V. Der Schlüsselgebiete-Ansatz

Das Balkenende-II-Kabinett (2003-2006) mit der linksliberalen Staatssekretärin für Kultur, Medy van der Laan, und deren Parteikollege, Wirtschaftsminister Laurens Jan Brinkhorst, legte die wirtschaftspolitische Grundlage für eine strategische niederländische Kultur- und Kreativitätswirtschaftspolitik im Rahmen der europäischen Lissabon-Agenda.

War zuvor die Entwicklung des wirtschaftlichen Potentials des Kulturbereichs vom Kulturministerium aus angestoßen worden, sollte sich mit der Gründung der Innovationsplattform (Innovatieplatform) ein zukünftiges Schwergewicht bei der Ausrichtung einer Kulturwirtschaftspolitik von der Wirtschafts- respektive Innovationspolitik aus entwickeln.

Die Innovationsplattform

Die Innovationsplattform wurde 2003 von Ministerpräsident Balkenende mit dem Ziel initiiert, die niederländischen Ministerien bei der inhaltlichen Ausgestaltung, der Planung und Organisation der (inter-)nationalen Innovationspolitik zu unterstützten. So sollte das Land den Sprung auf die Liste der Top-5-Länder weltweit im Bereich der akademischen Bildung, der Forschung und der Innovation schaffen. Die von den europäischen Staats- und Regierungschefs verabschiedete Lissabon-Strategie im März 2000 - die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen - war der Auslöser für diese neue Plattform.

Neben Mitgliedern aus dem Wissenschaftsbereich und der Wirtschaft waren auch das Wirtschafts- sowie das Kulturministerium in der Organisation der Innovationsplattform unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten vertreten und somit gemeinsam an der Ausgestaltung der niederländischen Innovationspolitik beteiligt. Das Bildungs- und Kulturministerium war für Aufgaben im Bereich der Forschungs- und Bildungseinrichtungen verantwortlich, während das Wirtschaftsministerium mit den innovationspolitischen Rahmenbedingungen und der Finanzierung mit Blick auf die Marktparteien betraut wurde.

Die Innovationsplattform wurde 2007 durch einen Beschluss des Ministerpräsidenten verlängert, verlor faktisch mit der Regierungsauflösung im Februar 2010 seine offizielle Legitimation und wurde schließlich im Juni/Juli 2010 mit einem Abschlussbericht für beendet erklärt.

Die Relevanz dieses regierungsnahen Think tanks für die Creatieve Industrie ist ausgesprochen hoch, da sie die erste Institution war, die auf Quasi-Regierungsebene nicht nur den Begriff und den wirtschaftlichen Stellenwert der Branche prägte, sondern auch in einem ihrer ersten, auf längere Sicht hin angelegten Förderprogramm, dem Schlüsselgebiete-Ansatz (sleutelgebieden-aanpak) konkrete Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Diese aktive Wirtschaftsfördermaßnahme stellte die programmatische Innovationspolitik des Wirtschaftsministeriums dar und erweiterte den zuvor nahezu synonym mit Technologiepolitik verwendeten Begriff der Innovation um allerlei Formen nicht-technologischer Zuwächse zu einem gleichwertigen Wirtschaftsfaktor und schärfte somit das Bewusstsein für kulturell/kreative Innovationen zur Wachstumsgenerierung. [22]

Schlüsselgebiete, Quelle: Johanna Knott (2011), S. 75
Schlüsselgebiete, Quelle: Johanna Knott (2011), S. 75
© Knott, Johanna

Der Schlüsselgebiete-Ansatz stellte eine der ersten Initiativen der Innovationsplattform dar. Ausgangspunkt war die Benennung von rund sechs wachstumsstarken, zukunftsträchtigen, innovativen Clustern  (= sleutelgebieden) [23], die man sich als eine Vernetzung von diversen Akteuren (Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, öffentliche Institutionen etc.), die an ähnlichen Themenfeldern arbeiteten, vorzustellen hat. Diese Schlüsselgebiete sollten selbstverfasste Innovationsvorhaben beim Wirtschaftsministerium einreichen und je nach Qualität und Nachhaltigkeit der Ausarbeitung für eine finanzielle Bezuschussung in Betracht kommen.

Dieser finanzielle Anreiz und programmatische Impuls an die Akteure zur Selbstorganisation und Vernetzung sollte in erster Instanz die Cluster langfristig unabhängig von staatlichen Zuwendungen erstarken lassen und im Rahmen der Lissabon-Zielsetzung die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Niederlande deutlich verbessern. Um von Beginn an die Selbstständigkeit und aktive Beteiligung der Akteure zu betonen, entschied sich die Innovationsplattform, im Gegensatz zur niederländischen Innovationspolitik der 1980er Jahre, für eine bottom-up-Vorgehensweise, also der direkten Involvierung und vor allem aktiven Einbindung der betroffenen Akteure ‚von unten‘. Dazu rief die Innovationsplattform die gesamte niederländische Industrie auf, in Clusterverbänden Projektvorhaben, Innovationsideen und Bezeichnungen für ihre ‚Schlüsselgebiete‘ einzusenden. Schlussendlich wurden aus etwa 113 Projektvorschlägen sechs zukunftsträchtige Schlüsselgebiete benannt, die fortan als „Perlen der niederländischen Wirtschaft“ fungieren sollten.
Der Status eines Schlüsselgebietes der Innovationsplattform war nicht verbindlich und wurde am Einsatz, Fortschritt und der Qualität der eingereichten Innovationsprojekte gemessen.  Für den Zeitraum 2005 bis 2012 stellte die niederländische Regierung ein Budget von insgesamt 846 Millionen Euro für die gesamte Strategie zur Verfügung. [24]

Das Schlüsselgebiet Creatieve Industrie

Die neue Wirtschaftsbranche Creatieve Industrie, die mit positiven Attributen wie kooperationsstark und arbeitsplatzintensiv umschrieben wurde, ernannte die Innovationsplattform  zu einem der sechs innovationsträchtigen Schlüsselgebiet. Die der niederländischen Definition der Creatieve Industrie inhärenten, öffentlich geförderten Kultursektoren (kunsten & cultureel erfgoed) sollten weitestgehend außen vor bleiben, da diese nicht zu einer betriebswirtschaftlich umsatzstarken Branche mit hoher finanzieller Eigenbeteiligungsrate gerechnet werden konnten.

Die Erwartungen an das Schlüsselgebiet Creatieve Industrie entsprachen der allgemeinen Euphorie über den neuen, vielversprechenden Wirtschaftssektor: bis 2020 sollten mindestens 20 Prozent der niederländischen Erwerbstätigen in Teilmärkten der Creatieve Industrie beschäftigt werden sowie eine wesentliche Steigerung der Unternehmensdichte und Exportbestrebung zu verzeichnen sein. Die Niederlande, so das Motivationsschreiben der Innovationsplattform, sollten das Image des kreativsten Standortes der EU erhalten.[25]

Rückschlag

Nach der ersten wichtigen Evaluierung des Schlüsselgebiete-Ansatzes Anfang 2009, fiel das Ergebnis für den bis dato vor allem als aufstrebende Wirtschaftsbranche angesehen Sektor ziemlich ernüchternd aus. Die Evaluierungskommission zeigte der Creatieve Industrie die „gelbe Karte“[26], und warnte vor dem Verlust des Status und somit der Chance auf die Bewilligung eines eigenen Innovationsprogramms. Dem Schlüsselgebiet wurde u.a. mangelnde Eigenverantwortlichkeit und fehlendes Engagement vorgeworfen, eine gemeinsame branchenübergreifende Vision sei nicht zu erkennen, die finanziellen Eigenmittel seien äußerst begrenzt und der Blick auf den Staat als (finanzieller) Unterstützer zu einseitig. [27] Die Kommission forderte, dass bis Mitte 2011 deutliche Fortschritte auf dem Gebiet der Selbstorganisation, der strategischen Orientierung, der erfolgreichen Umsetzung eines Innovationsprojektes und zusätzlicher monetärer Mittelzuwendung nachzuweisen seien. [28]

Der Schlüsselgebiete-Ansatz stellte einen integralen Bestandteil des zweiten niederländischen Regierungsprogramms zur Förderung der Creatieve Industrie dar, welches im nächsten Kapitel skizziert wird.


[22] Vgl. Innovatieplatform (IP): Voorstellen Sleutelgebieden-aanpak. Ambitie, excellentie en actie. Van dijkgraaf tot art director: voorstellen tot actie van het Innovatieplatform, Den Haag 2004. S. 4; Ministerie van Algemene Zaken (Minaz): Voortgangsrapportage Innovatieplatform, Den Haag 2009. S. 8.
[23] Neben den sechs Schlüsselgebieten Flowers & Food, High-tech systemen en –materialen, Water, Creatieve Industrie, Chemie und pensioenen en sociale verzekering war seit 2008 auch Life Science & Health ein offizielles Cluster. The Hague: Residence of Peace and Justice, Logistiek sowie (Duurzame) Energie zählten zu den Aspiranten. Vgl. Ministerie van Economische Zaken (EZ)/Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap (OCW): Langertermijnstrategie. Nederland Ondernemend Innovatieland. Naar een agenda voor duuzrame productiviteitsgroei, Den Haag 2008, S. 26, 28.
[24] Vgl. Minaz (2009), S. 9.
[25] Vgl. IP (2004), S. 20, 21, 28f.; Innovatiplatform (IP): Creativiteit. De Gewichteloze Brandstof van de Economie, Den Haag 2005, S. 8, 26, 31ff.; Innovatieplatform (IP): Voortgang Sleutelgebieden en tussentijdse evaluatie Sleutelgebieden-aanpak. Eindrapport van het Voortgangsonderzeok Sleutelgebieden, Den Haag 2009, S. 41.
[26] IP (2009), S. 2.
[27] Vgl. IP (2009), S. 5, 38-46, 40.
[28] Vgl. IP (2009), S. 2, 41f., 46.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011