Rezension: Madelon de Keizer/ Marije Plomp (Hrsg.): Een Open Zenuw. Hoe wij ons de Tweede Wereldoorlog herinneren, Amsterdam (Uitgeverij Bert Bakker) 2010

Als im Herbst 2007 ein kranker Kastanienbaum in der Amsterdamer Altstadt gefällt werden sollte, kam es weltweit zu einem Aufschrei der Empörung. Denn nicht irgendein Baum sollte abgeholzt werden: Anlass der Empörung war „die“ Kastanie Anne Franks, die sich in einem Innenhof hinter dem berühmten „Achterhuis“ befindet, in dem sich das jüdische Mädchen und ihre Familie während der Judenverfolgung in den Niederlanden versteckt hatten, und in dem weltbekanntem Tagebuch des Mädchens Erwähnung findet. Infolge zahlreicher Proteste und eines Richterspruchs in letzter Minute wurde der Baum zunächst gerettet und mit einem stützenden Gerüst versehen.[1] Diese große Beachtung für einen kranken Baum ist besonders vor dem Hintergrund interessant, dass sich gute 50 Jahre zuvor kaum jemand daran störte, als das „Achterhuis“ in der Prinsengracht selbst abgerissen werden sollte. Nur der Initiative einiger Personen, darunter Anne Franks Vater, war es letztendlich zu verdanken, dass das Gebäude – heute eine Pilgerstätte für Millionen Besucher – bewahrt blieb.[2] Diese Geschichte zeigt nicht nur, wie sehr sich die Erinnerung und die Bedeutung bestimmter Erinnerungsorte in den letzten Jahrzehnten verändert hat, sondern verdeutlicht auch, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bis heute ein „empfindlicher Nerv“ ist.

Dies ist auch der Ausgangspunkt des gleichnamigen Buches (Een open zenuw), das anlässlich des 65jährigen Bestehens des renommierten Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD) von Madelon de Keizer und Marije Plomp herausgegeben wurde. Anhand von 47 Erinnerungsorten werden darin die heutige niederländische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die darauf einwirkenden Faktoren und Prozesse skizziert. Aufbauend auf den in den 80er Jahren von dem französischen Historiker Pierre Nora geprägten Begriff des lieux de mémoire, werden Erinnerungsorte hier nicht nur als geographische oder gegenständliche Orte (wie etwa Arnheim oder das Nationale Dachau-Denkmal) verstanden, sondern können auch abstrakterer Natur sein, wie gewisse Redewendungen, die sich im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben. In dem Buch werden nicht nur Erinnerungsorte der niederländischen, sondern u.a. auch der niederländisch-indonesischen Vergangenheit betrachtet, denen in der Erinnerung an die japanische Besatzung der ehemaligen niederländischen Kolonie eine besondere Rolle zukommt. Neben japanischen Internierungslagern in Niederländisch-Indien zählt dazu unter anderem auch die berüchtigte Birma-Eisenbahnstrecke, die insbesondere durch den Film „Die Brücke am Kwai“ zum Symbol für die Zwangsarbeit der Kriegsgefangenen geworden ist. Nicht zuletzt durch die Einbeziehung dieser Aspekte gelingt es den Autoren, ein vielschichtiges Bild der heutigen Erinnerungslandschaft zu zeichnen. Neben Historikern – das Autorenverzeichnis liest sich wie ein Who is Who der niederländischen Historikerschaft – kommen in dem Sammelband auch Nicht-Historiker zu Wort, die sich in der Beschäftigung mit bestimmten Erinnerungsorten besonders hervorgetan haben. So enthält der Sammelband unter anderem Beiträge von Hein Klemann (Der Hungerwinter), Peter Romijn (Bürgermeister in Kriegszeiten), Rob van der Laarse (Kamp Westerbork) und Frank van Vree (Film „De Overval“).

Ausgehend von der „Dynamik der Erinnerung“ und deren zunehmender Transnationalisierung schließt das Buch an jüngste Veröffentlichungen, etwa des gleichnamigen Sammelbandes von Frank van Vree und Rob van der Laarse,[3] an, versucht aber zugleich auch neue Akzente zu setzen. So stehen insbesondere das Schlüsseljahr 1989 und dessen Auswirkungen auf die Erinnerungskultur im Mittelpunkt des Interesses. Ein Ansatz, der in der internationalen Forschung nicht neu ist,[4] durch die Anwendung auf die niederländische Erinnerungslandschaft und Erinnerungsorte jedoch durchaus zu einer neuen Perspektive führt.

Das Ende des Kalten Krieges wird in dem Buch als ein Schlüsselereignis angesehen, mit dem eine Loslösung von der vornehmlich national geprägten Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg einsetzte, was eine „Entmythologisierung“ und „Europäisierung der Erinnerung“ mit sich brachte. Ein neues, transnationales Europa trat nun „an die Stelle der eigene Nation“, die bislang als „Basis einer nationalen Identität“ gedient hatte.[5] Zugleich konstatieren die Herausgeber eine vermehrte Hinwendung zum regionalen und lokalen Gedenken, das mit einer anhaltenden Schaffung und Bewahrung lokaler Erinnerungsorte einhergeht. Eine Tendenz, die in dem Buch jedoch nicht als Gegensatz, sondern vielmehr als Ergänzung des bisherigen Gedenkens verstanden wird. Im Zuge der zunehmenden Globalisierung und der internationalen Unsicherheit in Folge des 11. Septembers 2001  wird die vermehrte Hinwendung zum Lokalen hier als eine Form der neuen Identitätssuche und als eine „Basis für das Bedürfnisses nach Sicherheit“ verstanden.[6]

Ein interessanter Ansatz, der nicht zuletzt auf Grund der neuen und globaleren Perspektiven, wie sie in der Geschichtswissenschaft nach 1989 aufkamen, berechtigt ist. Dennoch scheint diese Fokussierung auf das Jahr 1989 und dessen Bedeutung nicht nur als politische, sondern auch als erinnerungskulturelle Wende im Bezug auf die Niederlande überbewertet. Der Ansatz birgt – auch wenn in den einzelnen Beiträgen die Entwicklungsstränge vor 1989 ebenfalls skizziert werden – die Gefahr in sich, bereits früher einsetzende Prozesse zu stark auszublenden. So setzte in den Niederlanden beispielsweise bereits vor der „Wende“ eine Revision des Geschichtsbildes ein und wurde insbesondere die Jahrzehnte lang geltende Dichotomie zwischen „goed“ (gut) und „fout“ (böse) in Frage gestellt. Der Historiker Hans Blom publizierte seine wegweisende Rede zu diesem Thema bereits 1983 – losgelöst von den späteren Ereignissen im Osten Europas.[7]

Insbesondere die Erinnerung an den Holocaust verdeutlicht zudem, dass bereits in den Jahrzehnten zuvor eine gewisse Transnationalisierung der Erinnerung (wenn auch auf die westlichen Länder beschränkt) einsetzte. Nicht zuletzt Ereignisse wie der Eichmann-Prozess oder die TV-Serie „Holocaust“ prägten zunehmend das internationale Bild über den Völkermord und die Lehren, die daraus gezogen wurden.

Fraglich ist auch, ob die verstärkte Hinwendung zum lokalen Gedenken in erster Linie als Teil der zunehmenden Suche nach der eigenen Identität verstanden werden sollte oder ob die Wurzeln dieser Entwicklung nicht schon früher zu suchen sind. So lässt sich in einigen westlichen Ländern bereits seit Ende der 70er Jahre ein steigendes Interesse am Schicksal des „kleinen Mannes“ und der regionalen Geschichte feststellen. In Deutschland führte dies – neben der Entstehung der so genannten Alltagsgeschichte – beispielsweise zur Errichtung zahlreicher so genannter Geschichtswerkstätten, in denen Laien anfingen ihre lokale Geschichte und insbesondere die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Zur gleichen Zeit gerieten auch die verschiedenen Opfergruppen zunehmend ins Bewusstsein der Bevölkerung, was gewiss nicht nur Auswirkungen auf die nationale, sondern auch auf die lokale und regionale Gedenkkultur hatte. Parallele Entwicklungen in den Niederlanden  lassen sich etwa in der, von Ido Abram beschriebenen, Initiative zur Errichtung eines Kinderdenkmals auf einem Spielplatz in Amsterdam-Süd, der während der Besatzungszeit als jüdischer Markt genutzt wurde, wiederfinden.[8]

Insgesamt überzeugt Een open Zenuw jedoch insbesondere durch die große Auswahl an Erinnerungsorten und die in den einzelnen Beiträgen gezeichneten vielschichtigen und teilweise mit einander konkurrierenden Faktoren, die die gegenwärtige Erinnerungskultur in den Niederlanden prägen. Das Buch liefert damit einen facettenreichen Beitrag zur Erforschung der niederländischen Erinnerungskultur.


[1]  Siehe u.a. Siggi Weidemann: Aufbäumen für eine Kastanie, in: sueddeutsche.de vom 27.11.2007; Anne-Frank-Kastanie gerettet, in: Hamburger Abendblatt vom 24.1.2008.
[2] Siehe u.a. Vom Versteck zum Museum - Die Geschichte des Anne Frank Hauses, in: www.annefrank.org.
[3] Vree, Frank van/ Laarse, Rob van der: De Dynamiek van de Herinnering. Nederland en de Tweede Wereldoorlog in een internationale context, Amsterdam 2009.
[4] Siehe unter anderem Faulenbach, Bernd/ Jelich, Franz-Josef (Hrsg.): "Transformationen" der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006.
[5] Keizer, Madelon de: Inleiding, in: Een open zenuw, Amsterdam 2010, S. 18 und 19.
[6] Keizer, Madelon de: Inleiding, in: Een open zenuw, Amsterdam 2010, S. 20.
[7] Blom, J.C. H.: In de ban van goed en fout? Wetenschappelijke geschiedschrijving over de bezettingstijd in Nederland, Bergen 1983.
[8] Abram, Ibo: Het Kindermonument, in: Een open zenuw, Amsterdam 2010, S. 332ff.

Autorin: Christine Kausch
Erstellt: Juli 2010