VII. Intensivierung der Beziehungen ab 1994/1995 und Umschwung in der niederländischen Bildformung ab 2000

Die Aufregung um „Clingendael“ fand nicht im Vakuum statt, sondern in einer Phase, in der die Niederlande mit ihrer Stellung in der Welt rangen. Zögernd und teils widerwillig setzte das Land sich an einer Neukonzeption seiner Außenpolitik, da es merkte, dass die seit den 1950er Jahren bewährten außenpolitischen Leitlinien – die USA und die NATO als wichtigster Stützen der nationalen Sicherheit, eine supranationale Ordnung Europas zur Vorbeugung eines Direktorats der großen Mitgliedstaaten (insbesondere Frankreich und Deutschland) und die Verwirklichung eines fair regulierten europäischen Binnenmarktes – alle in Frage gestellt zu werden schienen. In Zusammenhang mit der 1993/1994 öffentlich gewordene „Krise“ in den deutsch-niederländischen Beziehungen führte dies 1994 schließlich zu einer Neuformulierung der niederländischen Deutschland- und Europapolitik in der als Kern einer verstärkt kontinental ausgerichteten Europapolitik viel deutlicher als bisher das bilaterale Verhältnis zum östlichen Nachbarland im Mittelpunkt stand.

Dies führte unter anderem in eine Kampagne zur Intensivierung der deutsch-niederländischen Beziehungen. Im Sommer 1994 stellten die Außenminister Peter Kooijmans und Klaus Kinkel den Plan vor, jährliche deutsch-niederländische Konferenzen abzuhalten, die durch ihre publizistische Wirkung zu mehr gegenseitigem Verständnis führen sollten. Am 3. Oktober 1994 besuchte Kinkel die Niederlande, und er kam nicht nur zu politischen Besprechungen, sondern hielt auch eine öffentliche Rede im Kurhaus zu Scheveningen. Das Datum seines Besuchs – der deutsche Nationalfeiertag – war von deutscher Seite nachdrücklich als Signal für die Bedeutung der bilateralen Beziehungen gemeint. Kurz darauf reiste Wim Kok, inzwischen niederländischer Ministerpräsident geworden, nach Bonn und bereinigte dort endgültig die Affäre Lubbers – „das Buch ist ausgelesen und zugeklappt", so Kok hinterher.[1] Auch schuf er gemeinsam mit Bundeskanzler Kohl die Grundlage für die erhebliche Verbesserung der Beziehungen im Jahr 1995.

Im Januar dieses Jahres machte der Bundeskanzler einen Blitzbesuch in den Niederlanden und sprach in Anwesenheit der Presse mit rund 30 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Der Besuch wurde als ein Ausdruck des ernsthaften Interesses von Kohl an den deutsch-niederländischen Beziehungen dargestellt und erreichte auch genau das gewünschte Ziel einer Streicheleinheit für die niederländische Seele. Damit war der Weg für den ausgesprochen erfolgreichen Besuch des Bundeskanzlers in den Niederlanden kurze Zeit später, im Mai 1995, geebnet.

Kohl, noch kein Jahr zuvor in der Angelegenheit Lubbers so sehr geschmäht, wurde nun überall gepriesen. Nach dem erfolgreichen Beitrag Kohls zur Verbesserung der Beziehungen stand der offizielle Besuch von Bundespräsident Roman Herzog im Oktober 1995 nicht mehr im Zeichen bilateralen Einvernehmens. Nur kurz schien ihn eine neue Umfrage über das Deutschlandbild niederländischer Jugendlicher – veröffentlicht am Vorabend seiner Ankunft – doch in diese Richtung zu zwingen.[2] Herzogs relativierende Bemerkung, er habe in seinem Leben drei Dingen nie besondere Beachtung geschenkt, „Vitaminen, Kalorien und Demoskopien“, betrachteten manche in den Niederlanden und in Deutschland als etwas zu sorglos, aber andererseits wurde sie auch als erfrischend erfahren, nachdem das Wort „Clingendael-Umfrage“ so lange eine überschätzte Bedeutung in den bilateralen Beziehungen gehabt hatte.

Zusammengefasst sind in der Kampagne zur Intensivierung der Beziehungen drei Teile zu unterscheiden. Erstens gab es die oben erwähnten offiziellen- und Staatsbesuche, die auch nach 1995 weitergeführt wurden und insbesondere in den Niederlanden das bilaterale Verhältnis immer wieder in ein positives Licht rückten. Diese Besuchsdiplomatie war in der Hinsicht, dass hohe Besuche ein traditionelles Instrument zur Verbesserung bilateraler Kontakte darstellen, noch ziemlich klassisch. Außergewöhnlicher war, dass es, zweitens, verschiedene Versuche gab, deutsch-niederländische Netzwerke, in der Absicht aufzubauen, so tief wie möglich in beide Gesellschaften einzudringen und so die Tragfähigkeit der Nachbarschaft zu erhöhen. Einerseits ging es dabei um die 1994 von Kinkel und Kooijmans initiierten und 1996 tatsächlich angefangenen Deutsch-Niederländischen Konferenzen (DNKs), die heute als Deutsch-Niederländisches Forum fortgesetzt werden. Andererseits ging es um das äußerst erfolgreiche Journalistenstipendium, ein Austauschprogramm für Journalisten aus beiden Ländern. Und schließlich wurde im Bildungsbereich eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Programmen und Projekten entwickelt um unter anderem den niederländischen Kenntnisstand über das moderne Deutschland zu verbessern, wobei auch gezielt über Lehrende, Journalisten und sonstige Multiplikatoren die niederländische Öffentlichkeit auf eine offenere Haltung gegenüber dem deutschen Nachbar eingestellt wurde (siehe Dossier BeNeLux - NRW: Grenzüberschreitende Beziehungen).

Nicht zuletzt durch die dreigliedrige Kampagne zur Verbesserung der deutsch-niederländischen Beziehungen ist die deutsch-niederländische Nachbarschaft, die auf vielen Feldern auch 1990 bereits sehr innig war, noch (sehr viel) intensiver geworden. Außerdem hat sich ab etwa 2000 – genauer lässt sich der Zeitpunkt wohl nicht fassen – ein wirklicher Umschwung in der niederländischen Bildformung über Deutschland und die Deutschen vorgetan, wobei angemerkt werden muss, dass die schockierenden Ergebnisse der 1993er Clingendael-Studie übertrieben negativ gewesen waren. So kam eine vom Marktforschungsinstitut IBT Marktonderzoek durchgeführte Untersuchung im Mai 2004 zu dem Schluss, dass die Deutschen auf der europäischen Sympathieskala nunmehr den zweiten Platz einnahmen – hinter den Belgiern. Vorsichtig schlussfolgerte de Volkskrant in ihrer Besprechung, dass sich das 1995 konstatierte positive Gefühl hinsichtlich der Nachbarn im Osten also konsolidiert zu haben schien.

Ebenfalls im Jahr 2004 ließ die deutsche Bundesregierung eine Untersuchung in neun ausgewählten Ländern, darunter die Niederlande, zum Bild Deutschlands und der Deutschen durchführten. Mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der Deutschland als Gastgeber auftreten sollte, wollte Berlin wissen, wie das Image Deutschlands im Ausland aussah, und was man gegebenenfalls tun könne, um es zu verbessern. Auffallend war, dass sich die Niederländer durchweg am positivsten über das Nachbarland äußerten. Fast die Hälfte von ihnen fand die Deutschen sympathisch, mehr als in irgendeinem der anderen Länder. 66 Prozent fanden Deutschland gastfreundlich, auffallend viele Niederländer hielten es auch für ein tolerantes Land, und mehr als die anderen fanden sie die Deutschen sogar „fröhlich“. Auf die Bundesregierung, Deutschlands Wirtschaftsleistungen (die Wirtschaft des Landes befand sich bereits seit einer ganzen Weile in schwerer See) und eine Reihe weiterer – politischer – Faktoren waren die Niederländer weniger gut zu sprechen – und sicher nicht positiver als die anderen. Alles in allem fiel jedoch auf, dass die Niederländer sehr wohlwollend über eine Reihe Charaktereigenschaften von Deutschen sprachen.

Ab 2003/2004 begannen niederländische Medien häufig diese positiveren Gefühle für das Nachbarland zu erwähnen. Als Erklärung wies man auf das sich verändernde Image Deutschlands hin. Nicht zuletzt war es Berlin, das Niederländer auf andere Gedanken über Deutschland und die Deutschen brachte. Sowohl der Bauboom und andere dynamische äußerliche Veränderungen als auch die erfrischende kulturelle Modernität der hippen deutschen Hauptstadt hinterließen großen Eindruck. Ohne vorgefassten Plan haben Phänomene wie die Loveparade und die hauptstädtische Clubkultur ziemlich effektiv antiklischeeartige „Gegenbilder“ Deutschlands hervorgebracht, die die bestehenden Vorstellungen weniger glaubwürdig machten. Auch das niederländische Vorurteil, dass die deutsche Kultur nicht anders als bleischwer sein kann, ließ sich nach einem leichtfüßigen Film wie Lola rennt (1998) oder dem süßsauren Goodbye, Lenin! (2003) nicht mehr aufrechterhalten, auch wenn es Humor mit Ecken und Kanten blieb. Die Besucherzahlen bei diesem und anderen deutschen Filmen und sogar bei Festabenden mit deutschen Schlagern in unter anderem dem Amsterdamer Rocktempel Paradiso bewiesen überdies die Popularität von „Deutschland lite“.

Dennoch wurde mehrfach festgestellt, dass niederländische Jugendliche auch weiterhin negativer über den Nachbarn im Osten dachten als andere Alterskohorten. Gaben Niederländer beispielsweise in einer von Geographiestudierenden aus Utrecht 2005 durchgeführten Umfrage Deutschen durchschnittlich eine Zeugnisnote von 6,3 – auf einer Skala von 1 (ungenügend) bis 10 (sehr gut) –, vergaben Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren lediglich eine sparsame 5,9. Interessant ist, dass die Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren den Deutschen eine 6,4 zubilligte, womit die gerade erwachsen gewordene „Clingendael“-Generation mit ihrer Beurteilung etwas höher lag als der Durchschnitt. Aber auch diese Utrechter Studie konstatierte jedoch, dass Niederländer im Allgemeinen deutlich seltener als zuvor geneigt waren, negative Qualifizierungen für Deutsche zu benutzen.

Die Ergebnisse der Utrechter Studie wurden im Mai 2006 noch einmal durch die Veröffentlichung einer Untersuchung der Zeitschrift Intermediair bestätigt. Auch eine große Untersuchung, die das Institut Intomart GfK 2007 im Auftrag von Wegener, einem Herausgeber mehrerer niederländischer Lokalzeitungen, durchführte, bestätigte den Eindruck eines positiven Deutschlandbilds. Auffallend war in dieser Studie erneut, dass Niederländer konstatierten, eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften mit den Deutschen gemein zu haben, die viele von ihnen mit „freundlich“ und „harte Arbeiter“ umschrieben. Gut und gern 73 Prozent fand außerdem, dass Deutsche bei der Dodenherdenking, dem nationalen Kriegstotengedenktag am 4. Mai, willkommen sein sollten – 70 Prozent zufolge dürfe man dazu sogar (ehemalige) deutsche Militärs einladen.

Verglichen mit der Clingendael-Studie von 1993 entstand nach 2000 also ein etwas rosigeres Bild. Dies lässt den vorsichtigen Schluss zu, dass die Niederlande tatsächlich positiver über Deutschland und die Deutschen zu denken begonnen hatten. Diese Entwicklung hin zu einem positiveren Deutschlandbild steht übrigens nicht für sich. Im Gegenteil: Der niederländische Trend korrespondiert mit einer allgemeinen Entwicklung in der Welt. Eine Untersuchung, die Globescan/PIPA für den BBC Worldservice unter mehr als 26.000 Bürgern in 25 Ländern durchführen ließ, stellte 2013 fest, dass Deutschland noch vor Kanada (vorher die Nummer eins), Großbritannien, Japan und Frankreich das populärste Land war. Fast 60 Prozent der Befragten beurteilten den deutschen Einfluss in der Welt als „mainly positive“.

Selbst der deutsche Fußball, von der Nationalelf bis zu Bayern München und anderen Vereinen, genießt in den Niederlanden bereits seit Jahren einige Popularität. Als die Niederlande 2014 in der Fußball-WM-Halbfinale gegen Argentinien ausscheiden mussten, entpuppten sich viele niederländische Fußballfans, laut informellen Umfragen auf Facebook und Medienseiten, zu Fans der deutschen Nationalelf, die dann, zugejubelt von Oranje-Anhängern, auch tatsächlich das Endspiel gewinnen konnten. Wer hätte das nach 1988/1990 ahnen können?

Dass Niederländer im Durchschnitt positiver über Deutschland denken, zeigt sich vielleicht auch darin, dass das Land mittlerweile als das attraktivste Ferienziel gilt. Seit 2007 führt Deutschland die Liste der Zielländer niederländischer Touristen an, auch für längere Auslandsaufenthalte und nicht nur für kurze Städtetoure nach Berlin. Frankreich war zuvor Jahrzehnte lang Listenanführer gewesen.

Teilweise lässt sich der Umschwung sicherlich aus den Maßnahmen zur Intensivierung der Beziehungen erklären und dem Direktor des Duitsland Instituut Amsterdam (DIA), Ton Nijhuis, zufolge waren es sogar die positiven Kommentare zum Poldermodell und zu den Reformen der violetten Regierungskoalitionen unter Wim Kok, die dazu beitrugen, dass Niederländer sich nicht mehr so schnell zu antideutschen Äußerungen hinreißen ließen. „Das Interesse schmeichelt. Es ist kein Klima, in dem man noch schimpft oder sich nachtragend gibt“, so Nijhuis im Jahr 2004.

Wichtiger scheint aber, dass der Umschwung in Richtung eines positiven Deutschlandbildes wohl auch eine Reaktion auf die Erweiterung der EU sein könnte. Auch darauf hat Ton Nijhuis schon früh hingewiesen. Bis dahin war Deutschland immer das Land gewesen, gegen das sich die Niederlande auf ihrer Suche nach Identität abgegrenzt hatten. Deutschland war für die Niederlande das, was die Anthropologen den „bedeutungsvollen Anderen“ nennen. Der große Nachbar im Osten stand den Niederländern nun einmal in kultureller Hinsicht so nah, dass die Eigenständigkeit ihres Landes dadurch immer schon – das heißt spätestens, seit es den Deutschen gelungen war, sich national zu organisieren, also seit dem Zustandekommen des Bismarck-Reichs – ein wenig bedroht zu sein schien. Das Bedürfnis, sich selbst und anderen seine Eigenständigkeit gegenüber Deutschland zu beweisen, war psychologisch immer ein Faktor in der Betrachtung dieses Nachbarlandes. Die deutsche Besatzung 1940 bis 1945 kam, zynisch formuliert, deshalb auch wie gerufen, denn die Erinnerung daran konnte nach dem Krieg ausgezeichnet zur Markierung sowohl des Unterschieds zu Deutschland als auch der niederländischen Überlegenheit dienen.

Laut Nijhuis scheint Deutschland diese Rolle seit etwa dem Jahr 2000 in der niederländischen politischen Psychologie nicht mehr zu erfüllen. Das Land ist für die Niederlande nicht mehr der „bedeutungsvolle Andere“, sondern es hat diese Rolle, spätestens nach der Beitrittswelle im Jahr 2004, an die neuen mittel- und osteuropäischen Staaten der EU abgeben können – natürlich ohne sich dessen bewusst zu sein. Niederländer können sich nur schwer mit Letten, Esten, Polen, Slowenen usw. identifizieren und dieses sich Distanzieren vom „Osten“ fungiert teils als identitätsstiftende Instanz, so wie es bis vor kurzem der künstlich aufgebaute Kontrast zu Deutschland war. Auf der anderen Seite sind Niederländer sehr viel offener für die Gemeinsamkeiten mit den Deutschen geworden. Deutschland ist nicht länger der bedeutungsvolle Andere, gegen den man sich zur Stärkung der eigenen Identität abgrenzt, sondern der beschützende Partner, mit dem man sich nur allzu gern identifiziert.

Die Frage ist, was dieser Hintergrund für die Nachhaltigkeit des neuerdings positiven niederländischen Deutschlandbildes bedeutet. In der Beantwortung müsste man wenigstens zwei Faktoren beachten: Einerseits bringt die von den Niederlanden auf Deutschland projizierte Schutzfunktion auch ein bestimmtes Maß an Zerbrechlichkeit in die bilateralen Beziehungen, egal wie gut sie mittlerweile auch scheinen. Es werden Erwartungen erzeugt, Deutschland wird eine Rolle als Schiedsrichter Europas zugedacht, für die in Berlin der politische Wille und in Brüssel und Frankfurt (bei der Europäischen Zentralbank) die Entscheidungsstrukturen kaum vorhanden zu sein scheinen. Dadurch ist vorstellbar, dass Enttäuschungen auf niederländischer Seite hin und wieder vorkommen werden. Ende 2003 konnte man erleben, was passieren kann, wenn die Niederlande sich von den Deutschen hintergangen fühlen. Als die Regierung Schröder (gemeinsam mit Frankreich) den Stabilitätspakt mit Füßen trat, drohte die Regierung in Den Haag aus machtloser Wut öffentlich die Zusammenarbeit mit den Partnern in Berlin zu kündigen und war das Verhältnis auf politischer Ebene einige Wochen lang ziemlich schlecht.

Andererseits muss man auch in Betracht ziehen, dass das Verhältnis wohl immer ein wenig prekär bleiben wird. Es ist nicht zu übersehen, dass Deutschland und die Niederlande nun einmal „ungleiche Nachbarn“ sind, wie der Historiker Horst Lademacher es beschrieben hat. Allein schon durch die geographischen Bedingungen, insbesondere die Verbindung durch den Rhein, stehen beide Länder bereits seit Jahrhunderten in einer gegenseitigen Abhängigkeit zueinander, aber diese Abhängigkeit ist nicht ebenbürtig. Für die deutsche Wirtschaft bedeutet die Verbindung zu den Niederlanden viel, das ist wahr, aber für die niederländische Wirtschaft ist die Frage nach dem Stand der Beziehungen zu Deutschland eine Überlebensfrage. Auch in kultureller Hinsicht wirkt sich das Verhältnis ungleichmäßig aus. Die durch die starke kulturelle Verwandtschaft bedingte Nähe zum großen Nachbarland wurde in den Niederlanden auch schon als Risiko für die eigene Identität empfunden – vor allem vor 1945. Für Deutsche gab diese Verwandtschaft des Öfteren Anlass, den kleinen Nachbar einfach zu übergehen.

Es ist aber nicht nur die Asymmetrie der beiden Nachbarstaaten, die für eine strukturell bedingte Spannung sorgt. Nicht übersehen sollte man, dass die bilateralen Beziehungen auch von innenpolitischen Entwicklungen, wie dem Erfolg populistischer Bewegungen, und vom Gelingen des europäischen Projektes abhängig sind. Was das angeht, ist klar geworden, dass das, was zwischen Deutschland und den Niederlanden seit 1989/1990 abgelaufen ist, auch Einblicke in einen Komplex bietet, der das Verhältnis Niederlande-Deutschland weit übersteigt. Das Beispiel der manchmal schwierigen niederländisch-deutschen Nachbarschaft erhellt auch das komplizierte Wechselspiel zwischen den bilateralen Beziehungen einzelner EU-Mitgliedstaaten einerseits und dem vorschreitenden europäischen Integrationsprozess andererseits – ein Wechselspiel, auf das jeder Politiker, der heutzutage in Brüssel oder in sonstigen europäischen Gremien agiert, achten muss, um zu konstruktiven und auch innenpolitisch tragbaren Lösungen gelangen zu können.


[1] o.A.: Kok maakt het weer goed met Duitsland, in: Trouw, 27. Oktober 1994; vgl. Paapst, Simone: Goede buren?! Perceptie in de Nederlandse dagbladen ten aanzien van de relatie Nederland-Duitsland in de periode 1993-1996, Magisterarbeit, Groningen 1997.
[2] Vgl. zu dem Vorgang der Veröffentlichung dieser Umfrageergebnisse: Dekker / Aspeslagh / du Bois-Reymond: Duitsland in beeld, S. 128-129.

Autor: Jacco Pekelder
Erstellt:
August 2015, vgl. Pekelders Buch Neue Nachbarschaft. Bildformung und Beziehungen seit 1990, Münster 2013.