Die Verfolgung von NS-VerbrecheRN


VI. Leiden als Haftgrund - Diskussionen um die Drei von Breda


Organisationen des ehemaligen Widerstands und der NS-Verfolgungsopfer reagierten entsetzt und empört, als Franz Fischer und Ferdinand Hugo Aus der Fünten am 27. Januar 1989 aus dem Gefängnis von Breda entlassen wurden. Was jahrelang gegolten hatte, das sollte nun plötzlich hinfällig sein? Es ging um das Argument, dass den Opfern von NS-Verbrechen angesichts ihrer Leiden diese Freilassungen nicht zuzumuten seien. [1]

Fischer, Aus der Fünten, Willy Lages und Johann Josef Kotälla waren seit den sechziger Jahren die letzten noch in den Niederlanden inhaftierten NS-Verbrecher. Die vier Deutschen hatten an der Spitze ausführender Stellen bei den Judendeportationen und der Verfolgung des Widerstands gestanden. Als sichtbare „Todesengel“ wurden sie zu Symbolen des Schreckens der Besatzung. Ursprünglich zum Tode verurteilt, wurden sie Anfang der fünfziger Jahre zu lebenslänglicher Haft begnadigt. Schon dies war mit zum Teil lautstarken Protesten verbunden. Um ihre mögliche Freilassung entbrannte seit Beginn der sechziger Jahre eine öffentliche Diskussion, die von einer bis zu ihrem Höhepunkt 1972 stetig ansteigenden Emotionalität und Breitenwirkung gekennzeichnet war und auch danach immer wieder aufloderte. (Foto links: Demonstrantion gegen die Freilassung der Drei von Breda vor dem Parlamentsgebäude im Februar 1972)

1972 – Zuspitzung der Diskussion

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in den Niederlanden 154 Todesurteile gegen Kriegsverbrecher und Kollaborateure gesprochen worden, 40 davon wurden tatsächlich vollstreckt, darunter an fünf von 18 verurteilten Deutschen. Die von der Todesstrafe Begnadigten wurden bis 1964 genauso aus dem Gefängnis entlassen wie die in den Niederlanden zu Haftstrafen verurteilten deutschen NS-Verbrecher. Zu größerer Aufregung kam es deswegen nicht. Nur die Vier von Breda verblieben als einzige im Gefängnis. Damit zeigte sich ein Bruch gegenüber der Behandlung aller anderen Kriegsverbrecher und Kollaborateure. Dies implizierte auch, dass die Niederlande im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern, mit denen sie bisher bei der Freilassung deutscher Kriegsverbrecher Schritt gehalten hatten, in eine isolierte Position gerieten.

Wie sehr von einem rechtlichen und politischen Ausnahmezustand die Rede sein musste, zeigte sich Anfang 1972. Nachdem Lages 1966 wegen einer lebensbedrohlich scheinenden Erkrankung entlassen worden war, versuchte die Regierung, durch eine Begnadigung die Inhaftierung der verbliebenen Drei zu beenden. In einer daraufhin vom Parlament organisierten Anhörung – weit jenseits der für Begnadigungsfälle allgemein gültigen rechtlichen Regeln – kennzeichnete äußerste Emotionalität die Atmosphäre (Foto rechts: Parlamentsdebatte über die Frage der Drei von Breda. Am Mikrophon van Agt). Spätestens jetzt gewann das Argument entscheidenden Einfluss, dass man die Leiden der Opfer dieser NS-Verbrecher nicht noch durch die mit einer Freilassung verbundene Verunsicherung vergrößern dürfe. Das Post-KZ-Syndrom, also das Wiederaufleben traumatischer Erfahrungen aus der Kriegszeit, trat ins allgemeine Bewusstsein. Auch in der sich anschließenden Parlamentsdebatte konnten die Befürworter der Freilassung keine Mehrheit erringen. Zu unterkühlt und abstrakt wirkten ihre Argumente, die auf die Grundprinzipien des Rechtsstaats abzielten. Das Entscheidende fehlte ihnen: die moralische Legitimation.

Zugleich war vor allem bei der Anhörung erkennbar, dass es um mehr ging als nur um die Behandlung der Drei von Breda. Die Opfer des Krieges fühlten sich durch die Politik nur unzureichend anerkannt. In einer Art Stellvertreterdiskussion forderten sie nunmehr eine wirkliche Anerkennung ihrer Leistungen wie ihrer Leiden — und konnten Erfolge verbuchen: In der Folgezeit verbesserte sich die materielle Situation vor allem jüdischer NS-Opfer ebenso wie die psychiatrische Versorgung der Traumatisierten.

Nach den Ereignissen des Jahres 1972 erlangte eine neu geschaffene Dachorganisation der Verbände des ehemaligen Widerstands und der Verfolgungsopfer eine Schlüsselposition in der Frage der Freilassung der Drei von Breda. Zwar sicherte die Regierung dieser Organisation lediglich eine Rücksprache in wichtigen Situationen zu. Dieses Recht entwickelte sich in der Folgezeit jedoch zu einer faktischen Entscheidungsgewalt des Verbands. Sein Einspruch führte 1979 dazu, dass der KZ-Scherge Kotälla trotz seines kritischen Gesundheitszustands nicht aus der Haft entlassen wurde, sondern im Gefängnis starb.

Vorstöße von deutscher Seite

Während die Opferverbände zentralen Einfluss auf den Gang der Dinge ausübten, war für die Vorstöße von deutscher Seite gerade ihre Wirkungslosigkeit oder gar Kontraproduktivität kennzeichnend. Seit Beginn der siebziger Jahre wurde das Haager Außenministerium wiederholt mit humanitär motivierten diplomatischen Interventionen zugunsten der NS-Verbrecher konfrontiert. Eine gewisse Besorgnis, dass die bilateralen Beziehungen bei Fortdauer der Inhaftierungen möglicherweise belastet würden, konnte deshalb nicht ausbleiben. Doch während bereits Gerüchte über geplante deutsche Vorstöße in dieser Sache bei bevorstehenden Staatsbesuchen zu Aufregung in den Niederlanden führten, blieb das Problem aus deutscher Sicht eine weitgehend stille Hypothek der Beziehungen. Daran änderten auch die öffentlichen, in der Wortwahl zum Teil recht aggressiven Initiativen des evangelischen Präses Ernst Wilm und des CDU-Bundestagsabgeordneten Alois Mertes nichts.

Erst ein von 19 prominenten Niederländern unterschriebener Aufruf setzte den entscheidenden Impuls dafür, dass es 1989 doch noch zu der Freilassung Fischers und Aus der Füntens kam. Mitunterzeichner dieses Appells war neben ehemals führenden Politikern auch der in Organisationen des ehemaligen Widerstands aktive Hans Teengs Gerritsen (Foto links: im Januar '84, nach der Vorschlag in der Regierung zur Freilassung der 'Zwei von Breda'). Auch die Befürworter der Entlassung beriefen sich nun ihrerseits auf moralische Legitimierung: Ein Teil der NS-Opfer fühle sich dadurch verletzt, dass Grundprinzipien des Rechtsstaats im Fall der Zwei von Breda fortwährend missachtet würden. Für diesen Rechtsstaat hätten sie schließlich während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben eingesetzt.

Die Interessenorganisationen, die gegen die Entlassung waren, mussten erleben, dass Regierung und Parlament sie nunmehr von der eigentlichen Entscheidungsfindung ausschlossen. Die Frustration angesichts dieser Entmachtung war allzu verständlich. Es stellt sich jedoch rückblickend die Frage, ob diese Verbände nicht 1972 einen Pyrrhussieg errungen hatten, indem sie den kurzen und heftigen Schmerz über die Freilassung der Drei von Breda abgewehrt hatten, dafür in Kauf nehmen mussten, dass die für die Opfer so schmerzliche Diskussion weiterschwelte und immer wieder aufloderte.


[1]  Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Harald Fühner/Friso Wielenga: Leiden als Haftgrund - Diskussionen um die Drei von Breda, In: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 42 bis 45.

Autoren: Harald Fühner und Friso Wielenga
Erstellt: Januar 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Fühner, Harald / Wielenga, Friso: Leiden als Haftgrund – Diskussionen um die Drei von Breda, in: Deutschland – Niederlande. Heiter bis wolkig. Begleitbuch zu Ausstellung, Bonn 2000, S. 42–45.

Piersma, Hinke: De drie van Breda. Duitse oorlogsmisdadigers in Nederlandse gevangenschap 1945–1989, Amsterdam 2005.

Rüter, C.F. : Enkele aspecten van de strafrechtelijke reactie op oorlogsmisdrijven en misdrijven tegen de menselijkheid, Amsterdam 1973.

Vos, C.: Televisie en bezetting. Een onderzoek naar de documentaire verbeelding van de Tweede Wereldoorlog in Nederland, Hilversum 1995.

1972-2002: Dertig jaar C.O.V.V.S., Amsterdam 2002.

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