Versäulung in den Niederlanden


V. Der Gegenentwurf der Entsäulung

Als Lijphart seine Studie über die angeblich versäulte niederländische Gesellschaft 1968 veröffentlichte, sah er das System im Wandel begriffen. „Wie man auch immer über die politische Ereignisse der letzten Jahren denkt, alle sind sich darüber einig, dass sich plötzlich viel verändert hat und dass wahrscheinlich noch größere Veränderungen bevorstehen“, schrieb er. Die zweite Hälfte seines Buches widmete er diesen künftigen Veränderungen. Er erwartete, dass die Bürger sich weniger passiv verhalten und die Eliten sich weniger Kompromissbereit aufstellen würden. Ob dies das Ende der Pazifikationspolitik herbeiführen würde, konnte er damals noch nicht sagen, aber er vermutete eine Kehrtwende, wie der niederländische Titel Verzuiling, pacificatie en kentering in de Nederlandse politiek (dt. Versäulung, Pazifikation und Umbruch in der niederländischen Politik) bekräftigte. In der zweiten Auflage des Buches bestätigte er 1976 diese Vermutung: Am Ende der sechziger Jahren sei die Pazifikationspolitik aufgegeben worden. Damit kennzeichnete die niederländische Gesellschaft sich nicht mehr durch Versäulung, aber durch Entsäulung (nl. ontzuiling).

Entsäulung
Entsäulung: Die versäulte Gesellschaft bricht in den 60er Jahren auseinander, Quelle: fingermouse/cc-by-nc-sa

Die Auffassung, die sechziger Jahre hätten einen radikalen Umbruch in der Gesellschaft herbeigeführt, findet sich nicht nur bei Lijphart und nicht nur im Bezug auf die Niederlande. In den Niederlanden verbindet sich diese Ansicht jedoch mit dem spezifischen begrifflichen Gegensatz von Versäulung und Entsäulung, der eine grundsätzliche aber nicht näher bestimmte Umkehrung der Verhältnisse suggeriert. Während sich diese Unterstellung einer Diskontinuität bei Lijphart auf den Bereich der Politik konzentriert, haben andere Beobachter sie auch auf das Organisationsverhalten der Bürger und auf die Rolle der Religion gemünzt. So verbinden sich mit dem Diskurs der Entsäulung die ebenso vagen Begriffe Polarisierung (Politik), Individualisierung (Organisationsverhalten) und Säkularisierung (Religion).

Entsäulung ist somit zunächst ein problematischer Begriff, weil er eine leere Hülse ist: Er verneint den ehemaligen Zustand der Versäulung, ohne einen klaren Gegenentwurf bereitzustellen. Die Suggestion einer Aufhebung der Pazifikationspolitik zugunsten einer Polarisierung ist ebenso einseitig wie die Unterstellung, Bürger würden immer weniger gemeinsam unternehmen und die Vermutung, Religion verschwinde seit den 1960ern aus der Gesellschaft. Seit die Rede von Entsäulung in den 1970er Jahren eintrat, sind diese Spekulationen zwar getäuscht worden, mangels einer Alternative ist die Deutung der Entsäulung als ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit in diesen drei Bereichen allerdings weiterhin einflussreich.

Erstens hat sich gezeigt, dass die Perspektive einer Individualisierung als eine einseitige Auflösung von Gemeinschaftsformen der Gesellschaftsgeschichte der Nachkriegszeit nicht gerecht wird. Bereits 1973 wies der Amerikanische Soziologe Mark S. Granovetter darauf hin, dass Menschen verschiedenartige Beziehungen zueinander knüpfen, die er als „starke“ und „schwache Verbindungen“ bezeichnete. Eine ähnliche Perspektive haben unlängst die niederländischen Soziologen Jan Willem Duyvendak und Menno Hurenkamp vertreten, als sie von einem Übergang von schweren zu leichten Gemeinschaften in der Nachkriegszeit sprachen. Nicht eine Auflösung, sondern eine weniger verbindliche und weniger exklusive Gestaltung der menschlichen Beziehungen habe die Transformation der alten, umfangreichen und exklusiven Gemeinschaften begleitet .

Zweitens ist in den letzten Jahren auch die Säkularisierungsthese in Frage gestellt worden. In den 1960er und 1970er Jahren hatten sowohl Außenstehende als auch Gläubige selbst oft das Gefühl, dass die Religion unweigerlich immer mehr an Bedeutung verlieren und schließlich gänzlich aus der Gesellschaft verschwinden würde. Als in der Folgezeit klar wurde, dass Religion weiterhin in der Gesellschaft präsent blieb, machten Beobachter sich auf die Suche nach differenzierteren Deutungen. Der belgische Soziologe Karel Dobbelaere hat zum Beispiel 1981 vorgeschlagen, zwischen einer Abwertung der Funktion der Kirchen, einer Verringerung der Bedeutung der Religion im individuellen Leben und einer Verweltlichung der Glaubensinhalte selbst zu unterscheiden.

Eine Ausweitung der Perspektive auf die Entwicklung der Religion außerhalb Europas, die wachsende Bedeutung des Islams und die Persistenz der Kirchen in Europa hat die Zweifel an der Säkularisierungsthese seitdem weiter verstärkt. Analysen der Entwicklung der Religionsgemeinschaften selbst haben außerdem gezeigt, dass sie sich die Glaubensinhalte und -formen in der Nachkriegszeit stark gewandelt haben, weshalb weder die überlieferten Umfragekategorien, noch die tradierten Erwartungen bezüglich der gesellschaftlichen Rolle der Religion eine angemessene Deutung ermöglichen.

Lubbers
Akkord von Wassenaar 1982: Herman Bode (FNV) im Gespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers, Quelle: Collectie Spaarnestad/NA/Anefo/R. Bogaerts/cc-by-sa

Schließlich erfüllte sich drittens auch die Erwartung einer Polarisierung in der Politik auf Dauer nicht. Zwar stand der Sozialdemokrat Joop den Uyl 1973 bis 1977 an der Regierungsspitze einer links dominierten Regierung, auch seine Regierung brauchte aber die Unterstützung konfessioneller Parteien und griff auf die tradierten Instrumente der Kompromissfindung zurück. In den 1980er Jahren wurde das Ausbleiben einer tiefgehenden Veränderung noch offensichtlicher, als der christdemokratische Premierminister Ruud Lubbers die Politik mit einem technokratischen und pragmatischen Stil dominierte.

Vor dem Hintergrund der Beharrlichkeit der pragmatischen Haltung in der niederländischen Politik verlor die Perspektive der Polarisierung immer mehr an Überzeugungskraft. „Es ist, als ob einige alte Spielregeln, die Lijphart einst in der niederländischen Politik zu unterscheiden meinte, zurückgekehrt sind, sei es in einem etwas anderen Kostüm“, bemerkte Hans Daalder dazu 1984. Als in den 1990er Jahren die von Premierminister Wim Kok geführte sozialliberale Koalitionen regierte, war immer mehr von einem so genannten „Poldermodell“ die Rede. Die Kennzeichen dieses Poldermodells  – vor allem pragmatische Kompromissfindung, Einbeziehung aller Beteiligten und eine hohe Wertschätzung der Beratschlagung – entnahmen ihre Beobachter aus der geschichtlich immer wieder praktizierten Einrichtung von Poldern, die nur mit Hilfe aller Anwohner und durch das Aushandeln der jeweiligen Interessen dieser Anwohner möglich gewesen seien. Die politische Kultur der Zeit der Versäulung war damit ein Höhepunkt dieser Kultur der Beratschlagung und somit oft ein Vorbild für die Befürworter des Poldermodells seit den 1990er Jahren.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Blom, J.C.H./Talsma, J.: De verzuiling voorbij. Godsdienst, stand en natie in de lange negentiende eeuw, Amsterdam 2000.

Daalder, Hans: Van oude en nieuwe regenten. Politiek in Nederland, Amsterdam 1995.

Dam, Peter van: Staat van verzuiling. Over een Nederlandse mythe, Amsterdam 2011.

Duyvendak, J.W./Hurenkamp, Menno: Kiezen voor de kudde. Lichte gemeenschappen en de nieuwe meerderheid, Amsterdam 2004.

Lijphart, A.: The politics of accomodation. Pluralism and democracy in the Netherlands, Berkeley 1968.

Rooy, Piet de: Republiek van rivaliteiten: Nederland sinds 1813, Amsterdam 2002.

Rooy, Piet de: Zes studies over verzuiling, in: Bijdragen en Mededelingen betreffende de Geschiedenis der Nederlanden Nr. 3, Jg. 110 (1995), S. 380–392

Rossem, Maarten van: Typisch Nederland, Utrecht 2004.

Righart, H.: De katholieke zuil in Europa. Het ontstaan van verzuiling onder katholieken in Oostenrijk, Zwitserland, België en Nederland, Meppel 1986.

Schöffer, I.: Verzuiling, een specifiek Nederlands probleem, in: Sociologische Gids Nr. 3 (1956), S. 121–127.

Stuurman, S.: Verzuiling, kapitalisme en patriarchaat. Aspecten van de ontwikkeling van de moderne staat in Nederland, Nimwegen 1984.

Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

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