V. Die Fußball-Europameisterschaft 1988

Als einer der schmerzlichsten Augenblicke in den Nachkriegsbeziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland war Sonntag, der 7. Juli 1974, in München in Erinnerung geblieben. Die niederländische Mannschaft um Johan Cruyff verlor im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gegen das Team des Gastlandes Westdeutschland. Obwohl die Gewinner der silbernen Medaille nach der Rückkehr in den Niederlanden noch als Helden gefeiert wurden, nahm das Münchner Ereignis Jahr für Jahr mehr die Gestalt eines nationalen Traumas an. Nur so lässt sich auch erklären, was dann 1988 geschah, als sich erneut erwies, dass Deutschland und die Deutschen im niederländischen Bewusstsein eine empfindliche Stelle besetzten. Bei der Fußball-Europameisterschaft, die in Deutschland ausgetragen wurde, besiegte die niederländische Mannschaft im Halbfinale das deutsche Team. Dass anschließend auch das Finale gegen die Sowjetunion gewonnen wurde, war selbstverständlich nicht unwichtig, aber der Sieg über Deutschland stellte den eigentlichen Triumph des Turniers dar. Ein Ausbruch des Chauvinismus ging durch das Land, und manche Beobachter sahen in den Straßenfesten nach Spielende sogar die größte nationale Euphorie seit der Befreiung von 1945. „Fußball ist Krieg“, lautet ein viel zitierter Ausspruch des damaligen Nationaltrainers, „General“ Rinus Michels. Tatsächlich nahm der Wettstreit den Charakter einer für die Niederlande beinahe existentiellen Frage an: So wie in einem echten Krieg der Fortbestand der Nation auf dem Spiel steht, so schien es in diesem Länderspiel um den nationalen Eigenwert zu gehen. Die anschließende Ausgelassenheit war denn auch viel mehr als nur Freude über die „verdiente“ Revanche nach der „Erniedrigung“ von 1974, als die Niederlande im Finale der Weltmeisterschaft der Bundesrepublik unterlegen waren.[1]

Die Niederlande waren – für kurze Zeit – von einem grundlegenden Problem in der bilateralen Beziehung befreit: von dem stets vorhandenen Gefühl, von Deutschland überflügelt zu werden. In der Euphorie kam das seltene Glücksgefühl eines kleinen Landes zum Ausdruck, das seinem großen und mächtigen Nachbarn auch einmal seine Überlegenheit demonstriert hatte. Verschwunden waren die Gefühle der Abhängigkeit und das Bewusstsein, auf vielen Feldern der Schwächere zu sein: David hatte Goliath übertrumpft. Das war die Ursache für die tiefe Befriedigung, die dieser Sieg nicht nur den fußballbegeisterten Niederländern gegeben hatte. Die Niederlande hätten ihre Eigenständigkeit und Stärke demonstriert, und zwar gerade gegenüber dem Land, das durch Nähe, Größe und Gewicht oft als eine Bedrohung der nationalen Selbständigkeit und Identität wahrgenommen wurde. Vor den Augen der Deutschen und der übrigen Welt hatte man noch einmal gezeigt: „Dutch“ war nicht „deutsch", und die Niederlande waren kein zwölftes Bundesland der Bundesrepublik oder abgefallener Spross vom deutschen Stamm, sondern eine stolze selbständige Nation. Kriegserinnerungen spielten bei dieser Eruption des Chauvinismus eine untergeordnete Rolle. Sie wurden höchstens aufgegriffen, um den deutsch-niederländischen Gegensatz herauszustreichen und die niederländische Eigenheit mit zusätzlicher Gehässigkeit zu bekräftigen.

Das überraschend starke Oranje-Gefühl mit antideutschem Unterton vom Sommer 1988 macht deutlich, wie schnell in einer relativ ruhigen Phase die politisch-psychologische Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten kann. Auch noch einige Jahre nach 1988 sollte rund um niederländisch-deutsche Fußballländerspiele stets eine Spannung herrschen, die sich übrigens teilweise durch die Pflege der Erinnerung an 1988 wiederholte. Es wurde aber zu weit führen, darin einen Beweis für fundamental gestörte psychologische Beziehungen zu sehen. Abgesehen von gelegentlichen Zwischenfällen zeugt die regelmäßig wiederkehrende Aufregung bei diesen Länderspielen eher von der normalen Neigung der Bevölkerung eines kleinen Landes, sich gegen den großen Nachbarn abzugrenzen: Die Niederlande brauchen den Kontrast zu Deutschland, um ihre eigene Identität sichtbar zu machen, und Länderspiele bieten dazu die optimalen Zutaten. Die Identifizierung mit der eigenen Nationalmannschaft ist leicht, und die „Ehre“ und „Stärke“ der Nation stehen auf dem Spiel. Für 90 Minuten ist der Kampf zwischen „Klein“ und „Groß“ auf elf gegen elf zurückgeführt, wobei ein Sieg für kurze Zeit das Gefühl vermittelt, dass man der – tatsächlichen oder eingebildeten – Bedrohung der eigenen Selbständigkeit und Identität widerstehen kann. Dabei geht es nicht um tiefsitzende antideutsche Gefühle, sondern um die vergnügliche Bestätigung des niederländischen „Wir“-Gefühls, wenn „sie“ mit hängenden Köpfen das Spielfeld verlassen müssen. So gesehen gehört die aufgeputschte Stimmung in den Niederlanden bei Fußballwettkämpfen gegen Deutschland zu dem normalen bilateralen Spannungsfeld. Solange sich bei der „Entladung“ dieser Spannung die Anzahl der Vorfälle in Grenzen hält, gibt es keinen Anlass zur Sorge über die niederländisch-deutschen Beziehungen.


[1] Der Journalist Auke Kok hat zu beiden Meisterschaften gut recherchierte Bücher publiziert: Kok, Auke: 1974. Wij waren de besten, Amsterdam 2004; Kok, Auke: 1988. Wij hielden van Oranje, Amsterdam 2008.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.
Aktualisiert: August 2015, Jacco Pekelder, vgl. sein Buch Neue Nachbarschaft. Bildformung und Beziehungen seit 1990, Münster 2013.