VIII. Floriade 2012 in Limburg: Revolution bei der Gartenausstellung

Bei einem Rundgang über das über 60 Hektar große Floriade-Gelände in Venlo kann man sich heute schwer vorstellen, dass hier schon im April 2012 alles blühen und prunken soll.[1] Aber schließlich hat das seit 1960 jedes Mal geklappt. Die Floriade ist eine Weltgartenbauausstellung, die in der Regel alle zehn Jahre in den Niederlanden stattfindet. Die letzte war die Floriade 2002 in Haarlemer Meer, bei der die Besucher von einem eigens angelegten künstlichen Berg auf den Park schauen konnten. In Rotterdam wurde die allererste Floriade ausgerichtet und dabei auch der Euromast, eines der Wahrzeichen und mit 107 Metern das höchste Gebäude der Stadt, eingeweiht. Sowohl 1972 wie auch 1982 erhielt Amsterdam den Zuschlag.

2012 ist nun Venlo an der deutschen Grenze an der Reihe – für Amsterdamer die finstere Provinz, in der es nach Kuh riecht und alle mit dem Traktor unterwegs sind. Rund 210 Millionen Euro soll die Ausrichtung der Floriade 2012 kosten. Davon fließen 60 Millionen in Straßenbau und die Verschönerung der Innenstadt. Der Park wird aus fünf Themenbereichen bestehen, die man auch von oben aus einer neu erbauten Seilbahn bewundern kann. Aber weder die Seilbahn noch das geplante Kulturprogramm mit Musik, Tanz, Theater und bildender Kunst aus der ganzen Welt sind das Besondere an der Floriade in Venlo. Stattdessen ist es das Prinzip hinter der Gartenausstellung in aller Munde: Cradle to Cradle (von der Wiege zur Wiege), kurz C2C genannt.

Nie wieder Müll: Cradle to Cradle, von der Wiege zur Wiege

Dieses Konzept entwickelten der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough. Ihre Kernforderung: In Zukunft sollen alle Produkte entweder restlos biologisch abbaubar sein oder aber immer wieder vollständig dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Dafür müssen sie von Anfang an passend konstruiert werden. Das heutige Recycling führe typischerweise zu minderwertigen Produkten. Denn Gebrauchsgüter bestehen meist aus vielen verschiedenen Materialien, die kaum noch zu trennen sind. Hochwertiger Stahl in Autos beispielsweise wird mit Kupfer und Plastik zusammen eingeschmolzen. Der daraus produzierte Stahl ist zu weich, als dass die Autoindustrie ihn wieder verwenden könnte.[2] 

Für Produkte wie Autos, Fernseher oder Computer, die nicht ohne Edelmetalle und potentiell umweltschädliche Chemikalien auskommen, schlägt der Chemiker Braungart Leihverträge vor. Der Kunde kauft dann kein neues Laptop mehr, sondern zwei Jahre Computernutzung. Nach der Rückgabe muss der Hersteller die Wertstoffe extrahieren und neu verwenden. „Müll“ kann so völlig vermieden werden. Einige Unternehmen wie der Büromöbelhersteller Hermann Miller arbeiten bereits nach solchen Regeln. Braungart selbst spricht von der „nächsten industriellen Revolution“.

C2C-Designprinzipien werden heute weltweit schon bei zahllosen kleinen und großen Projekten angewandt. Schon im Handel erhältlich sind beispielsweise kompostierbare und völlig ungiftige T-Shirts und Möbelbezugsstoffe. C2C hat sich bewährt, sowohl ökologisch wie ökonomisch. Und doch sind die Ideen umstritten – Kritiker werfen Braungart und McDonough zu großen Optimismus vor. Besonders im als „grün“ geltenden Deutschland stoßen sie noch auf Skepsis. In den Niederlanden dagegen haben ihre Thesen Hochkonjunktur – und nirgendwo mehr als in der Provinz Limburg.

Begeisterung in den Niederlanden: Limburg als Bühne

In den Niederlanden begann das Interesse an dem Konzept der sich endlos wiederholenden Materialzyklen fast nebenbei: Im Oktober 2006 sendete das holländische Fernsehen eine Dokumentation mit dem Titel „Avfal ist Voedsel“ (Abfall ist Nahrung). Der einstündige Film führte in das Prinzip Braungart und McDounough ein: Abfall ist Nahrung, das heißt statt Abfall zu produzieren, der Deponien verseucht und verstopft, können unsere Rückstände wieder zur Ressource werden – zu Rohstoffen für zukünftige Produktgenerationen beziehungsweise Nahrung für lebende Organismen. Der Film zeigte einige der internationalen Erfolge und stieß auf große Resonanz. Dem folgten die Medien. „Let’s Cradle“ wurde zum geflügelten Wort. Überall in den Niederlanden fanden C2C–Tagungen statt, die erste 2007 in Maastricht. Und die niederländischen Regierung kündigte bald an, mit C2C die Niederlande zum ersten müllfreien Land der Welt machen zu wollen.

Besonders groß war die Begeisterung in Limburg. In dem unattraktiven Grenzland kaufen jeden Tag Hunderte Deutsche ihr Haschisch, sein bekanntester Sohn ist der Rechtspopulist Geert Wilders. Cradle to Cradle ist für Limburg eine Hoffung, die Region als innovativ in einen positiven Fokus zu rücken, statt sie allein deutschen Kiffern und niederländischen Rentnern zu überlassen. Ehrgeizige Großprojekte sollen sicherstellen, dass Venlo eine Zukunft als C2C-Modellstadt hat.[3]

Für die Cradle-Bewegung in Limburg wurde die Floriade schnell Fixpunkt und Bühne. Das neue Rathaus wird nach C2C-Prinzipien gebaut und viele lokale Betriebe haben mit Erfolg C2C-Produkte geschaffen. Doch die 2012 stattfindende Floriade soll als erste abfallfreie Blumenaustellung der Welt Millionen Besucher von Cradle to Cradle überzeugen. Statt den Müll von zwei Millionen Besuchern anzuhäufen, soll durch organischen Verpackungen und geschlossene Kreisläufe erst gar keiner entstehen. Alle bei der Floriade benötigte Energie wollen die Macher durch die Vergärung von Pflanzen gewinnen und auch das Abwasser mit Pflanzenfiltern reinigen. Später werden Teile des Floriade-Geländes als „Green Park“ von Betrieben weitergenutzt, die sich mit C2C identifizieren.

Kein Wunder, dass die Phlisophie gut ankommt – denn in der Welt von Braungart und McDonough können Menschen konsumieren, ohne Schaden anzurichten. Bei dem Elan, mit dem die Niederländer an C2C herangehen, wird die Welt bald herausfinden, ob ihr Konzept im nationalen Rahmen tragfähig ist. Der große Traum vom ersten müllfreien Land der Welt hat in Limburg begonnen. Inzwischen aber haben die Pioniere eine Menge Konkurrenz im eigenen Land. Mehrere Nordseeinseln kündeten an, unter der Leitung der Provinz Friesland C2C-Strategien entwickeln zu wollen. Almere bei Amsterdam wird 60.000 neue Wohneinheiten nach Cradle to Cradle bauen. Und McDonoughs Architekturfirma ist dabei, einen vielfältig nutzbaren Geschäftskomplex zu entwickeln, genannt Park 20/20.

Und doch wird die Floriade etwas Besonderes werden. Die erhofften zwei Millionen Besuchern sollen, wie bei jeder Blumenausstellung, durch duftende Gärten wandern, sich an seltenen Blüten freuen und neue Anregungen für den eigenen Garten sammeln können. Ganz nebenbei aber startet im „provinziellen“ Limburg vielleicht tatsächlich die „nächste industrielle Revolution“.


[1] Vgl. die Website der Floriade.
[2] Vgl. hierzu einen Beitrag der EPEA zu Cradle 2 Cradle, Online.
[3] Vgl. sustainable cities: Venlo: First cradle-to-cradle region in the world, Online.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011