VI. Tulpen und Touristen

Tulpen, Hyazinthen und Narzissen sind in mehr als einer Hinsicht zentraler Wirtschaftsfaktor für die Niederlande: Blumenreisen locken jährlich Millionen von Besuchern ins Land, zur Radtour durch die Tulpenfelder oder zur Busreise zu den Höhepunkten der Blüte. Ein Programmpunkt fehlt fast nie – der Keukenhof in der Nähe von Lisse in Südholland. Ein Ort der Superlative: die größte Blumenschau der Welt, etwa 51 Million Besucher seit der Eröffnung 1949. Jedes Jahr werden von 40 Gärtnern sieben Millionen Blumenzwiebeln gepflanzt, die von 100 Hoflieferanten stammen. Diese nutzen die Ausstellung im Keukenhof als Schaufenster für ihre Produkte und stellen die Zwiebeln unentgeltlich zur Verfügung. Über 32 Hektar ziehen sich 15 Kilometer Spazierwege, auf denen die Besucher Tulpen und Narzissen soweit das Auge reicht bewundern können. Laut Keukenhof-Website soll „der größte Blumenzwiebelgarten der Welt“ sogar „der am meisten fotografierte Ort der Welt“ sein.[1]

Mitte April, Zeit der Tulpenblüte. In nur acht Wochen locken die Tulpen Busladungen voller Besucher. Gemessen an den Besucherzahlen pro Woche ist der Park die beliebteste niederländische Sehenswürdigkeit. Und auch im Jahresschnitt belegt der Keukenhof verglichen mit anderen regionalen Attraktionen immerhin den fünften Platz. Nur etwa 30 Prozent der Besucher sind Holländer, der große Rest Belgier, Deutsche, Engländer, Franzosen und immer mehr Japaner und US-Amerikaner. Die umworbene Zielgruppe ist die Generation 50 plus, aber auch viele Eltern mit Kindern ziehen durch das Blumenwunderland und machen Videos von Touristen vor Tulpen.

Tulpen-Disneyland, Lernort, Fachschau – die vielen Facetten des Keukenhofs

Zu den 3,5 Millionen Tulpen kommen genauso viele Narzissen, Hyazinthen, Krokusse, Anemonen, Kaiserkronen, Iris – Beete bis zum Horizont mit kunstvollen Blumenmosaiken. Dass der Park die vollen acht Wochen in voller Blüte steht, verdankt er dem Prinzip der Etagenbepflanzung: Ganz unten setzen die Gärtner die spät blühenden Tulpen, darüber die Frühblüher, oben die Krokusse. Seit 2006 wird die Blumenschau zudem jährlich mit einem Thema verbunden. Im ersten Jahr wurde der Geburtstag des Malers Rembrandt gewürdigt. Diesjähriger Schwerpunkt: „Deutschland, Land der Dichter und Denker“. Höhepunkt der Themenroute war ein Blumenmosaik des Brandenburger Tors in Berlin. Auf dem akkurat angelegten Parkgelände ist auch der Kitsch allgegenwärtig: Kanäle mit weißen Zugbrücken, Schwanenteiche, Alleen mit alten Eichen und Buchen sowie unzählige Souvenirshops und Blumenzwiebelstände lassen an ein Tulpen-Disneyland denken.

Aber der Keukenhof ist doch mehr: Im historischen Garten blühen die Tulpensorten von 1594, die Clusius mit in den Hortus Botanicus nach Leiden brachte. Ein Naturgarten zeigt kombinierte Pflanzungen mit Zwiebelblumen, Stauden und Sträuchern. Und auch ein japanischer Bauerngarten erlaubt neue Einblicke in die Gartenkunst. Zudem funktioniert der Touristenmagnet Keukenhof als wichtige Fachschau der Branche. In den verschiedenen Pavillons werden die Blumen von einer Prüfungskommission begutachtet, um die beste Zuchtleistung zu honorieren und die Sieger jeder Kategorie festzustellen, von Tulpen bis Chrysanthemen. Die Gewinner erhalten je einen der renommierten „Keukenhof Awards“.

Vom Küchengarten der wilden Gräfin zum Wirtschaftsfaktor

Im 15. Jahrhundert wuchs hier noch nur ein schlichter Küchengarten, ein echter „Keukenhof“ eben. Der heutige Park gehörte zum umfangreichen Landgut von Slot Teylingen. Die Besitzerin, Gräfin Jacoba van Beieren, jagte in den Dünen und Wäldern und sammelte Kräuter für ihre Schlossküche. Von 1417 bis 1433 war Jacoba van Beieren die Regentin über Holland, Zeeland und Henegouwen. Als sie mit nur 35 Jahren an Tuberkulose starb, hatte sie vier Ehemänner gehabt, etliche Kriege angezettelt und sich kurzfristig sogar nach England ins Exil zurückziehen müssen. Nach ihrem Tod ging der Keukenhof in die Hände reicher Kaufmannfamilien über.

Im 17. Jahrhundert ließen die neuen Eigentümer den Sand der Dünen abgraben und verpachteten das neue Land an Blumenzwiebelzüchter. Baron und Baronin Van Pallandt schließlich baten 1850 die deutschen Landschaftsarchitekten J.D. und L.P. Zocher aus Haarlem, die auch den Bau des Amsterdamer Vondelpark verantworteten, einen Entwurf für den Garten rund um das Schloss zu erstellen. Heute ist ihr Entwurf im Stile englischer Landschaften immer noch der Kern der heutigen Anlage.

Im Jahr 1949 hatte der damalige Bürgermeister von Lisse die Idee eines Schaufensters des Blumenzwiebelgewerbes der heimischen Züchter und Exporteure. Zehn Zwiebelzüchter zeigten Interesse und fanden einen idealen Standort, den Garten rund um das Schloss Keukenhof, einst Teil des Landguts Teylingen. Heute ist der Keukenhof auf Grund der hohen Besucherzahlen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region geworden. Statistiken belegen, dass der Ausflugstourismus in der Blumenzwiebelregion, dem „Bollenstreek“ insgesamt einen Umsatz von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr ausmacht. Dazu kommen noch weitere Einnahmen aus Übernachtungen. Insgesamt geht ungefähr ein Viertel der Einnahmen in Südholland auf den Blumenzwiebelsektor zurück.[2]

Das Tulpenfest am Michigansee: Holland in den USA

Vom großen Kuchen des Geldes der Blumenliebhaber wollen natürlich auch andere gerne etwas abhaben. Die kleine Stadt Holland in Michigan richtet jährlich ein Tulpenfestival aus. Mit Tulpen, Windmühlen und holländischen Trachten halten die Einwohner ihre niederländische Tradition hoch. Gegründet wurde Holland 1847 als niederländische Kolonie am Black Lake. Der Prediger Albertus Christian van Raalte zog mit den Mitgliedern seiner evangelisch-altreformierten Gemeinde auf der Suche nach Religionsfreiheit in die USA. Der mittlere Westen der USA zog viele niederländische Siedler an. Auch die Städtchen Zeeland und Groningen sind in der Nachbarschaft.

An der kühlen Küste des Michigansees blühen die Tulpen bis weit in den Mai, denn hier hält der Frühling später Einzug als in den Niederlanden. Offiziell beginnt das „Tulip Time Festival“ am ersten Samstag im Mai.[3] Begüterte Tulpenfans könnten erst die Blüte in den Niederlanden würdigen und dann nach Michigan fliegen... Tatsächlich allerdings zieht das Festival Besucher aus den nahen Großstädten Detroit und Chicago an, Niederländer oder andere Europäer aber verirren sich nur selten in den Mittleren Westen.

Das holländische Erbe der Stadt war fast vergessen, als die Biologielehrerin Lida Rogers 1929 eine Pflanzaktion von 100.000 importierten Tulpenzwiebeln anregte.[4] Mit der ersten Tulpenblüte kamen die Besucher, und von da an feierte Holland jährlich ein Tulpenfest. Immer mehr besannen sich die Einwohner auf alte Traditionen. 1935 traten zum ersten Mal Holzschuhtänzer beim Festival auf. 1964 kaufte ein Ehepaar aus Holland die damals 250 Jahre alte Windmühle „De Zwaan“, die ursprünglich in der Nähe von Amsterdam stand. Eine Ausfuhrgenehmigung bekamen sie nur, weil das historische Bauwerk so stark beschädigt war. Die Mühle wurde zerlegt, verschifft und in Holland wieder aufgebaut und liebevoll saniert.

Heute blühen in der Stadt Holland nach offiziellen Angaben jedes Frühjahr ungefähr sechs Millionen Tulpen. Sie wachsen in öffentlichen Parks, im „Dutch Village“, einem historischen Erlebnispark, und auf den Tulpenfarmen um die Stadt herum. In die kleine Stadt kommen mit den Tulpen zahlungskräftige Touristen, die hier Blumenzwiebeln, Keramik in Delfter Blau und Holzschuhe kaufen. Niederländische Besucher aber würden sich unter den Holzschuh-Trägern im „Dutch Village“ kaum zuhause fühlen.


[1] Vgl. hierzu die offizielle Website des Keukenhof.
[2] Sehen Sie hierzu einen Beitrag auf der n-tv-Website, Online.
[3] Weitere Informationen Online.
[4] Vgl. hierzu einen Artikel des Michigan Department of Natural Resources, Online.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011