Versäulung in den Niederlanden


VIII.II. Delegierte Moral (1870 bis 1960)

Dem tradierten Bild der protestantischen Nation setzten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die aufkommenden exklusiven und umfassend organisierten Gemeinschaften der orthodoxen Protestanten, Sozialdemokraten und Katholiken neue Bilder gegenüber. Zunächst spaltete sich 1886 eine größere Gruppe orthodoxer Protestanten unter Anführung Abraham Kuypers von der staatsnahen reformierten Kirche ab. Zuvor hatte diese Gruppe sich bereits innerhalb dieser Kirche immer stärker eigenständig organisiert. Hand in Hand mit ihrer Kritik auf die von ihnen verlassene reformierte Kirche präsentierte sie ein alternatives Bild der niederländischen Nation, von der die orthodoxen Protestanten das eigentliche Herz bildeten.

Griff diese Herausforderung immerhin das Bild einer protestantischen Nation auf, so lehnte die aufkommende Sozialdemokratie in ihren frühen Jahren die Nation als Leitbild schlichtweg ab. Die Klasse als Solidargemeinschaft kannte in dieser Auffassung keine Staatsgrenzen. Weniger radikale sozialdemokratische Denker relativierten die Bedeutung der nationalen Gemeinschaft weniger weitgehend, stellten aber die von ihnen repräsentierte Arbeiterschaft als das eigentliche Herzstück der Nation da. Dennoch schwächte das Benennen eines Klassengegensatzes zwischen verschiedenen Niederländern das Bestehen einer einheitlichen Nation.

Cnv 70-jahre
Der CNV feierte 1979 sein 70-jähriges Bestehen: Zunächst eine interkonfessionelle Gewerkschaft, 1912 spalteten sich die Katholiken jedoch ab, Quelle: NA (930-4708)

Schließlich lehnten auch Katholiken mit einem neuen Selbstbewusstsein die Vorstellung einer protestantischen Nation ab. Sie griffen dabei unter anderem auf die Geschichte der Niederen Lande zurück, in der sie die Bedeutung des Mittelalters hervorhoben. Auch prangerten sie beispielsweise die Gewalttaten protestantischer Aufständischer im achtzigjährigen Krieg an, um die klassische Erzählung einer glorreichen Rebellion der protestantischen Niederlande kritisch zu hinterfragen.

Auch wenn diese Gruppen also in der Regel die Nation nicht radikal in Frage stellten, so zerlegten sie mit ihren neuen Erzählungen die Vorstellung einer einheitlichen protestantischen Nation, in dem sie jeweils eine spezifische Gruppe als moralisches Herzstück dieser Einheit benannten. Sie reklamierten für sich im Anschluss daran das Recht, innerhalb der eigenen Gruppe eigene moralische Maßstäbe aufgrund der eigenen Weltanschauung zu vertreten – ohne die Einmischung von Außenstehenden. So argumentierte beispielsweise der Vorsitzende des protestantischen Gewerkschaftsbundes 1954 anlässlich der Kritik  sozialdemokratischer Gewerkschafter am Hirtenbrief, es handele sich um eine Angelegenheit der katholischen Bevölkerung, in die sich Andere nicht einzumischen hätten. Damit standen, wie auch dieses Beispiel zeigt, Katholiken und orthodoxe Protestanten denjenigen zunehmend gegenüber, die weiterhin das tradierte Bild einer uniformen protestantischen Nation erzählten, oder neue Wege zurück zu einer solchen, weltanschaulichen Gegensätzen übersteigenden, nationalen Gemeinschaft suchten.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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Dam, Peter van: Staat van verzuiling. Over een Nederlandse mythe, Amsterdam 2011.

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