X. Resümee

Die ministerielle Zusammenarbeit zur Förderung des politischen Konstruktes Creatieve Industrie wird in den Niederlanden seit Anfang des 21. Jahrhunderts konsequent im Rahmen innovationspolitischer Maßnahmen ausgebaut: Von der anfänglichen finanziellen Anschubfinanzierung durch staatliche Wettbewerbsförderung hin zum bottom-up-Nachweis der finanzstarken Branchenvertreter, dass das Cluster ein nicht nur auf dem Papier existierender, sondern tatsächlich kraftvoller Wirtschaftssektor mit gemeinsamen Visionen und Strategien ist. Den wirtschaftspolitischen Leitlinien und innovationspolitischen Reglements entsprechend wird die Förderung und Unterstützung des ‚neuen’ Wirtschaftssektors folgerichtig, divers und vielschichtig durchgeführt.

Verdienste

Mit Beendigung des aktuellen Programms in zwei Jahren wird die ministerielle Zusammenarbeit insgesamt zehn Jahre betragen, was an sich bereits ein wichtiger Erfolg ist. In den Niederlanden wurde erkannt, dass eine offizielle Kooperation der Ministerien nicht nur der inhaltlichen Programmplanung zu Gute kommt, sondern auch die finanziellen Möglichkeiten und die politische Reichweite positiv beeinflusst. Kulturpolitische Vorurteile gegenüber marktwirtschaftlichem Vorgehen und wirtschaftspolitische Verachtung gegenüber Finanzspritzen in den Kulturbereich wurden dem gemeinsamen Ziel der Bekanntmachung und Unterstützung der Branche untergeordnet.

Die Programme haben es darüber hinaus geschafft, die Öffentlichkeit für das Thema zu mobilisieren und damit auch eine gesellschaftliche Debatte über aktuelle Problemlagen sowohl der KünstlerInnen und kulturell/kreativen UnternehmerInnen als auch deren Produktion im Rahmen der Digitalisierung und Globalisierung anzustoßen. Auch auf Betriebsebene ist die Branche Creatieve Industrie keine Unbekannte mehr, sondern stellt einen ernstzunehmenden Partner dar.

Einzelne Projekte wie beispielsweise der Creative Challenge Call  haben eine weite, positive Resonanz und alle Erwartungen übertreffende Nachfrage in den angesprochenen Sektoren erreicht, womit deutlich wird, dass Förder- und Unterstützungsinitiativen in diesem Bereich von großer Bedeutung sind. Der Agitationsspielraum wurde wesentlich erweitert und auch der Zugang zu zuvor rein auf klassische Wirtschaftsbranchen bezogenen Finanz- und Fördermittel wurde geebnet.

Schließlich wurden mit der offenen, kooperativen Struktur des derzeitigen Ansatzes niederländische Branchenakteure tatsächlich direkt angesprochen und in den Prozess der Ausarbeitung aktiv involviert. Sie hatten de facto die Möglichkeit, mit Ideen und Vorschlägen zu partizipieren und sich an der Ausgestaltung eines eigenen Innovationsprogramms zu beteiligen.

Schwierigkeiten

Die Form der Programme besteht aus einer Vielzahl für sich stehender Einzelmaßnahmen, deren Zuordnungslogik fragwürdig bleibt. Auch die ministerielle Zusammenarbeit zeigt sich in der projektspezifischen Umsetzung als traditionell zweigeteilt. Auf die besonderen wirtschaftlichen Strukturmerkmale und die eklatanten Charakteristika des Branchenkonglomerats wird in Projektform wenig Bezug genommen, ein generalistischer für die diversen Branchen übergreifender Ansatz ist nicht möglich, und es wird nicht erklärt, wie und ob auf die diversen Sektorbedürfnisse eingegangen werden könnte. Was in den Niederlanden fehlt, sind einheitliche, längerfristige wissenschaftliche Untersuchungen, verlässliche Statistiken der einzelnen Branchen und des gesamten Sektors und somit Indikatoren der wirtschaftlichen (und kulturellen) Realität.

Der niederländischen Definition der Creatieve Industrie entsprechend ist der innovationspolitische Ansatz ein extrem weit gefasster, da er den gesamten Kulturbereich umfasst – und genau dort befindet sich die Crux des niederländischen Ansatzes: Die Anforderung, am Markt orientiert zu wirtschaften und das gesamte Branchenkonglomerat als einen Wirtschaftssektor zu etablieren (respektive sich auf die umsatz- und besucherstarken Unternehmungen zu beschränken), kann kulturpolitische Ansätze im Sinne der wirtschaftlichen Effizienz unterminieren. Die Unterstützung der Politik von kulturell/kreativen Unternehmern darf nicht auf Kosten der nicht-gewinnorientierten Einrichtungen geschehen. Die Programme zeigen jedoch, dass es der Politik über wirtschaftspolitische Zielsetzungen und marktwirtschaftliche Visionen einer idealen Zukunftswirtschaft hinaus an der Wertschätzung des kulturell/kreativen Fundaments fehlt. Folglich handelt es sich hierbei also nicht um einen strategischen Ansatz, der über das gängige Förderinstrumentarium hinausblickt und Bedürfnisse der Akteure im Kontext der heutigen Wissensökonomie erkennt.

Fragen nach der extremen Branchen- und somit Marktdiversifikation, der hohen Tätigkeitsflexibilität, der atypischen Arbeits- und Angestelltenverhältnisse der „cultural-preneurs“ [46] und deren prekären Sozial- und Alterssicherungen, nach dem geistigen Eigentum, nach bezahlbarem Wohnraum und experimentierfreudigen Laborsituationen, wird deutlich weniger Platz eingeräumt als der Schulung professioneller Vermarktungsstrategien, kultureller Effiziensprogramme oder öffentlichkeitswirksamen Prestigeprojekten.

Die vom Kabinett-Rutte beschlossenen Einsparungen im Kulturhaushalt (in den nächsten vier Jahren 200 Millionen Euro, also rund 20 Prozent des derzeitigen Budgets, viermal so viel wie in anderen Bereichen) und die Androhung des Staatssekretärs für Kultur, Halbe Zijlstra (VVD), dass keine Kultureinrichtung mehr sicher sei und sich jeder Sorgen machen müsse, solange nicht genügend Besucherzahlen zu verzeichnen seien, die Kultur nicht marktwirtschaftlicher zu arbeiten beginne und sich nicht selber finanzieren könne, [47] weisen darauf hin, dass die Ausweitung des politischen Begriffs der Creatieve Industrie auf die traditionellen Kulturbranchen in den Niederlanden zügig voranschreitet.


[46] Davis, Anthony/Ford, Simon: Art Futures, in: Art Monthly, Nr. 223, Februar, London 1999, S. 9-11.
[47] Siehe Interview mit Halbe Zijlstra bei Pauw & Wittemann, Ausstrahlung 6. Dezember 2010, online eingesehen am 13. Februar 2011; Ministerie van Onderwijs, Cultuure en Wetenschap (OCW): Uitgangspunten Cultuurbeleid, Den Haag 2010.

Autorin: Johanna Knott
Erstellt:
Februar 2011