XI. Die niederländische Botschaft in Berlin

Schriftzug im Hof der niederländischen Botschaft zu Berlin
Schriftzug im Hof der niederländischen Botschaft zu Berlin
© NiederlandeNet

Jan Boeles huscht durch die Flure. Treppe rauf, Treppe runter, Wandelgang und Panzertür. Blick links, Blick rechts. „Ach, ist es hier schön.” Jan Boeles fühlt sich wie zu Hause. „Und wie schnell das alles geht. Oder haben sie jetzt gemerkt, dass wir vier Stockwerke erklommen haben?” Tipp, tipp, tipp. Der Presseattaché der niederländischen Botschaft steigert sich schon fast in Liebeserklärungen: „Schauen sie doch, der Blick auf die Spree. Herrlich!” Fast schon eine Gracht. Jan Boeles ist voll des Lobes über sein neues Domizil: Die neue Botschaft der Niederlande. „Kommen sie mit, ich zeig ihnen noch mehr.”

Der Weg in die Botschaft führt durch eine Panzertür. Nur ein schmaler Gang gibt Einlass und begrüßt wird man – wie könnte es anders sein – von Beatrix. Gleich vier Mal hängt die Königin auf Pop-Art-Bildern im Foyer. Davor eine braune Designercouch, die unter den Beamten der Botschaft „De hond” genannt wird. In der Tat: Sie ist schön flauschig.

Lobby der Botschaft mit Beatrix-Portraits und der Designercouch „De hond”
Lobby der Botschaft mit Beatrix-Portraits und der Designercouch „De hond”
© NiederlandeNet - Tim Mäkelburg

Jan Boeles erzählt, dass die Botschaft eigentlich allen Menschen Zugang bieten sollte. Die Büros der Beamten sind offen, mitunter fehlt die Wand zwischen Arbeitszimmer und Besucherflur. Transparenz sollte im Turm geschaffen werden. Aber das sich Besucher und Beamte vis-a-vis stehen, dazu ist es nicht gekommen. Zugang gibt es nur durch eine Sicherheitsschleuse. Der Terror verdrängte die Transparenz.

Die zweiminütige Mühe in der Schleuse lohnt sich aber. Faszinierend das gläserne, grünfarbige Trajekt. Ein bandförmiger Gang zieht sich durch das gesamte Haus und verbindet die Etagen miteinander. Ein schillerndes Licht geht von dem Gang aus und erfasst das Haus. Wer genau guckt, entdeckt die „James Bond-Türen”, wie Jan Boeles sie nennt, hinter ihnen verstecken sich die Mitarbeiterbüros.

In dem Haus an der Spree gibt es viele Details, die Interessant erscheinen. Die Skybox etwa, ein enormer Erker bei dessen betreten man sich fragt, ob man auch wirklich nicht hinunter fällt. Nein fällt man nicht, trotz der gut zwölf Meter Hausvorsprung, die in den Innenhof ragen. Man fällt auch nicht aus dem Fenster, auch wenn sie nicht „auf Kipp” gesetzt werden können. Die Luftlucken sind nur ein paar Zentimeter breit: „fantastisch simpel”, sagt Jan Boeles.

Aber es gibt nicht nur Lob. Architekturkritiker beklagen die schlechte Belüftung und die geringe Deckenhöhe, von gelegentlich knapp zwei Metern. Jan Boeles wischt die Bedenken weg und zeigt lieber auf den Fitness-Raum im Obergeschoss: Ein offener Glasraum mit Hanteln und Stepper, Laufbändern und Ergometer. Nur wer setzt sich da drauf, zur Arbeitszeit? „Och, 20 Anmeldungen haben wir schon”, sagt Boeles.

Es ist ein komischer Klotz. Eigentlich ein viereckiges Gebäude aus Glas und Aluminium, aber irgendwie doch nicht so ganz. „Architekt Rem Koolhaas war mit der Vorgabe der Stadt Berlin nicht einverstanden”, sagt Jan Boeles. Die sieht für Botschaftergebäude eine Würfelform vor, aber Koolhaas half sich mit einem Kunstgriff: Baute sein Botschaftergebäude so wie er es wollte und hat zum Ausgleich einen Wohnflügel angebaut, um wieder ein viereckiges Gebäude zu erhalten. „Das ist doch genial”, schwärmt Boeles.

Nun ja, genial. Rem Koolhaas ist auf jeden Fall Exentriker und seine Kunst nicht minder exentrisch. Der Stararchitekt aus Rotterdam, der unter anderem die neue Radiostation in Peking baut und in diesem Jahr die Bibliothek in Seattle und das Guggenheim-Museum in Las Vegas fertig stellt, richtet seine Gebäude nicht an die Benutzer, sondern „die Benutzer müssen sich an den Gegebenheiten der Gebäude richten”, wie er in einem Interview mit de Volkskrant klar stellte.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005