IX. Behandlung und Erlebnisse am Arbeitsplatz – Deutsche Chefs, Vorarbeiter und Kollegen

„Wie der deutsche, so dient auch der ausländische Arbeiter […] durch seinen Arbeitseinsatz im Großdeutschen Reich dem Neuaufbau Europas und dem Kampf um die lebenswichtigen Voraussetzungen für eine glückliche Zukunft und Wohlfahrt der Völker im europäischen Raum. […] Auf diesem Gedanken beruht sein Einsatz, seine Arbeitsleistung und seine persönliche Haltung“ [29]– diese Belehrung durch den NS-Staat konnte jeder ausländische Zwangsarbeiter, sofern er der deutschen Sprache mächtig war, auf der Rückseite seines Arbeitsbuches lesen. Und auch die niederländischen Arbeitskräfte in Deutschland sollten, dieser Parole folgend, arbeiten und leben.

Für niederländische Arbeitskräfte standen die Chancen einen ‚akzeptablen‘ oder zumindest  erträglichen Arbeitsplatz zugewiesen zu bekommen vergleichsweise gut. Sie beherrschten nämlich fast ausnahmslos die deutsche Sprache und konnten so schneller und einfacher in den Arbeitsprozess integriert bzw. angelernt werden. Bei Volkswagen beispielsweise nahmen die niederländischen Studenten „aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und technischen Qualifikationen Scharnierfunktionen zwischen dem deutschen Leitungspersonal und den [übrigen] ausländischen Arbeitskräften ein“ [30] und versahen mitunter sogar Aufseher- oder Vorarbeitertätigkeiten. Niederländische Medizinstudenten konnten vergleichsweise angenehme Tätigkeiten in deutschen Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen zugewiesen bekommen, die ihnen zumindest etwas praktische Erfahrung einbrachten. Andere hatten nicht so viel Glück und wurden nicht selten in berufsfremden Tätigkeitsfeldern oder lediglich als Hilfsarbeiter eingesetzt.

Die Arbeitszeiten niederländischer Arbeitskräfte betrugen zumeist zwischen zehn und zwölf Stunden täglich. Arbeitsschutzmaßnahmen und Arbeitsschutzkleidung wurden ihnen nicht selten verweigert oder waren schlicht und einfach nicht vorhanden. Von Anlernphasen für fachfremde Arbeitskräfte oder Weiterbildungsmaßnahmen für Facharbeiter, die mitunter sogar die Arbeitsleistung hätten steigern können, wurden oftmals abgesehen. Einige wenige Studenten höheren Semesters oder Facharbeiter konnten in ihren Betrieben in gehobene Positionen gelangen, die ihnen, trotz unfreiwilliger Arbeit in Deutschland, manchmal auch zusätzliche interessante Berufserfahrungen ermöglichten.

Was die Behandlung der Niederländer durch ihre deutschen Vorarbeiter, Vorgesetzte und andere deutsche Mitarbeiter betrifft, lässt sich ein breites Spektrum verschiedenster Erfahrungen beobachten. Dem Historiker Mark Spoerer zufolge, konnte die Behandlung ausländischer Arbeitskräfte im Reichsgebiet von „brutaler Ausbeutung bis hin zu kollegialer Behandlung, freundschaftlichem Umgang und auf dem Land sogar bis hin zur Aufnahme in die Familie“ variieren, wobei die „Wahrscheinlichkeit, anständig behandelt zu werden, mit der Größe des Unternehmens“ abgenommen habe. [31] Die Behandlung der Arbeitskräfte war zudem, abhängig von der Gesinnung des jeweiligen Meisters oder Vorarbeiters, oftmals rassistisch und nationalsozialistisch orientiert und sollte es nach NS-Richtlinien auch sein. Ostarbeiter und polnische Zwangsarbeiter wurden häufiger als die sog. Westarbeiter zu niederen, schmutzigen und schwereren Hilfstätigkeiten herangezogen und auch schlechter und abweisender behandelt. Die Meister, Vorarbeiter oder Poliere des Betriebs oder der Arbeitsgruppe entschieden maßgeblich über das Arbeitsklima: Sie konnten wesensmäßig ruhigen Gemüts, zurückhaltend, besonnen, unpolitisch und freundlich-kollegial, oder aber aufbrausend, fanatisch rassistisch und nationalsozialistisch gesinnt sein und auf hinterhältige Weise ihre Vormachtstellung gegenüber den ausländischen Arbeitskräften ausnutzen. In manchen Fällen kümmerten sich deutsche Vorarbeiter offenbar aber auch um ihre ausländischen Untergebenen, ließen sie zumindest in Ruhe arbeiten, gaben ihnen zusätzliche Nahrungsmittel oder setzten sich anderweitig für sie ein. Dies scheint aber, bei Betrachtung der Quellen, eher die Ausnahme und nicht der Regelfall gewesen zu sein. Zudem konnte eine ‚zu freundliche‘ Behandlung und Sorge für die Zwangsarbeiter für die deutschen Arbeitskräfte und Vorgesetzten selbst schwerwiegende strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

Demütigungen und Misshandlungen am Arbeitsplatz

Niederländische Arbeitskräfte mussten, wie aus den Quellen hervorgeht, häufig willkürliche Ungerechtigkeiten, Demütigungen und Misshandlungen deutscher Vorgesetzter über sich ergehen lassen. Widerspruch oder Widersetzlichkeit wurden schnell mit Einweisung in ein Arbeitserziehungslager oder anderen ‚erzieherische‘ Strafmaßnahmen geahndet. Andererseits wurden Niederländer in den Betrieben weitaus seltener von deutschen Arbeitskräften oder Werkschutzangehörigen geschlagen oder anderweitig misshandelt, als dies beispielsweise Ostarbeitern und polnischen Arbeitskräften oder Kriegsgefangenen wiederfuhr. Die Gefahr, wegen eines Verstoßes gegen die Werksregeln vom betrieblichen Werkschutz oder einem deutschen Vorgesetzten erwischt und bestraft oder der Gestapo übergeben zu werden, schwebte zu jeder Zeit wie ein Damoklesschwert über den Zwangsarbeitern, die dementsprechend häufig bemüht waren, sich zurückhaltend und unauffällig zu benehmen, um Konflikten jeglicher Art von vorneherein aus dem Weg zu gehen.  

Ab 1944 verschärfte sich die allgemeine Behandlung der Zwangsarbeiter durch die Vorarbeiter oder Bewacher. Bei Verstößen gegen die Arbeitspflicht, nicht zufriedenstellender Arbeitsleistung oder Widersetzlichkeit wurden nun auch niederländische Zwangsarbeiter immer seltener belehrt oder verwarnt, sondern zunehmend härter bestraft. Zahlreiche niederländische Zwangsarbeiter, die infolge der Razzien im Herbst/Winter 1944/45 nach Deutschland deportiert und hier für die NS-Baubrigade Organisation Todt arbeiten mussten, wurden unter brutalsten Bedingungen (Geschrei, Prügel und sonstige Misshandlungen) von Wachmännern und Vorarbeitern zur zügigen Arbeit angehalten.

Das Verhältnis der Zwangsarbeiter zur deutschen Zivilbevölkerung

Nicht selten wurden die ausländischen Zwangsarbeiter in der Öffentlichkeit von Deutschen als störend oder ihr Verhalten als unverschämt empfunden. Ostarbeiter oder andere fremdländisch aussehende Arbeitskräfte wurden – der allgemein verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und der staatlich verordneten NS-Rassenideologie entsprechend – häufiger als unliebsam empfunden und diskriminiert, als die niederländischen Arbeitskräfte, die zumeist die deutsche Sprache beherrschten, aus dem direkten Nachbarland kamen und auch ansonsten nicht als allzu fremd wahrgenommen wurden. Doch auch Niederländer erfuhren mitunter die ablehnende Behandlung vieler Deutscher am eigenen Leib. Der niederländische Zwangsarbeiter Kees Duindam berichtet: „In der Stadt konnte man ab und zu auch (flüsternd) Ausländer, Ausländer, Ausländer“ hören. […] man konnte [dann] natürlich besser den Mund halten und nichts sagen, denn sonst konnte es einem widerfahren, dass man sich versprach. Das hätten sie [die Deutschen, c. k.] nicht hingenommen". [32]


[29] Arbeitsbuch für Ausländer. Ausgegeben vom Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz. Rückseite. Abgedruckt in: Volder, K.: Werken in Duitsland 1940-1945. Bedum 1990, S. 257.
[30] Vgl. Ohne Verfasserangabe: Erinnerungsstätte zur Geschichte der Zwangsarbeit im Volkswagenwerk, S. 58.
[31] Beide Zitate: Spoerer, M.: Zwangsarbeit im Dritten Reich, S. 36.
[32] Duindam, K.: Bericht. In: Na ja, das prägt einen eben, S. 129.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010