VI. Herbst 1944 bis Kriegsende – Razzien und Deportationen

Für den sog. ‚Gemeindeeinsatz‘ wurden bereits seit Mai 1944 sämtliche noch verfügbaren, arbeitsfähigen Niederländer in ihren jeweiligen Heimatgemeinden aufgefordert, beim Bau von Verteidigungsanlagen in der Umgebung der jeweiligen Gemeinde zu helfen, wofür hauptsächlich körperlich anstrengende Grabungs- und Ausschachtungsarbeiten zu leisten waren. Allein in den südlichen Niederlanden soll ihre Zahl im Mai 1944 bei ca. 35.000-40.000 Männern gelegen haben. [7]

Im Laufe des Jahres 1944 nahm der Widerstand gegen das Besatzungsregime und seine Aktivitäten in den Niederlanden erheblich zu. Die zunehmenden militärischen Misserfolge der Wehrmacht und das stetige Vorrücken der Alliierten ließen ein baldiges Kriegs- und Besatzungsende in absehbare Nähe rücken. Untertauchen, Sabotageakte und andere Widerstandstätigkeiten häuften sich bis zum Sommer 1944 dermaßen, dass die Entsendung niederländischer Zwangsarbeiter nach Deutschland zu diesem Zeitpunkt nahezu „im Sande verlaufen“ [8] war.

Mit den bisher praktizierten Maßnahmen ließen sich kaum mehr Arbeitskräfte zur Arbeit nach Deutschland steuern. Deshalb griff die deutsche Besatzungsverwaltung auf aggressivere, gewaltsame Methoden zur Erfassung und Verschickung von Arbeitskräften zurück, wie sie beispielsweise in den osteuropäischen Ländern bereits wesentlich früher, seit 1939/40, zum Einsatz gekommen waren: In großangelegten Razzien griffen deutsche Militäreinheiten in allen größeren Gemeinden der Niederlande nahezu wahllos ganze Gruppen von Männern auf offener Straße oder in ihren Wohnungen auf. Daraufhin wurden sie zumeist in den Lagern Amersfoort und Ommen zusammengebracht und von dort aus, teilweise in mehrtägigen Fußmärschen, an ihre Arbeitsstellen in Deutschland verbracht. Zu diesem Zeitpunkt – die Zentralstelle der niederländischen Arbeitsverwaltung war bereits, aufgrund des Vorrückens der Alliierten, in das noch immer deutsch besetzte Groningen verlegt worden – übten die niederländischen Arbeitsämter keinen Einfluss mehr auf Planung und Durchführung des Arbeitseinsatzes niederländischer Zwangsarbeiter aus. Dessen Durchführung lag nun ausschließlich in den Händen der militärischen Organisationen der Besatzungsmacht.

Der gebürtige Rotterdamer J. M. Trees schildert seine Ergreifung während der größten dieser Razzien am 10. und 11. November 1944 in Rotterdam, wo binnen zwei Tagen ca. 50.000 niederländische Männer verhaftet und deportiert wurden: „Schließlich wurden alle Männer in Rotterdam im Alter zwischen 18 und 40 Jahren am 10. November 1944 durch ein Zettelchen im Briefkasten instruiert, am nächsten Morgen mit einer Decke […] vor der Tür zu stehen. […] Ich gehörte in diese Kategorie. […] Wir mussten zu Fuß nach Delft (15 Kilometer), wo wir abends im Dunkeln auf dem Bahnhof in Güterwaggons der Eisenbahn geladen wurden, wo wir weder liegen noch sitzen konnten. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass wir 85 Leute [im Waggon, c. k.] waren“.

Zwischen Herbst 1944 und Mai 1945 wurden mittels Razzien noch einmal ungefähr 140.000 niederländische Männer zur Arbeit nach Deutschland deportiert. Viele von ihnen kamen unter katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen beim Auf- und Ausbau von Verteidigungsanlagen (Panzergräben und Wälle) gegen die anrückenden Alliierten, zumeist unter Aufsicht der NS-Baubrigade Organisation Todt (OT), auf beiden Seiten der niederländischen Grenze (Westwall) zum Einsatz. Andere wurden zur Beseitigung von Bombenschäden in zahlreiche deutsche Städte geschickt und zumeist dort von den Alliierten befreit.  

Bereits im März und April 1945 konnten die ersten niederländischen Zwangsarbeiter, aufgrund des schnellen Vorrückens alliierter Verbände in Deutschland, aus den bereits befreiten deutschen Gebieten ihre Reise in die Heimat antreten.


[7] Sijes, B.A.: De Arbeidsinzet, S. 688f.
[8] Sijes, B.A.: De Arbeidsinzet, S. 415.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010