IV. Mai 1940 bis März 1942 – Freiwillige Anwerbung und Dienstverpflichtung

Unmittelbar nach der Kapitulation der niederländischen Streitkräfte und der Exilierung der führenden Regierungsautoritäten wurde der niederländische Verwaltungsapparat unter deutsche Aufsicht gestellt, wobei die verschiedenen Ressorts zumindest nominell den niederländischen Generalsekretären unterstanden. Nach dem Rücktritt des amtierenden Generalsekretärs für Soziales Scholtens im August 1940 übernahm Robert A. Verwey diese Stellung. Dieser forcierte, ganz den Wünschen der Besatzer entsprechend, aber gleichzeitig seinen wirtschaftspolitischen Leitvorstellungen folgend, die massenweise Vermittlung niederländischer Arbeitsloser nach Deutschland. Zu diesem Zweck stimmten er und zahlreiche andere niederländische Beamte im September 1940 ohne Zögern dem deutschen Vorschlag zur Errichtung eines niederländischen Pendants zur zentral organisierten deutschen Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung zu. Die alte niederländische, traditionell auf Gemeindeebene organisierte Arbeitsvermittlung wich einem zentralen, hierarchisch organisierten Reichsarbeitsbüro, das seine Weisungen – von der deutschen Geschäftsgruppe Soziale Verwaltung (GSV) überwacht – an 37 Bezirksämter und 147 lokale Dienststellen weiterleitete, während in umgekehrter Richtung sämtliche (statistischen) Informationen der Lokalbehörden im Reicharbeitsbüro zusammenliefen. Durch diese institutionelle Zentralisierung konnte die Erfassung und Lenkung der niederländischen Arbeitskräftevermittlung zum alleinigen Zweck der massenweisen Anwerbung für den Reichseinsatz wesentlich effektiver durchgeführt werden, als dies mit einem System dezentraler, lokaler Arbeitsämter je möglich gewesen wäre. So ließ der Leiter der GSV, Jakob, in einem Schreiben an die Außenstellen der Geschäftsgruppe, das auch Generalsekretär Verwey erhielt, keinen Zweifel daran, dass die Besatzungsverwaltung die zentrale Aufgabe der Beamten des Reichsarbeitsbüros „zunächst vornehmlich in der Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften nach Deutschland“ sah.

Erste Dienstverpflichtungen im Inland

Noch bevor niederländische Arbeitslose unter ausdrücklichem Wunsch der Besatzungsmacht und mit Billigung des niederländischen Sozialministeriums in großem Stil nach Deutschland vermittelt wurden, kamen sie bereits massenweise bei inländischen Bauvorhaben der Besatzer an der militärischen Infrastruktur zum Einsatz, ohne dass die zuständigen niederländischen Verwaltungsstellen hiergegen nennenswerten Widerstand geleistet hätten. Genaugenommen durfte die Zivilbevölkerung eines besetzten Landes, den Artikeln der Haager Landkriegsordnung von 1907 zu Folge, nicht zum Bau von Kriegs- oder wehrspezifischen Projekten wie Verteidigungsanlagen oder Militärflugplätzen herangezogen werden. Immerhin zeigten sich jedoch einige praktische Erfolge, die auch das niederländische Arbeits- und Sozialministerium begrüßte: Die Arbeitslosigkeit im Baugewerbe ging, infolge der regen Tätigkeit für deutsche Bauvorhaben in den Niederlanden, deutlich zurück: 50.000 ehemals Arbeitslose arbeiteten an verschiedenen Bauprojekten im Inland, während die Besatzungsverwaltung im August 1940 bereits den Einsatz weiterer Erwerbsloser für den Ausbau von Küstenbefestigungen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich unter der Oberaufsicht der NS-Baubrigade Organisation Todt (OT) erwog.

Arbeitseinsatz auf der Grundlage von Propaganda und Versprechungen

Zeitgleich starteten die ersten Aktionen zur Anwerbung niederländischer Arbeitsloser für den Einsatz im Deutschen Reich, der, wie die NS-Propaganda glauben machen wollte, auf dem Prinzip reiner Freiwilligkeit erfolgen sollte. Bei genauerer Betrachtung der Anwerbungsmethoden wird jedoch schnell deutlich, dass schon zu diesem Zeitpunkt von vollkommener Freiwilligkeit bei der Anwerbung der Arbeitnehmer keine Rede mehr sein konnte. Bereits am 21. Juni hatte das niederländische Arbeits- und Sozialministerium in einer öffentlichen Verlautbarung die Erwerbslosen im Land aufgerufen, sich bei den lokalen Arbeitsämtern für den Arbeitseinsatz in Deutschland registrieren zu lassen, wobei gute Bezahlung, dem deutschen Standard entsprechende Sozialleistungen und regelmäßige Heimfahrten versprochen wurden. Bereits vier Tage später, am 25. Juni 1940, wies das Arbeits- und Sozialministerium die regionalen Arbeitsämter an, Erwerbslosen, die ohne triftigen Grund eine Arbeitsstelle in Deutschland  ausschlugen, die Unterstützungszahlungen für sie und ihre Familie ersatzlos zu streichen. Mit dieser Weisung, die selbstverständlich mit vollstem Einverständnis der Besatzungsmacht erging, knüpfte das niederländische Arbeits- und Sozialministerium fast nahtlos an die radikalen wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Verringerung der Arbeitslosigkeit in den Jahren 1936-39 an. Diese Anordnung setzte niederländische Arbeitslose unter massiven sozialen Druck, da ihnen, nach Wegfall jeglicher Unterstützungszahlungen, kaum noch ein anderer realistischer Ausweg geblieben sein dürfte, als den Unterhalt für sich und ihre Familie durch Erwerbsarbeit in Nazi-Deutschland zu bestreiten.  

Damit dürfte deutlich geworden sein, dass bereits zu diesem Zeitpunkt – dem 25. Juni 1940 – in puncto Arbeitsvermittlung arbeitsloser Niederländer nach Deutschland nicht mehr von vollkommener Freiwilligkeit die Rede sein konnte. Gleichzeitig kann zu diesem Zeitpunkt jedoch  noch nicht von Zwangsarbeit gesprochen werden, da die Erwerbslosen, trotz allen sozialen Drucks, den man mit der Androhung der Einbehaltung der Unterstützungsgelder auf sie auszuüben gedachte, noch immer die Wahl hatten, sich gegen eine Dienstaufnahme in Deutschland zu entscheiden, ohne deshalb fürchten zu müssen, zwangsverpflichtet, verhaftet und in ein Lager eingewiesen oder sogar nach Deutschland deportiert zu werden.

Arbeitskräfteanwerbung und ‚Selbstnazifizierung‘

Mit der häufigen Betonung der Freiwilligkeit, einer gewissen Zurückhaltung bei der Arbeitskräfte-Anwerbung sowie beim Umgang mit niederländischen Kontraktbrechern, also Personen, die ihren Arbeitsplatz in Deutschland schon nach kurzer Zeit wieder vertragswidrig verlassen hatten und in ihr Heimatland zurückgekehrt waren, verfolgte die Besatzungsmacht eine spezielle ideologisch-pädagogische Zielsetzung: Die Niederländer sollten, rassenideologisch als ‚germanisches Brudervolk‘ bewertet, von den Vorzügen des Nationalsozialismus und den pangermanischen Einigungsbestrebungen des Großdeutschen Reiches in Nordwesteuropa überzeugt, und so auf eine sanfte Art und Weise ‚nazifiziert‘ werden. Zwecks glaubhafter Bekräftigung dieses Vorhabens sollte den Niederländern immer wieder vor Augen geführt werden, dass man sie rassenideologisch als prinzipiell gleichwertig ansah und ihnen deshalb auch nahezu alle ‚deutschen‘ Privilegien und Vorteile – besonders im Bereich wirtschaftlicher, arbeitsspezifischer und sozialer Belange – zu gewähren bereit war. Mit fortschreitender Dauer der Besatzungszeit mussten die zuständigen deutschen Stellen jedoch zunehmend erkennen, dass ihr Programm der ‚Selbstnazifizierung‘ innerhalb der niederländischen Gesellschaft auf nahezu unfruchtbaren Boden fiel, womit auch die relative Zurückhaltung bezüglich der Anwerbungsmaßnahmen gegenüber niederländischen Arbeitskräften immer geringere Bedeutung erhielt.

Der Druck wird erhöht – Erste Dienstpflichtverordnungen und Strafmaßnahmen

Aufgrund des, nach deutscher Meinung, zu geringen Arbeitskräftestroms aus den Niederlanden in die Betriebe der deutschen Kriegsindustrie und die steigende Zahl enttäuschter niederländischer Arbeitskräfte, die in Deutschland nicht die Bedingungen vorgefunden hatten, die man ihnen bei ihrer Anwerbung versprochen hatte, und deshalb eigenmächtig in die Heimat zurückgekehrt waren,  sahen sich die Planer des Arbeitseinsatzes schnell genötigt, eindringlichere Maßnahmen zur Steigerung der unbefriedigenden Anwerbungszahlen zu ergreifen. Dies ließ sich in den Niederlanden, nach Meinung der Besatzungsmacht, nur mit der Ausweitung des Drucks und eines allmählichen Übergangs zu Zwangsmaßnahmen erreichen. Im Februar und März des Jahres 1941 wurden sowohl die Meldepflicht für niederländische Arbeitslose bei den staatlichen Ämtern, zwecks zentraler Registrierung als auch die Verordnung Nr. 42 (VO 42/1941) des Reichskommissars zur Rechtmäßigkeit einer ‚kurzfristigen Dienstverpflichtung im Inland‘   erlassen.  Diejenigen, die der ‚für kurze Zeit‘ in den Niederlanden angewiesenen Dienstverpflichtung nicht nachkamen, konnten, so wollte es die Verordnung Nr. 42 (VO 42/1941), mit einer Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten belegt werden. Auch gegen die sog. Kontraktbrecher, die bis dato noch nicht zur Rückkehr an ihre vertraglich bestimmten Arbeitsplätze in Deutschland gezwungen werden konnten, sollten nun ‚rechtliche‘ Schritte, wie etwa die zwangsweise Zuweisung zu Arbeitskommandos auf niederländischem Boden, möglich sein. Mit dieser als erzieherisch verstandenen Maßnahme wollte die Besatzungsmacht die Einsicht der Kontraktbrecher fördern, dass Arbeit in Deutschland allemal besser sei, als in den besagten Kommandos, oder im niederländischen Durchgangslager Amersfoort, in das man ab Herbst 1941 arbeitsvertragsbrüchige niederländische Arbeitskräfte einzuweisen begonnen hatte. Die Androhung einer Einweisung in das polizeiliche Durchgangslager Amersfoort – hier herrschten überaus gewalttätige und Kräfte raubende Arbeits- und Lebensbedingungen – im Falle eines Arbeitsvertragsbruchs oder unterlassener Meldung nach Aufruf durch das zuständige Arbeitsbüro markiert einen deutlichen Schritt hin zur Verschärfung der deutschen Arbeitskräftepolitik in den Niederlanden im Jahr 1941.

Es gab wohl tatsächlich einige wirklich Freiwillige – über ihre Zahl ist nichts Genaues bekannt – die sich auf Eigeninitiative von deutschen Fachwerbern ins Reich vermitteln ließen, weil sie an die Werbemaßnahmen, die gute Verdienstchancen und Verhältnisse in Deutschland versprachen, glaubten. Allerdings hat das Gros der nach Deutschland zum Arbeitseinsatz geschickten Niederländer dem Aufruf wohl nur mit Widerwillen Folge geleistet – konnten sie doch so zumindest ihren Angehörigen in der Heimat Unterstützung in Form der Lohnüberweisungen zukommen lassen. Und auch wenn die Niederlande bis Herbst 1944 von derartig brutalen Aushebungsmaßnahmen (Menschenjagd-artigen Razzien und Deportationen) verschont blieben, wie sie beispielsweise in Polen schon seit 1940 üblich waren, gingen die Besatzer auch hier ab Frühjahr 1942 zum Mittel der „offenen Zwangsrekrutierung“, etwa durch Konskription (pflichtmäßige Anwerbung) und Deportationen, über.


Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010