II. Superdutch: Im Hollywood der Architekten

„Die Niederlande sind eine Art Hollywood für Architekten. Wer Schauspieler werden will, geht nach Hollywood, wer Architekt werden will, kommt hier hin“[1], beschrieb der kanadische Architekt Burton Hamfelt vom Architekturbüro S333 in Amsterdam noch vor einigen Jahren die Stimmung in den Niederlanden, die ihn und seine Partner, allesamt keine Niederländer, ausgerechnet in dieses kleine Land gelockt hat. Dieser Hype ist inzwischen abgeebbt und es hat sich Katerstimmung breit gemacht im Bauwunderland Niederlande. Von den Auswirkungen der Finanzkrise sind die Architekten stärker getroffen worden, als die meisten anderen Branchen. Seit 2007 ist ihr Auftragsvolumen um fast 70 Prozent geschrumpft und rund 40 Prozent der Architekten haben ihren ursprünglichen Job verloren.[2] Wie es aussieht, bleiben die Aussichten trübe. Das bedeutet für die Nachwuchsarchitekten einen klaren Paradigmenwechsel, bei dem sich noch zeigen muss, welche Formen er annimmt.

Holland Pavillion: Auf der Expo 2000 in Hannover
Holland Pavillion: Auf der Expo 2000 in Hannover
© AxelHH/wikimediacommons

Generation Superdutch

Zur Jahrtausendwende erlebt die niederländische Architektur mit einer Reihe ebenso innovativer wie origineller Projekte einen bisher unerreichten Boom und macht damit auch international auf sich Aufmerksam. Der „Popstar“ und Wegbereiter dieser Generation ist sicherlich Rem Koolhaas. Aber auch Architekten wie Ben van Berkel (UN Studio), Mecanoo oder das Studio MVRDV, das spätestens mit seinem Pavillon für die Expo 2000 in Hannover den internationalen Durchbruch feierte, sind inzwischen in der Riege der Stararchitekten angekommen.

Einen Begriff für diese „Goldene Ära“ der niederländischen Architektur prägte der Architekturkritiker Bart Lootsma in seinem Übersichtsband aus dem Jahr 2000. Er tauft die neue Schule des niederländischen Bauens „Superdutch“[3] und meint das nicht ohne Ironie: „Bei Vorträgen sorgte der Titel oft für Erheiterung, weil er für ein kleines Land so anmaßend klingt“, erklärt Lootsma später.[4]

Wirtschaftsboom trifft Architekturförderung

Woher kommen nun die Architekten der Generation „Superdutch“? Ihr Erfolg wird von verschiedenen Faktoren beflügelt: In den 1990er Jahren und zur Jahrtausendwende geht es den Niederlanden ökonomisch besser als je zuvor. Der anhaltende Wirtschaftsboom bringt eine große Menge interessanter Bauaufträge mit sich und die Bauherren müssen nicht am Detail sparen, was den Architekten größere Spielräume eröffnet.

Auch die Kulturpolitik gibt wichtige Impulse. In den 1980ern setzt sich der Trend durch, auf breiter Front internationale Architekten einzuladen, um auf diesem Wege die architektonische Qualität der Städte zu verbessern. Stararchitekten wie Renzo Piano, Norman Foster oder Daniel Libeskind bringen frischen Wind in die niederländische Architektenszene. Wesentlich angeregt durch Rem Koolhaas folgen außerdem eine Reihe von Lesungen, Publikationen und Ausstellungen, die die Debatte über Architektur anregen und diese ins öffentliche Bewusstsein bringen. Gleichzeitig kommt von Seiten des niederländischen Staates eine wichtige Unterstützung, indem dieser eine aktive Rolle bei der Architekturförderung einnimmt. In regelmäßigen Abständen werden seit Ende der 1980er Jahre in der so genannten Architekturnota Zielsetzungen der nationalen Architekturpolitik festgeschrieben. Diese legen Schwerpunkte und Handlungsrahmen der Förderpolitik fest. Zudem werden Stipendien für Architekten eingeführt, was vor allem dem Nachwuchs während der ersten Jahre der Existenzgründung zugutekommt.

Einen weiteren Impuls gab auch die Tatsache, dass vor allem in den 1980er und 90er Jahren junge Architekten schon früh ihre erste große Chance bekamen. Viele Absolventen stellten nach dem Diplom bereits ihr erstes richtiges Gebäude fertig. Ein Beispiel sind die fünf Studenten der Technischen Universität Delft, die 1981 die Ausschreibung für ein Studentenwohnheim in Rotterdam gewannen. Mit diesem ersten Projekt war das später weltweit bekannte und erfolgreiche Architektenbüro Mecanoo geboren.

Entwerfen in der Verhandlungsposition

Die zeitgenössischen niederländischen Architekten dieser Generation fallen durch ihre oft unkonventionellen Ideen auf. Wiel Arets, Ben van Berkel, und wenig später auch West 8, MVRDV, Neutelings und Nox, verwirklichen in den 1990er Jahren einen Aufsehen erregenden Plan nach dem anderen. Den Erfolg dieser Architekten erklärt Bart Lootsma folgendermaßen: „Die niederländische Architektur hat Anschluss an die internationale Debatte gefunden, ohne typisch niederländische Formen von Sachlichkeit und Realismus aus den Augen zu verlieren“[5]. Dabei ist die Tradition der Moderne ein wichtiger Angelpunkt. Weil den Niederlanden eine große Architekturtradition vor 1900 fehlt, beziehen sich Büros wie beispielsweise Mecanoo oder DKV auf die moderne Architektur der Jahre zwischen den Weltkriegen und der 1950er Jahre. Auch der soziale Wohnungsbau der 1920er und 30er Jahre bietet eine Referenz. Gleichzeitig findet eine Suche nach neuen Definitionen im inhaltlichen Bezug auf die Moderne statt. Besonders Rem Koolhaas treibt die Suche nach neuen Typologien und einer neuen Modernität an, indem er akzeptierte Gewissheiten über Architektur infrage stellt.

Wenn die Entwürfe dieser Architektengeneration etwas verbindet, dann ist es die Kombination aus Pragmatismus und dem Glauben an die Machbarkeit. Sie können nicht einfach autonom entwerfen, sondern befinden sich in einer Verhandlungsposition mit Auftraggebern, Bewohnern und Bauunternehmen. Hinzu kommen zahlreiche Bauauflagen und Sicherheitsstandards. Um in dieser Konstellation noch eine Rolle zu spielen, müssen ständig neue Strategien entwickelt werden und die Architekten der 1990er spielen mit der komplexen Auftragssituation, indem die Verhandlung und das Sammeln von Daten in den Entwurfsprozess integriert wird. „Volkommen unvoreingenommen analysieren sie den Auftrag jedes Mal aufs Neue und versuchen, dem Potenzial auf die Spur zu kommen, das darin verborgen liegt.“[6]

Seniorenwohnheim Oklahoma: In Amsterdam
Seniorenwohnheim Oklahoma: In Amsterdam
© elquemuerdelamano/cc-by-sa

Ein herausragendes Beispiel dafür, wie Architekten die Auflagen von Seiten der Auftraggeber in eine überzeugende Form übersetzt haben, ist der Seniorenwohnkomplex Oklahoma (1997) in Amsterdam. Erst die nachtäglichen Veränderungen am ursprünglichen Entwurf geben dem Gebäude „das gewisse Etwas“. Aus wirtschaftlichen Gründen verlangte der Auftraggeber plötzlich, dass 100 statt der ursprünglich 87 geplanten Wohneinheiten verwirklicht werden. Statt den bereits fertigen Entwurf zu ändern und die darin vorgesehenen Wohneinheiten zu verkleinern, wählten MVRDV Architekten eine ebenso unkonventionelle wie ästhetisch interessante Möglichkeit: Sie hängten die zusätzlichen 13 Wohneinheiten einfach als Blöcke an die Außenfassade des Gebäudes. So kam der Komplex zu seinem bemerkenswerten Profil, das an einen Schrank mit herausgezogenen Schubladen erinnert und für internationale Beachtung sorgte.[7]

Meist zeichnen sich die Entwürfe der „Superdutch“-Architekten durch solche originellen und effektiven Ideen aus, bei denen ein bauliches Problem auf gewitzte Art und Weise gelöst wird. Ein ganz anderes Beispiel dafür ist das Minnaert-Gebäude, das Willem Jan Neutelings und Michiel Rietdijk für die Universität Utrecht entworfen haben: Die Fassade des Mehrzweckbaus ist mit günstigem Spritzbeton verkleidet, dem Eisen beigemischt wurde, damit er langsam rostet und der Außenhaut ein charakteristisches und zugleich fluides Aussehen verleiht. Alle Räume ordnen sich um einen Innenhof, in dem sich ein kleiner Teich aus Regenwasser bildet, der nicht nur als Kernstück des Gebäudes, sondern auch zur Kühlung dient.

Der Clou beim Medienkommissariat (Commissariaat van de Media) in Hilversum von Koen van Velsen sind die in den Gebäudekörper integrierten Bäume. Damit auf dem bewaldeten Grundstück möglichst wenige Bäume gefällt werden mussten, baute man einfach darum herum.

Architektur in der Krise: Die Chanche?

Bis heute bleibt die Generation der Architekten, die in den 1980ern und frühen 90ern groß geworden sind, tonangebend in der niederländischen Architektur und räumt die großen nationalen wie internationalen Aufträge ab. Für jüngere Büros ist es dagegen nicht einfach, sich einen Platz zwischen diesen Größen zu erobern. Anders als noch vor wenigen Jahren ist es für Nachwuchsarchitekten mittlerweile viel schwieriger geworden, an attraktive Aufträge zu kommen. Die Zeiten, in denen ein niederländischer Architekt spätestes mit Mitte Zwanzig sein erstes Haus gebaut hat, sind definitiv vorbei. Ein Grund dafür ist die europäische Gesetzgebung, die bei der Auftragsvergabe für öffentliche Gebäude so strenge Regeln vorschreibt, wie sie jüngere und kleinere Büros nur selten erfüllen können.

Auch die ökonomische Situation ist weit weniger günstig als in den prosperierenden 1990er Jahren, so dass sich die Auftraggeber, egal ob öffentlich oder privat, weniger risiko- und experimentierfreudig zeigen. Die weltweite Finanzkrise hat den Bausektor in den Niederlanden ganz besonders hart getroffen. Das stabile Wachstum, das seit den 1990er Jahren für einen anhaltenden Bauboom gesorgt hatte, ist zu Ende und die Aussichten bleiben vorerst trübe. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach einer Studie des Königlichen Instituts Niederländischer Architekten (BNA) aus dem Jahre 2009 fiel ein Drittel der Architekturbüros in weniger als zehn Monaten der Krise zum Opfer.[8] Im selben Jahr erklärte die Stadt Amsterdam ihre öffentliche Baustiftung für Pleite und legte alle geplanten Bauprojekte, die noch nicht begonnen waren, bis auf Weiteres auf Eis.[9]

Zu dem Schluss, dass die „fetten Jahre“ der großen Bauaufträge vorbei sind, kam das Niederländische Architekturinstitut bereits in der Publikation zum jährlichen landesweiten Architekturpreis. Die Zeit der spektakulären Großentwürfe sei vorbei. Die neue Generation von Architekten komme bescheidener daher und beweise dafür aber oft ein feineres Gespür für Materialien und Texturen.[10]

Mit der Publikation und der Ausstellung „Architektur der Konsequenz“[11] (2009) wollte das Nai (Niederländisches Architektur Institut) eine neue Vision auf die zukünftigen Aufgaben der Architektur zu entwickeln. So schreibt ihr der Direktor Ole Bouman eine entscheidende Rolle bei der Lösung der weltweiten Krise und bei der Entwicklung von Zukunftsvisionen zu: Die Krise „bietet die Gelegenheit, zum Ursprung der Architektur als kreative Raumorganisation des menschlichen Lebens zurückzukehren – nicht durch die Wahl eines bestimmten Stils oder konzeptuelle Analysen, sondern durch die Erfindung neuer räumlicher Konstellationen; nicht durch Raumzuteilung und Umsetzung eines bestimmten Programms, sondern durch Mitschaffung einer Raumorganisation für eine Vielzahl von Programmen; nicht durch den Bau von Dingen im Raum, sondern durch die Organisation von Abläufen in der Zeit; kurz, eine Rückkehr nicht zum physischen Objekt, sondern zur erbrachten Leistung. Bei dieser Architektur geht es nicht um oberflächliche Schönheit, sondern um Ergebnisse. Endlich erweist sich die Architektur als unvergleichliches Innovationsfeld.“[12]

Nachhaltigkeit ist eine der Strategien, die der Band hervorhebt. Spezialisten auf diesem Gebiet sind 2012 Architecten. Weggeworfene Gegenstände bilden das Ausgangsmaterial für die Entwürfe des Recycling-Kollektivs. So entstehen überraschend ästhetische Konstruktionen wie einen Pavillon aus ausgemusterten Waschbecken oder eine Espressobar aus alten Waschmaschinen. Das bisher sicher komplizierteste Projekt von 2012 ist sicherlich die Villa Welpeloo in Enschede (2010). Das Haus besteht zum größten Teil aus recycelten Materialien. Mit Weggeworfenem arbeiten auch Wikado Architekten, die in Rotterdam einen kompletten Spielplatz aus ausgemusterten Rotorblättern von Windrädern gebaut haben.

Das Projekt Freehouse, eine Kollaboration der Künstlerin Jeanne van Heeswijk und des Architekten Dennis Kaspori, hat weniger mit Bauen als mit der Untersuchung und Stimulierung lokaler Ökonomien in Rotterdam zu tun. In Zusammenarbeit mit Bewohnern und verschiedenen Künstlern und Designern haben sie ein neue Einrichtungen und Produkte entworfen und die Struktur eines bestehenden Marktes überarbeitet – ein eher subtiler urbanistischer Eingriff.

Wie den modernistischen Altlasten der Wiederaufbauphase, die mittlerweile an Altersschwäche leiden, neues Leben eingehaucht werden kann, haben biq Stadsontwerp am Beispiel der Wohnblöcke Knikflats[13] im Rotterdamer Stadtteil Ommoord bewiesen. Aus den typischen eintönigen Mietskasernen sind durch geschickte Eingriffe aufgewertet worden. Es muss eben nicht immer Abriss sein.


[1] Jodidio, Philip: NL: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.
[2] vgl. Koning, Martin/Elp, Martin van: Actuele situatie in de bouw. Overzicht ten behoeve van de nieuwe woonvisie, Amsterdam 2011, Onlineversion.
[3] vgl. Lootsma, Bart: Neue niederländische Architektur – SuperDutch, Stuttgart u.a. 2000.
[4] Lootsma, Bart: SuperDutch afterthoughts. Ein Blick in die Niederlande, in: Informationen zur Raumentwicklung Nr. 11/12 (2002), S. 683–691, Onlineversion.
[5] Lootsma, Bart: Neue niederländische Architektur – SuperDutch, Stuttgart u.a. 2000, S. 19.
[6] ebd., S. 24.
[7] vgl. Nai Publishers (Hrsg.): Reading MVRDV, Rotterdam 2003.
[8] vgl. Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009, Onlineversion.
[9] vgl. RTL: De markt giert naar beneden: gemeente Amsterdam stopt volledig met nieuwbouw, Artikel vom 2. Juli 2010, Onlineversion.
[10] vgl. Betsky, Aaron et al. (Hrsg.): Bare Facts. De beste gebouwen van jonge architecten in Nederland, Rotterdam 2006.
[11] Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009, Onlineversion.
[12] vgl. ebd.
[13] vgl. offizielle Fotos zum Knikflats-Projekt

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012