Die Verfolgung von NS-VerbrecheRN


V. Die letzten Kriegsverbrecher von Breda


Sie waren wahre Todesengel. Tausende waren unter ihrer sichtbaren Mitwirkung ums Leben gekommen. Kein Wunder, dass sich die aufgestaute Angst und Wut ganz besonders auf Franz Fischer, Ferdinand aus der Fünten, Johann Kotalla und Willy Lages konzentrierten. Diese Wut und noch mehr die Angst waren es, die ihre Begnadigung unmöglich machen – bis 1989 und damit so lang wie bei keinem anderen NS-Verbrecher in ganz Europa.

Aus der Fünten
F. aus der Fünten, Quelle: NA (922-7275)

Für alle Betroffenen wahrnehmbar hatten sie während der Besatzungszeit ihre Verbrechen begangen. Fischer hatte für die „Entjudung“ Den Haags gesorgt; aus der Fünten war für die gleiche Aufgabe vor allem in Amsterdam, letztlich aber im gesamten Land zuständig gewesen. Lages, formal der Vorgesetzte aus der Füntens, hatte sich auf die Unterdrückung des Widerstandes in Amsterdam konzentriert. Fischer schließlich hatte als Scherge im Konzentrationslager Amersfoort die Gefangenen voller Sadismus gequält.

Sie alle hatten Befehle ausgeführt, die von anderen ersonnen worden waren, von den unsichtbaren Schreibtischtätern, deren Taten auch nach dem Ende der Besatzungszeit allzu selten wirklich aufgeklärt und gerecht verurteilt wurden. Aber unter den Ausführenden hatten sie herausgehobene Positionen innegehabt. Aus der Fünten etwa hatte nach den Amsterdamer Razzien gegen Juden mit einer einzigen Handbewegung entschieden, wer noch eine Gnadenfrist bekam und für wen die erste Etappe des Weges in die Vernichtung begann.

„Lebenslang“

Die Todesurteile, die gegen alle vier nach Ende des Krieges ergingen, erschienen nur zu gerecht. Umso größer war die Empörung, als diese Urteile in lebenslange Haftstrafen umgewandelt wurden. Selbst das Parlament, ansonsten sehr zurückhaltend in seinen Interventionen in Begnadigungsfragen, schaltete sich in den Fällen Fischer, aus der Fünten und Lages ein und gab so dem Unmut einen offiziellen Widerhall. Dabei hätte sich die Kritik die Volksvertretung eigentlich nicht an den Justizminister richten müssen, sondern an Königin Juliana. Denn mit ihrem hartnäckigen Widerstand gegen eine Exekution hatte sie den drei NS-Verbrechern das Leben gerettet (siehe Artikel Todesstrafe)

Für die drei und für Kotalla blieb es bei der lebenslangen Haftstrafe, auch als bis 1962 alle anderen Delinquenten begnadigt wurden. Diesmal hatte das Parlament rechtzeitig deutlich gemacht, dass gerade in ihren Fällen eine weitere Begnadigung (noch) nicht in Frage komme. Dabei blieb es, beinahe 44 Jahre lang. Willy Lages erhielt 1966 lediglich eine Haftverschonung, weil sein Tod bald bevorzustehen schien. Dass er nicht ins Gefängnis zurückkehrte, er aber noch fünf Jahre lebte, verringerte die Aussichten der übrigen drei auf eine Begnadigung nur noch mehr.

Eine folgenreiche Anhörung

Vor allem dem Engagement der Organisationen von ehemaligen Widerstandsangehörigen und Opfern der Judenverfolgung war es zu verdanken, dass die nun noch Drei von Breda in Haft verblieben. Hatte zunächst das Parlament aufgrund der stetig steigenden politischen Bedeutung des Problems das Heft des Handelns vom Justizminister übernommen, so hielten schließlich die Interessenorganisationen den Schlüssel zur Freilassung in der Hand. Das war die Folge eines Hearings am 17. Februar 1972, das in den gesamten Niederlanden für einen Schock sorgte.

Justizminister van Agt hatte doch zur Freilassung übergehen wollen, worauf das Parlament seine Mitwirkungsrechte nachdrücklich verteidigte und eine Anhörung organisierte. An ihr konnten alle Verbände teilnehmen, die sich dazu berufen fühlten. Das Hearing war geprägt von Ausbrüchen der Empörung über die „Farce“ der Säuberungen nach dem Ende der Besatzung, über das Hintanstellen derer, die sich in der Okkupationszeit im Widerstand bewährt hatten, und über unzureichende Pensionsregelungen und Hilfeleistung für die, die aus dieser Periode körperliche oder seelische Schäden davongetragen hatten. „Es gab keine Regierung, die von sich selbst aus gesagt hat — wie bei den drei in Breda —: ,Hier müssen wir etwas tun.‘“

Bereits zu Beginn prägte der Vertreter verschiedener jüdischer Gemeinden, Zadoks, den Satz, der den Inhalt der gesamten Veranstaltung zusammenfasste: „Indem man barmherzig gegen die Drei von Breda wäre, wäre man unbarmherzig gegen ihre Opfer.“ Schockiert reagierte die Öffentlichkeit auf die Berichte über fortdauernde Albträume, über ständig wiederkehrende Panikanfälle, über völlig unzureichende psychiatrische Betreuung. Nun endlich sollten die Nöte der Opfer höchste Priorität genießen. 30 000 Unschuldige sollten mehr gelten als drei Schuldige. Oder wie es der sozialdemokratische Parlamentarier Joop Voogd bereits 1969 ausgedrückt hatte: „Es mag wahr sein, dass die lebenslange Strafe unmenschlich ist, doch in den Niederlanden leben Tausende und Abertausende Menschen, die auch, und zwar unschuldig, lebenslang haben. [...] Der Schmerz der Reinigung unseres Rechtssystems darf nicht auf die Schultern derjenigen geladen werden, die schon einmal so sehr gepeinigt wurden, dass wir sie nicht mehr ertragen lassen dürfen, als sie sowieso schon jeden Tag, jede Nacht, 24 Jahre jetzt und bis zu ihrem Tod ertragen müssen.“

Blockade

Die psychiatrische Perspektive setzte sich durch. Solidarität mit den Opfern hieß das Gebot der Stunde, und als erstes Zeichen der Solidarität sollte die Freilassung der Drei von Breda abgelehnt werden. So entschied auch das Parlament. Damit wurde allerdings ein Junktim zwischen zwei Problemen geschaffen, die sachlich wenig miteinander zu tun hatten. Die Drei wurden zum Faustpfand: Erst mussten die Anliegen der Opfer erfüllt werden, dann konnte eine zweite Begnadigung in Betracht kommen.

Diese Verbindung war in den siebziger Jahren nicht aufzulösen. Auch wenn sich mit der Einrichtung einer speziellen psychiatrischen Klinik und einer Verbesserung der Pensionszahlungen die Lage der Opfer deutlich besserte, kehrte auf ihrer Seite noch keine Ruhe ein. Für die Drei hatte dies einen Zustand der Blockade zur Folge – eine Blockade, die 1979 im Fall des schwer kranken Kotalla ein fortgesetztes Veto der Interessenorganisationen gegen eine Freilassung und schließlich den Tod des Delinquenten im Gefängnis zur Folge hatte.

Die zweite Begnadigung

Erst in den achtziger Jahren löste sich die Blockade, wenn auch kaum merklich. Die wesentlichen Forderungen der Opfer waren erfüllt, Ansätze, einige Leistungen wieder zu stutzen, wurden zurückgewiesen. Es trat eine Verstetigung ein, und die Interessenorganisationen widmeten sich verstärkt der Weitergabe der Lehren aus der Besatzungszeit an die Enkelgeneration statt dem aktuellen politischen Kampf. Das bedeutete, dass die verbliebenen Zwei von Breda ein wenig aus der „Schusslinie“ gerieten.

Schließlich setzte bei einigen prominenten Ex-Widerstandsangehörigen ein Meinungswandel ein. Sie erklärten sich jetzt für eine Freilassung oder übten zumindest keine aktive Gegenwehr mehr. Wohlgemerkt: Es handelte sich nur um eine kleine Elite, während eine deutliche Mehrheit der Opfer nach wie vor gegen eine Freilassung plädierte. Doch die Haltung der Minderheit wurde von der Regierung begierig aufgegriffen, um sich das anzueignen, was ihr über all die Jahre gefehlt hatte: die moralische Legitimation für eine zweite Begnadigung. Sie reichte aus, um auch das Parlament auf die eigene Seite zu ziehen. Am 27. Januar 1989 wurden die letzten Kriegsverbrecher von Breda freigelassen und noch am selben Tag als unerwünschte Ausländer in die Bundesrepublik abgeschoben.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: September 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Fühner, Harald / Wielenga, Friso: Leiden als Haftgrund – Diskussionen um die Drei von Breda, in: Deutschland – Niederlande. Heiter bis wolkig. Begleitbuch zu Ausstellung, Bonn 2000, S. 42–45.

Piersma, Hinke: De drie van Breda. Duitse oorlogsmisdadigers in Nederlandse gevangenschap 1945–1989, Amsterdam 2005.

Rüter, C.F. : Enkele aspecten van de strafrechtelijke reactie op oorlogsmisdrijven en misdrijven tegen de menselijkheid, Amsterdam 1973.

Vos, C.: Televisie en bezetting. Een onderzoek naar de documentaire verbeelding van de Tweede Wereldoorlog in Nederland, Hilversum 1995.

1972-2002: Dertig jaar C.O.V.V.S., Amsterdam 2002.

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