III. Die Niederlande als weltweit größter Blumenexporteur

Der Erfolgsgeschichte der Tulpe tat der Tulpenwahn keinen Abbruch – im Gegenteil. Die Preise sanken, als immer mehr Arten und Sorten kultiviert wurden. Und im Laufe der Jahrzehnte nach dem „Börsencrash“ wurde die einst exotische Blume vom Luxusgut der Reichen und Adeligen zur für jedermann erschwinglichen Zierpflanze. Bis heute ist sie für viele Menschen der „Frühlingsbote“ schlechthin. Sie trug viel dazu bei, dass die Niederlande heute das „Blumenland“ Europas sind – und trotz der winzigen Landfläche ein Agrargigant. Das kleine Land ist nach den USA und Frankreich weltweit der drittgrößte Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse.[1] Die hochintensive Landwirtschaft konzentriert sich auf die Schweinezucht, den Anbau von Gemüse, Früchte und Schnittblumen – und natürlich auf die Haltung von Milchvieh für den Käse aus Holland. In der hochtechnologischen Landwirtschaft arbeiten heute nur noch weniger als vier Prozent aller Niederländer. Trotzdem stammt beispielsweise mehr als 80 Prozent der Welt-Tulpenproduktion aus den Niederlanden[2]. Über 1.200 Sorten werden hier kultiviert. Aber auch als Drehscheibe für weltweiten Blumenhandel hat sich das Land etabliert. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als in Aalsmeer, dem Mutterhaus der Flora Holland.

Die Geschichte der Flora Holland begann vor gut hundert Jahren. Damals organisierten Züchter der Legende nach auf dem Billardtisch eines Cafés die erste lokale Blumenversteigerung. Heute ist die Flora Holland die größte Blumenbörse der Welt. 2008 schluckte sie ihren bislang größten Konkurrenten, die Bloemenveiling Aalsmeer. Flora Holland ist genossenschaftlich organisiert, als gemeinschaftlich betriebener Markt der holländischen Blumenproduzenten und -händler. Entsprechend muss die Genossenschaft selbst keinen Gewinn abwerfen, sondern soll eine zuverlässige Abwicklung der Geschäfte rund um die Blumen ermöglichen. Das ist heute wichtiger denn je. Denn die Niederlande wollen ihre führende Position im Weltmarkt erhalten. Und das ist im Zeitalter der Globalisierung nicht einfach.

Flora Holland: 4,1 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr

Einige Zahlen: Die Genossenschaft Flora Holland wird täglich von 8.000 Züchtern aus dem In- und Ausland mit Blumen und Pflanzen beliefert. Etwa 2.500 professionelle Kunden kaufen jeden Tag hier ein. Die Versteigerungen verzeichnen einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro für über zwölf Milliarden Blumen und Pflanzen pro Jahr.[3] Im Jahr 2009 betrug der Umsatz von Flora Holland durchschnittlich 15,7 Millionen Euro am Tag. An Spitzentagen – wie in der Woche vor dem Valentinstag – steigt er auf bis zu 27 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte des Umsatzes wird mit Schnittblumen gemacht, gefolgt von Zimmer- und Gartenpflanzen. Täglich werden in 122.000 Geschäftsabschlüssen über Flora Holland mehr als 44 Millionen Blumen und rund 4,9 Millionen andere Pflanzen vermarktet. 4.500 Angestellte halten diese gigantische Drehscheibe des Blumenhandels in Schwung.

Wer als Tourist einmal bei den Versteigerungen zusehen will, muss früh aufstehen.[4] Aber das lohnt sich: Auf Hunderten von Containern fahren farbenprächtige Topf- und Schnittblumen schon um sechs Uhr morgens in einer riesigen Halle herum, kreuz und quer in langen Zügen. Längst nicht alle Blumen dieses gigantischen Balletts stammen aus den Treibhäusern der Niederlande. Immer mehr werden aus der Türkei, Ecuador, Kenia und weiteren Ländern importiert. In zunehmendem Maße werden in Aalsmeer Blumen und Pflanzen aus internationaler Produktion verkauft. Mit Lastwagen und Flugzeugen werden sie von Aaalsmeer weitertransportiert, durch ganz Europa und sogar nach Übersee. Hier zählt jede Minute. Vor der Tür stehen stets Hunderte Lastwagen bereit, um die Ware aufzunehmen. Und nebenan, am Flughafen Schiphol starten Flugzeuge mit dem Rumpf voller Blumen. Zeit ist Geld. Die Ware muss binnen weniger Stunden knackfrisch zum Kunden gelangen – welke Blumen haben keinen Wert mehr.

Von der „Holländischen Versteigerung“ zum Online-Handel

Vom gesamten Versteigerungsumsatz gehen mehr als 85 Prozent in den Export. Die wichtigsten Kunden sind Deutschland, England und Frankreich, aber auch die mittel- und osteuropäischen Länder und Russland gelten als Wachstumsmärkte der Zukunft für den niederländischen Blumenexport. Für Deutschland ist die Niederlande der wichtigste Lieferant von Schnittblumen. Von Januar bis November 2010 wurden beispielweise frische Schnittblumen im Wert von 730 Millionen Euro nach Deutschland eingeführt, und etwa 90 Prozent kamen aus den Niederlanden.[5]

In fünf Handelssälen bieten die Händler in Aalsmeer, während unten die bunten Blumencontainer vorbei fahren. Wegen des großen Aufwands für diese Container-Kolonnen nehmen in den letzten Jahren Versteigerungen zu, bei denen die Käufer vor Ort die Ware lediglich als Fotos auf dem Bildschirm sehen oder sogar online aus der ganzen Welt mitbieten. Geboten wird nach dem Prinzip der sogenannten „holländischen Versteigerung“. Dabei zeigt jede der Auktionsuhren den vom Verkäufer geforderten Preis. Die Uhr zählt rückwärts, beginnend mit einer hohen Zahl, die dann fällt. Der erste Bieter stoppt die Uhr und erhält den Zuschlag. Nach wenigen Sekunden schon hat auf diese Art jede Blume einen neuen Besitzer. Von den 39 Versteigerungsuhren der Flora Holland hängen 13 in Aalsmeer, die anderen sind auf die Zentren in Naaldwijk, Rijnsburg, Venlo, Bleiswijk und Eelde verteilt. Allein in Aalsmeer werden im offenen Handel durchschnittlich über 40.000 Abschlüsse pro Tag getätigt. Die Versteigerungshallen standen mit einer Grundfläche von 999.000 Quadratkilometer über Jahrzehnte als das weltgrößte Handelsgebäude im Guinness-Buch der Rekorde. Erst 2008 wurden sie vom Flughafen Dubai übertroffen.[6]

Heute läuft das Geschäft in Aalsmeer recht gut, die Umsätze sind wieder gestiegen. 2009 hingegen ging als das Krisenjahr der Branche in die Geschichte ein: Der Umsatz sank um fünf Prozent, einige Blumenproduzenten mussten Konkurs anmelden, die meisten konnten mit den Erlösen nur knapp die Kosten decken. Den größten Einfluss auf die Geschäfte haben dabei die Wechselkurse: Sinkt der Euro-Kurs gegenüber dem von britischem Pfu nd und Dollar, werden mehr Blumen vom Kontinent gekauft, und die Blumenimporte aus Südamerika und Afrika gehen zurück.[7] Die Kunden dagegen sind zuverlässiger als die Kurse – auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten bricht der Verkauf kaum ein. Und auch Moden sind Schnittblumen kaum unterworfen: Die Liste der 25 meistverkauften Blumen in Europa blieb über die letzten Jahre praktisch unverändert. Auf Platz eins steht Jahr für Jahr die Rose, und auch die Tulpe spielt immer auf den vorderen Plätzen mit.


[1] Vgl. hierzu die ARD-Sendung „W wie Wissen“, Online.
[2] Vgl. hier die ARD-Sendung „Planet Wissen“, Online.
[3] Vgl. FloraHolland: Umsatzwachstum für die Blumenversteigerung, Online.
[4] Einen ersten bildlichen Eindruck vermittelt eine kurze Reportage des US-amerikanischen Senders CNN, Online.
[5] Vgl. Statistisches Bundesamt: Zum Valentinstag: 90% der Blumengrüße stammten aus den Niederlanden, Online.
[6] Vgl. www.floraholland.com
[7] Vgl. Andres Wysling: Blumen unromantisch, Online.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011