VII. Ausländische Arbeitskräfte und die NS-Rassenideologie

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen im Deutschen Reich hingen unmittelbar davon ab, welche Stellung die jeweilige nationale oder Volksgruppe innerhalb der NS-Rassenskala einnahm. Unterbringung, Verpflegung, Behandlung, medizinische Versorgung, Lohnabrechnung, Freizeit und Bewegungsfreiheit in Deutschland – all dies gestaltete sich streng nach dem jeweiligen Stellenwert der ausländischen Arbeitskräfte in der nationalsozialistischen Rassenhierarchie. Im Januar 1941 wurde sie durch einen Erlass des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) zur „offiziellen Richtlinie für die Behandlung der Ausländer im Reich“ [9] erhoben. Ausländische Staats- oder Volksangehörige – letzterer Begriff entspricht mehr dem Kategorien wie ‚Rasse‘ und ‚Volkszugehörigkeit‘ verhafteten Denken der Nationalsozialisten – waren demnach in verschiedene Klassen einzuteilen:

  1. Arbeitnehmer germanischer Abstammung (Norweger, Dänen, Niederländer, Flamen)
  2. Fremdvölkische Arbeitnehmer (alle anderen Nationalitäten/Völker)

Die germanischen Arbeiter waren gegenüber den ‚fremdvölkischen‘ deutlich privilegiert. Beide Gruppen sollten möglichst getrennt voneinander untergebracht werden. Der Erlass stand allerdings in deutlichem Kontrast zu den politischen Realitäten im NS-Staat: Die mit Deutschland verbündeten Italiener beispielsweise sollten nach rassenideologischen Gesichtspunkten schlechter behandelt werden, als etwa die ‚feindlich gesinnten‘ Niederländer.

Im Februar 1943 modifizierte das RSHA seine ursprüngliche Rassenhierarchie, um die nationalsozialistischen Behandlungsrichtlinien für ausländische ‚Volksangehörige‘ etwas eindeutiger, sowie im Einklang mit den bündnispolitischen Realitäten, zu beschreiben:

  1. Germanische Völker
  2. Nichtgermanische, verbündete Völker
  3. Nichtgermanische, unter deutscher Hoheit stehende Völker
  4. Ostarbeiter

Diese NS-Rassenhierarchie stand jedoch nicht im luftleeren Raum parteipolitisch-rassenideologischen, elitären Theoriedenkens. Sie konnte durchaus auf vorhandene, undifferenzierte Ressentiments gegen die einzelnen Ausländergruppen innerhalb der deutschen Bevölkerung – die in der Regel sowjetische oder polnische Menschen eher abzulehnen bereit war, als beispielsweise niederländische oder dänische – aufbauen.

Bei der Untersuchung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ausländischer Arbeitskräfte im Deutschen Reich zwischen 1939 und 1945 – egal ob sie ursprünglich freiwillig nach Deutschland kamen oder schon bei ihrer Anreise zwangsverpflichtet waren – muss man sich also immer wieder deren rassenideologischen Status vor Augen führen. Er bildet das zentrale Richtmaß der Behandlung und Versorgung jeder einzelnen Ausländergruppe durch den NS-Staat, die NS-Wirtschaft und im Wesentlichen auch durch die deutsche Bevölkerung.


[9] Spoerer, M.: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, S. 25.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010