Versäulung in den Niederlanden


II. Säulen von Zwischenkriegszeit bis Wiederaufbau

Die Bildsprache einer Aufteilung der Gesellschaft in so genannten Säulen kam in den Niederlanden in den 1930er Jahren auf. In ihr verbanden sich vom Anfang an Polemik und Analyse. Kritiker bemängelten mit diesem Bild eine erstarrte Gesellschaft, in der sich verschiedene Bevölkerungsgruppen voneinander isoliert hätten. Diese Kritik wurde von der Vorstellung unterstrichen, die niederländische Situation sei einzigartig in der Welt. Schließlich behaupteten seit den 1970er Jahren manche freudig, manche traurig, dass die alte Welt der Versäulung im Zuge einer Entsäulung radikal zerbrochen sei. Obwohl Geschichtsforschende seit den 1990er Jahren herausgestellt haben, dass die Begriffe Ver- und Entsäulung zu einer angemessenen Deutung der Geschichte und Gegenwart der Niederlande nicht taugen, haben weder sie, noch Vertreter anderer Wissenschaftszweige und Publizisten sich aus ihrer Wirkungsmacht lösen können.

In der Zwischenkriegszeit herrschte in den Niederlanden eine Debatte um das Verhältnis zwischen nationaler Einheit und getrennter Organisation. Die in dichten Netzwerken organisierten Sozialdemokraten, Katholiken und orthodoxen Protestanten bestanden auf ein hohes Maß an Eigenständigkeit ihrer Organisationen. Sie repräsentierten zu diesem Zeitpunkt circa sechzig Prozent der Wählerschaft. Anderen Gruppen widerstrebte diese Ordnungsvorstellung, weil sie die Einheit des niederländischen Volkes von ihr bedroht sahen .

In diesem Kontext kam die Rede von Säulen zunächst in Verwaltungskreisen auf. Beamte, die Mitte der 1930er Jahre die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen in den Griff bekommen wollten, stellten fest, dass sie mithilfe der Jugendorganisationen der Sozialdemokraten, Katholiken und orthodoxen Protestanten einen gehörigen Teil dieser Jugendlichen erreichen konnten. Deshalb schlugen sie vor, die verfügbaren Mittel für diese „Säulen“ zu verwenden.

Adriaan Dijxhoorn
Adrian Dijxhoorn, 1939: Verteidigungsminister im Kabinett De Geer II, Quelle: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Als die Erste Kammer des niederländischen Parlaments kurz vor dem deutschen Überfall die Lage der mobilisierten niederländischen Soldaten diskutierte, war beispielsweise auch von Säulen die Rede. Der Verteidigungsminister Adriaan Dijxhoorn stellte fest, dass die Freizeitgestaltung der orthodox-protestantischen und katholischen Soldaten fest in den Händen ihrer jeweiligen Organisationen war und erhoffte sich, dass auch die Sozialdemokraten ähnliche Initiativen entfalten würden. Ein rechtsextremer Abgeordneter bemängelte daraufhin die Zerteilung der Armee, die in Folge einer derartigen Aufteilung nach Säulen auftrete. Mit seiner Kritik an die mangelhafte Einheit der Niederländer stand er zu diesem Zeitpunkt nicht allein da: Einflussreiche Intellektuelle wie der Historiker Johan Huizinga hatten sich ähnlich geäußert.

D Joekes
Dolf Joekes: einer der ersten Abgeordneten der PvdA, Quelle: NA (901-4791)

Diese Debatte um das Verhältnis von Einheit und getrennter Organisation setzte sich während der deutschen Besatzung fort. Dabei gaben das gemeinsame Feindbild der Besatzungsmacht und das gemeinsam ertragene Leid den Befürwortern eines größeren Maßes an Einheit zusätzlichen Aufwind. Nach dem Ende der Besatzung versuchten diese deshalb, zuvor geschmiedeten Pläne für eine Zusammenfassung ehemals getrennter Gruppen umzusetzen. 1946 kam es zur Gründung  der Partij van de Arbeid  (dt. Partei der Arbeit, PvdA), in der Sozialdemokraten, Linksliberale und Christdemokraten aufgingen.

Die neue Partei wandte sich ausdrücklich an das gesamte niederländische Volk. Allerdings ließ sich trotz der gelungenen Integration der unterschiedlichen weltanschaulichen Strömungen die Stammwählerschaft der katholischen und orthodox-protestantischen Parteien größtenteils nicht zu einem Übertritt bewegen. So wuchs auf der einen Seite die Frustration über die Versuche, Katholiken und orthodoxe Protestanten aus ihren traditionellen Netzwerken herauszulösen. Auf der anderen Seite nahm die Enttäuschung über das hartnäckige Festhalten an den alten Ordnungsvorstellungen zu. Diese doppelte Unzufriedenheit bildete die Grundlage für den Höhenflug der Säulenmetapher in den 1950er Jahren.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

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