I. Einführung

Das Klischee der „Tulpennation“ haftet den Niederlanden an wie das des Käse- und Klompenlandes. Und tatsächlich werden in dem kleinen Land beispielsweise etwa 80 Prozent aller Tulpenpflanzen innerhalb Europas kultiviert. Die Tulpe ist gleich nach den Rosen die erfolgreichste Schnittblume in ganz Europa. Kein Wunder – mit ihren pachtvollen Blüten in den buntesten Farben gilt sie als eine der ersten Boten des herannahenden Frühlings nach dem kalten und grauen Winter.

Die Blüte des Orients

Doch tatsächlich kamen die Tulpen erst relativ spät in die Niederlande. Nachweisbar ist sie erst seit Ende des 16. Jahrhunderts dort beheimatet. Die Wildtulpe stammt aus Zentralasien. Vor allem in Persien (dem heutigen Iran), Afghanistan und in der Türkei waren die Urformen der heutigen Tulpen zu Hause. Der Name „Tulpe“ leitet sich vom persischen Wort „dulband“ ab – dem Ausdruck für eine früher in Persien gebräuchliche turbanartige Kopfbedeckung. Auch die botanischen Bezeichnung „Tulipa“ spiegelt die Ähnlichkeit mit dem „dulband“ wider. Schon im Wappen der Osmanen stand die Tulpe sinnbildlich für das Leben und die Fruchtbarkeit des Landes.[1]

In Istanbul finden sich Tulpenbilder bis heute in jedem der prachtvollen Räume des Topkapi-Serails, das bis 1856 der Regierungssitz und das Machtzentrum des Osmanischen Reiches war. Tatsächlich haben die Sultane das Innenleben des Topkapi mit so vielen Tulpen schmücken lassen, dass ihn das Volk den „Palast der Tulpen und der Tränen“ nennt.[2] Zu diesen Hoch-Zeiten feierte man die Tulpenblüte mit rauschenden Festen, und die Palastgärtner galten als Künstler. Als Lieblingsblume der Sultane galt die Tulpe als göttliches Symbol, den Paradiesgarten stellten die Zeitgenossen sich als voll mit blühenden Tulpen vor. Deshalb sind auch die Fliesen vieler der schönsten Moscheen der Welt mit Tulpen geschmückt. Diese Fliesen im sogenannten Iznik-Stil mit der typischen Unterglasurmalerei wurden tausendfach kopiert. Auch in den Basaren des Osmanischen Reiches fanden sich kostbare Stoffe und Teppiche mit Tulpenmotiven. Teegläser in Form einer Tulpenblüte waren über Jahrhunderte ein Verkaufshit.

Erst als das Osmanische Reich zerbrach und schließlich Atatürk 1923 die türkische Republik ausrief, war es mit dem Kult um die Zwiebelblume vorerst vorbei. Inzwischen aber feiert Istanbul im April wieder alljährlich sein Tulpenfestival. Auch die Kunsthandwerker haben die osmanische Kultur mitsamt der Tulpe seit einigen Jahren neu entdeckt. Die Unternehmerin Nejla Anil produziert beispielsweise 10.000 Quadratmeter Fliesen im Jahr. Deren Muster sind denen des 17. Jahrhunderts nachempfunden, so wie früher in Iznik handgearbeitet – und voller Tulpenmotive.

Und auch bei dem in der Türkei weithin bekannten Goldschmied und Juwelier Sevan Bicakci verkaufen sich Ringe mit zarten Tulpenmotiven unter Glas besonders gut.[3] Eine Entwicklung, die türkische Historiker misstrauisch betrachten. Sie sehen mit nostalgischen Schwärmereien die Kultur der das Volk unterdrückenden Sultane romantisch verklärt.

Aus der Türkei nach Wien

Auf europäischem Boden kamen die ersten Tulpenpflanzen Mitte des 16. Jahrhunderts an. Ein Gesandter des österreichischen Kaisers Ferdinand I. brachte sie in die kaiserlichen Hofgärten der österreichischen Hauptstadt Wien. Der Präfekt des Kaiserlichen Heilkräutergartens, Charles de L’Écluse, auch Clusius genannt, war der erste Europäer, der ab 1574 Tulpen im großem Stil Tulpen kultivierte. Der aus Flandern stammende de L´Écluse war einer der angesehensten Botaniker seiner Zeit. Wien wurde in seinen Händen zum Zentrum der Pflanzenzucht. Er machte die heute „typisch niederländische“ Tulpe in Europa heimisch, genauso wie die inzwischen als „typisch deutsch“ geltende, damals noch exotische Kartoffel. Ihren Siegeszug in Europa verdankten die Pflanzen seinem gärtnerischen Geschick. Und er war es vermutlich auch, der die Tulpe schließlich als Erster in die Niederlande brachte.

Mit absoluter Sicherheit lässt sich das nicht sagen, denn auch auf anderen Wegen, etwa aus Südeuropa, gelangten die Tulpen etwa zeitgleich nach Mitteleuropa. So wurden schon 1559 in Augsburg rote Tulpen, als sogenannte Tulipa Turcarum (türkische Tulpe) beschrieben. Mit der Tulpe kamen auch die ebenfalls aus dem Orient stammenden Narzissen und Hyazinthen in Westeuropa an. Ihre Einführung leitete die sogenannte orientalische Periode in der Geschichte des Gartenbaus ein, in der die neuen, exotischen und damals hochexklusiven Pflanzen zum „Must-have“ der reichen Gartenbesitzer wurden.

Kultobjekt reicher Niederländer

Auch Charles de L’Écluse war daran nicht unschuldig. 1593 wurde er zum Professor der Botanik an der Universität Leiden berufen. In seinem Gepäck: Tulpenzwiebeln, mit denen er weiter forschen wollte. In dem vorher den Heilpflanzen vorbehaltenen Universitätsgarten fanden sich zur Zeit seines Todes schließlich mehr als 600 Tulpenzwiebeln, die rein dekorativen Zwecken dienten. De L’Écluse verführte die gute Gesellschaft Leidens, es ihm gleichzutun: Er sammelte ein Netzwerk an Blumenliebhabern um sich, die „liefhebbers”. Zu den Liefhebbers gehörten Gelehrte, wohlhabende Bürger und Adlige. Die Liebe zu den Blumen hatte nichts mit Landwirtschaft zu tun – die Kultivierung neuer und exotischer Arten war ein besonders exklusives Hobby, vergleichbar heute dem Segeln auf der eigenen Yacht oder dem Sammeln von Kunstwerken. Die begüterten Liefhebbers legten private Gärten für ihre Hobbys an, und erstmalig wurden in dieser Zeit auch Häuser in Städten wie Amsterdam gleich mit rückwärtigen Gärten geplant. Im Gegensatz zu früher waren diese Gärten nicht für Heil- und Küchenkräuter gedacht. Die ersten Hobbygärtner besuchten sich gegenseitig in ihren Gärten, bewunderten neue Exemplare und tauschten Zwiebeln und Pflegetipps.

Zeitgleich machte die Tulpe auch in der europäischen Kunst Furore: Stillleben mit Tulpen waren ein beliebtes Motiv bekannter Maler wie Vater und Sohn Jan Brueghel. In vielen Bildern wurden Tulpen zum Symbol der Vergänglichkeit, der Vanitas. Ihre kurze Blüte von April bis Juni standen für die Kürze des Lebens. Zudem war die neue Pflanze empfindlich und brach vielen Liebhabern das Herz. In den feuchten Niederlanden waren die Zwiebeln anfällig für Krankheiten und Fäulnis. Zudem ist die Vermehrung von Tulpen sogar bis heute alles andere als einfach: Denn bis aus Tulpensamen eine blühende Pflanze wächst, vergehen sieben bis zehn Jahre. In der Erde bildet jede Tulpen wenige geschützte Tochterzwiebeln aus, die vorsichtig abgetrennt werden können und als eigenständige Pflanze weiterwachsen – wenn gärtnerisches Können, günstiges Wetter und ein Quäntchen Glück zusammenkommen. Die Wertschätzung der Tulpen stieg durch ihre Empfindlichkeit, die sie noch exklusiver macht. Tulpensorten wurden mit Namen wie „Schoone Helena“, „Achat“ oder „Morillon“ (Smaragd) bedacht.[4]

Trotz aller Widrigkeiten gelangen neue Züchtungen. Um 1650 kannte man etwa 800 unterschiedliche Tulpensorten. Besonders kostbar waren Pflanzen, deren Blüten Muster in lebhaften Farbkontrasten zeigten, wie Scharlachrot und Violett auf weißem (Violetten) oder gelbem Grund (Bizarden). Was man damals nicht wusste: Überraschungseffekte wie solche Muster waren häufig auf eine Pflanzenkrankheit, das Tulpenmosaikvirus, zurückzuführen. Das von Blattläusen übertragene Virus wurde erst in den 1920er Jahren entdeckt. Es bewirkt, dass sich die dunklen Farben auf dem hellen Blütenblatt nicht gleichmäßig, sondern als zerrissene Sprenkel, Flammen oder Tupfer ausbreiten. Die begehrten Muster ließen sich darum nicht planmäßig züchten: Manche Zwiebeln brachten immer einfarbige Tulpen hervor, aus manchen erblühte plötzlich eine gemusterte Bizarde. Die befallenen Zwiebeln bildeten dann nur noch wenige Brutzwiebeln. Deshalb waren die vielfarbig gemusterten Sorten sehr selten. Die meisten dieser damals bekannten Sorten sind mittlerweile ausgestorben. So ist von der einst wertvollsten Tulpe, der „Semper Augustus“ (Allzeit Erhaben) bis heute kein Exemplar erhalten. Im Unklaren über die Hintergründe probierten die Gärtner alles, um neue Sorten hervorzubringen: Tulpenzwiebeln wurden mit Tinte getränkt oder die Hälften verschiedener Zwiebeln zusammengebunden in die Erde gebracht.

Zu Liebhaberei und dem damit verbundenen Tauschhandel kam zum Ende des 16. Jahrhunderts der kommerzielle Handel mit den kostbaren Zwiebeln. Aus diesem wurde in wenigen Jahrzehnten der erste dokumentierte Spekulationskrise der Geschichte – der „Tulpenwahn“.


[1] Vgl. Enzyklopädie des Islam: Osmanen, Online.
[2] Fotos des Palastes findet man Online.
[3] Vgl. die Website von Sevan Bicakci.
[4] Eine detaillierte Zeittafel zur Geschichte der Tulpe findet sich Online.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011