XII. Das Schicksal der ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter nach 1945

Im zwölften Band seines monumentalen vierzehnbändigen Werks ‚Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg‘, das als Produkt akribischer Erforschung der niederländischen Besatzungszeit in den 1960er und 1970er Jahren entstand, nennt der niederländische Historiker Lou de Jong Opfergruppen, die auch in der Nachkriegszeit noch massiv physisch oder psychisch unter den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieg zu leiden hätten. Die niederländischen Zwangsarbeiter sind nicht darunter zu finden. Im Gegensatz zu den Juden, Untergetauchten, Kriegsinvaliden, den Angehörigen der Todesopfer von Krieg und Besatzungsterror, sowie den nach dem Krieg zunächst fälschlich der Kollaboration Angeklagten wurden die ca. 500.000 Zwangsarbeiter auch vom Großteil der Bevölkerung nicht als Opfergruppe angesehen.

Viele von ihnen berichten zudem, 1945 bei ihrer Repatriierung in die Niederlande ausdrücklich oder unterschwellig unter Generalverdacht der Kollaboration mit den Deutschen gestellt und dementsprechend abfällig behandelt worden zu sein.  In der niederländischen Nachkriegsgesellschaft entwickelte sich in den 60er und 70er Jahren, gestützt auf historische Darstellungen wie die De Jongs, eine Erinnerungskultur, die das individuelle Verhalten und das Verhalten einzelner Bevölkerungsgruppen während der Besatzungszeit moralisch einordnete und diesbezüglich nur zwischen ‚gutem‘ und ‚schlechtem‘ Verhalten unterschied. Nahezu alle Handlungen, die einen, wie auch immer gearteten Antagonismus zum Naziregime erkennen ließen, wurden kollektiv als ‚Widerstand‘ und damit synonym als ‚wahrhaft niederländisch‘ und ‚gut‘ bewertet. Den Gegenpol bildeten alle Verhaltensweisen die irgendwie als ‚Kollaboration‘ gedeutet werden konnten und damit als ‚un-niederländisches‘ oder ‚faules‘/‘schlechtes‘ (fout) Verhalten zu charakterisieren waren.   

Diejenigen, die während der Besatzungszeit, unter welchen Umständen auch immer, in Deutschland gearbeitet hatten, rechnete das gängige Geschichtsbild zumindest tendenziell dem zweiten Sektor zu. Aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung sprachen zahlreiche ehemalige niederländische Zwangsarbeiter deshalb in der Nachkriegszeit nicht über ihre Erlebnisse in Deutschland. Die Frage, die ihnen immer wieder gestellt wurde, lautete, warum sie nicht untergetaucht seien, um dem Aufruf nach Deutschland zu entgehen. Auch eine ausführliche wissenschaftliche Studie des RIOD-Historikers [36] Ben A. Sijes aus dem Jahr 1966 konnte am gesellschaftlichen Bild vom ‚Arbeitseinsatz‘ niederländischer Zwangsarbeiter in Deutschland zwischen 1940 und 1945 nicht viel ändern. Sie wusste zudem wenig über die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Niederländer in Deutschland zu berichten und blieb für lange Zeit die einzige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Nach heutigem Forschungsstand ist bekannt, dass zahlreiche niederländische Dienstverpflichtete in den Jahren 1941-1943 keine Ahnung hatten, wie sie das Untertauchen hätten bewerkstelligen sollen und die Möglichkeiten dazu erst allmählich in der zweiten Hälfte des Jahre 1943 entstanden, nachdem die Widerstandsgruppen im Land sich auf größerem Niveau organisatorisch zu festigen begannen. Erst zu dieser Zeit entwickelte sich ein beachtenswertes Netz organisierter Gruppen, die die Unterbringung und Verpflegung der Untergetauchten und ihrer Angehörigen in die Hand nahmen. Zudem fürchteten viele nach Deutschland Aufgerufene Repressalien gegen ihre Angehörigen, falls sie sich dem Arbeitseinsatzaufruf  entzogen hätten und untergetaucht wären.

Erst nachdem sich das moralisch argumentierende, bipolar zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ urteilende Geschichtsverständnis hinsichtlich der Besatzungszeit in den 80er und 90er Jahren zunehmend gewandelt und einer differenzierenden Sicht auf die Geschehnisse und Handlungsweisen, in all ihren Facetten und Nuancen, Platz gemacht hatte, rückten zunehmend auch Opfergruppen in den Fokus der Betrachtung, die zuvor nicht als solche wahrgenommen worden waren. Sinti und Roma, Kinder von ehemaligen NSB-Angehörigen, die in der Nachkriegszeit diskriminiert und ausgegrenzt worden waren und die ehemaligen Zwangsarbeiter begannen, ermutigt von Leidensgenossen und Familienmitgliedern und gedrängt durch die eigenen psychischen Spätfolgen, sich zu organisieren, ihre persönliche Geschichte zu erzählen und ihre gesellschaftliche Rehabilitation einzufordern. Zudem erreichten sie volle rechtliche Gleichstellung mit anderen Geschädigte der Besatzungszeit, um für eine eventuelle Inanspruchnahme von Rentenansprüchen für Kriegsopfer, die in den Niederlanden bereits für andere Opfergruppen geschaffen worden waren, in Betracht zu kommen.

1987 wurde von Betroffenen die ‚Vereinigung ehemaliger Zwangsarbeiter der Niederlande‘ (Vereniging ex-Dwangarbeiders Nederland - VDN) gegründet, die sich zum Ziel setzte, Erinnerungen zu sammeln, die Geschichte der niederländischen Zwangsarbeiter aufzuarbeiten und in der Gesellschaft publik zu machen. Zudem half die Vereinigung bei der psychischen Verarbeitung der Geschehnisse, der Beantragung von Unterstützungszahlungen und Rentenansprüchen für Kriegsgeschädigte und der Organisation von Gedenk- und Informationsveranstaltungen für Betroffene, deren Familien und Interessierte. Die niederländischen Zwangsarbeiter hatten endlich eine eigene Interessenvertretung erhalten, die gesellschaftlich beachtet und ernstgenommen wurde.

Mittlerweile – im Jahr 2010 – sind die Unterlagen der Vereinigung in den Bestand des ‚Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation‘ (NIOD) in Amsterdam übernommen worden und somit auch offiziell ein Teil der niederländischen Erinnerungskultur zu Krieg und Besatzungszeit geworden.


[36] Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie; später umbenannt in ‘Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie’ (NIOD).

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010