IX. „60 Sekunden Architektur“: Bauen für die Autobahn

Bewegung ist sein Metier: Der Künstler und Architekt John Körmeling ist bekannt für seine unkonventionellen Ideen. Um Parkplatzprobleme zu lösen, entwickelte er zum Beispiel ein Drive-In-Riesenrad in dessen Gondeln jeweils ein ganzes Auto passte. In der Stadt Tilburg machte er Furore mit Kunst für den Kreisverkehr : Dort verzierte er die Verkehrsinsel mit einem Haus, das sich auf einer Schiene ganz langsam in der Runde dreht. Selten steht das Objekt im Mittelpunkt seiner Entwürfe. Stattdessen will er neue Perspektiven auf die urbane Realität eröffnen. Dabei spielt Bewegung meist eine zentrale Rolle: Auf diese Weise ermöglicht er Nutzern, die Landschaft auf eine andere Weise zu erfahren.

Zu einer von Körmelings zahlreichen Ideen gehört auch der Vorschlag, die ganze städtische Infrastruktur am Rande der Autobahn zu bauen, damit die Autofahrer die täglichen Dinge des Lebens quasi im Vorbeifahren verrichten können: Arbeiten, Amtsangelegenheiten, Einkaufen – alles ein einziger Drive In. Zunächst mag das absurd klingen, aber so weit ist diese Idee gar nicht von der Wirklichkeit entfernt. Tatsächlich sind die Autobahnen ein wichtiger Alltagsbestandteil für Millionen Niederländer. Das flächenmäßig kleine Land kann immerhin fast 2.500 Autobahnkilometer vorweisen, und trotzdem stehen die Berufspendler tagtäglich auf mehreren Hundert Kilometern im Stau. Auch der Platz an den Fahrbahnrändern wird eifrig genutzt. Auf langen Strecken reihen sich die Gewerbekomplexe wie bunte Perlen an der Autobahn auf. Mit Neonschriften wird über Produkte informiert, Plakate signalisieren wahlweise freie Jobs oder freie Büroetagen und Autohändler stellen ihre Neuwagen direkt an der Leitplanke zur Schau: Dort werden sie natürlich von besonders vielen potentiellen Kunden wahrgenommen.

Den ordnungsliebenden Niederländern wird diese Vielfalt in der Landschaft aber auf Dauer zu bunt. In der von der Regierung im Jahre 2000 verabschiedeten Architekturnota wurde darum der Ästhetik an der Autobahn besondere Priorität eingeräumt. Unter den neun großen Projekten, die das Land in den folgenden Jahren realisieren wollte, stand ein Totalkonzept für die A12 zwischen Den Haag und Arnheim ganz oben auf der Prioritätenliste. „Wegen der verschiedenen Lärmschutzmauern und der divergierenden Auffassungen über Design geben die Autobahnen aus architektonischer Sicht oft ein unordentliches Bild ab. Für die A12 wird ein Gesamtkonzept  angefertigt, das als Vorbild für andere Autobahnen dienen kann“. [1]

Ein wirklich überzeugendes gestalterisches Konzept ist bei diesem Vorhaben nicht heraus gekommen. Für rund 120.000 Euro wurden die Laternenmasten auf dem Mittelstreifen mit vierfarbigen Bändern verziert. Jede Farbe soll für einen der vier Landschaftstypen stehen, den die Autobahn durchkreuzt. Außerdem bekam die schnöde Stecke aus Asphalt den schmückenden Beinamen „Regenbogenroute“.

Aber es gibt auch weitaus interessantere Beispiele dafür, was Design und Architektur an der Autobahn bedeuten können. An der auf gigantische fünf Spuren ausgebauten A2 bei Utrecht versetzen zwei schnittige, langgezogene Bauten den daran vorbeirasenden Autofahrer in Erstaunen: Das Hessing Cockpit von Kas Oosterhuis (ONL) und The Wall von Fons Verheijen (VVKH architecten). Die futuristisch anmutenden Gebilde sehen aus, als wären sie geradewegs aus dem Windkanal gekommen. Diese erste Assoziation kommt dem ästhetischen Ideal der beiden Architekten tatsächlich ziemlich nahe, denn die Formen der Gebäude sind unter anderem von den Linien und Rundungen von Automobilen inspiriert. Aber das stromlinienförmige Äußere ist nicht das eigentlich Besondere an diesen Entwürfen.

The Wall und das Hessing Cockpit sind vor allen Dingen deshalb richtungweisend, weil sich die Bauten nicht vor der Autobahn verstecken, ihr nicht den Rücken kehren, sondern sich in ihre Richtung öffnen. Beide Architekten nutzen nämlich die an dieser Stelle vorgesehenen Lärmschutzwände, um darin gewerbliche Räume zu integrieren. Mit dieser Idee begeben sie sich auf unbekanntes Terrain, für das es bisher nur wenige Vorbilder gibt. The Wall ist mit seinen 800 Metern das längste Gebäude der Niederlande. Es beherbergt mittlerweile ein Einkaufszentrum mit 65.000 Quadratmetern Ladenfläche. Wie eine sich aufrichtende Kobra schlängelt sich das Bauwerk mit der auffällig roten Dachkonstruktion um eine langgezogene Kurve, um schließlich in einem ebenfalls rot überdachten Kopfstück zu münden. Die Geschwindigkeit der Autobahn ist Teil des Entwurfes. Der Autofahrer, der an der an der sich hebenden und senkenden Linie vorbeifährt, soll den Eindruck bekommen, dass das Gebäude fließt. Um dies zu erreichen, wurde The Wall nicht gezeichnet, sondern animiert: Die Form ist auf Basis von zahllosen 3D-Filmen entstanden, die mit dem Animationsfilmprogramm Maya erstellt wurden.

Einen ähnlichen Weg wählt Kas Oosterhuis (ONL) mit seinem Hessing Cockpit, das ein Autohaus und eine Werkstatt für Luxuswagen in einer Lärmschutzwand integriert. Das langgezogene Gebilde mit seinen Plexiglasfronten beschreibt der Architekt selbst als „60 Sekunden Architektur“ und meint damit die Zeit, die ein Auto brauchen würde, um mit 120 Stundenkilometern daran vorbei zu rauschen. Dominantes Designprinzip sind die langgezogenen Linien, die über den insgesamt 1,5 Kilometer langen Baukörper zu gleiten scheinen und ein feinmaschiges Netz aus Dreiecken bilden. An einer Stelle der transparenten Lärmschutzwand wölbt sich das Cockpit in einer langgestreckten Blase nach außen, „wie eine Antilope, die von einer Schlange verschlungen wurde“, so Oosterhuis. In dem dreistöckigen Hohlraum werden Edelkarossen wie etwa Rolls Royce, Lamborghini und Maserati effektvoll ausgestellt.

Kas Oosterhuis ist in den Niederlanden einer der Pioniere der Computerarchitektur. Die Aufgabe des Architekten sieht er vor allem darin, Informationen zu verwalten. Er arbeitet nicht mehr mit klassischen Grundrissen, Fassadenentwürfen und Längsschnitten, sondern geht von einem kompletten und komplexen Gebäudemodell aus, dessen Essenz die Computerdaten bilden. „Wird ein einziges Gebäudedetail verändert, werden die anderen Teile gleich auch neu berechnet“. Für das Bauprojekt in Utrecht lieferte diese Vorgehensweise den Architekten eine ganz besonders große Flexibilität. So konnten hunderte verschiedene Plexiglasformen und tausende verschiedene Stahlprofile relativ einfach auf Maß hergestellt werden, weil das Computerprogramm, das den Entwurf berechnete, die Daten für die Produktionsmaschinen gleich mitlieferte.

Die Entwürfe von ONL und VVKH architecten machen einen ersten Schritt im Sinne von John Körmelings Vision einer Drive-In-Stadt am Rande der Autobahn und seinem Anspruch, den Nutzern von Architektur neue Perspektiven auf die Landschaft zu ermöglichen. Denn es geht bei den Projekten an der A2 nicht allein darum, dem Autofahrer eine spannende Aussicht zu bieten oder eine Verschönerungsmaßnahme vorzunehmen. Vielmehr wird reflektiert, was eine Autobahn eigentlich ausmacht und im nächsten Schritt überlegt, welche Funktionen man ihrer Umwelt durch architektonische Eingriffe hinzufügen kann. Dabei funktionieren die schicken Designgebäude auch nicht völlig anders als die längst vorhandenen Trucker-Raststätten, Autohöfe und Spielcasinos, die sich bedarfsgemäß am Rande der Autobahn ansiedeln. Nur sehen sie dabei imposanter aus.


[1]Ontwerpen aan Nederland, Architectuurbeleid 2001-2004 Online.

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012