Versäulung in den Niederlanden


III. Versäulung als Streitbegriff in den fünfziger Jahren

Seit ihrem leisen Eintritt in den niederländischen Sprachgebrauch in den 1930er Jahren war immer wieder von Säulen die Rede. Vor allem diejenigen, die auf eine Erneuerung der Gesellschaft nach dem Krieg setzten, griffen die Bildsprache auf, weil sie Assoziationen mit einem überholten Zustand der Unbeweglichkeit aufrief. So schrieb der Kultusminister Gerard van der Leeuw 1945: „Wir haben von den ‚Säulen‘ mehr als genug. Denn diese schönen Säulen tragen kaum noch ein gemeinsames Dach.“

Die gesellschaftskritische und die beschreibende Verwendung der Begriffe kamen in den 1950er Jahren zusammen. Vor allem Soziologen wurden auf die Struktur der niederländischen Gesellschaft aufmerksam, bezeichneten und analysierten sie als „Versäulung“ und griffen diesen Zustand gleichzeitig an. Der prominenteste unter ihnen war der Soziologe Jakob Kruijt. Dieser kritisierte 1957 in der Zeitschrift der wissenschaftlichen Stiftung der PvdA  exemplarisch „Hotel Pays-Bas, unter dessen Dach wir zwar zusammenwohnen, allerdings gut isoliert in getrennten Zimmern“. Kruijt und seine Fachkollegen betrachteten die Versäulung als eine spezifische Variante der Organisation menschlicher Beziehungen, bei der die Bürger sich in einen eigenen Kreis zurückzogen. Die Wissenschaftler waren sich zwar bewusst, dass viele Niederländer diese Organisationsweise nicht praktizierten, aber sie konzentrierten sich auf die Gruppen, die das gleichwohl taten. Dies waren vor allem Katholiken und orthodoxe Protestanten, denn in weiten Kreisen des Protestantismus, unter der ehemaligen Mitgliedschaft der sozial-demokratischen Partei und in diversen liberalen Gruppen gab es wenig Zuspruch für solche Organisationsversuche. Kruijts soziologische Analysen zeigten diesen Unterschied klar auf und ließen ihn darauf hoffen, dass Katholiken und orthodoxe Protestanten diese Organisationsweise auch bald aufgeben würden.

Remco Campert
Remco Campert: In den Fünfziger Jahren gehörte er mit den "Vijftigers" ("Fünfziger") einer  berühmten niederländischen Gruppe experimenteller Dichter an, Quelle: bies/cc-by-nc-sa

Diese Hoffnung auf ein Ende der sozialen Segmentierung teilten Soziologen wie Jakob Kruijt mit lautstarken Publizisten und Künstlern wie Jan Blokker , Remco Campert  und Lucebert. Auch sie konzentrierten sich auf diejenigen, die an einem umfangreichen Netzwerk weltanschaulich gleichgesinnter Organisationen festhielten. Die Kritiker stilisierten dabei wie Kruijt das Bild einer Gesellschaft, die in Folge der Existenz solcher Netwerke zerteilt und unbeweglich war. Es war ihnen zwar bewusst, dass sie damit kein adäquates Bild der niederländischen Gesellschaft skizzierten, aber weil sie eine Polemik bezweckten, war ein solches Bild auch nicht erwünscht.

Neben dem Argument der Starrheit und Altertümlichkeit, die mit der Bildsprache der Säulen einherging, nutzten die Kritiker ein weiteres Argument, um ihren Wunsch nach Veränderung zu untermauern: Die Organisation in Säulen sei etwas spezifisch Niederländisches. Es zeige sich in keinem anderen Land im gleichen Maße und sei daher auch in den Niederlanden unerhört. So bezeichnete der Historiker Ivo Schöffer Versäulung als ein „typsich niederländisches Problem“, das aus den nationalen Traditionen des Partikularismus, der dogmatischen Starrheit und der Unterdrückung katholischer und orthodox-protestantischer Bürger durch eine gutbürgerliche Elite hervorgegangen sei.

Hätten nur die Gegner der gesellschaftlichen Segmentierung die Säulenmetapher aufgegriffen, so wäre diese wohl nie so einflussreich geworden, wie sie bis heute in den Niederlanden ist. Gerade der Umstand, dass auch diejenigen, die eine exklusive weltanschauliche Identität in Verbindung mit einem umfassenden Netz gleichgesinnter Organisationen befürworteten, das Bild aufgriffen, machte es so hartnäckig. Denn während Gegner auf Statik, Altertümlichkeit und Isolation hinwiesen, hoben Befürworter die Assoziationen der Stärke, des in sich Ruhens und der tragenden Funktion auf. So konnte der Vorsitzende des christlichen (protestantischen) Gewerkschaftsbundes, Marinus Ruppert, 1955 seinen deutschen Gewerkschaftskollegen aufrichtig „etwas mehr Versäulung“ wünschen, weil er die Zusammenarbeit zwischen christlichen und sozialdemokratischen Gewerkschaften in der Bundesrepublik als Fehler betrachtete und ersteren deshalb eigenständige Verbände wünschte. Die karikaturhafte Beschreibung der niederländischen Gesellschaft pflanzte sich aufgrund dieser beidseitigen Zustimmung tief in den niederländischen Sprachgebrauch ein.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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