Niederländische Zwangsarbeiter in der NS-Kriegswirtschaft


V. März 1942 bis Sommer 1944 – Dienstverpflichtungen, Betriebsauskämmungen und Jahrklassenaktionen

Im April/Mai 1942 arbeiteten, Schätzungen zufolge, ungefähr 166.000 niederländische Arbeitskräfte in Deutschland.[4] Die NS-Führungsspitze und besonders ihre Wirtschaftslenker, drängten im Frühjahr 1942 jedoch auf eine deutliche Erhöhung der Arbeitskräfte aus allen Ländern Europas, die im deutschen Einflussgebiet lagen. Der Ende 1941 begonnene Russlandfeldzug, der einer großen Menge neu einzuberufender Soldaten und vor allem Rüstungsmaterialien bedurfte, erhöhte die Soll-Mengen der Rüstungsproduktion um ein Vielfaches und verschärfte den ohnehin schon existierenden Arbeitskräftemangel in der deutschen Kriegswirtschaft, die damit, auch aufgrund der Vorbehalte der wichtigsten Vertreter der NS-Führung gegen die Ausweitung der Frauenerwerbsarbeit, zwangsläufig auf die Zuführung zahlreicher ausländischer Arbeitskräfte angewiesen war. Dieser Umstand wurde noch dadurch verschärft, dass sich die deutsche Kriegswirtschaft, nachdem sich im Laufe des Jahres 1942 in Russland das Scheitern der sog. ‚Blitzkriegstrategie‘ abzuzeichnen begann, auch rüstungstechnisch auf einen längeren ‚Abnutzungskrieg‘ mit hohem materiellen Verschleiß und  dementsprechendem Produktionsbedarf einstellen musste. Eine Neuorganisation der deutschen Kriegswirtschaftsproduktion und der Nutzung ihrer Arbeitskräfteressourcen nach streng rüstungswirtschaftlichen Notwendigkeitserwägungen erschien unter den gegebenen Umständen unerlässlich. Die Reorganisation der deutschen Kriegswirtschaft im In- und Ausland und die damit einhergehende Einbeziehung zusätzlicher Arbeitskräfte war wesentlich mit zwei Personalien verbunden, über die Hitler im Frühjahr 1942 entschied: Am 15. Februar ernannte er Albert Speer zum ‚Reichsminister für Bewaffnung und Munition‘ (ab 1943: ‚Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion‘), der, mit zahlreichen besonderen Vollmachten ausgestattet, die Reorganisation der deutschen Kriegswirtschaft nach Maßstäben der Produktionseffizienz zu bewerkstelligen hatte. Zudem erfolgte per Führererlass im März die Ernennung des thüringischen Gauleiters Fritz Sauckel zum ‚Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz‘ (GBA), dem damit die massenweise Erfassung und Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte zufiel. Sauckel konnte diesbezüglich in den Jahren 1942 und 1943 relativ ansehnliche Erfolge erzielen, „indem er die Arbeitskräfterekrutierung systematisch auf Zwangsmaßnahmen umstellte“. [5]

Die beschriebenen Entwicklungen begannen sich ab Sommer 1942 auch in den Niederlanden bemerkbar zu machen, wo die Phase der mehr oder weniger ‚freiwilligen‘ Arbeitseinsatzanwerbung zunehmend einer „systematischen  Disziplinierung und Ausbeutung des […] Arbeitsmarktes“ [6] wich. Unter Sauckels Federführung kamen nun auch in den Niederlanden erste Formen gewaltsamer Arbeitskräfterekrutierung zur Anwendung. Am 22. August 1942 wies Sauckel die deutsche Besatzungsbehörde an, in den Niederlanden „sofort entsprechende gesetzliche Regelungen für Zwangsmaßnahmen (Meldepflicht, Arbeitsplatzwechselbeschränkungen, Dienstpflicht, Anlernpflicht) zu erlassen“, die, genau besehen, eine Anwerbung niederländischer Arbeitskräfte nach Bedarf  und Gutdünken deutscher Stellen ermöglichen sollten. Zuvor, im März 1942, war die bereits erwähnte Verordnung vom 28.2.1941 (VO 42/1941), die die gesetzliche Basis für eine kurzfristige Beschäftigungsverpflichtung niederländischer Arbeitsloser im Heimatland geschaffen hatte, auf eine verpflichtende Arbeitsplatzaufnahme im gesamten von ‚Großdeutschland‘ beherrschten Raum erweitert worden. Außerdem betraf die Dienstpflicht nun nicht mehr ausschließlich Arbeitslose, sondern auch in einem Dienstverhältnis stehende Niederländer. Mit diesem Erlass, und den neu geschaffenen arbeitsrechtlichen Anwerbungsverhältnissen, kann die Phase der seit Juni 1940 ohnehin nur noch als ‚bedingt freiwillig‘ zu bezeichnenden Arbeitskräfteanwerbungen in den Niederlanden als definitiv beendet angesehen werden. Nun begann auch hier die Zeit der offenen Zwangsrekrutierungen, die schließlich, ab Herbst 1944, in Menschenjagd-ähnlichen Razzien und gewaltsamen Deportationen ihren traurigen Höhepunkt erreichten.

Zwischen Mitte April 1942 und Ende April 1943 kam es in den Niederlanden, unter der Regie des Generalbevollmächtigten Sauckel, zu einer Reihe so genannter Betriebsauskämmungs-Aktionen, auch ‚Auskämm‘- oder ‚Sauckel-Aktionen‘ genannt, in deren Zuge jeder niederländische Betrieb darauf überprüft wurde, ob und wenn ja, wie viele Arbeitskräfte er entbehren könne. ‚Entbehrliche‘ Arbeitskräfte sollten umgehend an deutschen Produktionsstätten im Reich zum Einsatz kommen.

Es versteht sich von selbst, das bei diesen Betriebsauskämmungen in den Niederlanden nicht nur die Anzahl tatsächlich ‚entbehrlicher‘ Arbeitskräfte abgezogen wurde, sondern ausschließlich der deutsche Arbeitskräftebedarf die Zahlen der jeweils requirierten Arbeitskräfte bestimmte. Die zuständigen Stellen und Beamten sollten in erster Linie die Anforderungszahlen erfüllen, die Sauckel für jede der insgesamt sieben Auskämm-Aktionen, nach Rücksprache mit den Wirtschaftsinstanzen des Reichs, als Plan-Soll festgelegt hatte. Den Aktionen war aus deutscher Sicht jedoch nur mäßiger Erfolg beschieden: Von den insgesamt 254.000 Arbeitskräften, die Sauckel nach eigenen Berechnungen aus den Niederlanden abzuziehen gedachte, gelang es letztendlich nur noch 163.000 (64 %) nach Deutschland zu entsenden (siehe Tabelle).

Die Resultate der Betriebsauskämmungs-Aktionen in den Niederlanden, Mai 1942-April 1943
Quelle: Sijes, B. A.: De Arbeidsinzet, S.208.
Aktion Veranlagte Arbeiteranzahl Datum der Bereitstellung Abschluss der Aktion Auf Transport geschickt
Holland I 30.000 15. Mai '42 30. Juni '42 30.000
Kein Name 12.000 31. Juli '42 31. Juli '42 10.500
Kein Name 12.000 31. Aug. '42 31. Aug. '42 6.700
Holland II 40.000 15. Okt. '42 31. Okt. '42 38.000
'Rüstung-November' 35.000 30. Nov. '42 15. Dez. '42 26.000
Kein Name 25.000 31. Dez. '42 31. Dez. 42 1.400
Stahl-Eisen-Aktion 100.000 10. März '43 30. April '43 51.000
Total
254.000
163.600

Arbeitskräfte, die der Verschickung nach Deutschland entgehen wollten, tauchten, sofern sie die Möglichkeit dazu hatten, irgendwo in den Niederlanden unter, oder ließen sich von niederländischen Medizinern Arbeitsunfähigkeit bescheinigen. Im Gegenzug verfügte die Besatzungsverwaltung die zwangsweise Schließung zahlreicher niederländischer Betriebe, die kurzerhand als ‚kriegsunwichtig‘ deklariert wurden und setzte eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit in den gesamten Niederlanden auf 54 Stunden durch, um so noch mehr Arbeitskräfte aus den Betrieben abziehen und nach Deutschland schicken zu können.

Studenten für den Reichseinsatz

Am 13. März 1943 forderten die Besatzer alle niederländischen Studenten, die ihr Studium fortsetzen wollten, dazu auf, bis zum 4. April 1943 eine Loyalitätserklärung zu unterschieben, mit der sie ausdrücklich versprachen, in Zukunft sämtlichen, gegen die Besatzungsmacht gerichteten Aktionen zu entsagen, und sich aus allen politischen Belangen herauszuhalten. Die Besatzungsverwaltung begründete diese Maßnahme als Reaktion auf einen im Februar 1942 verübten Anschlag gegen den General der nationalsozialistischen ‚Niederländischen Freiwilligenlegion‘ Hendrik Seyffardt, da man die Verantwortlichen in studentischen Kreisen vermutete. Im Falle der Weigerung sollten die betreffenden Studenten, die die Unterschrift nicht geleistet hatten, exmatrikuliert und möglicherweise, so die Drohung, in ein Konzentrationslager eingewiesen werden, von wo aus sie zwangsweise für den Arbeitseinsatz in Deutschland verpflichtet werden konnten.

Zahlreiche Studenten erwogen zu diesem Zeitpunkt zu unterschreiben, um jeglichem Ärger mit der Besatzungsmacht von vorneherein aus dem Wege zu gehen. Diese Erwägung resultierte maßgeblich aus dem überaus angespannten und angstvollen Klima im April diesen Jahres: Die Besatzungsmacht war gerade mit brutaler Härte gegen eine große Anzahl streikender und Widerstand leistender Niederländer vorgegangen, die ihrem Unmut über die deutsche Ankündigung, ca. 300.000 Angehörige der demobilisierten niederländischen Streitkräfte in naher Zukunft zum Arbeitseinsatz nach Deutschland schicken zu wollen, Luft  gemacht hatten.

Schließlich verweigerte der Großteil der Studenten dennoch seine Unterschrift und ließ die Frist verstreichen, woraufhin die deutschen Besatzer einige Wochen später ankündigten, dass alle Studenten, die nicht unterschrieben hatten, sich binnen kürzester Zeit für den Transport nach Deutschland zu melden hätten.  Ungefähr 3.200 Studenten wurden schon am 6. Mai zu bestimmten Sammelstellen bestellt und von dort in das Arbeitserziehungslager ‚Erika‘ bei Ommen transportiert, wo sie zunächst einige Wochen interniert und später dann zur Zwangsarbeit in verschiedene Betriebe in ganz Deutschland geschickt wurden.

Zur gleichen Zeit wurde ebenfalls eine härtere Gangart bezüglich der Verfolgung und Bestrafung niederländischer Kontraktbrecher, ‚Arbeitsunwilliger‘ und ‚Untergetauchter‘  (Personen, die sich der Dienstpflicht durch Verstecken entzogen hatten) eingeführt: Niederländische Arbeitskräfte, die nach einem Heimaturlaub nicht zu ihrem deutschen Arbeitgeber zurückgekehrt waren oder sich ihrer Arbeitsstelle durch Flucht entzogen, Personen, die in den Niederlanden nicht zum verordneten Musterungstermin im Arbeitsbüro erschienen, ‚Untergetauchte‘ und generell ‚Arbeitsunwillige‘ mussten bei ihrer Ergreifung  mit harten Strafmaßnahmen rechnen. Seit 1941/42 erfolgte in diesem Fall die mehrwöchige Einweisung in ein Arbeitserziehungslager (AEL) und anschließende Deportation nach Deutschland. In den Lagern Amersfoort und Ommen, in die die Aufgegriffenen, die nicht selten von ‚Aufspürkommandos‘ entdeckt und gegen Bezahlung abgeliefert worden waren, gebracht wurden, konfrontierte man sie mit derartig harten und menschenverachtenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, das vielen, nach ihrem zwangsweisen Aufenthalt im AEL, die darauf folgende Arbeit in Deutschland als bedeutend kleineres Übel erschien. – Genau dies war ja das Ziel der NS-Arbeitserziehungspraxis.

Die Jahrklassenaktionen

Seit Mai 1943 operierten die Besatzer mit dem Instrument der ‚Jahrklassenaktionen‘, um die Anzahl der niederländischen Arbeitskräfte für den Reichseinsatz deutlich zu steigern. Diesem Aufruf-System zufolge, sollten innerhalb eines halben Jahres die Jahrgänge der 18- bis 35jährigen (siebzehn Jahrklassen) einzeln registriert, und in Frage kommende Arbeitskräfte und Erwerbstätige für den Arbeitseinsatz in Deutschland verpflichtet werden. Freistellung hiervon sollte nur Arbeitskräften gewährt werden, die innerhalb der Niederlande in einem kriegswichtigen Industriebetrieb (z. B. in Rüstungsbetrieben und bei Rohstoffzulieferern) oder in Landbaubetrieben, die der unmittelbaren Ernährungsmittelversorgung dienten, tätig waren, sowie denjenigen, die Arbeitsdienste für die Wehrmacht leisteten. Initiator Sauckel und das ausführende Reichskommissariat (‚Hauptabteilung Soziale Verwaltung‘) hofften durch die ‚Jahrklassenaktionen‘ ein zusätzliches niederländisches Arbeitskräftekontingent von insgesamt 170.000 Personen für den Reichseinsatz aufzubringen. Aufgrund verschiedenster Widerstandstätigkeiten wie Meldungsverweigerung, Zerstörung zahlreicher örtlicher Melderegister, falscher Unabkömmlichkeits- und Kranken-Bescheinigungen sowie zahlenmäßig ansteigender Fälle von ‚Untertauchen‘ konnten nach einem Jahr insgesamt lediglich ca. 90.000 Arbeitskräfte (52,9 %) nach Deutschland abtransportiert werden, von denen sich wiederum zahlreiche nach kurzer Zeit durch Flucht ihrer neuen Arbeitsstellung in der NS-Kriegswirtschaft entzogen.

Widerstand gegen den Reichseinsatz

Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verschärfung des Besatzungsregimes und seiner Anwerbungsmaßnahmen in den Jahren 1943/44 wuchs auch der Widerstand gegen die Besatzungsmacht und die Arbeitskräftepolitik des Deutschen Reichs in den Niederlanden. In tendenziell zahlreicher werdenden Aktionen versuchten organisierte Widerstandsgruppen, einfache Bürger und Beamte, die deutschen Anwerbungsaktivitäten nach ihren jeweiligen Fähigkeiten aktiv und mitunter gewaltsam sowie durch passives Verhalten zu verhindern oder zumindest zu stören.

Sämtliche Versuche der Besatzer, eine umfassende Registrierung der arbeitsfähigen niederländischen Bevölkerung durchzuführen, scheiterten an der Vernichtung wichtiger statistischer Daten vornehmlich durch Zerstörungsaktionen, die sich gegen Einwohnermeldeämter, Arbeitsämter oder andere Registraturen richteten. In anderen Fällen sabotierte man die Erhebungen von vorneherein mittels doppelten oder dreifachen Ausfüllens der Melde- und Arbeitskarten.


[4] Sijes, B. A.: De arbeidsinzet, S. 209.
[5] Spoerer, M.: Die soziale Differenzierung der ausländischen Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge im Dritten Reich, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/2. Die Deutsche Kriegsgesellschaft. Ausbeutung, Deutungen, Ausgrenzung. Hrsg. von Jörg Echternkamp. München 2005, S.485-576, S. 490.
[6] Hirschfeld, G.: Der „freiwillige“ Arbeitseinsatz niederländischer Fremdarbeiter als Krisenstrategie einer nicht-nationalsozialistischen Verwaltung, in: Hans Mommsen/ Winfried Schulze (Hrsg.): Vom Elend der Handarbeit. Probleme historischer Unterschichtenforschung, Stuttgart 1981, S.497-513, hier: S. 511.

Autor: Christian Kuck
Erstellt: September 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Grieger, M.: Gedwongen arbeid. Niederländer in der deutschen Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkrieges, in: Hoen, H. ’t: Zwei Jahre Volkswagenwerk. Als niederländischer Student im ‚Arbeitseinsatz’ im Volkswagenwerk vom Mai 1943 bis zum Mai 1945, Wolfsburg 2002, S. 6-16.

Mattern, J.: „…verzoek ik U beleefd mij weer als Nederlander op te nemen…“. Nederlanders bij de Organisation Todt (1940-1945), Nijmegen (Diplomarbeit Radboud Univ.) 2006.

Sijes, B. A.: De arbeidsinzet. De gedwongen arbeid van Nederlanders in Duitsland, 1940-1945, Den Haag 1990.

Spanjer , Rimco (Hrsg.): Zur Arbeit gezwungen. Zwangsarbeiter in Deutschland 1940-1945, Bremen 1999.

Volder, K.: Werken in Duitsland 1940-1945, Bedum 1990.

Volder, K.: Van Riga tot Rheinfelden. Over leven en werken, over terugkeren of sterven, van half miljoen Nederlandse arbeiders in het Duitsland van 1940-1945, Amsterdam 1996.

Westrienen, M. van: Dwangarbeiders, Amsterdam/Antwerpen 2008.

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