IV. Politisch-psychologische „Normalität“ seit 1969?

Die Ergebnisse der Meinungsumfragen bestätigen, dass 1969 eine neue Phase in den psychologischen Beziehungen zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik begann. Aus Umfrageergebnissen geht hervor, dass sich das Vertrauen in Deutschland und die Deutschen ab den siebziger Jahren auf einem relativ hohen Niveau befand und dass auch die niederländische „Freundlichkeit“ gegenüber den Deutschen hohe Werte erreichte.

Betrachtet man zunächst die Ergebnisse von 1971, dann fällt auf, dass mehr Niederländer über Engländer, Amerikaner und Franzosen „sehr freundlich“ dachten als über Deutsche. Dieser Unterschied fällt aber weg, wenn man die „sehr freundlichen“ und die „ziemlich freundlichen“ Anteile zusammenzählt. Dann haben 86 Prozent eine freundliche Einstellung zu den Deutschen (Engländer 89%, Amerikaner 83% und Franzosen 85%). Die Ergebnisse von 1971 deuten außerdem auf eine erhebliche Zunahme der „Freundlichkeit“ gegenüber Deutschen seit 1965 (18% höher, Rückgang der „Unfreundlichen“ von 20 auf 12% und derjenigen ohne Meinung von 12 auf 2%; vgl. Tabelle 2). Trotz kleiner Abweichungen – die Engländer schneiden am besten ab – muss die Schlussfolgerung lauten, dass man 1971 nicht von einer grundlegend unterschiedlichen Beurteilung der vier genannten Völker sprechen kann.

Tabelle 3: Einstellung der Niederländer zu Deutschen, Engländern, Amerikanern und Franzosen (1971, 1986 und 1993)

Angaben in Prozent; Quellen: NIPO-Bericht Nr. 1407 vom 26. Februar 1971, NIPO, 1986 (Woche 25), und 1993 (Woche 17).
Nationaliät Deutsche Engländer Amerikaner Franzosen
Jahr '71 '86 '93 '71 '86 '93 '71 '86 '93 '71 '86 '93
sehr freundlich 12 14 14 19 23 23 17 15 15 19 18 17
freundlich 74 68 49 70 67 52 66 67 49 66 62 49
ziemlich freundlich 9 11 23 6 3 8 10 9 9 8 7 16
sehr unfreundlich 3 3 6 1 1 1 2 2 2 1 2 3
keine Meinung 2 4 8 4 6 16 5 7 22 6 11 15

1986 war die „Freundlichkeit“ gegenüber Deutschen im Vergleich zu 1971 leicht zurückgegangen (82%), aber erneut lag der Wert der Deutschen gleichauf mit dem der Amerikaner (82%) und der Franzosen (80%). Die Engländer konnten dagegen ihren Vorsprung noch etwas vergrößern (90%). 1993 galt für alle vier Völker, dass ihnen weniger freundlich begegnet wurde als 1986, aber diese Entwicklung traf die Deutschen stärker als andere. Die Gesamtzahl der „Freundlichen“ sank bei ihnen auf 63 Prozent (für die Engländer, Amerikaner und Franzosen betrugen die Werte 75%, 67% und 66%). Besonders auffällig war die Verdoppelung der Anzahl „Unfreundlicher“ gegenüber Deutschen auf 29 Prozent, die damit bedeutend schlechter abschnitten als die Franzosen (19%), die Amerikaner (11%) und die Engländer (9%).

Auf die Hintergründe des Ergebnisses von 1993 wird am Schluss dieses Beitrags näher eingegangen. Hier muss der Hinweis genügen, dass nur in diesem Jahr eine deutlich negativere Einstellung gegenüber Deutschen zu beobachten war.

Seit 1970 wird in der Europäischen Gemeinschaft bzw. Union untersucht, inwiefern die verschiedenen Völker einander vertrauen. In Tabelle 4 geht es um den Grad des Vertrauens der Niederländer zu den Völkern anderer Mitgliedsstaaten der EG/EU zwischen 1970 und 1993.

Tabelle 4: Vertrauen der Niederländer zu europäischen Völkern (1970-1993)

0 = überhaupt kein Vertrauen, 1 = kein großes Vertrauen, 2 = ziemlich viel Vertrauen, 3 = viel Vertrauen (bei einem Wert von 1,5 überwiegt Vertrauen); Quelle: Eurobarometer, zit. nach: Hofrichter, J.: Mutual Trust between the Peoples of EC Member States and its Evolution 1970 to 1993, Report European Commission, DG X.A.2: Public Opinion Surveys and Research, 1993, Appendix, S. 8.
1970 1976 1980 1986 1990 1992 1993
Niederlande 2,17 2,23 2,08 2,47 2,45 2,36
Luxemburg 2,12 2,26 2,27 2,39 2,13 2,37
Belgien 2,00 2,20 2,18 2,36 1,97 2,30
Dänemark 2,16 2,29 2,28 2,35 2,17 2,30
Großbritannien 2,04 1,81 2,01 2,02 2,07 2,08 1,99
Deutschland 1,62 1,78 1,82 1,86 1,95 1,81 1,86
Irland 1,32 1,77 1,84 1,93 2,07 1,81
Frankreich 1,53 1,64 1,68 1,79 1,96 1,96 1,85
Spanien 1,34 1,57 1,69 2,02 1,69
Griechenland 1,52 1,75 1,62 1,55 1,57
Portugal 1,43 1,76 1,76 1,80 1,77
Italien 1,22 1,16 1,19 1,44 1,69 1,75 1,41

Tabelle 4 belegt in erster Linie, dass die Niederländer beinahe stets das größte Vertrauen zu sich selbst hatten, was übrigens bei anderen befragten Völkern nicht anders war. Weiterhin zeigt sich, dass vor allem die Völker der kleinen nordwesteuropäischen Staaten das Vertrauen der Niederländer genossen. Auch dies schließt an das allgemeine europäische Bild an.[1] Was die Deutschen betrifft: Ihr Platz auf der niederländischen „Vertrauensliste“ blieb ziemlich konstant. Lässt man das Vertrauen der Niederländer zu sich selbst aus der Betrachtung heraus, dann standen die Deutschen beinahe immer auf dem fünften Platz, und auch dieses Ergebnis entspricht dem europäischen Mittelwert. Weiterhin fällt auf, dass der allmähliche Zuwachs an Vertrauen zu den Deutschen in den allgemeinen Trend eines zunehmenden Vertrauens in die meisten europäischen Völker passt. Allerdings wuchs das Vertrauen zu den anderen Völkern oft schneller. Bemerkenswert ist der große „Vertrauensverlust“ von 1992. Zu seiner Relativierung sei aber darauf hingewiesen, dass es zu einer solchen Verschlechterung des Deutschlandbildes auch in anderen Ländern kam und dass 1992 auch das niederländische Vertrauen zu einer Reihe anderer Völker plötzlich sank. Außerdem kam es 1993 zu einer leichten Erholung. Insgesamt verweisen diese Ergebnisse keineswegs auf ein problematisches politisch-psychologisches Verhältnis zu Deutschland seit 1970.

Vergleicht man das Vertrauen der Niederländer zu Deutschen mit dem einer Reihe anderer europäischer Völker, dann kann man sogar von einem relativ großen niederländischen Vertrauen sprechen:

Tabelle 5: Vertrauen der Bevölkerung der EG/EU-Mitgliedsländer zu den Deutschen (1970-1993)

0 = überhaupt kein Vertrauen, 1 = kein großes Vertrauen, 2 = ziemlich viel Vertrauen, 3 = viel Vertrauen (bei einem Wert von 1,5 überwiegt Vertrauen); Quelle: Eurobarometer, zit. nach: Hofrichter, J.: Mutual Trust between the Peoples of EC Member States and its Evolution 1970 to 1993, Report European Commission, DG X.A.2: Public Opinion Surveys and Research, 1993, Appendix, S. 8.

1970
1976
1980
1986
1990
1992
1993
Dänemark
2,10 2,17 2,15 2,15 2,05 2,09
Niederlande
1,62 1,78 1,82 1,86 1,95 1,81 1,86
Belgien
1,47 1,73 1,72 1,81 2,03 1,90 1,89
Luxemburg
1,82 1,76 1,70 1,77 2,03 1,70
Frankreich
1,44 1,66 1,69 1,83 1,86 1,95 1,80
Irland
1,98 1,87 1,68 1,91 1,55 1,58
Spanien
1,77 1,50 1,71 1,71
Großbritannien
1,73 1,78 1,79 1,81 1,65 1,43
Italien
1,26 1,59 1,78 1,55 1,75 1,62 1,65
Portugal
1,65 1,86 1,55 1,56
Griechenland
1,32 1,55 1,82 1,59 1,13
EG/EU-Durchschnitt
1,39
1,86
1,74
1,74
1,79
1,71
1,65

Aus Tabelle 5 ist abzulesen, dass der Wert für das Vertrauen der Niederländer zu Deutschen stets weit über dem Durchschnitt der gesamten EG/EU-Bevölkerung lag. Außer 1976 und 1992 gehörten die Niederlande sogar jedes Jahr zu den „Top 3“ der Länder mit dem meisten Vertrauen zu Deutschen (1976 4. Platz, 1992 5. Platz). Auch fällt auf, dass der Vertrauensrückgang zwischen 1990 und 1993 vor allem in Irland, Großbritannien und einigen südeuropäischen Staaten dramatisch war, während sich das niederländische Vertrauen trotz eines Rückgangs 1992 auf einem relativ hohen Niveau hielt.

Ein Problem stellte allerdings das Deutschlandbild niederländischer Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren dar, wie es sich aus der sog. „Clingendael“-Untersuchung von 1992/93 ergab. Die Ergebnisse zeigten, dass Deutschland und die Deutschen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und Völkern als die unsympathischsten erschienen. 1995 und 1997 wurde die Untersuchung wiederholt, und erneut erreichte Deutschland besonders niedrige Werte auf der Sympathieskala. Dennoch zeigen die Ergebnisse der drei Untersuchungen bemerkenswerte Unterschiede.

Hatten 1993 51 Prozent der befragten Schüler eine negative Haltung zu Deutschland, waren es 1995 nur noch 39 Prozent (1997: 38%). Der Prozentsatz der Antworten mit Überwiegend negativen Deutschland-Klischees hatte von 35 Prozent auf 12 Prozent abgenommen (1997: 11%). Auch die Zahl der Befragten mit negativen stereotypen Vorstellungen vom deutschen Volk war gesunken (von 47% auf 33%, und 1997 weiter gefallen auf 11%).[2]

Zweifellos ist die Schlussfolgerung richtig, dass niederländische Jugendliche ein relativ schlechtes Bild von Deutschland und den Deutschen haben. Allerdings stellt sich die Frage, wie ernst man die Ergebnisse dieser drei Untersuchungen im Einzelnen nehmen muss. Wenn 1993 39 Prozent der befragten Schüler Deutschland als „kriegerisch“ bezeichnen, und sich dieser Prozentsatz zwei Jahre später mehr als halbiert hat (16%), muss man zunächst festhalten, dass es hier offenbar um ein wenig „festes“ Deutschlandbild geht. Außerdem erhebt sich die Frage, wie angemessen Fragen nach dem kriegerischen Charakter und dem Verlangen nach „Weltbeherrschung“ in solchen Umfragen sind. Rufen sie nicht automatisch Bilder der Vergangenheit wach, die auch für Jugendliche wenig über die gegenwärtigen Verhältnisse aussagen? So kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass die Fragestellung dieser Umfragen das Ergebnis mitbestimmt hat. Hinzu kommt, dass es den Meinungsforschern an Kontrollmöglichkeiten hinsichtlich der Umstände beim Ausfüllen der Fragebögen fehlte (z.B. die Stimmung unter den Schülern in der Klasse). Auch deswegen darf man die Ergebnisse nicht als das „letzte Wort“ zum Deutschlandbild niederländischer Jugendlicher betrachten.

Die niederländische Wahrnehmung in den siebziger und achtziger Jahren war allerdings empfindlicher und launischer, als die Umfrageergebnisse suggerieren. Auf die deutliche Verbesserung der Deutschlandbilder seit dem Herbst 1969 folgte in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bei der niederländischen Linken eine kräftige Wiederbelebung der Allergie gegen Deutschland. Nach dem Intermezzo der Regierung Brandt (1969–1974), die das „gute“ Deutschland verkörpert hatte, rief das politische Bild der Bundesrepublik wieder Unbehagen hervor. Völlig unverständlich war dies nicht, denn das westdeutsche gesellschaftliche Klima wies in diesen Jahren tatsächlich einige liberale Züge auf. Natürlich muss sich jeder demokratische Staat gegen politischen Radikalismus schützen, aber der Versuch, dies mit Hilfe des „Radikalenerlasses“ von 1972 zu erreichen, drohte ins Gegenteil zu entarten und förderte Überreaktionen, worauf vor allem die Linken in den Niederlanden äußerst sensibel reagierten.

Es war auch dieses Segment der niederländischen Gesellschaft, das im Februar 1979 Oppositionsführer Helmut Kohl in einer Aufsehen erregenden ZDF-Sendung einheizte. Im Vorfeld der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament veranstaltete das ZDF eine Reihe von Sendungen, in denen europäische Politiker von einem Publikum aus anderen Ländern befragt wurden. In diesem Rahmen war Helmut Kohl nach Den Haag gekommen, wo er einem niederländischen Kreuzverhör über die „Berufsverbote“ und anderes deutsches Unheil unterworfen wurde. Dabei wurden ihm die Leviten gelesen, als ob er einen Polizeistaat vertrat. So wenig repräsentativ die Fragesteller für die niederländische Bevölkerung auch waren, so groß war doch der Skandal. Der Bonner Volkskrant-Korrespondent Jan Luyten berichtete einige Wochen nach der Sendung, dass es in dieser Zeit kein uneingeschränktes Vergnügen sei, als Niederländer in Deutschland zu wohnen.[3] Die niederländische Botschaft und die Konsulate wurden tagelang mit meist wütenden Telefonaten bestürmt, und Botschafter van Lynden berichtete besorgt nach Den Haag, dass der deutsch-niederländischen Beziehung „ein schwerer Schlag“ zugefügt worden sei.[4] Dies hielt sich in Grenzen, denn der Sturm ging rasch vorüber, und deutsche Aufrufe zum Boykott der Niederlande als Urlaubsziel oder zum Verzicht auf niederländische Agrarprodukte fanden wenig Widerhall. Und was Helmut Kohl betraf: So unangenehm das niederländische Publikum für ihn auch gewesen war, so sah Kohl auch die positiven Aspekte des Vorfalls. Ministerpräsident van Agt (CDA) ließ er wissen, dass sich die Sendung mit Blick auf die Europawahl für ihn und die CDU/CSU nicht ungünstig auswirken würde.[5]


[1] vgl. Hofrichter, J.: Mutual Trust between the Peoples of EC Member States and its Evolution 1970 to 1993, Report European Commission, DG X.A.2: Public Opinion Surveys and Research, 1993, S. II.
[2] vgl. Dekker, H./Aspeslagh, R./Bois-Reymond, M. du: Duitsland in beeld. Gemengde gevoelens blootgelegd, Lisse 1997, S. 125; vgl. für 1997: Dekker, Henk/Aspeslagh, Rob/Winkel, Bastian: Burenverdriet. Attitudes ten aanzien van lidstaten van de Europese Unie, Den Haag 1998; eine deutsche Obersetzung der Umfrage des Jahres 1993 ist abgedruckt in: Müller, Bernd/Wielenga, Friso (Hrsg.): Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden, Münster 1995.
[3] o.A.: Wantrouwen bepaalt relatie Nederland-West-Duitsland, in: de Volkskrant vom 14. März 1979.
[4] Archiv Buitenlandse Zaken Den Haag (BuZa), Code 9, Blok 4, Inv.nr. 1089, Telegramm van Lynden an BuZa, 2. März 1979.
[5] Archiv Buitenlandse Zaken Den Haag (BuZa), Code 9, Blok 4, Inv.nr. 1089, Telegramm van der Klaauwan die Bonner Botschaft, 28. Februar 1979. Tatsächlich erhielt die CDU mehr Briefe als jemals zuvor nach einer TV-Sendung, in der Kohl für die Verteidigung der deutschen „Ehre“ sehr gelobt wurde; vgl. ebd.: Telegramm van Lynden an BuZa, 2. März 1979.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.