Kurzbeitrag: Veteranen – Einsatz im Dienst des Friedens

Seit 2005 gibt es den niederländischen Veteranentag. Am letzten Samstag im Juni kommen im Rahmen dieses Veteranentags in Den Haag viele Menschen aus allen Kreisen der Gesellschaft zusammen, denn es ist eine Veranstaltung für jedermann. Im Mittelpunkt steht die Tatsache, dass Hunderttausende von Niederländern seit 1940 in vielen Teilen der Welt in Kriegssituationen eingesetzt worden sind. Das Motto des niederländischen Veteranentags, das zugleich Titel dieser Ausstellung ist, lautet dann auch „Niederländische Veteranen. Einsatz im Dienst des Friedens“.

Aber wie alle kurzen Slogans wird auch dieser der komplexen Realität nicht gerecht. Als erstes ist da der Begriff Veteran. Schon in der offiziellen Definition benötigt man mehrere Sätze, um auszudrücken, wer den Titel tragen darf und wer nicht. Das deutet bereits darauf hin, dass es sich hier um eine sehr heterogene Zielgruppe handelt, deren Mitglieder sich mit Blick auf Beweggründe, Motivation, Alter und Erfahrung stark voneinander unterscheiden. Sie sind in Kriegssituationen gelandet, aber auch diese Kampfschauplätze sind alle unterschiedlich. Sie reichen von einem torpedierten Handelsschiff bis zum undurchdringlichen Urwald im indonesischen Archipel, von einem Stellungskampf in bitterer Kälte bis zur humanitären Hilfe für einen großen Flüchtlingsstrom. Korea ist nicht wie der Libanon, Niederländisch-Ostindien nicht wie der Irak. Man tut gut daran sich zu vergegenwärtigen, dass wir innerhalb der Gruppe von Niederländern, die wir als Veteranen bezeichnen, auf eine große Bandbreite völlig unterschiedlicher Erfahrungen stoßen.

Zu den Kernbegriffen in allen Texten, die über Veteranen geschrieben worden sind, gehören Betreuung und Anerkennung. Veteranen dürfen nicht ihrem Schicksal überlassen werden, und es ist sicherlich sehr wichtig, dass ihr Einsatz für die Gesellschaft deren Wertschätzung erfährt. Das ist schneller gesagt als getan, denn die soeben skizzierte Komplexität der Lebenswelt der Veteranen steht Verständnis und Betreuung oft im Weg.

Überdies spielt hier der Faktor Zeit eine große Rolle. In dem Augenblick, in dem der Soldat in die Niederlande zurückkehrt, ist weder die Gesellschaft, noch der Veteran selbst in der Lage, die Distanz zu gewinnen, die vielleicht notwendig ist, um die Folgen des Einsatzes zu überblicken und die Erfahrungen zu verarbeiten. Dieser Prozess braucht Zeit. Jahre später blickt der Veteran zurück, aber dann haben sich Meinungen und Umstände oftmals grundlegend geändert. Der historische Rahmen, in dem er seinen Krieg erlebte, existiert nicht mehr, und die Gesellschaft um ihn herum weiß oft nur noch wenig über die Fakten, die für ihn so wichtig sind. Dabei handelt es sich selten um bösen Willen oder Gleichgültigkeit, sondern häufiger um gegenseitiges Unverständnis, wodurch der Veteran den Eindruck bekommt, er werde nicht gewürdigt und anerkannt.

Der Historiker kämpft mit seinen eigenen Problemen. Der Anlass für den Einsatz von Soldaten muss eingeordnet und fundiert beschrieben werden. Es liegt auf der Hand, dass eine in der Vergangenheit von Politikmachern getroffene politische Entscheidung dabei nicht immer standhält. Ein Beispiel: War der Einsatz so vieler Militärs im ehemaligen Niederländisch-Ostindien zur Verteidigung von Frieden und Sicherheit notwendig, oder konnte eine durch den Zweiten Weltkrieg beschädigte Nation nicht akzeptieren, dass die Kolonialverwaltung von der Zeit eingeholt worden war? Eine unbequeme Frage, die noch Generationen beschäftigen wird, jedoch nichts mit der individuellen Erfahrung des Indonesien-Veteranen und seinem Einsatz in den Tropen zu tun hat. Es ist gerade in seinem Interesse, die Opfer, die dort von Tausenden erbracht worden sind, in ein scharfes Bild einzuordnen, das auf den verfügbaren Quellen, und nicht zuletzt auf den Erzählungen des Veteranen selbst beruht.

Es ist unsere Pflicht, jeden Kriegsschauplatz, an dem Niederländer kämpften, zu skizzieren, und so zu versuchen, eine Basis für mehr gesellschaftliche Anerkennung zu schaffen. Wenn die Öffentlichkeit mehr über den Hintergrund des Veteranen weiß und man versteht, über was er spricht, kommt die Anerkennung seines Einsatzes von alleine.

Letztlich wird sich zeigen, dass die Betrachtung der Erfahrungen der Veteranen in jeder Periode der Geschichte anders ausfällt. Der Betrachter setzt seine Wirklichkeit auf der Grundlage der verfügbaren Informationen, der Wechselwirkung zwischen eigener Erfahrung und der anderer sowie der Konfrontation mit anderen Auffassungen zusammen. Zu diesem Prozess will die Ausstellung, die wir heute hier eröffnen, einen Beitrag leisten. 24 Tafeln bieten in Wort und Bild einen Ansatz für Verständnis und Anerkennung für die geleisteten Anstrengungen und die erbrachten Opfer. Es wird deutlich, dass Niederländer seit 1940 fast überall auf der Welt in Kriegen gekämpft haben – unter unterschiedlichen Umständen und mit wechselndem Resultat. Sie waren dabei immer davon überzeugt, für die gute Sache zu kämpfen. Dabei sollte für jeden Niederländer die Erkenntnis im Mittelpunkt stehen, dass der Soldat auf der Grundlage eines Entscheidungsprozesses in unserem demokratischen System einberufen und entsandt wurde. Die Soldaten standen in der Feuerlinie und kämpften ihren Kampf in unser aller Namen. Alleine darum ist es schon notwendig, dass wir uns in die vielschichtige Problematik vertiefen, die vielleicht zu simpel, aber doch effektiv im Titel unserer Ausstellung erfasst ist.

Die Ausstellung „Niederländische Veteranen. Einsatz im Dienst des Friedens“ wurde im Auftrag des Komitees Niederländischer Veteranentag zusammengestellt, dem gleichen Forum, das unter der Schirmherrschaft von Prinz Willem Alexander den Niederländischen Veteranentag organisiert. Ziel dieser Ausstellung ist es vor allem, Wissen zu erweitern und Verständnis zu wecken. Die Ausstellung ist mit Unterstützung verschiedener Unternehmen und Institutionen, wie dem Veteraneninstitut und dem Niederländischen Institut für Militärgeschichte, erstellt worden. Sie reist – in mehreren Ausgaben und auch in kleineren Varianten – schon seit geraumer Zeit mit viel Erfolg durch Rathäuser, Museen, Bibliotheken und Schulen. Zum ersten Mal passieren die Tafeln nun die Grenze und stehen jetzt Besuchern im Ausland zur Verfügung.

Obwohl die Entwicklungen des vergangenen Jahres in Afghanistan und Libyen auf den Tafeln nicht verarbeitet sind, beweisen viele Ereignisse der jüngeren Zeit die Aktualität der Themen, die behandelt werden. Wann müssen die Vereinten Nationen, die NATO oder ein anderes Bündnis der Westmächte eingreifen und Soldaten einsetzen? Unter welchem Mandat ist es gerechtfertigt, niederländische Soldaten zu entsenden? Welches Ziel will man genau mit diesem Einsatz erreichen? Diese und andere grundlegende Fragen müssen immer wieder gestellt werden, und die politischen und militärischen Entscheider haben die Umstände immer wieder an den einmal formulierten Ausgangpunkten zu überprüfen. Die Ausstellung zeigt in knapper Form, wie dies in der Vergangenheit geschehen ist und welche Konsequenzen es für die betroffenen Soldaten und die Länder, in denen sie funktionieren mussten, gegeben hat.

Zum Schluss gilt ein Wort des Dankes allen denen, die einen Beitrag leisteten, vor allem den vielen Veteranen, deren persönliche Geschichten die Grundlage für diese Ausstellung bilden. Acht von ihnen geraten buchstäblich ins Scheinwerferlicht, und ihr Leben huscht in wenigen Minuten am Besucher vorbei. Die Ausstellung richtet sich an alle Interessierten, nicht nur die Veteranen selbst, sondern insbesondere an die breite Öffentlichkeit, für die die Welt der Veteranen noch viele Geheimnisse birgt. Im Mittelpunkt steht die Information. Es ist vor allem zu hoffen, dass Jugendliche diese – für sie oftmals unbekannten – Episoden aus der Geschichte zur Kenntnis nehmen. Folglich sind wir auch froh zu sehen, dass die Ausstellung hier in Münster mitten in eine auf Jugendliche und Bildung ausgerichtete Umgebung platziert worden ist und hoffen, dass viele Besucher sie als interessante und lehrreiche Präsentation erleben werden.

Autor: Klaas Kornaat
Erschienen: Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung am 19. April 2011 in Münster