III. Wirtschaft und Arbeitslosigkeit in den Niederlanden vor Beginn der Besatzungszeit

Die Niederlande standen in den dreißiger Jahren vor einigen wirtschaftlichen Problemen. Die Volkswirtschaft krankte an zu einseitiger Orientierung am landwirtschaftlichen Produktionssektor, starker Rückständigkeit im industriellen Bereich und sinkenden Exportzahlen niederländischer Erzeugnisse auf dem europäischen und vor allem dem deutschen Markt.  Diese Entwicklungen ließen, gemeinsam mit der schwerwiegenden Beeinträchtigung des Exports durch eine stark konservative, verfehlte Währungs- und Deflationspolitik der Regierung Colijn, die Arbeitslosigkeit in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre um ein Vielfaches ansteigen (1929: 100.000; 1935: 511.000). Die Regierung sah sich gezwungen, die Arbeitslosen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ‚in Lohn und Brot‘ zu bringen, da die notwendigen öffentlichen Wohlfahrtsleistungen den niederländischen Staatshaushalt in empfindlicher Weise belasteten.  Dem Vorbild der sog. ‚Grenzgänger‘, die traditionell Arbeit im deutschen Grenzgebiet fanden, folgend, versuchte das niederländische Sozialministerium ab 1936 Arbeitskräfte in weitaus größerem Stil zur Arbeit nach Deutschland zu vermitteln als zuvor, um so die angespannte Situation des schwerwiegenden Arbeitsplatzmangels zu entschärfen.

Zudem gewann in dieser Zeit in den wirtschafts- und sozialpolitischen Führungskreisen der Niederlande ein Gedanke an Popularität, der schnellere und nachhaltigere Erfolge bei der Bekämpfung der Probleme von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftslenkung zu versprechen schien: Der Staat müsse größere Autorität zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geltend machen können und nötigenfalls sogar – natürlich nur zum Wohle der Gemeinschaft – in die Freiheit des Einzelnen  eingreifen dürfen. Dieser paternalistischen Staatsauffassung entsprechend, sprachen sich die Arbeitsminister Slingenberg (Freisinnig-Demokratischer Bund) und sein Nachfolger Rommé (Römisch-katholische Staatspartei) für härtere Maßnahmen gegen Arbeitslose aus, die von der Möglichkeit, eine angebotene Stellung in Deutschland anzunehmen, keinen Gebrauch machen wollten. Beide Arbeitsminister versuchten während ihrer jeweiligen Amtszeiten, sozialen Druck auf diese Arbeitslosen auszuüben, indem sie die örtlichen Arbeitsämter anwiesen, an Arbeitslose, die eine Vermittlung nach Deutschland verweigerten, keine Unterstützungsgelder mehr auszuzahlen. So empfahl etwa Slingenberg in einem Rundschreiben vom 10.9.1936 an die Direktoren der lokalen Arbeitsämter – noch deutlich zurückhaltend formuliert -, dass „im Falle der Weigerung überprüft werden müsse, […] ob etwaige Arbeitslosen- oder Unterstützungszahlungen weitergeführt werden könnten“ .

Die Methode zeigte Erfolg: In den Jahren 1937 und 1938 stieg die Zahl der Vermittlungen nach Deutschland von 6.000 auf 18.000 niederländische Arbeitskräfte, zumeist vormals beschäftigungslose Land- und Bauarbeiter, an. Kritik an der Vermittlungspraxis unter sozialem Druck in ein Land, dessen politische, ideologische und militärische Entwicklung auch in den Niederlanden mit zunehmender Sorge betrachtet wurden, begegnete man aus Kreisen des Sozialministeriums mit dem Hinweis, „man [gehe] nicht nach Deutschland […] ‚um Politik zu machen‘, sondern allein ‚um dort zu arbeiten‘“ .  Der Direktor des Reichsdienstes für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung ging sogar so weit, die Kritiker des Arbeitskräftetransfers nach Deutschland als ‚organisierte Volksverarmer‘ zu bezeichnen, die ebenso wie die sich verweigernden Arbeitslosen ‚nicht mit Samthandschuhen‘ anzufassen sein.

Im September 1939 ließ Sozialminister van Tempel aufgrund des Kriegsbeginns die Vermittlungspraxis unter Verwendung des sozialen Druckmittels der Einbehaltung von Unterstützungsgeldern, die seine Vorgänger bereitwillig praktiziert hatten, kurzfristig aussetzen. Da er diese Direktive an die Arbeitsämter jedoch vertraulich behandeln ließ, wurde sie der breiten Masse der niederländischen Bevölkerung gar nicht erst bekannt.

Das niederländische Reichsarbeitsamt und der Reichseinsatz

Schon vor Ausbruch des Krieges hatten die Beamten des niederländischen Arbeits- und Sozialministeriums sich bei der Suche nach alternativen wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Konzepten, auf deren Grundlage die Arbeitslosigkeits- und Konjunkturproblematik gelöst werden könnte, auch im Ausland umgeschaut. Neben dem ‚New Deal‘ Roosevelts in den USA hatten besonders die Arbeitsbeschaffungs- und Konjunkturprogramme des nationalsozialistischen Deutschlands mit ihrem Reichsautobahnbau, dem Vierjahresplan und der Errichtung neuer Industriezweige das Interesse der wirtschaftssachverständigen niederländischen Politiker geweckt. Sie befürworteten, orientiert am staatlich straff durchorganisierten deutschen Wirtschaftskonzept, besonders auch auf dem Feld der Arbeitskräftelenkung, eine hierarchisch und zentralistisch organisierte Wirtschaftslenkung. Dabei erschien Robert A. Verwey, amtierender Reichsdirektor für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung, und seinen wirtschaftspolitischen Fürsprechern der Ausbau der zentral organisierten deutschen Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in Nürnberg als nachahmenswertes Modell für die Niederlande und somit als erster Schritt in Richtung eines Auswegs aus der zeitgenössischen Misere der niederländischen Arbeits- und Sozialpolitik. Zudem lud Verwey seinen deutschen Kollegen, Reichsarbeitsamtspräsidente Friedrich Syrup, dessen Maßnahmen zur Arbeitslosenbekämpfung er öffentlich als „von welthistorischer Bedeutung und wünschenswert“ lobte, zu einem Vortrag vor der niederländischen sozialpolitischen Führungsriege ein, der einer Diskussion um die Notwendigkeit einer Orientierung am deutschen Vorbild weiteren Vorschub leistete. Zu politischen Schritten in diese Richtung kam es vor  Beginn der Besatzung in den Niederlanden allerdings nicht mehr.

Die politisch-ideologischen Entwicklungen auf dem Gebiet der niederländischen Wirtschafts- und Sozialpolitik in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zeigen, dass zwischen deutschen und niederländischen Wirtschafts- und Sozialpolitikern gewisse Gemeinsamkeiten bezüglich wirtschafts- und sozialpolitischer Ziele und Methoden bestanden. Dieser Umstand muss als Grund dafür angesehen werden, dass sich die wirtschaftspolitische Zusammenarbeit beider Länder auch nach Beginn der Besatzung, zumindest in der Anfangsphase, relativ reibungslos und konfliktfrei gestaltete.

Zudem liegt darin auch einer der wichtigsten Gründe für die relativ unproblematisch nach deutschen Interessen verlaufende Planung und Durchführung der Anwerbung niederländischer Arbeitsloser und ‚Freiwilliger‘ für den Arbeitseinsatz in Nazi-Deutschland im ersten Jahr der Besatzungszeit: Der Bedarf Deutschlands an zahlreichen ausländischen Arbeitskräften für die kriegswirtschaftliche Produktion korrelierte perfider Weise mit dem noch dringlicheren Bedürfnis niederländischer Arbeits- und Sozialpolitiker, arbeitsfähige Bürger ohne Beschäftigung und Auskommen, notfalls auch außerhalb des Landes, schnellstens und womöglich langfristig zur Lohnarbeit zu vermitteln. Und auch wenn die Motive der meisten niederländischen Beamten und Wirtschaftspolitiker während der Besatzungszeit durchaus häufig auf ein Erzielen des ‚möglichst Besten‘  für die Bevölkerung zielten, das unter den gegebenen Umständen zu erreichen war, gab es doch Beamte, die zudem, ähnlich wie im Fall Verweys, die Besatzungszeit als Gelegenheit begriffen, eine straffere und antiliberale Sozialgesetzgebung auf den Weg zu bringen. 


[2] Sijes, B. A.: De arbeidsinzet. De gedwongenarbeid van Nederlanders in Duitsland, 1940-1945, 's-Gravenhage ²1990, S. 38.
[3] Ebd., S.39.

Autor: Christian Kuck
Erstellt:
September 20