IV. Kunst, Wissenschaft und viel Geduld: Holländische Blumenzüchter

Der Nabel der Welt sind die Niederlande nicht nur beim Blumenhandel sondern auch bei der Blumenzucht – vor allem wenn es um neue Zwiebelpflanzen-Varietäten geht. Dass trotzdem nicht ständig hunderte neuer Sorten auf dem Markt kommen, liegt in der Natur der Sache. Wer Zwiebelpflanzen kreieren will, braucht Geduld, Geduld und noch mehr Geduld. Besonders im Fall von Tulpen können 15 oder 25 Jahre ins Land gehen, bevor eine neue Sorte marktreif ist.

Das Kreuzen von Blumen: Kunst, Handwerk und High-Tech

Dabei scheint der Prozess des Kreuzens simpel genug: Der Blütenstaub einer Pflanze wird auf den Stempel einer anderen aufgetragen. Die Kunst besteht drin, zueinanderpassende „Eltern" unter Tausenden von den Arten auszuwählen. Dabei zählt natürlich das Aussehen, zu bedenken sind aber auch die Blühperiode, bevorzugte klimatische Bedingungen, Anfälligkeiten für Krankheiten und vieles mehr. Und immer besteht die Gefahr, dass erwünschte Qualitäten der „Eltern“ in der neuen Sorte verloren gehen könnten. Das Kreuzen ist ein traditionelles Handwerk, das in den Niederlanden seit Jahrhunderten ausgeübt wird. Die Züchter aber müssen nicht nur die Techniken beherrschen, sondern auch eine Kunst, bei der sie sich auf ihren Instinkt verlassen. Gleichzeitig nutzen die Züchter heute auch modernste Labortechnik.

Die Samen der gekreuzten Zwiebelpflanzen werden geerntet und angepflanzt. Im ersten Frühling bringen sie winzige Zwiebeln hervor. Diese brauchen etwa fünf Jahre, bis der Züchter die ersten kleinen Blüten sieht. Erst nach dieser langen Wartezeit kann er eine Ahnung davon bekommen, wie die Blume aussehen wird. Wie empfindlich sie ist, wie gut sie sich in der Vase hält oder wie schnell sie wächst, weiß er aber frühestens in einigen weiteren Jahren. Und bis von einer erfolgreichen Kreuzung dann genug Zwiebeln für den Verkauf vorhanden sind, vergeht häufig mindestens noch einmal soviel Zeit. Noch mehr Geduld als bei anderen Zwiebelblumen brauchen die Züchter bei Tulpen. Denn heute können wissenschaftliche Techniken wie die Nutzung von Gewebekulturen, in denen Pflanzen in vitro vermehrt werden bei vielen Sorten etwas schnellere Ergebnisse ermöglichen. Bei den Tulpen jedoch funktioniert die Zucht im Labor bislang nur sehr eingeschränkt.

Der heilige Gral der niederländische Züchter: Die schwarze Tulpe

Aber wer keine Misserfolge wegstecken kann, hat in der Zwiebelpflanzenzucht sowieso nichts verloren. Seit Jahrhunderten schon erreichen Züchter trotz aller Kunstfertigkeit ein wichtiges Ziel nicht: die legendäre schwarze Tulpe blühen zu lassen. Von Sonnengelb über Rosa, Blutrot und Blau: Tulpen gibt es in unzähligen Mustern und allen Farben. Nur die Nichtfarbe Schwarz fehlt. Denn Nachtschwarz ist elegant, würdevoll und suggeriert Geheimnisse. Das stachelte den Ehrgeiz der Züchter an – aber bis jetzt sind sie stets gescheitert. Die Zucht schwarzer Tulpen ist mit der Jagd auf das Einhorn oder der Suche nach dem Jungbrunnen vergleichbar. Nur in der Literatur konnte je ein Mann das Wunder vollbringen.

Der Roman „La Tulipe Noire“ (Die schwarze Tulpe) stammt aus der Feder des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas, der mit den Abenteuern der „drei Musketiere“ in die Literaturgeschichte einging. „La Tulipe Noire“ spielt im Haarlem von 1637: In einem Wettbewerb setzt die Tulpengesellschaft 100.000 Gulden für denjenigen aus, dem es gelingt, eine schwarze Tulpe zu züchten. Ein hitziger Wettstreit um Reichtum und Ruhm unter den besten Gärtnern des Landes ist die Folge. Der junge Züchter Cornelius van Baerle steht kurz vor dem Erfolg, als er überraschend politischer Intrigen bezichtigt und ins Gefängnis geworfen wird. Hier verliebt er sich in Rosa, die schöne Tochter des Kerkermeisters, die ihn schließlich aus dem Kerker retten kann. Der Roman wurde 1850 erstmalig in drei Ausgaben in Paris veröffentlicht.

Kunst und Wirklichkeit: Purpur statt Schwarz

So nah wie Cornelius van Baerle sind reale Züchter dem Erfolg nie gewesen. Inzwischen gibt es einige fast, aber eben nur fast, schwarze Sorten. Seit 1937 ist die Papageientulpe „Black Parrot“ auf dem Markt. Papageientulpen fallen durch ihre ausgefranste, „gefiedert" wirkenden Blütenblätter auf. Bei der „Black Parrot“ sind diese dunkelviolett bis kastanienbraun. Noch beliebter ist heute die „Queen of Night“, die sich seit 1944 als nie übertroffener Klassiker behauptet. Ihre dunklen, purpurfarbenen Blüten wirken im richtigen Licht tatsächlich fast schwarz.

Operatie „Black Tulip“ – von Krieg und Vertreibung

Eine ganz andere und sehr reale „schwarze Tulpe” wurde erst vor einigen Jahrzehnten in den ganzen Niederlanden diskutiert. Ob der damalige Jusitzminister Hans Kolfschoten mit seltsamen Humor auch diesen Namen verantwortete, weiß heute niemand mehr. Die Operation mit dem Code-Namen „Black Tulip" jedoch war seine Idee. Bei der größten Vertreibung in der Geschichte der Niederlande sollten von 1946 bis 1949 25.000 Deutsche deportiert werden. Die Mehrzahl dieser Menschen waren keine Nazis oder Kollaborateure, sondern unauffällige niederländische Bürger deutscher Abstammung. Oft lebten sie seit Generationen in den Niederlanden, identifizierten sich mit dem Land und hatten im Zweiten Weltkrieg schon viele Anfeindungen ertragen müssen. Auch ihre niederländischen Ehepartner und die im Land geborenen Kinder wurden mit ihnen in Lagern interniert und dann nach Deutschland abgeschoben.

Dieses düstere Kapitel der niederländischen Geschichte blieb lange unbeachtet, obwohl in wenigen Jahren mehrere tausend Menschen aus den Niederlanden vertrieben wurden. Vermutlich auch, weil diese Episode nicht zum toleranten und offenen Image der Niederländer passt, und nur im Klima der dunklen, aber verständlichen Rachegefühle nach der Zeit der deutschen Besetzung möglich war. Widerstand gegen diese Politik regte sich wenig, nur die katholische Kirche sprach sich deutlich gegen die Deportationen aus. 1949 schließlich wurden die letzten Deutschen abgeschoben. Tatsächlich wurden nur 3.500 Deutsche in drei Jahren ausgewiesen, was weit hinter den ursprünglichen Plänen zurückblieb. Den Deportationen ein Ende machte die Weltpolitik. Dass Westdeutschland in das westliche NATO-Bündnis aufgenommen werden musste, war im Kalten Krieg keine Frage mehr. In diesem politische Konzept hatten die Vertreibungen keinen Platz.

2009 brachten die Journalisten Jan Sintemaartensdijk und Yfke Nijland das Buch „Operatie Black Tulip - De uitzetting van Duitse burgers na de oorlog" (2010 auf deutsch erschienen als  „Operatie Black Tulip - Die Ausweisung von deutschen Bürgern nach dem Krieg") heraus. Für das Buch werteten die Autoren Archivmaterial aus, sprachen aber auch mit vielen Betroffenen. Einzelschicksale werden in Interviews, durch Briefe und alte Tagebuchaufzeichnungen lebendig. Das Buch erregte in den Niederlanden Aufsehen, wurde nicht nur in den Feuilletons besprochen, sondern sogar im sonst kaum fachbuchfreundlichen Frühstücksfernsehen vorgestellt. Offensichtlich ist das Land bereit, sich mit seiner Geschichte selbstkritisch auseinander zu setzen. Allzu viele schwarze Flecken auf der weißen Weste muss es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kaum befürchten.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011