I. Einführung

Der Kunst- und Kultursektor wird international als neuer Hoffnungsträger eines idealen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems gehandelt, als Vorzeigebranche neuer multidisziplinärer Arbeitsmethoden, Lösungsstrategie urbaner Problemviertel und schier unerschöpfliche Kraft wirtschaftlicher Prosperität innerhalb der Wissensökonomie. Zunehmend werden Kunst und Kultur nicht mehr ausschließlich außerhalb ökonomischer Rationalitäten verortet. Und sie stehen auch nicht mehr einer durch sachlich kalkulierbare Normen geprägten wirtschaftlichen Logik oder einer kommerziellen Verwertung diametral gegenüber. Vielmehr erfahren vor allem marktwirtschaftlich orientierte Kultursektoren eine bisher einzigartige politische Aufmerksamkeit, die weltweit in einer Vielzahl von diversen wirtschaftspolitischen Ansätzen und kulturpolitischen Strategien kulminieren.

Mit der Bezeichnung des Kultursektors als Creative Industry (GB), Kreativwirtschaft (DE) oder Creatieve Industrie (NL) versuchen Länder, Regionen und Städte zum Musterbeispiel für kreative Potentiale zu avancieren, wobei auf der einen Seite die aufkommende politische Zuneigung eine Förderung und Verbesserung der Lage des „kreativen Humus“[1] und der Wirtschaftlichkeit dieser Branchen verspricht, auf der anderen Seite fest von innovativen Effekten für die Gesamtwirtschaft ausgegangen wird. Gleichzeitig schreitet mit dem Postulat Be creative! und den u.a. dadurch legitimierten Budgetkürzungen die Selbstorganisation und –Verantwortung, ergo die Privatisierung des Kulturellen, weiter voran.

Die Niederlande haben im Fahrwasser des angelsächsischen Erfolgsmodells Cool-Britannia/ Creative Britain als zweites EU-Land ein Regierungsprogramm zur Förderung der Creatieve Industrie lanciert. Inzwischen ist das Programm in seine erste Verlängerung gegangen und hat sich von einer brancheninternen Netzwerkstrategie der Bekannt- und Sichtbarmachung zu einem fest in den innovationspolitischen Reglementierungen eingegliederten Bestandteil entwickelt.

Das vorliegende Dossier beschreibt die aktuellste wirtschafts- und kulturpolitische Kernstrategie der Niederlande in diesem Bereich, zeigt das Verständnis und die Auseinandersetzung der Landespolitik mit dem Thema auf und erläutert die grundverschiedenen Zuordnungen und Abgrenzungen des Branchenkonglomerates.


[1] Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen (MWME): Essener Erklärung 2007. 10 Leitsätze Wandel durch Kulturwirtschaft. Perspektiven einer Zukunftsbranche, Internationaler Kongress im Colosseum Essen, Düsseldorf 2007, S. 2.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011