deutschen bei niederländischen Jugendlichen bekanntgab. Aus der Umfrage ergab sich, dass 56 Prozent von ihnen sehr negativ über das Nachbarland und seine Einwohner dachten. Viel stärker als andere Europäer waren Deutsche in den Augen dieser niederländischen Jugendlichen „arrogant“, „dominierend“ und „stolz auf ihr Land“. Mehr als andere Länder war Deutschland vielen dieser niederländischen Jugendlichen zufolge „kriegslüstern“ und wolle „die Welt beherrschen“. Zugleich zeigte sich, dass es einen bestürzenden Mangel an Wissen über das Nachbarland gab.[5] Die niederländischen und die deutschen Medien berichteten ausführlich über die Meinungsumfrage, und es wurde nach Herzenslust über die Ergebnisse und die Methodik debattiert.

Die Wirkung der Studie wurde wahrscheinlich noch verstärkt, da kurze Zeit später erneut niederländische Jugendliche ihre Unzufriedenheit mit Deutschland äußerten. Dieses Mal ging es um eine von einigen Rundfunkredakteuren im Jugendradio Breakfast Club initiierte Protestaktion gegen den tödlichen Brandanschlag Ende Mai 1993 auf ein von Türken bewohntes Haus in Solingen. 1,2 Millionen Zuhörer, unter denen sich wahrscheinlich viele Jugendliche befanden, schenkten dem Aufruf Gehör und schickten dem Sender eine vorgedruckte Postkarte mit dem Text „Ik ben woedend“ (dt. „Ich bin wütend“), die man anschließend dem Bundeskanzleramt in Bonn übergab.

Diese Aktion weckte in Deutschland nicht nur Irritationen, sondern bestätigte auch das Bild der antideutschen Niederlande. Das war sicherlich übertrieben. Bei der Postkartenaktion ging es eher darum, Zeugnis nach innen abzulegen („bei uns wird dies nicht geschehen!“) und recht gern auch nach außen („Deutsche, seid endlich genauso wachsam wie wir!“). Nicht zuletzt in diesem konstruierten Kontrast zu den östlichen Nachbarn lag die Anziehungskraft dieses doppelten Zeugnisses: 1,2 Millionen Niederländer zeigten in ihrer „Wut“ nicht nur, dass sie „gut“ waren, sondern auch „besser“ als die Deutschen. Hinzu kam die gut geölte Organisation der Postkartenaktion selbst und die – auch unabhängig von Deutschland – bestehende niederländische Neigung, sich dem Ausland gegenüber schulmeisterlich zu verhalten. Durch die massenhafte Verbreitung der Karten in Schulen und an den Kassen vieler Geschäfte kostete es nicht mehr als eine Briefmarke, um sich für die gute „antifaschistische“ Sache einzusetzen. Wie schon öfter im niederländisch-deutschen politisch-psychologischen Verhältnis wurde Deutschland und den Deutschen eine Lektion erteilt, um gleichzeitig den Unterschied zwischen „uns“ und „ihnen“ zu akzentuieren. Dies ist nicht dasselbe wie eine antideutsche Haltung, sondern es entspricht einer Kombination von Sendungsdrang und dem Bedürfnis, die eigene Identität gerade auch in der Abgrenzung von dem großen deutschen Nachbarn sichtbar zu machen. Nicht unerwähnt darf übrigens bleiben, dass viele Niederländer von der moralischen Arroganz der „Ik ben woedend“-Aktion peinlich berührt waren.

1994 folgte die Pleite der Kandidatur Ruud Lubbers’ für den Vorsitz der Europäischen Kommission. Was die Reaktionen auf die Fokker-Übernahme auf ökonomischem Gebiet illustriert hätten, zeigte sich nach Kohls (und Mitterrands) Blockade der Wahl Lubbers’ auch in der Politik: die Angst vor deutscher Vorherrschaft und einem weiteren Rückgang des niederländischen Status und Einflusses. Kündigte das „Kippe setzen“ bei Lubbers, wie de Volkskrant Kohls Verhalten umschrieb, deutsche (und deutsch-französische) Diktate in der Europäischen Union an?[6] Welcher Spielraum wurde da für die kleinen Mitgliedsländer übrig bleiben? Finanzminister und Vizeministerpräsident Wim Kok meinte im Sommer 1994, dass die bilaterale Beziehung sich „verschärft“ habe und sprach von einem „alten Übel“, das aufgebrochen sei. Außenminister Peter Kooijmans hielt „Reparaturen“ für nötig, um die Beziehung zwischen Den Haag und Bonn wieder in die Reihe zu bekommen.[7] Obwohl auch in den niederländischen Kommentaren die Kampagne Lubbers’ für den höchsten europäischen Posten kritisiert worden war, dominierten die entrüsteten Reaktionen, nach denen der deutsche Bundeskanzler den Niederlanden ihr „Recht“ auf den Vorsitz genommen hatte. Dass auch der französische Präsident Mitterrand für Lubbers’ Kandidatur wenig übrig gehabt hatte, blieb bemerkenswert unberücksichtigt. Der niederländische Ärger richtete sich hauptsächlich gegen Helmut Kohl und die Bundesrepublik: Die deutsche Nähe und die niederländischen Gefühle der Ohnmacht und Abhängigkeit von dem großen Nachbarn stellten die Achillesferse der bilateralen Beziehung dar.

„Clingendael“ und „Ik ben woedend“ gingen an Deutschland nicht unbemerkt vorüber. Im Laufe des Jahres 1993 begannen deutsche Medien das besorgniserregende Deutschlandbild der Niederlande und die Beziehungen zum „Nachbarn im Westen“ regelmäßiger zu reflektieren. Manchmal tendierte die Stimmung in Deutschland zu dem Verlangen, sich bei „den Niederländern“ zu „revanchieren“. Der Höhe- oder besser Tiefpunkt dessen war der etwas boshafte, jedoch punktuell auch vergnügliche Artikel „Frau Antje in den Wechseljahren“ im Spiegel vom 28. Februar 1994. In ihm nahm der Journalist Erich Wiedemann die „Identitätskrise und das Ende der Toleranz in den Niederlanden“ unter die Lupe und kam zu dem Schluss, dass „Holland in Not“ sei.[8] Eine Karikatur, die eine kiffende, verluderte „Frau Antje“ vor einem Hintergrund aus umweltverschmutzenden und energieverschlingenden Gewächshäusern zeigte, machte die Verurteilung des kleinen Nachbarlands komplett. Hier wurden mit dem nationalen Käse-Meisje die Niederlande insgesamt von ihrem Sockel gestoßen. Die Symbolik verstand man sogar in den Niederlanden, auch wenn die Werbefigur „Frau Antje“ dort weniger ein Begriff ist als in Deutschland.[9]

Auch der „Moffenhaat“, der Hass auf die Deutschen, wie Weidemann die negative Bildformung charakterisierte, stellte ihm zufolge einen schwarzen Fleck auf der niederländischen Weste dar. Niederländische Stereotype über die Deutschen ähnelten ihm zufolge erschreckend stark dem, wie die Serben und Kroaten übereinander dachten – ein harter Vergleich, sicher im Jahr 1994 und vor dem Hintergrund der Kriegsverbrechen, die sich im damaligen Jugoslawien abspielten. Zustimmend zitierte Weidemann dazu den niederländischen Historiker Hermann von der Dunk, der die niederländischen Vorurteile gegenüber den Deutschen als genauso irrational bezeichnete wie den Antisemitismus – so, wie manche Menschen Juden hassten, ohne sie zu kennen, seien es jetzt Niederländer, die eine Abneigung gegen die ihnen unbekannten Deutschen hätten. Die Niederlande kenne man als ein Land, in dem Richter hart gegen Rassisten vorgingen, stellte Weidemann fest, doch wann unternehme die niederländische Justiz etwas gegen Deutschlandhasser?

Der Artikel war natürlich stark überzogen, und allein die störenden Fehler in niederländischen Wendungen machten bereits deutlich, dass sich der Autor mehr auf die Rhetorik als auf den Inhalt konzentriert hatte. Dennoch hatte der Artikel auch eine nützliche Funktion: Er machte auf die Gefahr aufmerksam, dass die eigentlichen Beziehungen zu Deutschland, auch die für die Niederlande so vitalen Handelskontakte, durch die negative Bildformung wirklichen Schaden nehmen könnten. Kurzum, er lud zur Formulierung einer neuen Deutschlandpolitik ein. Die Politik wurde zum Handeln herausgefordert.

Bevor auf die politischen Folgen der Aufregung um die Clingendael-Studie noch ausführlicher eingegangen wird, soll noch erwähnt werden, dass „Clingendael“ zu einer gewissen „Konjunktur“ an Meinungsumfragen über das niederländische Deutschlandbild führte, eine Entwicklung, die sich bis weit nach dem Jahr 2000 fortsetzte. Häufig standen niederländische Jugendliche darin im Mittelpunkt, da es äußerst besorgniserregend erschien, dass gerade unter den zukünftigen Generationen Animositäten gegenüber den Nachbarn im Osten bestanden. Wahrscheinlich fühlten sich auch ältere Niederländer für diese Entwicklung verantwortlich. Sie fragten sich, ob man dem Nachwuchs die antideutsche Haltung womöglich im familiären- und Wohnumfeld vermittelt habe. Auch schien es so, als würden die Jugendlichen über den Geschichtsunterricht in der Schule mit der negativen Einstellung imprägniert.[10]

Viele dieser späteren Untersuchungen führten zu weniger aufsehenerregenden Resultaten. Eine Studie unter Schülern aus dem Jahr 1995, an der auch Clingendael beteiligt war, kam beispielsweise zu dem Schluss, dass ein Viertel der niederländischen Jugendlichen positiv über Deutsche dachte. Anstatt der fast 60 Prozent aus dem Jahr 1993 hatte nun lediglich ein Drittel von ihnen ein negatives Deutschlandbild.[11] Eine dritte Clingendael-Studie von 1997 brachte vergleichbare Ergebnisse und enthielt daher wenig Neues, außer den für Deutsche schwachen Trost, dass das Bild von Franzosen und Belgiern nun negativer war als in den beiden ersten Studien.[12]

Zu dem letzteren Schluss war man jedoch im Dezember 1995 auch bereits in der von der überregionalen Tageszeitung de Volkskrant publizierten Untersuchung „Burengerucht“ (deutsch etwa: Ärger mit den Nachbarn) gekommen. Der Zeitung zufolge drückte sich in einer negativen Haltung Deutschlands gegenüber „ein Gefühl der Minderwertigkeit“ aus, und sie verwies in diesem Zusammenhang auf ein von den Historikern Henri Beunders und Herman Selier als „Calimero-Komplex“ bezeichnetes Phänomen. Dabei handelt es sich um einen Verweis auf das gleichnamige Zeichentrickküken, das immer sagt, dass es unfair sei, dass es selbst so klein und die anderen so groß seien. Derselbe Mechanismus würde erklären, warum die Belgier so oft glauben, dass Niederländer arrogant seien.[13]

Im Jahr 1997 lieferte eine Untersuchung des Groninger Sozialpsychologen Pieter Jan van Oudenhoven, die größtenteils zu denselben Schlussfolgerungen kam wie die vorangegangenen Umfragen, noch einige weitere Relativierungen für die Einschätzung der niederländischen Wahrnehmung des Nachbarlandes. Erstens wies van Oudenhoven darauf hin, dass konkrete Kontakte zu Deutschen, der negativen Bildformung zum Trotz, problemlos verliefen – was also implizierte, dass es hilfreich sein könnte, Begegnungen zur Verbesserung der Bildformung zu organisieren. Zweitens sah er, dass sich das Bild Deutschlands, wie es sich aktuell darstellte, allmählich von dem zu lösen begann, was man vom Deutschland der Nazizeit hatte. Sollte diese Feststellung stimmen, wäre es vorstellbar, dass das Deutschlandbild in Zukunft positiver werden würde. Schließlich zeigte es sich, dass viele Niederländer glaubten, Deutschen zu ähneln, was auch dafür sorgte, dass Deutsche in ihren Augen attraktiver wurden. Zusammenfassend kam van Oudenhoven daher zum Schluss, dass die von Clingendael 1993 und 1995 gemessene negative Einstellung gegenüber Deutschland gerade unter niederländischen Jugendlichen „nicht (mehr) korrekt“ sei.[14]

Wurden bei diesen Befragungen ausschließlich (junge) Niederländerinnen und Niederländer befragt, nahmen einzelne Forscher bewusst auch das deutsche Niederlandebild unter die Lupe – häufig im Vergleich zu einem gleichzeitig gemessenen niederländischen Deutschlandbild. So präsentierten die Hogeschool Enschede, die Westfälische Wilhelms-Universität Münster sowie die beiden Zeitungen Tubantia und Westfälische Nachrichten 1994 die Ergebnisse einer solchen Untersuchung zu den deutsch-niederländischen Beziehungen im Arbeitsgebiet der EUREGIO. Wenig überraschend war, dass die Deutschen sehr viel positiver über Niederländer dachten als umgekehrt. Die negative niederländische Einstellung wurde jedoch halbwegs durch den Befund relativiert, dass das niederländische Deutschlandbild weitgehend mit dem reichlich negativen deutschen Selbstbild übereinstimmte und sich dagegen in einigen Punkten sogar positiv abhob.[15] Eine nur auf Deutsche gerichtete Studie aus dem Jahr 1998 ergab zudem, dass das im Übrigen positive Niederlandebild deutscher Schüler stark von Klischees und einem Mangel an Wissen über die Niederlande geprägt war. Dass niederländische Jugendliche also, wie von „Clingendael“ bemerkt, reichlich unbeleckt von Kenntnissen über das Nachbarland waren, fand also sein Äquivalent in Deutschland.[16]


[1] Diese Umfragen werden besprochen in: Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner, Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000, S. 218.
[2] ebd.: S. 220-222.
[3] Verkuil, Dirk: Kabinet had geen tijd voor val van de Muur, in: nos.nl vom 7. Januar 2015, Onlineversion; Mäkelburg, Tim: Archivöffnung: Reaktionen des niederländischen Kabinetts zum Mauerfall veröffentlicht, in: NiederlandeNet vom 7. Januar 2015, Onlineversion.
[4] Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Eurobarometer, Ausgabe 39.0 aus dem März/April 1993.
[5] Jansen, Lútsen B.: Bekend en onbemind. Het beeld van Duitsland en Duitsers onder jongeren van vijftien tot negentien jaar, Den Haag 1993, Onlineversion; Übrigens erschien Deutschland in dieser Studie auch als das demokratischste und fortschrittlichste Land nach den Niederlanden. In der Berichterstattung über „Clingendael“ ging dieses Ergebnis völlig unter, obwohl es doch zur Relativierung des negativen Images hätte führen müssen. Siehe: Linthout, Dik: Niederlande. Ein Länderporträt, Berlin 2012, S. 24-30.
[6] o.A.: 'Frau Antje' moet achter de computer Het Duitse beeld blijft: tulpen, kanalen, kaas, klompen en windmolens, in: Trouw vom 29. Oktober 1994.
[7] vgl. o.A.: Relatie Den Haag met Bonn moet uit ,gevarenzone', in: de Volkskrant vom 27. Juni 1994, Onlineversion; o.A.: Relatie met Bonn laat je niet tussen je vingers weglopen, in: de Volkskrant vom 29. Juni 1994.
[8] Weidemann, Erich: Frau Antje in den Wechseljahren, in: Der Spiegel vom 28. Februar 1994, Onlineversion.
[9] „Frau Antje“ ist in Wirklichkeit ein Marketinginstrument der niederländischen Milchwirtschaft zur Förderung des Käseexports nach Deutschland. Siehe: Busse, Gerd: Typisch niederländisch. Die Niederlande von A bis Z, Münster 2012, S. 16-18; Elpers, Sophie: Frau Antje bringt Holland. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Werbefigur im Wandel, in: Reihe Bonner kleine Reihe zur Alltagskultur Bd. 8, Münster 2005.
[10] Erst später wurde dies genauer untersucht in: Beening, André: Tussen bewondering en verguizing. Duitsland in de Nederlandse schoolboeken, 1750-2000, Amsterdam 2001.
[11] Olde Ubbelink, Tanja: Attitudes van jongeren in Nederland ten aanzien van Duitsland en Duitsers, Diplomarbeit Leiden 1995.
[12] Dekker, Henk/Aspeslagh, Rob/Winkel, Bastian: Burenverdriet. Attitudes ten aanzien van lidstaten van de Europese Unie, Den Haag 1998.
[13] Brill, Paul/Sommer, Martin: Fransen hebben het in Nederland flink verbruid, in: de Volkskrant vom 23. Dezember 1995, S. 4. Ein Jahr zuvor hatte eine Untersuchung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung ebenfalls bereits ergeben, dass 79 Prozent der Niederländer in Deutschland einen zuverlässigen oder sogar sehr zuverlässigen Partner sähen. Nur die Dänen setzten ein noch größeres Vertrauen in die Deutschen (86%). Siehe dazu: o.A.: Nederlanders hebben vertrouwen in Duitsland, in: Het Financieele Dagblad vom 27. Januar 1995, S. 8. Zum Calimero-Komplex siehe: Beunders, H.J.G./Selier, H.H.: Argwaan en profijt. Nederland en West-Duitsland 1945-1981, Amsterdam 1983, S. 2.
[14] Oudenhoven, Pieter Jan van: Nederlanders over Duitsers: Enkele empirische gegevens, Groningen 1997.
[15] Blank, Thomas/Wiengarn, Rudolf: Spiegelbild einer Grenzregion — Spiegelbeeld van een grensregio, Forschungsprojekt über die deutsch-niederländischen Beziehungen im Euregiogebiet, Enschede 1994.
[16] Colmjon, Gerben/Oremus, Bart: Ajax Amsterdam, Blumen, Kühe und Rudi Carrell; Het Nederlandbeeld van Duitse scholieren, Utrecht 1996.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.
Aktualisiert: August 2015, Jacco Pekelder, vgl. sein Buch Neue Nachbarschaft. Bildformung und Beziehungen seit 1990, Münster 2013.