VIII. Der Arbeitseinsatz niederländischer Arbeitskräfte im Reich – Ein breites Spektrum möglicher Erfahrungen

Nachdem die Arbeitskräfte in den Niederlanden ihren Aufruf zum Arbeitseinsatz erhalten hatten und die medizinische Untersuchung, sowie Klärung aller arbeitsrechtlichen Formalitäten (Pässe, Bescheinigungen, Hinweise, Erläuterungen) erfolgt waren, wurden sie zumeist mit dem Zug nach Deutschland geschickt. Dort angekommen, verteilte man sie entweder direkt oder nach einem kurzen Aufenthalt in einem Durchgangslager auf ihre Arbeitsplätze im gesamten Reichsgebiet.

Was die Arbeitskräfte in Deutschland erlebten, variierte, je nach Arbeitsort und Beschäftigung, Betriebsgröße, Unterbringung, Dauer des Aufenthalts und Zeitpunkt der Verbringung nach Deutschland, von ‚guten‘ oder erträglichen Bedingungen bis hin zu katastrophalen, existenziell bedrohlichen Zuständen, geprägt von Hunger, Angst und vielgestaltigem Leid. Oder wie es der ehemalige niederländische Zwangsarbeiter und Buchautor Karel Volder beschreibt: „Der Eine arbeitete in einer großen Abteilung, der andere bei einem kleinen Unternehmer. Der Eine wohnte in einem Lager, der andere privat, wie es hieß. Der Eine machte 232mal Fliegeralarm mit, der andere sah kaum ein Flugzeug. Das letztere war die Ausnahme, das erste die Regel.“ [10]

In den Jahren 1940 bis 1942 blieben die niederländischen Arbeitskräfte in Deutschland von den unmittelbaren Auswirkungen des Kriegsgeschehens noch weitgehend verschont. Unterkünfte und Nahrungsmittel waren in der Regel zumindest in ausreichendem Maß vorhanden. Für die Jahre 1943 und 1944 kann dies nicht mehr durchweg behauptet werden. Es stellte sich eine tendenzielle Verschlechterung  der allgemeinen Lebensbedingungen und der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Unterkünften ein. Besonders kurz vor Kriegsende (Winter 1944 bis Mai 1945) war die Gefahr für niederländische Zwangsarbeiter am höchsten, durch unmittelbare Folgen der Kriegshandlungen (Bombardierungen, Tieffliegerbeschuss, Artilleriefeuer), aber auch durch extreme repressive Bestrafungswillkür des NS-Militär- oder Justizapparats oder aufgrund von Hunger und Krankheiten das Leben zu verlieren.

Die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Niederländer im ‚Reichseinsatz‘ lassen sich nur im Einzelfall und mit Rücksicht auf den Zeitpunkt der Erfahrungen im Kriegsverlauf beschreiben. Allgemeine Aussagen über ihre Erlebnisse, Behandlung und Versorgung sind diesbezüglich, wie bereits oben dargestellt, kaum zu treffen. Zwischen der persönlichen Erfahrung und den Erlebnissen verschiedener Zeitzeugen lassen sich jedoch mitunter tendenzielle Übereinstimmungen erkennen, die zumindest ein Orientierung bietendes Bild dessen geben, was einen niederländischen Arbeiter am Arbeitsplatz und dem ihm zunächst fremden sozialen Umfeld in Deutschland erwartete.

Die Unterkünfte und ihr Zustand

Obwohl niederländische Arbeitskräfte, aufgrund ihrer rassenideologischen Charakterisierung als Arbeitskräfte ‚germanischer Abstammung‘, das Recht hatten, sich ein Privatquartier zu suchen, kam der Großteil von ihnen in Gemeinschaftslagern in Betriebsnähe unter. Diese Zivilarbeiterlager wurden von der NS-Propaganda in den höchsten Tönen als „Verwirklichung des Europa(s) der Ordnung, der Sicherheit und der friedfertigen Arbeit, […] auf kleinem Raum verwirklicht“, gelobt. Die Realität sah anders aus:  Die Lager bestanden oftmals aus kurzfristig bewohnbar gemachten oder eiligst erbauten Baracken, in denen dann zumeist, je nach Größe und Nationszugehörigkeit, zwischen sechs und 40 Personen unterkamen. Russische und polnische Arbeitskräfte wurden vorschriftsgemäß zu 36 oder mehr Personen in eine Baracke gepfercht, während die Belegstärke bei sog. Westarbeitern, zu denen auch die Niederländer gezählt wurden, die Anzahl von 18 Personen nicht überschreiten sollte. Und während die NS-Bauplaner den niederländischen Zivilarbeitern Doppelstockbetten, Schränke und Sitzschemel zugestanden, sollten für sowjetische Kriegsgefangene Pritschenbetten, keine Schränke und lediglich Bänke ausreichen. Auch bezüglich der lagerinternen Hygienemaßnahmen und Versorgung der Wohnbaracken mit Heizung, Decken und Möbeln lässt sich sagen, dass die Zustände in den Unterkünften der Westarbeiter, aufgrund der rassenideologischen Bewertungshierarchie der NS-Führung, erträglicher ausfielen, als dies in Unterkünften für Ostarbeiter und polnische Zwangsarbeiter der Fall war. Ostarbeiterlager und Lager für polnische Zivilarbeiter waren zudem umzäunt und bewacht, was hinsichtlich der Wohnstätten der Niederländer weitaus seltener der Fall war. Oftmals lag es an der Person des Lagerleiters, die Lebensbedingungen in den Arbeiterlagern erträglich oder aber unerträglich zu gestalten. Der niederländische Historiker Lou de Jong bemerkt dazu: „War er ein Mann mit etwas Sozialgefühl und Organisationstalent, dann konnte er viele Schwierigkeiten/Unannehmlichkeiten abfangen, aber an diesen Eigenschaften gebrach es einigen“. [11]

Niederländische Zeitzeugen berichten sowohl von negativen als auch positiven Erfahrungen bezüglich des Zustands ihrer Wohnstätten. So hätte vor allem die Belegung eines Barackenzimmers mit sechzehn Mann „eine harte Prüfung des sozialen Verhaltens, der Kompromissbereitschaft und des gesitteten Benehmens aller Beteiligten bedeutet“. [12]

Neben den seltenen Privatquartieren und den Barackenlagern berichten zahlreiche niederländische Zwangsarbeiter über die Unterbringung in Behelfsquartieren, besonders in ländlichen und kleinstädtischen Gebieten, in denen es oftmals an regulären Arbeiter-Unterkünften mangelte. Hier werden Fest- und Gaststättensäle, Cafés, Zelte, Schuppen, Schulen, Dachböden, eine ehemalige Kegelbahn sowie ein ausgedientes Zirkuszelt als Behelfsunterkünfte, die jeweils provisorisch für die Männer eingerichtet wurden, genannt. Arbeitskräfte, die auf dem Land dienstverpflichtet waren, lebten den Umständen entsprechend zumeist irgendwo innerhalb der landwirtschaftlichen Betriebs- oder Wohngebäude des Dienst-Hofes.

Vor allem in den ersten Jahren des Krieges versuchte der NS-Staat noch schlechte lagermäßige Unterbringung der Niederländer möglichst zu vermeiden, um ihnen sein rassenideologisch motiviertes Wohlwollen zu verdeutlichen. Doch als sich in den Niederlanden 1941 das Scheitern dieser Strategie der ‚Selbstnazifizierung‘ der Bevölkerung abzuzeichnen begann, und der Kriegsverlauf zunehmend Kräfte band, verlor diese nationalsozialistische Überzeugungsarbeit, und die mit ihr einhergehende rücksichtsvollere Behandlung der niederländischen Arbeitskräfte, mehr und mehr an Bedeutung. Ein niederländischer SS-Mann, der im Oktober 1943 mehrere deutsche Arbeiterlager besuchte, um hier Freiwillige für die niederländische SS anzuwerben, wies in seinem Bericht auf einen Zusammenhang der schlechten Behandlung und Unterbringung der niederländischen Arbeitskräfte und ihrer allgemeinen Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus hin: „In 16 Monaten sind die Strohsäcke [der Schlafstätten, c. k.] nicht aufgefüllt worden, Bettwäsche wird nicht geliefert, 16 Mann schlafen in einer Stube, in der nur für 10 Mann Platz ist. […] Ich habe persönlich gesehen, daß die Betten so von Wanzen wimmelten, daß die Arbeiter nicht darin schlafen konnten. Ich konnte daher verstehen, daß die 250 Mann in der Kantine anfingen zu lachen, als ich von dem schlechten Lebensstandard im Sowjetparadies, den vielen Wanzen usw. sprach“. [13]

Verpflegung

Hinsichtlich der Ernährung bietet sich ein ähnliches Bild. Auch hier schwankt das Spektrum an Erlebtem zwischen guter und miserabler Qualität der Versorgung. In der Regel erhielten niederländische Arbeitskräfte bis 1943/44 in ausreichendem Maße Nahrungsmittel im Zuge der allgemeinen Lagerverpflegung. Die Essensversorgung im Jahr 1943 wird von vielen Zeitzeugen als zumeist reichhaltig und von relativ guter Qualität beschrieben. An manchen Tagen klagen die gleichen Zeitzeugen jedoch auch über ‚zu wenig‘ und ‚schlechte‘ Essensversorgung. Auch bezüglich der Verpflegung ist ein Stadt-Land-Gefälle zu beobachten: Die Verpflegung in den Firmen und Lagern im städtischen Bereich war in jedem Fall schlechter und in geringerer Menge vorhanden, als dies auf dem Lande der Fall gewesen ist. Selbstverständlich ist die Ernährungslage der niederländischen Zwangsarbeiter mit Adjektiven wie ‚ausreichend‘, ‚gut‘, ‚schlecht‘ usw. nur äußerst oberflächlich zu beschreiben. Dennoch kann mit relativer Sicherheit gesagt werden, dass die niederländischen Arbeitskräfte – abgesehen von den Insassen der Arbeitserziehungslager und der KZ – nahezu in der gesamten Kriegszeit, d. h. zumindest bis Herbst 1944, in ‚existenziell ausreichendem Maße‘ verpflegt wurden. Sie waren sicherlich mitunter hungrig, jedoch, im Gegensatz zu zahlreichen Ostarbeitern, Kriegsgefangenen und den AEL- oder KZ-Häftlingen, nicht vom Hungertod bedroht. Besonders aufgrund von Unterschlagungen und Verschiebungen der Lagerverpflegung durch zahlreiche deutsche Lagerleiter, litten „auch viele Zivilarbeiter aus Westeuropa [unter Hunger], doch reichte es bei ihnen in der Regel nicht bis an die Grenze der physischen Existenz“. [14]  Das heißt jedoch wiederum nicht, dass die Niederländer nicht begründeten Anlass zur Kritik an der Qualität, Genießbarkeit oder Eintönigkeit des Essens gehabt hätten. Beurteilt man doch die Qualität von Nahrung nicht nach ihrem bloßen Nährwert. So berichtet beispielsweise der Niederländer Piet Wit in seinem Tagebuch  bzw. in seinen Briefen 1943/44 sowohl negativ als auch positiv über die Verpflegung bei Volkswagen in Wolfsburg: „Sehr gutes Essen. […] Habe seit zweieinhalb Jahren nicht so fett gegessen“, „das Essen wird für uns gekocht und ist bis jetzt ganz zufriedenstellend. Die Brotration ist etwas größer als zu Hause“, „Heute Mittag wenig und schlechtes Essen“, „In der deutschen Kantine gegessen. Sehr gut“. [15] Ähnlich positiv bemerkt der ab Herbst 1944 in Warendorf bei Münster beschäftigte Jacq Trees über die Verpflegung: „Aus der Parteiküche hatten wir dieselbe Nahrung wie die Parteimitglieder, also eigentlich gut. Die hygienischen Verhältnisse in der Parteiküche waren selbstredend 1 A“. [16] Eine weitaus schlechtere Beurteilung der Verpflegung  gibt der zwischen Juli 1943 und September 1944 im Rüsselsheimer Opelwerk beschäftigte Zwangsarbeiter Piet Pollemans: Hier habe es „jeden Mittag Wassersuppe und abends eine äußerst karge warme Mahlzeit“ gegeben, wobei mitunter „wegen der schweren Arbeit in bestimmten Abständen ein paar Marken zusätzlich für Bohnen und ein Pfund Fleisch oder Wurst“ verteilt worden seien. [17]

Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, dass die deutschen ‚Arbeitskollegen‘ der Niederländer im Allgemeinen noch etwas besser verpflegt wurden und in manchen Fällen Sonderrationen für Überstunden und ähnliches bekamen. Außerdem ist zu beobachten, dass viele Niederländer Probleme mit den Eigenarten der deutschen Küche hatten: Besonders die in der Werksverpflegung weit verbreitete Kohl- oder Steckrübensuppe wurde von vielen von ihnen verabscheut. In den ersten beiden Jahren des Einsatzes niederländischer Arbeitskräfte in Deutschland hatten sich einige Arbeitgeber noch um eine an nationalen niederländischen Vorlieben orientierte Verpflegung bemüht und mitunter sogar niederländische Köche eingestellt. Im weiteren Verlauf des Krieges wurde hierauf jedoch keine Rücksicht mehr genommen.

Im Vergleich zu den Ostarbeitern und den Zwangsarbeitern aus Polen, die im unteren Bereich der rassenideologischen Hierarchie angesiedelt waren, und denen von offizieller deutscher Seite ab 1942 lediglich „2070 Kalorien pro Tag“ [18] zugestanden wurden, waren die Niederländer und sämtliche anderen Westarbeiter verpflegungstechnisch wesentlich besser gestellt. Dennoch waren sowohl Ostarbeiter als auch Westarbeiter oder ‚germanische Arbeitskräfte‘ von der aktuellen Versorgungslage im Reichsgebiet abhängig.

Ein Zugeständnis an die Zufriedenheit der niederländischen Arbeitskräfte stellte anfangs die Versorgung mit Genussmitteln wie Tabak und Alkohol dar. In manchen deutschen Betrieben erhielten niederländische und andere ‚germanische‘ Arbeitskräfte Tabakrationen oder Zigaretten zugeteilt, bzw. konnten solche Artikel im Lager oder in dessen unmittelbarer Nähe käuflich erwerben. Zudem hatten sie, aufgrund ihrer relativen Bewegungsfreiheit, oftmals die Möglichkeit Gaststätten, Cafés oder Läden aufzusuchen. Die Niederländer hatten also – auch dies ein Privileg, das ihre russischen oder polnischen Kollegen nicht, oder nur sehr selten hatten – die Möglichkeit, ihre Nahrungs- und Genussmittelrationen auf legale Weise aufzustocken. Zudem konnten sie wesentlich häufiger Nahrungsmittelpakete empfangen.

Wie ihre andern ausländischen Leidensgenossen waren auch zahlreiche Niederländer aufgrund der katastrophalen Versorgungslage gegen Kriegsende gezwungen, sich auf illegalem Weg (zusätzliche) Nahrungsmittel zu beschaffen. Dies geschah zumeist durch Plünderung ausgebombter Häuser, Diebstahl, Schwarzhandel, Tausch oder Betteln. Auf Nahrungsmitteldiebstahl konnten gegen Kriegsende empfindliche Strafen, im schlimmsten Fall die standrechtliche Erschießung, folgen. Dennoch trieb der Hunger in der Kriegsendphase offenbar auch viele Niederländer zur Missachtung dieser Gefahr. Der niederländische Zwangsarbeiter Marc Edelstein  berichtet beispielsweise, hin und wieder mit einem Kollegen während eines Fliegerangriffs Kohlen aus einem Lagerraum gestohlen zu haben, die dann ‚schwarz‘ in einem deutschen Lebensmittelgeschäft gegen „ein Kilo Brot, eine Scheibe Wurst und zwei Zigaretten“ [19] eingetauscht wurden. Zusätzlich verschärft wurde der Lebensmittelmangel in der Kriegsendphase durch die bereits erwähnte Korruption und Austeilungswillkür einiger Lagerleiter. Entweder ‚verschoben‘ diese die Nahrungs- und Genussmittel, die eigentlich für die Zwangsarbeiter vorgesehen waren, um damit zusätzlichen Profit zu erzielen, oder sie nutzen sie für sich selbst, die eigene Familie oder ihre deutschen Untergebenen. Diese Korruptions-Praxis war in deutschen Arbeiterlagern offenbar derart weit verbreitet, dass sich bereits im Oktober 1943 der deutsche Nachrichtendienst des SD genötigt sah, in einem geheimen Bericht auf diesen grassierenden Missbrauch und seine Auswirkungen auf die Unzufriedenheit der ausländischen Arbeitskräfte hinzuweisen: „Die Benachteiligung bei der Lebensmittelversorgung spielt bei den Klagen der Arbeiter eine große Rolle. […] So erhalten im allgemeinen die germanischen Arbeiter die in manchen Betrieben für Lang- und Nachtarbeit üblichen Sonderzuteilungen an Fischkonserven, Rauchwaren, Alkohol usw. nicht“. [20]

Die niederländischen Razzienopfer, die im Spätherbst und Winter 1944/45 nach Deutschland kamen und hier zumeist beim Bau von Verteidigungsanlagen eingesetzt waren, hatten in der Regel am meisten mit der katastrophalen Ernährungsunterversorgung zu Kriegsende zu kämpfen. Die Nachforschungen des niederländischen Historikers Ben Sijes zur Lebenssituation der Opfer der Rotterdamer Razzia in Deutschland ab November 1944 ergaben, dass „durchgängig über zu wenig und zu einseitiges Essen geklagt“ wurde, weil „die meisten […] von einem halben Brot oder weniger pro Tag und einer Portion warmen Essens“ leben mussten. [21] Viele der Deportierten reisten mehrere Tage und ohne Verpflegung zu erhalten zu ihrem Arbeitsplatz nach Deutschland, wo zudem, besonders nach Bombenangriffen, mitunter über einen oder zwei Tage kein Essen ausgegeben wurde, während die Arbeit unverändert weiterging.

Kleidung und Schuhwerk

Aufgrund der oftmals schweren körperlichen Arbeitstätigkeit unterlagen die Kleidungsstücke der ausländischen Zwangsarbeiter in Deutschland häufig einem starken und schnell fortschreitenden Verschleiß. Die Westarbeiter (wie die Niederländer) und die französischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen waren diesbezüglich besser gestellt, weil sie häufig die Möglichkeit hatten, sich von zu Hause Kleidung schicken zu lassen. Zudem waren zumindest die Zivilarbeiter aus den westlichen Ländern in der Regel mit ausreichender und Reservekleidung ins Reich eingereist, während Ostarbeiter und polnische Zwangsarbeiter oftmals lediglich die Kleidungsstücke besaßen, die sie bei ihrem Transport nach Deutschland auf dem Leibe getragen hatten. Versorgung mit Kleidung und Schuhen war, bis auf einige Ausnahmen, in den Jahren 1940/41 von deutscher Seite nicht vorgesehen. Hinzu kam, dass Zwangsarbeiter ab 1943 in zunehmendem Maße ihr gesamtes Hab und Gut, und somit auch ihre Kleidung, bei Bombenangriffen auf die städtischen Industriezentren verloren.

Niederländischen Arbeitskräften fehlte es im Allgemeinen weniger an alltäglicher Kleidung, dafür aber umso mehr an ausreichend warmer Winterbekleidung und passendem Schuhwerk, sowie angemessener Arbeits- und Arbeitsschutzkleidung. Verloren sie ihre Besitztümer durch alliiertes Bombardement, waren sie, ebenso wie die anderen ausländischen Zwangsarbeiter, gezwungen, sich neue Kleidungsstücke zu organisieren. Dies fiel ihnen, wie bereits erwähnt, vergleichsweise leicht, da sie von Angehörigen oder nationalen Hilfsorganisationen Kleidungsstücke aus der Heimat empfangen konnten, was den osteuropäischen Zwangsarbeitern im Regelfall nicht möglich war. Außerdem konnten Niederländer aufgrund ihrer relativen Bewegungsfreiheit und finanziellen Mittel in deutschen Geschäften Kleidungsstücke und Schuhwerk erwerben.

In den letzten beiden Kriegsjahren scheint die Versorgung mit Kleidung und Schuhen auch für die niederländischen Zwangsarbeiter zunehmend ein Problem dargestellt zu haben. Aus konfiszierten Heimatbriefen mit ‚Wunschlisten‘ für Pakete ist zu ersehen, dass es zu diesem Zeitpunkt auch den vergleichsweise gut gestellten Niederländern an elementarsten Dingen wie Rasierzeug, Seife, Socken, Fäustlingen, Schnürsenkeln, Streichhölzern, Toilettenpapier, Schuhen, Arbeitskleidung usw. mangelte. Besonders gegen Kriegsende versuchten niederländische Organisationen Hilfslieferungen mit Kleidungsstücken an niederländische Arbeitskräfte in Deutschland zusammenzustellen, was aufgrund des relativen Mangels im eigenen Land nicht ganz unproblematisch gewesen sein dürfte.

Der Mangel an Arbeitsschutzkleidung und Probleme bei der Kleidungspflege

Der niederländische Zwangsarbeiter Leo Duyzend berichtet bezüglich seiner Beschäftigung als Hilfsarbeiter in einem Berliner Metallwalzwerk, dass er und seine Kollegen mitunter barfuß und ohne angemessene Schutzkleidung an den Hochöfen Dienst tun mussten und sich deshalb mitunter auch Verbrennungen zuzogen. [22] Nur selten erhielten Zwangsarbeiter von deutschen Stellen Kleidung,  geschweige denn angemessene Arbeitsschutzkleidung zugeteilt. Viele zogen sich so Verletzungen, mitunter mit Spätfolgen, zu, die mit angemessener Arbeitsschutzkleidung zu verhindern gewesen wären.

Ein anderes, weniger existenzielles Problem betraf die Kleiderpflege: Viele der vor allem jüngeren Niederländer lebten zum ersten Mal außerhalb ihrer Familien und waren dabei vollkommen auf sich gestellt – auch was die Reinigung und Instandhaltung ihrer Kleidung betraf. Der Bericht des Volkswagen-Zwangsarbeiters Henk ‘t Hoen mag dieses spezielle Problem verdeutlichen: „Ich habe einmal versucht meine Manchester-Hose zu waschen. Ich schätzte, dass eine ganze Packung Waschpulver für den dicken Stoff erforderlich wäre, was aber falsch war. Ich war […] stundenlang mit Auswaschen beschäftigt […]. Mit der Kleiderpflege verhielt es sich ähnlich, die meisten von uns hatten noch nie Stopf- oder Nähnadel benutzt“. [23]

Hygienische Verhältnisse und medizinische Versorgung

Über die hygienischen Verhältnisse in den Arbeiterlagern, in denen Niederländer untergebracht waren, sind ebenfalls sehr unterschiedliche Angaben gemacht worden. Allen gemeinsam ist, dass die hygienischen Verhältnisse sich – egal ob sie anfänglich ausgezeichnet, akzeptabel oder überaus  mangelhaft waren – im Kriegsverlauf, spätestens ab den Jahren 1943/44, kontinuierlich verschlechterten. In Lagern, in denen es keine oder keine angemessenen sanitären Anlagen gab, entwickelten sich sehr schnell katastrophale hygienische Zustände. Ungeziefer begann sich auszubreiten und erhöhte die Seuchengefahr (Flecktyphusepidemien).

Die schlechtesten hygienischen Verhältnisse herrschten, aufgrund der nationalsozialistisch-rassenideologischen Minderschätzung, in den Wohnlagern der zivilen Ostarbeiter und Polen. Hier bestand in der Regel ein eklatanter Mangel an sanitären Anlagen, Hygieneartikeln und Materialien zur Pflege und Instandhaltung von Kleidungsstücken. Ungeziefer und Seuchen mit zahlreichen Todesfällen waren die zwangsläufige Folge. Doch auch den Niederländern bereiteten Ungeziefer und der Mangel an sanitären Anlagen durchaus Probleme. Der bereits zitierte niederländischer SS-Mann bemängelte im Oktober 1943 nach der Besichtigung einer Baracke für niederländische Arbeitskräfte, dass „die Betten so von Wanzen wimmelten, daß die Arbeiter nicht darin schlafen könnten“. [24] Der SS-Nachrichtendienst SD war im Mai 1942 in einem seiner geheimen Lageberichte sogar zu dem desaströsen Ergebnis gekommen, dass „die […] hygienischen […] Verhältnisse der germanischen Arbeiter […] derartig mangelhaft sei(en), daß sie hierdurch eher zu Kommunisten als zu Nationalsozialisten, geschweige denn zu großgermanisch ausgerichteten Menschen erzogen würden“. [25] Derartige Hinweise über die Ungeziefer- und Hygieneproblematik sowie die fortschreitende Verschlechterung der Situation sind auch vielfach in den niederländischen Zeitzeugenberichten zu finden.

Spätestens ab 1944 – so geht aus den Berichten hervor – häufig aber wohl auch schon vor diesem Zeitpunkt, hatten die hygienischen Zustände einen katastrophalen Stand erreicht. Piet Pollemans, von Juli 1943 bis September 1944 Zwangsarbeiter bei Opel in Rüsselsheim, schildert die Misere in seinem 2000 veröffentlichten Erlebnisbericht: „In den Baracken hing […] ein Geruch von Schweiß, Fäkalien, Körpergerüchen, Ungeziefer und Armut. […] Innerhalb kürzester Zeit wimmelte es von Flöhen, Kopf-, Scham-, Körper- und Filzläusen. Auch gab es unzählige Mäuse und Ratten“. [26] Infolge der großen hygienischen Mängel in den Lagern kam es häufig zu Infektionskrankheiten. Offene Wunden – keine Seltenheit nach Verletzungen während der Arbeit – eiterten und konnten oftmals nicht angemessen versorgt werden, da medizinische Fachkräfte oder medizinische Utensilien fehlten. Zudem versahen zuständige Ärzte und medizinisches Pflegepersonal ihre Arbeit in den Krankenbaracken der Arbeiterlager manchmal nur mit Widerwillen oder sogar Desinteresse. Der Volkswagen-Zwangsarbeiter Henk ‘t Hoen berichtet, nach einer Hand-Verletzung von einer offensichtlich desinteressierten deutschen Krankenschwester mit derselben, nicht desinfizierten Pinzette versorgt worden zu sein, die auch für die Wundpflege bei dem vorherigen Patienten benutzt worden war. Kurz darauf habe sich die Wunde entzündet und, infolge dessen, weiterer medizinischer Versorgung bedurft. [27] Bezüglich der niederländischen Zeitzeugen überwiegen die Beispiele für schlechte und unsachgemäße medizinische Behandlung in den lagerinternen Krankenbaracken, die selten auch nur annähernd ausreichend ausgestattet waren. Berichte über Krankenhausaufenthalte fallen jedoch deutlich positiver aus. Dort wurden ebenfalls, sofern notwendig, Operationen an niederländischen Zwangsarbeitern durchgeführt und man verpflegte und versorgte sie in der Regel gut. Niederländer wurden, soweit bekannt, in denselben Krankenhäusern und auf dieselbe Weise versorgt, wie die deutschen Patienten, worüber es, wie der SD berichtet, seitens mancher deutscher Patienten zu Klagen kam. Offenbar weigerten sich viele Deutsche, mit ausländischen Zwangsarbeitern, selbst Angehörigen der ‚germanischen Brudervölker‘ wie den Niederländern, das Krankenzimmer zu teilen.

Der Aufenthalt in der Krankenbaracke besaß für die ausländischen Zwangsarbeiter jedoch auch noch eine andere, positivere Bedeutung. Er konnte als zeitlich begrenzte, aber wertvolle Ruhephase und Pause vom anstrengenden Arbeits- und Lageralltag dienen. Deshalb versuchten auch einige niederländische Arbeitskräfte – teilweise berechtigt, weil tatsächlich erkrankt, teilweise lediglich ein Leiden simulierend – für so lange wie möglich in die Krankenbaracke aufgenommen zu werden, was ihnen, laut Zeitzeugenberichten, auch hin und wieder gelang. Manche gingen in der Hoffnung auf eine dauerhafte Freistellung von der Zwangsarbeit und die damit verbundene Rückreise ins Heimatland sogar so weit, sich selbst zu verstümmeln. Dieser Umstand lässt wiederum indirekte Rückschlüsse auf die negativen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Lagern zu.

Todesfälle aufgrund von Krankheit und Verletzungen

Auch unter den niederländischen Zwangsarbeitern gab es eine Anzahl von Todesfällen, die bei besseren hygienischen Zuständen und besserer medizinischer Behandlung wohl zu verhindern gewesen wären. Bei den Reichswerken in Salzgitter beispielsweise lauteten die häufigsten Todesursachen unter den dort eingesetzten niederländischen Strafgefangenen Körper- und Herzschwäche, Lungen-TBC und Darmkatarrh, wobei die ersten beiden durchaus auf eine Verschleierung der wirklichen Todesursache (im NS-Jargon auch ‚Sonderbehandlung‘ genannt) hinweisen könnten. [28] So hätten, einem Bericht Hilversumer Razzienopfer zufolge besonders in der Kriegsendphase vor allem ältere nach Deutschland deportierte Männer, dem Elend und Chaos der Zwangsarbeit ausgeliefert, die Hoffnung einfach aufgegeben und wären dann mitunter schnell an einer unter gewöhnlichen Umständen ‚harmlosen‘ Krankheit gestorben. Mit der zusätzlichen Verschlechterung der medizinischen und hygienischen Verhältnisse ab 1944, dem fortschreitenden Vitamin- und Nahrungsmangel, dem Mangel an wärmenden Kleidungsstücken und ausreichenden Ruhephasen sowie den mitunter desaströsen Arbeits- und Wohnbedingungen stieg auch die Zahl der Todesopfer unter den niederländischen Zwangsarbeitern in Deutschland an. 


[10] Volder, K.: Van Riga tot Rheinfelden. Over leven en werken, over terugkeren of sterven, van half miljoen Nederlandse arbeiders in het Duitsland van 1940-1945. Amsterdam 1996, S. 119.
[11] Jong, L. de: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog. Deel 7 Mei ’43 – Juni ’44. Eerste Helft. 's-Gravenhage 1976, S. 586.
[12] Hoen, H. ‘t: Zwei Jahre Volkswagenwerk. Als niederländischer Student im ‚Arbeitseinsatz’ im Volkswagenwerk vom Mai 1943 bis zum Mai 1945. Wolfsburg 2002, S. 52.
[13] Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS. 1938-1945. 17 Bde. Hrsg. von Heinz Boberach. Bd. 15. Herrsching 1984, S. 5927 (25.10.1943).
[14] Spoerer, M: Die soziale Differenzierung der ausländischen Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge im Deutschen Reich, S. 526.
[15] Wit, P.: Tagebuch, S. 25 (30.5.1943); Brief Nr. 1, S. 53 (16.5.1943); Tagebuch, S. 36 (28.11.1943); Ebd. , S. 39 (24.2.1944) alle Zitate in: Olga und Piet. Eine Liebe zwischen zwei Diktaturen. Hrsg. von Manfred Grieger, Ul-rike Gutzmann und Dirk Schlinkert. Wolfsburg 2006 (= Historische Notate. Schriftreihe der Historischen Kommunikation der Volkswagen AG, Wolfsburg; Heft 12), S. 25, S. 53 und S. 36.
[16] Trees, J.: Bericht über die Zeit als Zwangsarbeiter in Warendorf. Brief 9/2002, S. 2 (= in Privatbesitz).
[17] Pollemans, P.: Als Zwangsarbeiter in Deutschland. Erinnerungen an die Jahre 1943-1945 in Rüsselsheim und Wetzlar. Aus dem Niederländischen von Susanne Neugebauer. Rüsselsheim 2000, S. 13.
[18] Spoerer, M.: Die soziale Differenzierung der ausländischen Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge im Deutschen Reich, S. 521.
[19] Edelstein, M.: Autobiographische Skizze. In: Niederländer im verdammten Land. Zeugnisse der Zwangsarbeit von Niederländern im Raum Osnabrück während des Zweiten Weltkriegs. Hrsg. von Volker Issmer. Osnabrück ²1998 (= Kulturregion Osnabrück; Bd.9), S.149-212, S. 159ff.
[20] Meldungen aus dem Reich, Bd. 15 (25.10.1943), S. 5928.
[21] Sijes, B. A.: De Razzia van Rotterdam. 10.-11. November 1944. Amsterdam ²1984, S. 206.
[22] Duyzend, L.: Bericht. In: Na ja das prägt einen eben. Zwangsarbeiter bei Rheinmetall-Borsig in Berlin-Tegel. Hrsg. von Martin Bartsch und René Klarenbeek. Utrecht 2003, S. 41.
[23] Hoen, Henk ‘t: Zwei Jahre Volkswagenwerk, S. 58.
[24] Meldungen aus dem Reich, Bd. 15 (25.10.1943), S. 5927.
[25] Ebd., S. 5929f.
[26] Pollemans, P.: Als Zwangsarbeiter in Deutschland, S. 15.
[27] Hoen, H. ‘t: Zwei Jahre Volkswagenwerk, S. 51.
[28] ‚Herzschwäche‘ galt unter NS-Medizinern (besonders aus den Reihen der SS) als allgemein gebräuchliche Todesursachen-Diagnose um ‚ungewöhnliche‘ und gewaltsame Todesfällen (z. B. die sog. ‚Sonderbehandlung‘) in den Reihen von Häftlingen, krankheitsbedingt dauerhaft arbeitsunfähigen Zwangsarbeitern und Behinderten als natürliche Todesursache zu kaschieren. Vgl. hierzu: Kogon, E.: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München 1974, S. 106f.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010