Geschichte - Kurzbeitrag



„Das Loch im Westen“ – Ein Schmugglerparadies

Schmuggel
Grenzschmuggel, Quelle: NA (024-1082)

Im Mai 1945 waren die Grenzen dicht. Die britische Besatzungsmacht setzte eine deutsche Zollverwaltung ein, die schon bald ihre Arbeit an den Grenzen zu Belgien und den Niederlanden aufnahm. In Vaals, dem niederländischen Grenzort im Schatten der Großstadt Aachen, bildeten sich lange Warteschlangen vor dem deutschen Zollhäuschen, der „Schleuse“ bei der Rückkehr aus den Niederlanden. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, bis die Schlange vorrückte und wieder etwa zwanzig Grenzgänger ihre Einkäufe dem Zoll zeigen mussten. [1]

Kaffee, Tee, Butter, Kakao und Zigaretten: Das waren die begehrtesten, lange entbehrten Genüsse. Aber ihre Aus- und Einfuhr war beschränkt, und jeder Besuch jenseits der Grenze wurde durch einen Stempel im Pass dokumentiert. Damit niemand abseits der offiziellen Übergänge mit Waren die Grenze überschritt, war diese weithin mit Drahtsperren versehen, natürlich auch in Vaals und in Kerkrade.

So entstand der Schmuggel an Aachens Grenzen zu den Nachbarländern. Er nahm bald solche Formen an, dass der Raum Aachen nur noch „das Loch im Westen” hieß. Bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 galt noch die Reichsmark. Für ein Kilo Kaffee erlöste man in Aachen bis zu 1500 Reichsmark, für ein Pfund Butter 600, für eine „Amizigarette“ 8 Reichsmark. Die deutschen Zollbeamten, die den einsetzenden Schmuggel eindämmen sollten, verdienten lediglich 180 Reichsmark im Monat; wenig verwunderlich, dass einzelne versuchten, vom Schmuggel zu profitieren.

Als die Verhältnisse an den Übergängen sich zuspitzten, erteilten die britischen Besatzer den deutschen Zollbeamten Schießbefehl. Insgesamt sind für den Zeitraum zwischen 1945 und 1953 an der deutsch-belgischen und deutsch-niederländischen Grenze 53 Tote zu beklagen, die meisten davon Schmuggler, auch minderjährige; einige Zollbeamte fanden ebenfalls den Tod.

Der Erfindungsreichtum der gewitzten Schmuggler führte zu abenteuerlichen Situationen. So wurde bei der Ausreise aus den Niederlanden „Deutschlands allerjüngster Schmuggler“ gestellt, ein Vierjähriger an der Hand seiner 16-jährigen taubstummen Tante. In Vaals und Aachen kam es zum Eklat, als – wahrscheinlich auf Betreiben der Aachener Metzgerinnung – den Aachenern verboten wurde, Frischfleisch aus den Niederlanden einzuführen: Fleisch dürfe nur im gebratenen Zustand über die Grenze. Die Vaalser Metzger stellten flugs große Töpfe mit erhitztem Frittierfett in ihre Verkaufsräume. „Bitte anbraten“ hieß von nun an das „Zauberwort“ – der Zoll hatte wieder einmal das Nachsehen!

Besonders zwischen Kerkrade und Herzogenrath herrschten seit jeher enge, auch verwandtschaftliche Bindungen. Hier flogen schon bald die Päckchen mit Tee, Kaffee und Zigaretten über die mit „prikkeldraad“ (Stacheldraht) abgezäunte Grenze hinüber nach Herzogenrath. Auch Hunden wurden solche Schmuggelpäckchen aufgebunden, bevor man sie über die Grenze schickte, wo die Empfänger schon bereit standen. A propos Päckchen: Wenn außen auf der Verpackung „HONIGVERMICELLI / KOOG AAN DEZAAN” steht, verbirgt sich im Inneren oft genug ein weiteres Päckchen, nämlich “Douwe Egberts / Fijne Dessert Koffie”.

Missglückter Tunnel

Herzogenrather und Kerkrader Schmuggler waren es auch, die 1950 die ungeliebte Grenze durch einen Tunnel überwanden, jedenfalls fast. Von einem trockengelegten Brunnen auf der deutschen Seite aus ging der Tunnel mit einem Durchmesser zwischen 60 und 80 Zentimetern und einer Länge von 60 Metern schnurstracks auf die niederländische Seite. Zielpunkt war der Keller eines niederländischen Bergmanns an der Nieuwstraat in Kerkrade. Die Tunnelgräber hatten jedoch falsch Maß genommen: Der Tunnel kam zu früh nach oben, unter dem Bürgersteig, aber vor dem Keller in der Bergmannswohnung.

Der Bürgersteig brach ein. Die herbei gerufenen Gemeindearbeiter, die zunächst eine Unterspülung durch Wasser vermuteten, fanden nichts dergleichen und riefen den niederländischen Zoll herbei. Die daraufhin auf der deutschen Seite verständigten Zollbeamten entdeckten am Brunnenboden eine längliche Metallwanne mit Stricken an beiden Enden, womit die Erde aus dem Grabungswerk befördert worden war. Weitere Fundstücke: eine Lampe mit langem Kabel, Geräte zum Graben sowie Arbeitskleidung für vier Männer. Keiner von ihnen wurde je entdeckt.
Nachbarschaftshilfe

1953, als die beiden Türme von Sankt Servatius in Maastricht lichterloh brannten, eilte die Aachener Berufsfeuerwehr über 35 Kilometer hinweg zur Nachbarschaftshilfe über die Grenze. Ähnliche Hilfe leisteten Herzogenrather Musiker in jenen Jahren ihren Kerkrader Kollegen: Ein niederländisches Paar, das am 7. Februar 1954 goldene Hochzeit feierte, sollte traditionsgemäß mit Musikbegleitung zur Kirche geleitet werden. Das neue „zondagswet“ (Sonntagsgesetz) verbot jedoch jegliche Störung der Sonntagvormittagsruhe. Die Lösung bot die Grenzstraße: Entlang der Nieuwstraat links marschierte die Kerkrader „Harmonie“, von der rechten Seite des Zauns lieferte die Musikkapelle „Herzogenrath 1880“ die Töne.

Auch die Textilhäuser in Heerlen blieben in der Schmuggelzeit nicht untätig. Bis in das Umland von Köln warben sie mit kostenlosen Busfahrten nach Heerlen und zurück: “Ein Kleid kaufen, aber zwei mitnehmen!” Das mitgebrachte schäbige alte Kleid ließ die Käuferin in der Umkleidekabine zurück und passierte so den Zoll mit nur einem neu erworbenen Kleid.

Schmuggel-Höhepunkte und Rückgang

Wirklich professionell-kriminelle Höhen erreichte der Schmuggel in Belgien mit Kaffee, in den Niederlanden mit Butter. Waren vor dem Zweiten Weltkrieg noch Butter und Zucker aus dem billigeren Belgien in die Niederlande eingeschleust worden, so drehte sich der Spieß nun um. Ende der fünfziger Jahre rasten schwere amerikanische Limousinen mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h und 1500 Kilogramm Butter an Bord von den Niederlanden aus nach Belgien.
Am Steuer saßen meist belgische, aber auch niederländische Fahrer. Der niederländische Zoll setzte Igelketten ein, die aber auch nicht immer halfen, da die Reifen der Schmuggelfahrzeuge vielfach gekammert waren. Vorausfahrzeuge der Schmuggler sollten bei solchen Fahrten erkunden, ob die Luft rein war. Nach Belgien geschmuggelte Butter wurde auch nach Deutschland „exportiert“: zum Beispiel auf einer LKW-Ladefläche, neben einer Gemüseladung versteckt.
Besonders das südlimburgische Hügelland mit seiner waldreichen Grenze und Nähe zur belgischen Voerstreek und die niederländischen Gemeinden im „Flaschenhals“ Südlimburgs bei Sittard waren wahre Schmugglernester: Sie liegen nah und günstig zwischen Belgien und Deutschland. Dass im Rahmen solcher Aktionen auch hin und wieder mal 88 Kühe aus Niederländisch-Limburg über die grüne Grenze hin zum Krefelder Viehmarkt getrieben wurden, mutet im Vergleich zu den teils turbulenten Schmuggler-Aktionen geradezu „gemütlich“ an. 

Die Senkung der Kaffeesteuer 1953 machte die professionellen Schmuggler mit einem Schlag „arbeitslos“. Die Römischen Verträge von 1957 und der Wegfall aller Binnenzölle in der Europäischen Union zum 31. Dezember 1992 entspannten die Lage weiter. Einziges Hauptschmuggelgut bleiben bis heute Rauschmittel und Drogen.


[1]  Der Beitrag ist erschienen in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 94 bis 97.

Autor: Wolfgang Trees
Erstellt: Februar 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Trees, Wolfgang: "Das Loch im Westen" - Ein Schmugglerparadies, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 94 bis 97.

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