X. Urlaub und Freizeit

Seit August 1941 war einheitlich geregelt, dass ausländische Arbeitskräfte grundsätzlich Anspruch auf (Heimat-)Urlaub hatten. Für Ostarbeiter und Polen galten wiederum Sonderregelungen. Unverheiratete durften nach einem Jahr zwei Wochen bezahlten Urlaub nehmen, Verheiratete bereits nach einem halben Jahr. Dennoch ließen die Betriebe ihre ausländischen Arbeitskräfte, trotz eindeutiger Zusicherung des Urlaubsanspruchs durch das NS-Arbeitsrecht, ungerne gehen und versuchten mittels verschiedenster Eingaben bei staatlichen Stellen, die Urlaubsfahrten zu verhindern. So verwiesen sie kurzerhand darauf, alle verfügbaren Arbeiter für die als ‚kriegswichtig‘ eingestufte Produktion zu benötigen. Hierfür erhielten sie nicht selten Rückendeckung durch die NS-Wirtschaftsstellen. Die ‚Geschäftsgruppe Soziale Verwaltung‘ bestimmte in einem Brief vom 2. Oktober 1941 an das Reichsarbeitsbüro, dass es Sache der Betriebsführer sei zu bestimmen, wann Arbeitskräften Urlaub gewährt werden könnte und wann die Produktionserfordernisse dies ausschlössen.

Mit dieser Richtlinie bot sich den Betriebsführern ein nützliches Werkzeug, die Urlaubswünsche ihrer Belegschaft bei Bedarf jederzeit ‚produktionswichtigen Belangen‘ unterordnen zu können, worüber auch die niederländischen Arbeitskräfte nicht selten in Wut gerieten. In Frankfurt am Main kam es im Dezember 1941 deshalb sogar zu einem kurzfristigen Streik der niederländischen Belegschaft, weil man den Arbeitern unmittelbar vor Urlaubsbeginn kurzerhand erklärt hatte, sie könnten nun doch nicht, wie versprochen, in Urlaub gehen. Nach einer Drohung der Arbeitskräfte, sofort in die Niederlande zurückzukehren und einem Protestmarsch vor das örtliche Arbeitsamt und die Niederlassung der örtlichen DAF-Zentrale, lenkten die deutschen Stellen allerdings ein, und ließen ungefähr 60-70 % der niederländischen Belegschaft doch noch ihren Urlaub antreten. Ein solches Nachgeben der deutschen Stellen sollte in der Folgezeit jedoch nicht wieder vorkommen.

Ab 1942 mussten urlaubswillige Niederländer eine Vielzahl an Unterschriften leisten und Dokumente vorlegen, was, aufgrund des hohen Zeitaufwands für unzählige Behördengänge außerhalb der Arbeitszeiten, kaum zu leisten war. Urlaub wurde zu diesem Zeitpunkt immer seltener gegeben. Und so nutzten zahlreiche Niederländer, die noch Urlaub bekamen, diese einzige Möglichkeit vor Ablauf des Arbeitsvertrags legal aus Deutschland ausreisen zu dürfen, um in den Niederlanden unterzutauchen. Zwischen Juli und Oktober 1943 traten schließlich, zwecks Eindämmung dieser Arbeitsvertragsbrüche, weitreichende Urlaubssperren in Kraft. Urlaub wurde von nun an nur noch in Ausnahmefällen gewährt, etwa um ein schwer erkranktes Familienmitglied zu besuchen oder einen Toten im engeren Familienkreis zu beerdigen. Infolge dessen häuften sich die Briefe aus den Niederlanden, die Krankheits- oder Todesfälle im Familienkreis der Zwangsarbeiter vorgaben, um diesen die Heimreise und das darauffolgende Untertauchen zu ermöglichen. Weitere Versuche von deutscher Seite, die niederländischen Urlauber nach Ablauf ihres Urlaubs zur Rückkehr nach Deutschland zu zwingen, scheiterten: Sowohl die Drohung, anderen Landsleuten bei ausbleibender Rückkehr keinen Urlaub mehr zu gewähren, als auch die Maßnahme, andere Zwangsarbeiter Bürgschaften für ihre beurlaubten Landsleute ausstellen zu lassen, konnten die Anzahl der Arbeitsvertragsbrüche nicht verringern. So erfolgte schließlich, im Mai 1944, der allgemeine Urlaubsstopp für alle ausländischen Zwangsarbeiter.

Freizeit oder lediglich ‚arbeitsfreie Zeit‘?

Die Freizeit, die den niederländischen Arbeitskräften außerhalb ihrer Arbeitszeiten verblieb, wussten sie verschiedentlich zu nutzen. Aufgrund der relativen Lohngleichheit mit den deutschen Kollegen verfügten die Niederländer häufig über recht ansehnliche Reichsmarkbeträge und konnten ihre Wohnlager außerhalb der Arbeitszeiten für Besuche im städtischen oder ländlichen Umfeld verlassen, um dort einzukaufen, kulturelle Veranstaltungen, Kinos, Theater und Gaststätten zu besuchen. Erst im Oktober 1944 wurde auch für niederländische Zwangsarbeiter eine Sperrstunde eingeführt, zu der sie ihre Wohnlager nicht mehr verlassen durften.

Die einfachste Möglichkeit, die arbeitsfreie Zeit zu nutzen, bestand darin, sich in der Stube der Wohnbaracke von der Arbeit auszuruhen. Manche größeren Firmen organisierten Kulturveranstaltungen, die von den ausländischen Zwangsarbeitern besucht wurden. Manchmal kam es in diesem Zusammenhang vor, dass Vortragsabende und Kulturveranstaltungen von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) genutzt wurden, um Werbung für den Beitritt niederländischer Männer zur niederländischen SS-Division zu machen. Derartige Indoktrinationsversuche stießen jedoch fast ausschließlich auf Ablehnung. Es existierten Lagerbüchereien, Filmvorführungen und manchmal die Möglichkeit, niederländische Zeitungen geschickt zu bekommen. Von den niederländischen Studenten im Reichseinsatz ist zudem bekannt, dass sie in ihrer Freizeit versuchten, ihr Studium autodidaktisch oder in kleineren Studienzirkeln fortzuführen.

Auch außerhalb der Lager boten sich zahlreiche Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung. In Berlin beispielsweise nutzen die Niederländer ihre Freizeit nachweislich für Besuche der Oper, von Sportveranstaltungen, Kinos und Kneipen, wobei „viele […] auch eine Stammkneipe [hatten], wo man meist unter sich war“. [33] In kleineren Städten oder Dörfern war oft nur der Besuch der örtlichen Gaststätte, der sonntägliche Kirchgang oder das Einkaufen in den wenigen deutschen Geschäften möglich. Es gibt außerdem Berichte über Kirmesbesuche, Schwimmen in örtlichen Flüssen und zumeist geheime Treffen mit deutschen Mädchen und Frauen oder ausländischen Zwangsarbeiterinnen. Die relative Freiheit hinsichtlich der Freizeitgestaltung war ein Privileg der niederländischen Arbeitskräfte, das sich ebenfalls aus ihrem rassenideologischen Status als ‚germanische Arbeitskräfte‘ ableitete. Die Ostarbeiter durften ihre umzäunten und bewachten Lager nur äußerst selten und unter strenger Kontrolle der Ausgangszeiten verlassen und waren außerdem weitgehend von kulturellen Veranstaltungen für deutsche und privilegiertere Ausländergruppen, sowie von Besuchen deutscher Gaststätten und anderer Einrichtungen ausgeschlossen. Für Kriegsgefangene bedeutete Freizeit lediglich zeitweilig nicht arbeiten zu müssen.


[33] Meijer, J.: Zwangsarbeiter in Berlin. In: Niederländer und Flamen in Berlin 1940-1945. KZ-Häftlinge, Inhaftierte, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Hrsg. von Stichting Holländerei. Freunde des Hendrik Kraemer Hauses e. V./ Niederländische Ökumenische Gemeinde. Berlin 1996 (= Reihe Deutsche Vergangenheit; Bd.126), S. S.132-247, S. 156.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010