V. „Neue Sorten sind für uns Züchter wie eigene Kinder“

Die Firma Gebr. Vletter & Den Haan in dem kleinen niederländischen Städtchen Rijnsburg ist der Weltmarktführer in der Lilienzucht. Jahr für Jahr werden Nico Vletter und sein Team mit Preisen für neue Varietäten überschüttet. Ihre bekannteste Lilie ist die „Casablanca“, ein Klassiker in weiß. Die Firma ist seit 1975 im Geschäft und hat die Hochs und Tiefs im Blumenland Niederlande hautnah miterlebt.

Interview mit Nico Vletter, Firma Gebr. Vletter & Den Haan.

Lorenz: Ist die erfolgreiche Blumenzucht eher als Kunst oder als Wissenschaft anzusehen?
Vletter: Ein bisschen von beidem. Man muss sein Handwerk können, braucht viel Erfahrung und ein gutes Auge für Varietäten, die kommerziell erfolgreich sein können. Aber wir lesen natürlich auch alle relevanten wissenschaftlichen Veröffentlichungen und setzen ein, was für uns sinnvoll ist. Die Vermehrung mit Hilfe der Gewebekulturtechnik funktioniert beispielsweise bei Lilien sehr gut, anders als bei den Tulpen. Seit sie Mitte der 1970er Jahre eingeführt wurde, sparen wir etwas Zeit bei der Zucht. Zuerst werden die Lilien im Labor in den Gewebekulturen vermehrt, später dann als Zwiebeln. Trotzdem dauert es mindestens sieben Jahre, bis eine Sorte marktreif ist.

Lorenz: Wie groß ist der Marktanteil der Niederlande am globalen Lilien-Geschäft?
Vletter: Wir haben etwa 4.000 Hektar Anbaufläche für Lilien in den Niederladen, in der südlichen Hemisphäre sind es rund 600 Hektar.

Lorenz: Und doch bauen immer mehr niederländische Betriebe auch in den Ländern des Südens an, die Firma Vletter & den Haan beispielsweise in Chile.
Vletter: Diesen Trend gibt es, das stimmt. Aber zum Vergleich: Es gibt in Chile nur fünf Lilienfarmen, in den Niederlanden aber 200! Wir haben die Expertise und die Infrastruktur. Die Niederlande werden immer das Zentrum des Anbaus und der Zucht bleiben. Im Jahr 2011 beispielsweise wurden bei uns auf 3.914 Hektar Lilien angepflanzt.

Lorenz: Gibt es Moden bei Lilien, was Formen und Farben betrifft?
Vletter: Sie können als Züchter nie vorhersehen, was sich in zehn Jahren gut verkaufen wird. Darauf können Sie Ihre Zucht nicht aufbauen. Wichtig ist es, immer in die Zucht aller denkbaren Farben und Formen zu investieren, um auf den Markt reagieren zu können. In Zukunft sehe ich einen Trend hin zu den OT-Hybriden, das sind Lilien-Hybriden der Trompeten-Lilien mit den sogenannten orientalischen Lilien, besonders in den Farben pink und weiß.

Lorenz: Sogar in den Niederladen gibt es nur eine Handvoll Lilien-Züchter der Spitzenklasse. Haben Sie Angst, dass Headhunter ihre besten Leute abwerben?
Vletter: Nicht so sehr. Die Züchter sind eng mit ihren Pflanzen verbunden, und die könnten sie nicht zu einem neuen Arbeitgeber mitnehmen. Neue Kreuzungen sind für uns Züchter wie unsere eigenen Kinder. Das ist nicht nur ein Job, sondern auch eine Leidenschaft.

Lorenz: Über Jahrhunderte wurde ohne Erfolg versucht, schwarze Tulpen zu züchten. Gibt es schwarze Lilien?
Vletter: Es gibt die „Landini“ in einem sehr dunklen, fast schwarzen Rot.

Lorenz: Aber keine ganz schwarzen?
Vletter: Nein, und die wird es wohl auch nie geben. Denn sie brauchen eine Grundlage um züchten zu können. Beispielsweise würden wir auch gern blaue Lilien haben, aber auch das geht nicht. Denn in der Natur kommen Lilien nur in rot, orange, gelb und weiß vor. Sie können nicht mit etwas arbeiten, was nicht da ist.

Lorenz: Könnte die Gentechnik das ändern?
Vletter: Die kann wenig ausrichten. Es gibt meines Wissens in der Natur gar keine Pflanzen mit schwarzen Blüten, denn Bienen werden von leuchtenden Farben angezogen. Aber aktuell arbeiten wir nicht mit Hilfe der Gentechnik. In Europa werden gentechnisch veränderte Pflanzen abgelehnt, also sind sie kaum auf den Markt zu bringen. Und die Technologie ist auch zu teuer. Wir setzen auf Können und Erfahrung.

Lorenz: Vielen Dank für das Gespräch.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt: September 2011