I. Einführung:

Wenn man sich mit dem Thema ‚Zwangsarbeit in Nazideutschland‘ auseinandersetzt, muss zunächst geklärt werden, was genau eigentlich mit Begriffen wie Zwangsarbeiter, Zivilarbeiter, Kriegsgefangener oder Freiwilliger gemeint ist. Deshalb ist es notwendig, Überlegungen zu dem Thema mit einer kurzen Umschreibung dieser kategorialen Begriffe zu beginnen und sie zueinander in Beziehung zu setzen:

Der Begriff ‚Zwangsarbeiter‘ ist der üblicherweise gebräuchliche (Forschungs-) Begriff zur Bezeichnung von unter Strafandrohung erzwungener, vom Betroffenen unaufkündbarer und damit eindeutig unfreier Arbeitsleistung. Er darf in seiner Verwendung jedoch nicht nur auf ausländische Arbeitskräfte beschränkt werden, die zwischen 1939 und 1945 zur Arbeit in Deutschland oder den von Deutschland besetzten Gebieten gezwungen waren. Auch zivile deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter, die aufgrund des strengen NS-Arbeitsrechts ab 1934/35 und gegen ihren ausdrücklichen Willen in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet werden konnten, dürfen nicht pauschal als ‚freiwillige‘ Arbeitskräfte gelten. Hierbei ist natürlich zu berücksichtigen, dass es dienstverpflichteten deutschen Arbeitskräften in der Regel deutlich besser ging, als ausländischen Arbeitern. Auch hinsichtlich der ausländischen Arbeitskräfte lässt sich, dem Historiker Spoerer zufolge, „eine verwirrende Vielzahl von Arbeitsverhältnissen feststellen, deren Kennzeichnung als ‚freie‘ Arbeit  oder ‚Zwangsarbeit‘  außerordentlich schwerfällt“. [1] Dies wird im Verlauf des Textes auch bezüglich der niederländischen Zwangsarbeiter deutlich werden.

Als ‚Zivilarbeiter‘ können alle diejenigen Arbeitskräfte bezeichnet werden, die zum Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme oder im Laufe derselben nicht den Status von Armee-Angehörigen besaßen. Sie konnten sowohl freiwillig zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland vermittelt, als auch zwangsweise verpflichtet oder sogar deportiert werden. Die Arbeitsleistung Kriegsgefangener (Armeeangehörige) muss in der Regel als Zwangsarbeit bezeichnet werden. Kriegsgefangene, die selbstverständlich auch nicht immer arbeiten mussten, waren in bewachten Lagern untergebracht und unterstanden nicht, wie die Zivilarbeiter, dem zivilen Arbeits- und Strafrecht des NS-Staats. Außerdem konnten Kriegsgefangene in den Zivilstatus überführt und somit zu Zivilarbeitern werden.

Auch der Begriff ‚freiwillige Arbeit‘ wird uns im Folgenden – besonders mit Blick auf die Niederländer – noch beschäftigen. So konnte ein ausländischer Arbeiter z. B. auch aufgrund von Werbung und freiwilligem Arbeitsvertragsabschluss zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland gelangen, hier dann allerdings vor Ablauf seines Arbeitsvertrags dienstverpflichtet und an der Heimreise gehindert werden. Aus ursprünglich freiwilligen Arbeitskräften wurden somit Zwangsverpflichtete oder Zwangsarbeiter. Die Übergänge gestalteten sich diesbezüglich fließend.

Diese kurze Skizzierung der unterschiedlichen Begrifflichkeiten bezüglich der Erforschung und Beurteilung der Zwangsarbeit in der NS-Kriegswirtschaft soll zunächst genügen. Die Besonderheiten und Eigenarten der zahlreichen unterschiedlichen Arbeitsverhältnisse ausländischer Arbeitskräfte werden im Folgenden anhand der Untersuchung der nationalen Ausländergruppe niederländischer Arbeitskräfte noch deutlicher hervortreten.


[1] Spoerer, M.: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945. München 2001, S. 11.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010