II. Niederländische Zwangsarbeiter für den Reichseinsatz

Von den insgesamt ungefähr 13,5 Millionen Zwangsarbeitern, die zwischen 1939 und 1945 in der Kriegswirtschaft Nazideutschlands eingesetzt wurden, kamen ab 1940 ca. 475.000 Arbeitskräfte aus den Niederlanden. Zu Beginn des ‚Reichseinsatzes‘ niederländischer Arbeitskräfte – unmittelbar nach Beginn der Besatzung im Jahr 1940 – hatten die niederländischen Wirtschaftspolitiker durchaus ein eigenes pragmatisches Interesse an der Vermittlung niederländischer Arbeitsloser ins benachbarte Deutschland. Hofften sie doch auf diese Weise der bereits seit einigen Jahren andauernden Arbeitslosigkeit im eigenen Land Herr werden zu können. So waren in den Niederlanden schon in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg – zwischen 1936 und 1938 – erste staatliche Maßnahmen getroffen worden, Arbeitslose zur Arbeitsaufnahme in Deutschland zu bewegen.  Die amtierenden niederländischen Arbeitsminister wiesen die lokalen Arbeitsämter an, Arbeitslosen, die sich weigerten, eine Stellung in Deutschland anzunehmen, keine Unterstützungsgelder mehr auszubezahlen. Diese Maßnahme, die 1939 kurzfristig wieder aufgehoben worden war, wurde in den ersten Monaten der Besatzungszeit, verständlicherweise mit vollster Zustimmung des Reichkommissariats für die besetzten niederländischen Gebiete, wieder aktiv betrieben. Zudem erwirkte die ‚Geschäftsgruppe Soziale Verwaltung‘, eine Unterbehörde des ‚Generalkommissariats für Finanzen und Wirtschaft‘ der deutschen Besatzungsverwaltung, im September 1940 die landeseinheitliche Zentralisierung  der traditionell auf lokaler Ebene und unter Gemeindeaufsicht agierenden niederländischen Arbeitsvermittlung. So entstand, nach deutschem Vorbild, ein zentrales, hierarchisch organisiertes Reichsarbeitsbüro (Rijksarbeidsbureau), das überaus günstige institutionelle Voraussetzungen für die landesweite, massenhafte Erfassung und Rekrutierung niederländischer Arbeitskräfte für den Arbeitseinsatz  in Deutschland schuf.

In den Jahren 1941 und 1942 erließ das Reichskommissariat mehrere Arbeitspflichtverordnungen, und schuf damit die ‚rechtliche‘ Grundlage, niederländische Arbeitslose zunächst im Inland und später dann auch in Deutschland zwangsweise zur Arbeitsaufnahme verpflichten zu können. Ab Mitte des Jahres 1942 wurde die Dienstpflicht für die Arbeitsaufnahme in Deutschland schließlich auch auf erwerbstätige niederländische Männer ausgeweitet.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an konnte sich kein niederländischer Wirtschaftspolitiker oder Arbeitsverwaltungsangestellter mehr der Illusion hingeben, dass die Interessen der niederländischen Wirtschafts- und Arbeitskräftepolitik mit den wirtschaftspolitischen Zielen der Besatzungsmacht vereinbar seien. Diejenigen von ihnen, die noch zu Beginn der Besatzungszeit geglaubt hatten, gewissermaßen unter der Protektion der Besatzungsmacht, die ‚neue Ära‘ zu einschneidenden anti-liberalen Reformen der niederländischen Wirtschafts- und Sozialpolitik nutzen zu können, mussten spätestens jetzt erkennen, dass Deutschland die Besatzungspolitik nahezu ausschließlich nach kurzfristigen wirtschaftspolitischen und kriegsrelevanten Erwägungen ausrichtete. So endete in den Niederlanden auch spätestens zu diesem Zeitpunkt die Phase relativ ‚freiwilliger‘ Arbeitskräfte-Anwerbung und machte dem neuen Verfahren der Dienstverpflichtungen und Betriebsauskämmungen – dem Abziehen von Arbeitskräften aus Produktionsfeldern und -stätten, die nach deutscher Einschätzung für die Kriegsproduktion irrelevant oder von verminderter Bedeutung waren – Platz. Im Mai 1943 ersannen die Besatzer eine neue Methode, die den stets anwachsenden Arbeitskräftebedarf im Reich decken helfen sollte. Im Zuge der sog. ‚Jahrklassenaktionen‘  wurden ganze Jahrgänge junger Männer zur Meldung in der für sie zuständigen Außenstelle des Reichsarbeitsbüros aufgerufen. Sofern sie keine Atteste oder Bescheinigungen vorweisen konnten, die sie vom Reichseinsatz freistellten oder keine ernsten physischen Schäden aufwiesen, die einen Arbeitseinsatz unmöglich gemacht hätten, wurden sie registriert und – mitunter ohne Rücksicht auf ihre berufliche Qualifikation – auf Arbeitsstellen im gesamten Reichsgebiet verteilt.  

In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 gingen die Besatzer infolge der stetig nachlassenden Erfolge bei der Aufbringung niederländischer Zwangsarbeiter und der zunehmenden Verschlechterung ihrer militärischen Lage in Europa zu gewalttätigen Arbeitskräfte-Razzien in allen zu dieser Zeit noch besetzten Teilen des Landes über. So konnten zwischen Herbst 1944 und dem Kriegsende noch einmal ungefähr 140.000 niederländische Männer nach Deutschland deportiert werden. Zum einen wollten die Besatzer mit dieser Maßnahme die kurzfristige Bereitstellung zusätzlicher Arbeitskräfte für den Verteidigungsbau im Frontgebiet und das Trümmerräumen in Deutschland erreichen. Zum anderen wollten sie verhindern, dass sich die noch in den Niederlanden befindlichen (jungen) Männer bei Näherrücken der Front den alliierten Streitkräften zum Kampf gegen Nazi-Deutschland anschließen würden.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der niederländischen Arbeitskräfte in Deutschland zwischen 1940 und 1945 variierten je nach Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme im Reich, dem Ort der Dienstverpflichtung (Stadt oder ländliches Gebiet) sowie dem jeweiligen Betrieb (Klein- oder Großbetrieb, Landwirtschaft, Industrie oder Dienstleistungsbetrieb, Privatwirtschaft oder öffentlicher Dienst, etc.). Da die rassenideologische Bewertung der Nationalsozialisten die Niederländer als ‚germanisches Brudervolk‘ am oberen Ende der Rassen-Skala ansiedelte, wurden sie dementsprechend in nahezu allen Belangen wie Unterkunft, Verpflegung, Versorgung, Lohn, Freizeit, Bewegungsfreiheit usw. besser behandelt als beispielsweise die sowjetischen und polnischen Arbeitskräfte, die am unteren Ende der NS-Rassenhierarchie angesiedelt waren.

Nach dem Krieg wurden die niederländischen Arbeitskräfte, die zwischen 1940 und 1945, unter welchen Umständen auch immer, im Deutschen Reich gearbeitet hatten, in den Niederlanden unter Kollaborationsverdacht gestellt. Aus diesem Grund sah der Großteil der Betroffenen in der Nachkriegszeit davon ab, über das eigene Schicksal und Leid zu sprechen, um jeglicher gesellschaftlicher Stigmatisierung von vorneherein aus dem Weg zu gehen. Eine rechtliche oder gesellschaftliche Anerkennung als Opfergruppe von Krieg und Besatzungszeit blieb den ehemaligen Zwangsarbeitern bis Mitte der 1980er Jahre weitgehend verwehrt. Erst die zunehmend differenzierte und weniger moralisch wertende Wahrnehmung und Interpretation der Geschichte der Besatzungszeit, die sich in den 80er Jahren langsam durchzusetzen begann, ebnete  den Weg zu ihrer gesellschaftlichen Rehabilitation und rechtlichen Anerkennung als Kriegsopfer.


Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010