III. Anno 2005 – Architektur vor der Krise

Der Hype in der niederländischen Architekturszene war im Jahr 2005 – lange bevor irgendjemand das Wort Finanzkrise auch nur ausgesprochen hatte – noch voll zu spüren. Diese Stimmung wird durch folgenden Text deutlich, der zu Beginn jenes Jahres hier auf NiederlandeNet erschien:

Die Architekturszene der Niederlande hat einen international ausgezeichneten Ruf, und dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Mitte der 1980er Jahre wurden mehrere staatliche Architekturwettbewerbe (unter anderem Air) ins Leben gerufen, die erheblich zum Erfolg beigetragen haben. Lockten sie doch ausgezeichnete internationale Architekten ins Land, die die jungen Niederländer auf vielfältige Weise inspirierten. Der Staat betrachtet Architektur nicht als Schöngeisterei, sondern sie wird sehr ernst genommen. In der Kulturnota 2003 werden 26,8 Millionen Euro für die Architekturförderung bereitgestellt. Das ist keine riesige Summe, aber sie wird gezielt eingesetzt.

Zwei Architekturfonds sorgen dafür, dass das Geld vor allem an junge Nachwuchsarchitekten geht und ihrer Förderung zugute kommt. Auch werden gezielt Projekte gefördert, die sich mit den Problemsiedlungen der 1960er und 70er Jahre auseinandersetzen. Die Niederlande sind ein Versuchslabor für junge Architekten und Rotterdam ist ihre Hauptstadt. Kaum eine andere Stadt zieht so viele junge, talentierte Architekten an. Denn hier haben sie das seltene Glück auch „rangelassen“ zu werden. Rijn van der Lucht, Ausstellungsleiter des Niederländischen Architekturinstituts (Nai) in Rotterdam: „Die Auftraggeber sind sehr experimentierfreudig. Und das hat zur Folge, dass wir in den vergangenen zehn Jahren eine sehr spannende Fülle an experimenteller Architektur hervorgebracht haben.“

Alles scheint möglich: 25-jährige Studenten der Universität Delft durften 250 Wohnungen im Herzen von Rotterdam entwerfen. Die berühmte Erasmusbrücke entstammt der Feder des 30-Jährigen Nachwuchsarchitekten Ben van Berkel, der daraufhin beachtliche Bauwerke erschuf: Das Museum Valkhof in Nimwegen oder das Rijksmuseum in Enschede sind seine Bekanntesten.

Die junge Avantgarde hat auch das Interesse des Auslandes geweckt. Täglich beantwortet das Architekturinstitut Anfragen aus Amerika und Europa, Ausstellungen werden geplant und Absprachen getroffen. Das Institut beherbergt die Hinterlassenschaft von 500 niederländischen Architekten: Entwürfe, Korrespondenzen und Zeichnungen. Jeweils das gesamte Oeuvre wird gesammelt. Oft sind es Schenkungen der Architekten. Ein enormes know-how wurde so zusammengetragen und eine einzigartige Architektur-Infrastruktur aufgebaut. Zurzeit sind alle Objekte, Briefe und Zeichnungen von Rem Koolhaas in zwei öffentlichen Ausstellungen zu sehen. „Das wird es nie wieder geben“, sagt Van der Lucht.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005
Aktualisiert: Januar 2012