XI. Niederländer in den Mühlen der NS-Strafjustiz

Abgesehen von Krankheiten, alliierten Bombenangriffen und der Nahrungsmittelknappheit in der Endphase des Krieges bestand die größte existenzielle Gefahr für Leib und Leben eines niederländischen Zwangsarbeiters darin, mit der NS-Justiz und ihren Exekutiv-Organen in Konflikt zu geraten. Besonders in den letzten anderthalb Jahren des Kriegs wurden Vergehen ausländischer Zwangsarbeiter mit drakonischen Strafen bis hin zur standrechtlichen Exekution belegt. Mitunter reichte bereits eine Denunziation, um den Betreffenden in arge Bedrängnis zu bringen. Der Volkswagen-Zwangsarbeiter Piet Wit berichtet, im Jahr 1943 aufgrund einer Anschuldigung durch eine ihm unbekannte deutsche Frau vom Werkschutz und der Gestapo verhaftet, verhört und kurzfristig inhaftiert worden zu sein. [34] Bei Streit und Konflikten  am Arbeitsplatz zwischen dem Chef oder Vorarbeitern und der niederländischen Arbeitskraft entschied in der Regel der Anlass des Streits und ob die jeweilige Klage des Arbeiters gerechtfertigt war oder nicht. Demzufolge konnte der niederländische Arbeiter entweder Recht bekommen oder bestraft werden. Im Konfliktfall sollten Niederländer, einem Erlass des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) vom 14.1.1941 zufolge, als ‚germanische Arbeitskräfte‘ zunächst „in vorsichtiger aber eindringlicher Form“ belehrt, ermahnt oder verwarnt werden, wohingegen ‚fremdvölkische‘ Arbeitskräfte (besonders sowjetischer und polnischer Herkunft) bei gleichartigen Vergehen bereits in ein Konzentrationslager einzuweisen waren. 

Die verschiedenen ‚Delikte‘ und ihre Bestrafung

Uneinigkeiten hinsichtlich der Tätigkeit im Betrieb, Ärger über Verpflegung, Unterkunft und Überstundenausgleich führten offenbar häufig zu Konflikten zwischen Niederländern und ihren deutschen Vorgesetzten, wobei die Niederländer (und die ‚Westarbeiter‘ im Allgemeinen) ihre Kritik oftmals durchaus mit Selbstbewusstsein zu äußern pflegten, was ihnen wiederum, von Seiten der deutschen Vorgesetzten, häufig den Vorwurf der Renitenz und Unverschämtheit  einbrachte. Bei kleineren Widersetzlichkeiten während der Arbeit im Betrieb oder Verstößen gegen die Lagerordnung wurden Niederländer häufig mit kleineren Strafen wie Geldbußen, kurzfristiger Versetzung an einen schlechteren Arbeitsplatz oder kurzen Ausgangssperren bestraft.

Ein anderer Straftatbestand betraf abfällige Bemerkungen über den NS-Staat. Das ‚Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei‘ vom 20.12.1934 bildete die Grundlage dafür, jegliche unliebsame Äußerung oder allgemeines ‚Meckern‘ der in- und ausländischen Arbeitskräfte bestrafen zu können. Dies geschah offenbar sehr häufig. Der niederländische Student Leon Schöpping, der ebenso wie die Zwangsarbeiter Wit und ‘t Hoen im Volkwagenwerk in Wolfsburg beschäftigt war, wurde drei Wochen in eines der gefürchteten Arbeitserziehungslager eingewiesen, weil er sich verbotenerweise mit Ostarbeitern unterhalten und zudem abfällige Bemerkungen über Hitler und die deutsche Kriegsführung gemacht hatte. [35] Nach seiner Entlassung sei Schöpping, so der Bericht Wits, deutlich gezeichnet an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die Arbeitserziehungslagerhaft war eine der härtesten Strafen, die der NS-Strafkatalog für niederländische Arbeitskräfte vorsah. Sie konnte für den Betroffenen zu einer reellen existenziellen Gefahr werden. Andere Niederländer berichten,  trotz (subtiler) antinazistischer Äußerungen nie strafrechtlich belangt, sondern höchstens zurechtgewiesen worden zu sein. An dieser Stelle zeigt sich einmal mehr, dass das NS-Recht und die Verfolgung von ‚Delikten’ unter Zwangsarbeitern ganz fundamental von der jeweiligen Auslegung durch die deutschen Vorgesetzten, ihrer Linientreue und politischen Gesinnung abhing. Von gleichwertiger Rechtssprechung kann diesbezüglich keine Rede sein. Vorarbeiter oder Vorgesetzte konnten Aussagen einfach überhören, ‚Delikte‘ einfach übersehen oder aber, im Gegenteil, kleinste, nicht böswillig gemeinte Äußerungen und Handlungen zu ‚heimtückischen Angriffen auf Staat und Partei‘ oder Sabotagehandlungen überhöhen und dementsprechend ahnden.

Sabotagehandlungen oder Spionagevorwürfe – ob lediglich unterstellt oder tatsächlich nachgewiesen – konnten die Einweisung in ein Konzentrationslager, im schlimmsten Fall sogar die Exekution nach sich ziehen. Vor größeren Sabotageakten wie Brandstiftung, Zerstörung von Maschinen oder ähnlichem, schreckten niederländische Arbeitskräfte deshalb in der Regel zurück. Kleinere Sabotagehandlungen, wie absichtliches langsames Arbeiten oder absichtliche Produktion von Ausschussware, waren wohl weitaus weiter verbreiten, weil sie sich ohne große Gefahr für den Betreffenden bewerkstelligen ließen. Über organisierten Widerstand, der in der Regel ebenfalls mit der Exekution geahndet wurde, gibt es bezüglich der Niederländer kaum Informationen.

Der Schwarzmarkthandel mit Nahrungs- und Genussmitteln, Essensmarken, falschen Ausweispapieren oder Urlaubs- und Entlassungsscheinen war weiter verbreitet. Insgesamt gesehen funktionierte der Schwarzmarkthandel in den Arbeiterlagern als „Mischung aus Selbsthilfe und krimineller Substruktur“, um an rationierte oder offiziell nicht erhältliche Waren wie Nahrungsmittel, Zigaretten und Alkohol zu gelangen. Besonders in der Kriegsendphase ließ sich die ausreichende Nahrungsmittelversorgung lediglich so bewerkstelligen.

Besonders die sog. ‚Arbeitsvertragsbrüche‘ brachten zahlreiche Niederländer in Konflikt mit der Gestapo. Sie waren in den Jahren 1940 bis 1945 aufgrund allgemeiner Unzufriedenheit und Enttäuschung über die realen Arbeits- und Lebensbedingungen in Deutschland unter niederländischen Arbeitskräften an der Tagesordnung. Besonders im grenznahen Raum kam es, aufgrund der verhältnismäßig kurzen Wegstrecke ins Heimatland, während der gesamten Zeit des Reichseinsatzes zu einer Vielzahl von vereitelten oder geglückten Fluchtaktionen.  Ab 1941/42 verschärfte die Gestapo ihre Repressalien gegenüber niederländischen Arbeitskräften, die ihren Arbeitsplatz verlassen hatten, in die Heimat geflüchtet und auf dem Weg dorthin wieder aufgegriffen worden waren. Arbeitserziehungslagerhaft war ab Mitte 1941 die gängige Maßnahme, der die sog. ‚Kontraktbrecher‘ aus den Niederlanden, in der Regel für drei Wochen, zugeführt wurden. Seit Ende 1943 wurden, abgesehen von der Arbeitsplatz-Flucht, auch andere Vergehen niederländischer Zwangsarbeiter mit Arbeitserziehungslagerhaft bestraft. Inhaftierte wurden in diesen ‚KZ der Gestapo‘ – so der Titel eines Standardwerks über die AEL von Gabriele Lofti – derart brutal und menschenunwürdig behandelt, dass nicht wenige die in der Regel dreiwöchige Haftdauer mit dem Leben bezahlten. Die Verhältnisse im AEL – Arbeitszeiten von 10-14 Stunden täglich, vollkommen unzureichende Verpflegung, sadistische und prügelnde Wärter sowie alltägliche Schikanen – waren durchaus mit denjenigen in Konzentrationslagern vergleichbar. Häftlinge wurden innerhalb ihrer Haftzeit im AEL physisch und psychisch gebrochen, um dann wieder ‚erzogen‘ in den Arbeitsprozess ihrer alten Arbeitsstelle eingegliedert zu werden. Zudem versprachen sich manche Firmen vom Anblick der stark geschundenen Rückkehrer eine disziplinierende Wirkung auf die übrige deutsche und ausländische Belegschaft.


[34] Wit, P.: Ein Bericht (1987). In: Olga und Piet, S. 93f.
[35] Ebd., S. 94.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010