II. Der schwierige Anfang der späten 1940er und der 1950er Jahre

Auf den ersten Blick kann man die deutsch-niederländische Beziehung in politisch-psychologischer Hinsicht bis Ende der fünfziger Jahre als „antideutsch“ charakterisieren und es scheint bis zu diesem Zeitpunkt kaum möglich, von Nuancierungen in den niederländischen Deutschlandbildern zu sprechen.

„Der Deutsche ist folgsam; Gehorchen hat er seit Jahrhunderten im Blut. Verstand existiert in dem Land in großem Ausmaß, gesunder Menschenverstand ist dagegen noch immer in short supply. Außerdem ist der durchschnittliche Deutsche weder ausgeglichen noch mäßig. Das Ergebnis ist ein labiler Mensch, gefügig und ehrerbietig, wenn die Machtverhältnisse dazu veranlassen, aber andererseits leicht zum Hochmut geneigt und behaftet mit der unangenehmen Veranlagung, sich selbst aufzuspielen.“[1]

Diese Aussage des niederländischen Botschafters in Bonn, H.F.L.K. van Vredenburch (1959–1962), ist kennzeichnend für die stark klischeehafte niederländische Wahrnehmung Deutschlands bis Ende der fünfziger Jahre. Diplomaten, Journalisten und Politiker verfügten über ein homogenes, negatives und in hohem Maße statisches Deutschlandbild. Beinahe fortwährend wurde generalisierend  über „das“ deutsche Volk geschrieben, das als larmoyant, egozentrisch und unwestlich in seinem politischen Verhalten charakterisiert wurde. Wendungen wie „Der Deutsche hat sich wenig verändert“ begegnen einem häufig und zeichnen ein Bild, in dem die Schatten des Dritten Reiches stets vorhanden sind. Auch in der deutschen Wahrnehmung der politisch-psychologischen Beziehung wurde stets die „antideutsche“ Haltung der Niederländer betont, die außerdem in den Niederlanden länger fortzudauern schien als in anderen Ländern. Zwar stellte man seit Mitte der fünfziger Jahre eine allmähliche Verbesserung fest, die Anlass zu der Hoffnung gab, dass sich die Normalisierung, die sich auf anderen Feldern vollzog, nun auch auf die psychologische und politische Ebene erstrecken werde. Immer wieder musste man allerdings feststellen, dass diese Erwartungen zu optimistisch waren und dass die politisch-psychologische Normalisierung auf niederländischer Seite ein äußerst träger und mühsamer Prozess war.

Dennoch gab es bereits in den ersten Nachkriegsjahren zahlreiche Organisationen, die den Kontakt zum „anderen“ und „besseren“ Deutschland suchten und sich gegen eine allgemeine Verurteilung Deutschlands und der Deutschen wandten. Es handelte sich um kleine Gruppen aus kirchlichen und politischen Kreisen, die den Kontakt zu Gleichgesinnten in Deutschland suchten. Diese Initiativen waren sogar so zahlreich, dass 1947/48 die Coordinatie Commissie voor Culturele Betrekkingen met Duitsland (dt. Koordinationskommission für kulturelle Beziehungen zu Deutschland, CCCD) gegründet wurde, die sehr aktiv war und – wenn auch nicht ohne einen moralisierenden niederländischen Zeigefinger (Umerziehung) – nützliche Arbeit leistete. Umfrageergebnisse aus dem ersten Nachkriegsjahrzehnt belegen außerdem, dass die Zahl der Niederländer, die dem deutschen Volk „freundlich“ gesinnt waren, rasch zunahm. Auch wenn man daraus keine weitreichenden Schlüsse über eine Verbesserung der politisch-psychologischen Beziehung ziehen darf, so verweisen solche Tatsachen doch auf eine wachsende Bereitschaft zur Differenzierung in der Meinungsbildung über die östlichen Nachbarn.

Im Zeitraum 1947–1953 wurden die Niederländer regelmäßig nach ihrer Meinung über das deutsche Volk befragt. Die Ergebnisse lauteten wie folgt:

Tabelle 1: Einstellung von NiederländerInnen gegenüber dem deutschen Volk (1947–1953)
Quelle: Zo zijn wij. De eerste 25 jaar NIPO-onderzoek, Amsterdam/Brüssel 1970, S. 141.

Zeit
unfreundlich freundlich keine Meinung
Jan. 1947
53% 29% 18%
Jan. 1948
50% 27% 23%
Jan. 1950
36% 36% 28%
Dez. 1952
30% 41% 28%
Dez. 1953
17% 54% 29%

Diese Daten weisen darauf hin, dass die Beurteilung der Deutschen ab 1948 rasch positiver wurde. Ab 1950 übertraf der Anteil der „Freundlichen“ sogar die „Unfreundlichen“, und die Ergebnisse von 1953 scheinen auf eine schnelle Verbesserung der Haltung gegenüber Deutschen und Deutschland zu verweisen. Wichtig ist auch, dass es je nach regionalem und ideologischem Hintergrund des niederländischen Beobachters erhebliche Unterschiede im Deutschlandbild gab. „Es ist kein Zweifel, dass die Aufgeschlossenheit gegenüber Deutschland gegenwärtig in Rotterdam allgemein größer ist als in Amsterdam“, berichtete der deutsche Botschafter Hans Mühlenfeld im Dezember 1953 dem Auswärtigen Amt. Obwohl durch den Krieg schwer getroffen, habe diese auch für die Bundesrepublik so wichtige Hafenstadt „schon verhältnismäßig früh wieder ein positives Interesse an Deutschland bekundet“.[2] Mühlenfeld verwies hier auf ein auch in späteren Jahren häufiger beobachtetes Phänomen: die Unterschiede zwischen Amsterdam und Rotterdam. Nicht zuletzt aufgrund der hohen Zahl aus Amsterdam deportierter Juden gehörte es in den intellektuellen und kunstsinnigen Kreisen der Hauptstadt lange Jahre zum guten Ton, „antideutsch“ zu sein. In Rotterdam, der Hafenstadt mit ihrer Lebensader ins Ruhrgebiet, ließ man sich dagegen schon kurz nach 1945 von einem nüchternen Handelsgeist leiten. Auch in der Grenzregion, in der kulturelle, landschaftliche und sprachliche Unterschiede geringer waren als anderswo und Kontakte in der Vergangenheit selbstverständlich gewesen waren, entspannte sich das Verhältnis schneller. Dies belegen zum Beispiel Gespräche zwischen dem Ministerium für Bildung, Künste und Wissenschaften und den niederländischen Sportverbänden aus dem Jahr 1950 über die Wiederaufnahme der Sportkontakte zu Deutschland. In der Grenzregion war man dazu bereit, während dies nördlich der großen Flüsse und vor allem in Amsterdam und Umgebung auf entschiedene Ablehnung stieß.

Folglich muss man verschiedene Wahrnehmungsmuster unterscheiden, die gleichzeitig vorhanden waren, und die Schlussfolgerung ist gerechtfertigt, dass der Begriff „antideutsch“ allein zu undifferenziert ist, um die niederländische Meinungsbildung über Deutschland bis zum Ende der fünfziger Jahre zu umschreiben. Sucht man bei aller Verschiedenheit der Deutschlandbilder nach einem gemeinsamen Nenner, dann kann man mit Blick auf die große Mehrheit der Bevölkerung besser von einem noch stark belasteten Klima sprechen, in dem antideutsche Gefühle gewiss wiederholt zum Ausdruck gebracht wurden, aber das sich ansonsten vor allem durch ein Bedürfnis nach Distanz kennzeichnet.

Hierfür muss man zwei Gründe anführen:

  1. Die heftigen antideutschen Emotionen der ersten Nachkriegsjahre ebbten in erster Linie ab, weil ab 1947/48 mit der Sowjetunion ein neuer Feind auf der Bühne erschien. Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 wurde darüber hinaus deutlich, dass man den westdeutschen Staat als Bundesgenossen akzeptieren musste. Die Bundesrepublik wurde zu einem „notwendigen Partner“[3], und kollektive antideutsche Gefühle passten nicht in dieses Klima einer funktionalen Annäherung.
  2. Um 1947/48 veränderte sich auch der niederländische Umgang mit der Besatzungszeit. Das Interesse an einer strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechern nahm ab. Die erste Nachkriegsphase des Wiedererlebens und Zeugnisablegens ging zu Ende.[4]

Natürlich waren die Erinnerungen an die Besatzungszeit noch frisch im Gedächtnis, und auf den jährlichen Gedenktreffen wurden sie auch kollektiv sichtbar. Aber gleichzeitig konnte man auch eine Müdigkeit und einen Widerwillen dagegen spüren, sich intensiv mit den Jahren 1940–45 zu beschäftigen. Tüchtigkeit, Wiederaufbaudenken und der Wunsch, „nach vorne zu schauen“, wurden bestimmend, und in diesem gesellschaftlichen Klima lag es näher, Deutschland instinktiv den Rücken zuzuwenden und psychologischen Abstand zu halten, als antideutschen Gefühlen breiten Raum zu geben. Solche Gefühle blieben aber vorhanden und lagen dicht unter der Oberfläche.

Zusammenfassend kann man die politisch-psychologische Beziehung bis zum Ende der fünfziger Jahre mit einem Satz von Hermann Opitz, in diesen Jahren Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Den Haag, charakterisieren: „In Bezug auf das niederländisch-deutsche Verhältnis ist der Boden in Holland wie unterminiert“, schrieb er 1954: „Wenn man behutsam auf ihm läuft, dann geschieht nichts. Aber das Hochgehen einer Mine bei einem unbedachten Schritt löst eine Kettenreaktion aus.“[5]


[1] Archiv Buitenlandse Zaken Den Haag (BuZa), Code 9, W. Did.: Buitenlandse politiek Dl. IV, Inv.nr. 4249, Van Vredenburch an BuZa, 18. Januar 1960; vgl. auch seine Memoiren: Vredenburch, H.F.L.K. van: Den Haag antwoordt niet, Leiden 1985, S. 515.
[2] Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PA), Bonn, Neues Amt (NA) Abt. III, Deutsche diplomatische und konsularische Vertretungen in den Niederlanden, Bd. 2, Mühlenfeld an AA, 10. Dezember 1953.
[3] Vgl. ausführlich Wielenga, Friso: West-Duitsland: partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949–1955, Utrecht 1989.
[4] Vgl. Vree, F. van: In de schaduw van Auschwitz. Herinneringen, beelden, geschiedenis, Groningen 1995, S. 55; Blom, J.C.H./Harf, A.C. 't/Schöffer, I.: De affaire-Menten 1945–1976, Bd. 1, Den Haag o.J. [1979], S. 203ff.
[5] Opitz, Hermann: Das Horst-Wessel-Lied wurde nicht gesungen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Juni 1954.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.