II. Begriffsbestimmung

Kreativität

Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbranchen, wie bspw. der Automobilindustrie, in welcher der Begriff ‚Auto’ dank physischer und haptischer Anwesenheit in den Mittelpunkt aller zugehöriger Teilsektoren gerückt werden kann, ist dieser bestimmende Kern bei der Creatieve Industrie deutlich schwieriger zu benennen. Kein einzelnes gemeinsames Produkt (wie bspw. in der Automobilwirtschaft) oder ein greifbarer Produktionsfaktor (wie bspw. in der Kohle- und Stahlindustrie) kann mit Blick auf die diversen Teilmärkte in den Vordergrund gerückt werden. Darum hat man sich auf eine eher idealtypische, abstrakte Kategorie als Kernaktivität aller Branchen geeinigt, auf den offenen Begriff der ‚Kreativität’. Eine Sektorbestimmung zu diesem Zeitpunkt – die ‚Kreativität’ als Ausgangspunkt genommen – würde genau genommen die Gesamtwirtschaft umfassen, da im Prinzip jedem wirtschaftlichen Prozess Kreativität als Grundlage zugerechnet werden kann.

Der Doppelcharakter der Kulturgüter

Durch die Eingrenzung auf den ästhetisch-symbolischen Produktionsprozess im Marktsystem und den immateriellen Charakter der kulturell/kreativen Güter- und Dienstleistungen als „Erfahrungsgüter“[2] findet hingegen eine deutliche Eingrenzung und vor allem die Anerkennung der Creatieve Industrie als nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller Produzent statt. Damit stimmt die niederländische Definition mit der völkerrechtlich kodifizierten Beschreibung der Kulturwirtschaft resp. deren Güter und Dienstleistungen durch die UNESCO überein, wenn es wie in der Einleitung des Übereinkommens über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen heißt, dass „[…] cultural activities, goods and services have both an economic and cultural nature, because they convey identities, values and meanings, and must therefore not be treated as solely having commercial value […]“.[3]

Öffentlicher, intermediärer und privater Kultursektor

In den Niederlanden umfasst die neu geschaffene Wirtschaftsbranche Creatieve Industrie die Gesamtheit aller kulturell/kreativer Einrichtungen und Veranstaltungen, d.h. den kompletten Kultursektor. Dem theoretischen Abgrenzungsmodell entsprechend werden die öffentlich geförderten Kunst- und Kultursparten und die Non-Profit-Organisationen der Zivilgesellschaft gleichwertig neben die rein marktwirtschaftlich orientierten Kulturunternehmen gestellt. Eine normative Unterscheidung der unterschiedlichen Unternehmens- und Akteursphilosophien geschieht nicht, die Maximierung der wirtschaftlichen Potentiale steht im Vordergrund, die Steigerung des Umsatzes und der Arbeitsplätze stellt den primären Zielparameter dar.[4]

Die Creatieve Industrie darf insofern nicht als klassische Wirtschaftssparte bezeichnet werden. Die Übertragbarkeit generalistischer Wirtschaftspolitik auf die öffentliche Kulturbranche ist mit Zielkonflikten verbunden, da diese von grundverschiedenen Handlungsmodellen und Wertesystemen im Vergleich zu den kreativ-/kulturwirtschaftlichen Branchen ausgeht. Der Ruf nach der finanziellen Eigenständigkeit als sich selbst tragende Wirtschaftsbranche ist ein eklatanter Einschnitt in die grundsätzlich erst einmal nicht-gewinnorientierte Produktion, die ästhetische Vision oder den bildungspolitischen Auftrag der kulturellen Einrichtungen – auch wenn in den Niederlanden die vom Staat subventionierten Einrichtungen zum Großteil bereits privatwirtschaftlich organisierte Institutionen darstellen. Immerhin steht auch in den Niederlanden neben der künstlerischen Qualität, Vielfältigkeit und gesellschaftlichen Akzeptanz die ungestörte autonome Entwicklung der Kunst und Kultur an oberster Stelle der kulturpolitischen Bestrebungen für den öffentlichen Kulturbereich.

Brancheneinteilung

Die Creatieve Industrie besteht aus drei Branchenkategorien und wird entlang einer in drei Bereiche gegliederten Einteilung des kulturellen Wertschöfpungsprozesses in a) den schöpferischen Akt/die Kreativleistung, b) die Produktion und Weiterverarbeitung und c) die Distribution und den Vertrieb/Einzelhandel dargestellt:

Die niederländische Definition der Creatieve Industrie
Quelle: Consulaat-Generaal der Nederlanden: Grenzeloos Ceartief!, Düsseldorf 2008, S. 10
Kreativleistung Materielle Produktion Distribution und Einzelhandel
Künste Bildende Kunst & Fotografie Bildende Kunst & Fotografie Museen, Ausstellungshallen, Auktionen, Artotheken, Galerien
Darstellende Künste: Musik, Tanz, Theater Produktion von darstellenden Künsten: Musik, Tanz, Theater Schauspiel- und Konzerthäuser, Veranstaltungshallen
Vervielfältigung und Herausgabe von CD's und DVD's CD- und DVD-Geschäfte
Freizeitzentren, Organisation von Kulturveranstaltungen Freizeitzentren, Veranstaltungshallen Freizeitzentren, Kulturver-anstaltungen, Veranstaltungshallen
Medien und Entertainment Film: Formen der Preproduction wie z.B. Szenario, Drehbuch etc. Filmproduktion inkl. unterstützender Tätigkeiten Filmverleih, Kinos, Filmtheater, Videotheken
Selbiges im Bereich Radio- und Fernsehen Produktion von Radio- und TV-Programmen Rundfunk- und Fernsehanstalten
Literatur: Romane, Poesie, Sachbuch Verlagswesen und Buchdruck Öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen
Journalistik Druck und Verlag von Zeitschriften und Zeitungen Öffentliche Bibliotheken, Verkaufsstellen für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen
Kreative Dienstleistungen Industrie-, Mode- und Grafikdesign Herstellung von Möbeln, Kleidung, Brillenfassungen, Autos etc. Handel mit Möbeln, Kleidung, Brillen, Autos etc.
Kreative IT-Branchen: Games, Neue Medien Kreative IT-Branchen: Games, Neue Medien Computer- und Software-Handel
Architektur, Städtebau, Landschaftsarchitektur Privat- und Nutzbau, Projektentwicklung Projektentwicklung, Immobilienhandel
Reklame Druckereien Sonstige Reklame-dienstleistungen
eingeschränkte Definition: Kreativleistung erweiterte Definition: Kreativleistung, Materielle Produktion, Distribution & Einzelhandel
nicht Teil der Kreativwirtschaft

1. Künste und kulturelles Erbe umfassen die Bereiche bildende und darstellende Künste sowie kulturelle Festivals, Freizeitzentren, Museen und Organisationen von Kulturveranstaltungen. Alle Betriebe und Unternehmen der gesamten kulturellen Wertschöpfung zählen zu dieser Kategorie. Kulturell/kreative bzw. bildungspolitisch agierende Akteure und der Erhalt des kulturellen Erbes stehen in diesen Institutionen und Branchen zentral. Ökonomische Zielsetzungen bleiben weitestgehend außen vor, und der Staat übernimmt im Wesentlichen die finanzielle Absicherung entlang des gesamten Wertschöpfungsprozesses. Damit kommt diese Kategorie der deutschen Auffassung des öffentlichen Kultursektors sehr nahe.

2. Medien und Entertainment setzten sich aus der Film- und Rundfunkwirtschaft, dem Literatur-, Bücher- und Pressemarkt und dem Journalistikbereich zusammen. Genau wie bei der vorangegangenen Kategorie zählen auch hier alle drei Wertschöpfungsstadien in die Branchenabgrenzung; außer den nachgelagerten Unternehmen der Journalistik-Sparte. Die Akteure und Institutionen dieser Kategorie operieren unter erwerbswirtschaftlicher Zielsetzung auf dem Konsumentenmarkt und werden nur wenig durch staatliche Finanzierungshilfen unterstützt. Diese Kategorie hat mit der deutschen Abgrenzung der Kulturwirtschaft grundsätzlich Ähnlichkeit, unterscheidet sich aber wesentlich darin, dass der niederländischen Definition auch öffentliche Einrichtungen, wie bspw. die öffentlich-finanzierte Rundfunkwirtschaft, zugerechnet werden.

3. Kreative Dienstleistungen wurden auf die Designbranchen (Industrie-, Mode-, Grafikdesign), die Architekturunternehmen und kreative IT-Branchen (bspw. Gamesindustrie) sowie die Werbeindustrie festgelegt. Nur jeweils die erste Wertschöpfungsstufe, die ‚kreative Schöpfung’, ist der Creatieve Industrie zuzurechnen. Produkte und Dienstleistungen, die diese kreativen Dienstleister hervorbringen, fügen den Produkten und Dienstleistungen nachgelagerter Unternehmen symbolischen Wert hinzu. Die Akteure sind am Markt orientierte, kulturwirtschaftliche und kreative Wirtschaftsunternehmen und decken sich mit Teilbranchen der deutschen Kulturwirtschaft und den zwei Kreativbranchen (Werbemarkt und Software-/Gamesindustrie).[5]


[2] Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW): Ons Creatieve Vermogen. Brief cultuur en economie, Kamsterstukken II 2004-2005, Den Haag 2005, S. 23.
[3] Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO): Convention on the Protection and Promotion of the Diversity of Cultural Expressions, Paris 2005, S. 2.
[4] Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW): Creativiteit in kaart gebracht. Mapping document creatieve bedrijvigheid in Nederland. Discussiestuk voor de conferentie Cultuur en Economie in Den Haag, 28 juni 2005, Den Haag 2005, S. 8; Poort, Joos/Marlet, Gerard/Woerkens, Clemens van: Omvang en belang van de creatieve productie in Nederland, in: Hofstede, Bart/Raes, Stephan (Hrsg.): Creatief vermogen. De economische potentie van cultuur en creativiteit, Den Haag 2006, S. 45; Hofstede, Bart/Raes, Stephan: De economische potentie van cultuur en creativiteit, in: Hofstede, Bart/Raes, Stephan (Hrsg.): Creatief vermogen. De economische potentie van cultuur en creativiteit, Den Haag 2006, S. 9.
[5] Deutsche Definition siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) (Hrsg.): Endbericht Kultur- und Kreativwirtschaft. Ermittlung der gemeinsamen charakteristischen Definitionselemente der heterogenen Teilbereiche der ‚Kulturwirtschaft‘ zur Bestimmung ihrer Perspektiven aus volkswirtschaftlicher Sicht, Köln/Bremen/Berlin 2009, S. 40. Niederländische Definition siehe Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW): Ons Creatieve Vermogen. Brief cultuur en economie, Kamsterstukken II 2004-2005, Den Haag 2005, S. 13 und Poort/Marlet/Woerkens van (2006), S. 39-60.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011