III. Wirtschaftliche Strukturmerkmale

In den Niederlanden fehlt eine konsequente statistische Erfassung der volkwirtschaftlichen Größen, der wirtschaftlichen Entwicklungen und strukturellen Merkmale der Creatieve Industrie. Es existiert eine Vielzahl an Dokumenten, Berichten und Texten, die mit verschiedenen Abgrenzungen und statistischen Teilmärkteerfassungen arbeiten. Entsprechend unterschiedlich sind dann auch die Ergebnisse und wenig aussagekräftig eine Auflistung der vermeintlichen Indikatoren. Veraltete Kennzahlen, wenige Quellenverweise und ungenaue Angaben erschweren zudem die Recherche nach einheitlichen statistischen Materialien.

Dennoch kann festgehalten werden, dass sich auch in den Niederlanden die Creatieve Industrie aus einem äußerst diversen Teilmärktekonglomerat zusammensetzt, das durch einen hohen Anteil an Kleinstunternehmen und wenigen Majors gekennzeichnet ist. Die Branchen sind durch äußerst heterogene Strukturen, Bedürfnissen, Dynamiken und durch zum Teil sehr verschiedene Zielsetzungen gekennzeichnet. Das Innovationsvermögen ist relativ gesehen höher als in der Restwirtschaft. [6] Im Schnitt besitzen Erwerbstätige in diesem Bereich ein höheres Bildungsniveau als in der Restwirtschaft, die Frauenquote fällt besser aus und die Anzahl an Selbständigen sowie befristeten Arbeitsplätzen und Teilzeitstellen liegt deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft. [7] Allen Branchen ist gemein, dass der/die kulturell-kreative AkteurIn der eigentlich schaffende Kern des ganzen Verwertungsprozess ist.

Die wenigen wirtschaftlichen Kennzahlen

Dem letzten niederländischen Regierungsprogramm zur Förderung der Branche aus dem Jahr 2009 ist zu entnehmen, dass die Creatieve Industrie einen Umsatzanteil von „gut 3 Prozent“[8] an der niederländischen Gesamtwirtschaft ausmache – was in einem für die Europäische Kommission verfassten Bericht drei Jahre zuvor ähnlich beziffert wurde: Dort wurde ein Anteil von 2,7 Prozent errechnet und der cultural & creative sector sogar als die umsatzstärkste Wirtschaftsbranche der Niederlande des Jahres 2003 benannt. [9] Auch die durchschnittliche Wachstumsdynamik zwischen 1999 und 2003 wurde in der EU-Studie mit 5 Prozent als überdurchschnittlich hoch eingeschätzt. [10]

Bezugnehmend auf die Berechnungen des UN-Berichts The Creative Economy Report 2008 geben die Niederlande für kulturell/kreative Güter eine Exportquote von 1,7 Prozent ihres länderspezifischen Gesamtexports an. [11] Der derzeit aktuellste niederländische Sondierungsbericht aus dem Jahr 2009 weist darüber hinaus auf einen nicht weiter verifizierten, 18-prozentigen Anteil des Sektors am totalen Dienstleistungsexport der Niederlande hin und macht auf die schwache Exportrate im Vergleich zur Gesamtwirtschaft aufmerksam. [12]

Die Arbeitsplatzanzahl für das Jahr 2008 wird im letzten Regierungsprogramm mit 261.000 Stellen angegeben, was dem Bericht zufolge etwa 3 Prozent der niederländischen Gesamtbeschäftigung darstellen würde. [13] Der Sondierungsbericht spricht von 65.000 bis 115.000 Erwerbstätigen, was in etwa 1 Prozent der Gesamterwerbstätigen entspricht, betont aber auch die überdurchschnittlich hohe Wachstumsdynamik der Branche im Vergleich zum Arbeitsplatzwachstum der Gesamtwirtschaft. [14]

Kreative Klasse

Die Berechnungen des weltweit gefeierten US-Ökonomen Richard Florida, der den Umfang der sog. Kreativen Klasse [15] im Jahr 2000 in 13 europäischen Ländern untersucht hat, sprengt jegliche Hochrechnungen basierend auf der offiziellen Abgrenzung der Creatieve Industrie: Die Niederlande landeten der Untersuchung zufolge nach dem US-Referenzmarkt und Belgien auf Platz 3 des internationalen Rankings. Florida/Tinagli fanden heraus, dass 29,54 Prozent der niederländischen Erwerbstätigen der Kreativen Klasse zugerechnet werden konnten, und dass das Wachstum dieser Gruppe in den Niederlanden seit 1995 nach Irland das zweitstärkste aller betrachteten Länder war. Die Branchenabgrenzung nach Florida geschieht entlang von Berufsgruppen und Qualifikationen nach dem Grundsatz Everything is creative; sein Konzept der Kreativen Klasse hat nichts mehr mit Kultur als Ausgangspunkt der Beschäftigung und Zuordnung zu tun, sodass weder die Definition noch deren statistischen Ergebnisse hilfreich für das Verständnis der Creatieve Industrie sind.[16]


[6] Vgl. Stam, E./Jong, J.P.J. de/Marlet, G.: Creative Industries in the Netherlands. Structure, Development, Innovativeness and Effects on Urban Growth, Geografiska Annaler, Human Geography 90(2)/2008, S. 123-125.
[7] KEA European Affairs: The Economy of Culture in Europe. Study prepared for the European Commission/Directorate-General for Education and Culture, Brüssel 2006, S. 73ff. Siehe auch Eurostat: Cultural statistics, Luxemburg 2007.
[8] Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW) (Hrsg.): Waarde van creatie. Brief cultuur en economie 2009, Den Haag 2009, S. 20.
[9] Vgl. KEA (2006), S. 66, 68.
[10] Vgl. KEA (2006), S. 69.
[11] Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW): Ons Creatieve Vermogen. Brief cultuur en economie, Kamsterstukken II 2004-2005, Den Haag 2005, S. 26; EZ/OCW (2009), S. 20, 24.
[12] Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ) (Hrsg.): Innovation Intelligence. Verkenning Creatieve Industrie, Den Haag 2009, S. 28.
[13] Vgl. EZ/OCW (2009), S. 20.
[14] Vgl. EZ (2009), S. 28f.; Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap (OCW): Reactie van de Nederlandse regering over het Groenbeok ‘Ontsluiten van het potentieel van culturele en creatieve industrie’, Den Haag 2010, S. 4f.
[15] Eingeteilt in hochkreative Berufsfelder, den Supercreative Core (bspw. Informatiker, Mathematiker, Physiker, Architekten, Ingenieure, Beschäftigte im Bildungsbereich, Kunst, Design, Entertainment, Sport, Medien) und den Creative Professionals (bspw. Management, Unternehmens- und Finanzbereich, Rechts- und Gesundheitswesen, technische Berufe).
[16] Florida, Richard/Tinagli, Irene: Europe in the Creative Age, London 2004, S. 13-15.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011