Versäulung in den Niederlanden


VIII.I. Eine protestantische Nation (1815 bis 1870)

Obwohl Religion in den verschiedenen Epochen der niederländischen Geschichte häufig eine bedeutende Rolle gespielt hat, ist diese Rolle nicht stets gleich geblieben. Während das junge Königreich sich im 19. Jahrhundert als eine protestantische Nation imaginierte, stellten orthodoxe Protestanten, Sozialdemokraten und Katholiken dieser Vorstellung am Ende des Jahrhunderts ein Modell der delegierten Moral entgegen: Ihre eigene Gemeinschaften seien die eigentlichen moralischen Herzstücke der Nation. Im Laufe der Nachkriegszeit führte die Transformation ihrer Gemeinschaften und die Annahme einer Säkularisierung zu einer erneuten Veränderung der Rolle der Religion: Sie wurde jetzt als Privatsache bezeichnet, die in der Öffentlichkeit höchstens als bindendes Element zwischen verschiedenen Gruppen eine Rolle spielen dürfte.

König Wilhelm I.
König Wilhelm I.: stand für die Kooperation aller Glaubensgemeinschaften, Quelle: Wikimedia Commons /gemeinfrei

Das Königreich der Niederlande, das 1815 durch den Zusammenschluss der nördlichen und südlichen Niederlanden unter König Wilhelm I.  zustande kam, war ein konfessionell gemischter Staat. Die Integration von Norden und Süden führte sogar dazu, dass die Mehrheit seiner Einwohner katholischen Glaubens war. Trotzdem verstand sich die Elite, die sich um den König sammelte, als Vertretung einer protestantischen Nation.

Die Regierung von Wilhelm I. ließ die Gleichstellung aller Konfessionen, die während der Zeit der französischen Dominanz eingeführt wurden, unangetastet. Auch suchte sie die Kooperation mit allen Glaubensgemeinschaften, weil die Religion für ihr Programm einer autoritären Aufklärung eine wichtige Rolle spielte: Religion konnte hilfreich sein, Menschen zu verantwortlichen Staatsbürgern zu erziehen. Die Zusammenarbeit mit der niederländischen protestantischen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft gestaltete sich, da sie den König und die Seinen als Mitstreiter verstand, erheblich einfacher als die Kooperation mit der misstrauischen katholischen Hierarchie. Als sich zeigte, dass der König im Tausch für die Zusammenarbeit auch Einfluss in die Angelegenheiten der Kirche erwartete, kam es zu erheblichen Spannungen zwischen seiner Regierung und der katholischen Kirche. Dieser Konflikt sollte nebst der staatsrechtlichen Kritik belgischer Liberaler und wirtschaftspolitischen Meinungsverschiedenheiten ein dritter wichtiger Nährboden für den belgischen Aufstand von 1830 sein.

Nachdem dieser Aufstand im Jahr 1839 zur niederländischen Anerkennung der Abspaltung Belgiens als einer eigenständigen Nation führte, fand sich die niederländische Elite zwar in einer tiefen Identitätskrise wieder, aber der protestantische Charakter der Nation stand für sie nun noch weniger in Frage. Allerdings hatte die Politik von Wilhelm I. auch in der staatlich anerkannten und unterstützten reformierten Kirche selbst zu erheblichen Konflikten geführt. Orthodoxe Protestanten distanzierten sich von der liberalen Theologie der an staatlich anerkannten Fakultäten ausgebildeten Pfarrer und gegen den Einfluss des Königs in der Kirche. Als sich 1834 eine Kirchengemeinde im nördlichen Ulrum von der reformierten Kirche abspaltete, reagierte die Regierung in dem sie Soldaten im Dorf einquartierte, welche die Abweichler einschüchtern sollten. In den folgenden Jahren gab es aber weitere lokale Kirchengemeinden, die sich trotz des finanziellen und politischen Drucks seitens der Behörden von der reformierten Kirche abspalteten.

Die Vorstellung einer protestantischen Nation geriet weiter unter Druck, als 1848 unter Anführung des liberalen Politikers Rudolf Thorbecke die niederländische Verfassung revidiert wurde. In der neuen Fassung stand die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz noch stärker festgeschrieben, außerdem gewährte es ihnen erheblich mehr Freiheiten. Aufgrund dieser neuen Umstände beantragten die niederländischen Katholiken die Erlaubnis, ihre bischöfliche Hierarchie wieder einzuführen. Als die Regierung diese Erlaubnis erteilte, verursachte dies große Unruhe unter den Protestanten. Sie griffen ebenfalls auf die neuen Freiheiten zurück, als sie unter anderem eine Petition in allen Teilen des Landes veranlassten, um dem König das Missfallen seiner protestantischen Untertanen kund zu geben. Als dieser daraufhin den Beschwerden seine Sympathie aussprach, trat die liberale Regierung ab. Dennoch durften die Katholiken ihre Bischöfe installieren und man sah in den folgenden Jahren an vielen Orten neue katholische Kirchen entstehen, die ein neues katholisches Selbstbewusstsein offenbarten.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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Dam, Peter van: Staat van verzuiling. Over een Nederlandse mythe, Amsterdam 2011.

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