IV. Politische Aufmerksamkeit

Wissensökonomie

Der entscheidende Moment der wirtschaftspolitischen Hinwendung zur Betrachtung des Kultursektors als potentielle Wirtschaftsbranche – der  Hype, der um die ‚Kreativbranchen’ gemacht wird – geschieht im Rahmen des wissens- und inhaltsorientierten Informationszeitalters. Der Wandel von der arbeitsintensiven Industriegesellschaft zur postfordistischen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft im Kontext der Globalisierung und „Mondialisierung“[17] und der umwälzende Einfluss der digitalen Revolution – der Informations- und Kommunikationstechnologien auf den Wertschöpfungsprozess der kulturellen Güter- und Dienstleistungsproduktion – hat den Blickwinkel der Wirtschaft auf die immaterielle und symbolische Kulturproduktion gelenkt.

Nicht mehr günstige Produktionskosten oder die (technische) Funktionalität allein sind die Garanten für wirtschaftlichen Umsatz und internationale Wettbewerbsvorteile, sondern die ästhetische Identität, die Codes und Symbole der Güter, mit denen sich die diversifizierten Käuferschichten identifizieren. [18] Die kulturelle Kreativität findet wirtschaftpolitische Anerkennung im globalen Innovationswettbewerb und bietet ihren Produzenten somit einen dankbaren Markt. Diese liefern die immaterielle Güter- und Dienstleistungsproduktion und – unter wesentlicher Verwendung der digitalisierten Produktions-, Kommunikations- und Distributionsverfahren – die kreative Mitgift für die nachgelagerte Wirtschaft.

Anfänge der strategischen Orientierung

In den Niederlanden beginnt die strategische, politische Auseinandersetzung mit der wirtschaftlichen Bedeutung der kulturellen Sektoren nicht erst im 21. Jahrhundert, sondern geht bis in die 1960er Jahre zurück, in denen auf lokaler, städtischer Ebene die Attraktivität der jeweiligen Regionen in Frage und in einen direkten Konkurrenzkampf um Einwohner und Einkommen gestellt wurde. Hinzu kam die wirtschaftliche Legitimierungsdebatte staatlicher Kultursubventionen, die infolge der Ölpreiskrisen und einschneidenden Haushaltskürzungen in den 1970er Jahren an Schärfe gewinnen sollte und zunehmend in eine Effektivitäts- und Wirtschaftlichkeitsprüfung des kulturellen Bereichs mündete.[19]

Unter dem christdemokratischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers (1982-1994) wurde die bereits von der Vorgängerregierung begonnene „Rückbesinnung auf liberale Wirtschaftsdoktrinen“[20] fortgesetzt, und im Rahmen einer orthodoxen Wirtschaftspolitik die entschlackende Neuorganisation der ministeriellen Verantwortungsbereiche, die Sanierung der öffentlichen Ausgaben für Kultur und deren Privatisierung vorangetrieben. Der Kultursektor wurde dazu angehalten, finanziell unabhängig vom Staat zu arbeiten und sich am Markt, sprich der Publikumsnachfrage, zu orientieren. Vermehrt schaffte der Staat Anreize, um private Sponsoren oder Mäzene gezielt anzusprechen.

Gleichzeitig etablierte sich eine umfassende nationale Kulturpolitik: die Integration der Medienbranchen in den Kulturbereich und eine alle vier Jahre wiederkehrende Subventionssystematik und Rechenschaftspflicht des Ministeriums (die sog. Cultuurnota-Systematik), die im Gesetz zur spezifischen Kulturpolitik verankert wurde. Die kulturpolitische Erstarkung kulminierte 1994 mit dem Regierungswechsel unter Leitung des Sozialdemokraten Wim Kok (1994-2002) schließlich in ein neu zusammengefügtes Bildungs- und Kulturministerium mit einem eigenen Minister und einem Staatssekretär für Kultur, Kunst- und Medienpolitik an der Spitze. [21]

Die niederländische Kulturpolitik war entsprechend geprägt von der systematischen, nach den Prinzipien der Qualität und Vielfalt ausgerichteten, planmäßigen Kulturförderung und gleichzeitig dem Pochen auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Ausgaben sowie der (finanziellen) Selbstständigkeit und Professionalisierung kultureller Unternehmungen und künstlerischer Akteure.


[17] Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW) (Hrsg.): Waarde van creatie. Brief cultuur en economie 2009, Den Haag 2009, S. 24.
[18] Vgl. Lash, S./Urry, J.: Economies of Signs & Space, London 2002(2); Pine, B.J./Gilmore, J.H.: Erlebniskauf, München 2000, S. 42f.
[19] Vgl. Van Puffelen, F.: Culturele economie in de lage landen. De bijdrage van Nederlandse en Vlaamse economen aan kunstbeleid en kunstmanagement, Amsterdam 2000, S. 14, 37; Oosterbaan Martinius, W.: Schoonheid, Welzijn, Kwaliteit. Kunstbeleid verantwoording na 1945, Den Haag 1990, S. 50.
[20] Fremdling, R.: Die niederländische Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, in: Wielenga, F./Wilp, M. (Hrsg.): Nachbar Niederlande. Eine landeskundliche Einführung, Münster 2007, S. 164.
[21] Vgl. Ministry of Education, Culture and Science (OCW)/Boekemanstudies: Cultural Policy in the Netherlands, Edition 2009, Den Haag/Amsterdam 2009, S. 32ff; Pots, R.: Cultuur, koningen en democraten. Overheid & cultuur in Nederland, Nimwegen 2000, S. 327f., 337f., 358f.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011