Niederlande nach 1945: Politik und politische Kultur


XVI. Wahlen in den Niederlanden 1918-2006

Kontinuität und Stabilität bis in die 1960er Jahre

Betrachtet man die Wahlergebnisse seit 1918 – damals wurde in den Niederlanden zum ersten Mal nach dem allgemeinen Wahlrecht und dem Verhältniswahlsystem gewählt - fällt auf, dass im niederländischen Parlament zwar stets viele Parteien vertreten waren, dass aber das politische Spektrum dennoch bis in die 60er Jahre ein hohes Maß an Stabilität und Kontinuität aufwies. Sowohl der Stimmenanteil, der auf die großen politischen Strömungen (Katholiken, Protestanten, Sozialdemokraten und Liberale) entfiel und durchweg über 85 % lag, als auch das Machtverhältnis untereinander blieben in hohem Maße konstant. Die Katholiken (nach 1945 als Katholieke Volkspartij, KVP) lagen in der gesamten Zeit stabil um 30 %, ebenso wenig gab es bei der protestantischen Christelijk Historische Unie (CHU) große Schwankungen. Die ebenfalls protestantische Anti-Revolutionaire Partij (ARP) erhielt nach 1945 zwar weniger Stimmen als in den 30er Jahren, blieb aber bis in die 50er Jahre auf dem Niveau der 20er Jahre. Gemeinsam brachten es die konfessionellen Parteien zwischen 1918 und 1967 auf etwa 50 % der Stimmen. Den Konservativ-Liberalen, die unter verschiedenen Namen antraten – seit 1948 unter Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) –, gelang es nach 1945 allmählich, wieder das Niveau der 20er Jahre zu erreichen. Das Ergebnis der Partij van de Arbeid (PvdA) im Jahre 1946 (28,3 %) scheint auf eine Stärkung der Sozialdemokratie nach 1945 hinzudeuten (22 % im Jahre 1937). In Wirklichkeit kam es 1945 jedoch zunächst zu einer Stagnation, da sich die linksliberale Vorkriegspartei VDB (Vrijzinnig Democratische Bund) und die links-christliche Splitterpartei CDU (Christendemocratisch Unie) mit den Sozialdemokraten zusammenschlossen und die PvdA weniger Stimmen erhielt, als die drei Vorkriegsparteien 1937 zusammen erhalten hatten. Erst in den 50er Jahren erzielte die PvdA ähnliche Ergebnisse wie die KVP.

Entsäulung und Veränderung der parteipolitischen Landschaft ab 1967

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre endete diese wahlpolitische Stabilität, die so typisch für die Niederlande seit 1918 gewesen war, und im Zuge der so genannten „Entsäulung“ wurden die Karten neu gemischt. Auffällig sind vor allem die Verluste der KVP (von 31,9 % im Jahre 1963 auf 17,7 % 1972), wodurch die drei christdemokratischen Parteien ihre Mehrheit verloren. Die Verluste der ‚traditionellen‘ Parteien kamen verschiedenen neuen Parteien – unter anderem den linksliberalen Democraten 66 (D66) und der links-evangelischen Politieke Partij Radikalen (PRR) – zugute, wodurch die politische Landschaft bunter wurde. Diese Periode der Neuordnung des politischen Kräftefeldes war um 1977 abgeschlossen (vgl. Abb. 2 und 3). Nach den ersten gemeinsamen Wahlen im Jahre 1977 nahm die Christdemokratie als Christendemocratisch Appèl (CDA) – eine Partei entstanden durch den Zusammenschluss von KVP, ARP und CHU - ihre zentrale Stellung wieder ein, wenngleich in geschwächter Form. Der Kampf um den ersten Platz in der Wählergunst fand nicht länger wie in den 50er Jahren zwischen KVP und PvdA, sondern nunmehr zwischen CDA und PvdA statt. Darüber hinaus fallen in dieser Periode, die bis 1994 anhielt, der Vormarsch und das Auf und Ab der konservativ-liberalen VVD und der linksliberalen D66, ins Auge. Dennoch kann man bis Anfang der 90er Jahre von einer relativ stabilen politischen Landschaft sprechen, wobei der CDA und die PvdA jeweils durchschnittlich etwa 32 % der Stimmen auf sich vereinigen konnten und die VVD als dritte und D66 als vierte politische Kraft auftraten.

Wechselwähler im Aufmarsch: Starke Schwankungen im Wahverhalten seit 1994

Mit schweren Verlusten für CDA und PvdA sowie kräftigen Gewinnen für beide liberale Parteien begann 1994 eine neue Phase. Charakteristisch für die Zeit nach 1994 ist, dass die Ergebnisse aller Parteien großen Schwankungen unterlagen und dass die bisherige Vorhersagbarkeit der politischen Kräfteverhältnisse nicht mehr gegeben war. Konnte man in den versäulten 50er Jahren noch von einer stabilen Bindung zwischen Wähler und Partei sprechen, so war diese aufgrund der Entsäulung der 60er Jahre schon viel lockerer geworden, und seit 1994 scheint von einer derartigen Bindung kaum noch etwas übrig zu sein. Vor allem die große Zahl der Wechselwähler sticht ins Auge.

Wahlergebnisse 1918-1937
Angaben in Prozent
Partei
1918
1922
1925
1929
1933
1937
RKSP/KVP
30,0
29,9
28,6
29,6
27,9
28,8
ARP
13,4
13,7
12,2
11,6
13,4
16,4
CHU
6,6
10,9
9,9
10,5
9,1
7,5
SGP
0,4
0,9
2,0
2,3
2,5
1,9
LSP/PvdV/VVD
(15,1)
9,3
8,7
7,4
7,0
4,0
VDB
5,3
4,6
6,0
6,2
5,1
5,9
SDAP/PvdA
22,0
19,4
22,9
23,8
21,5
22,0
CPN
2,3
1,8
1,2
2,0
3,2
3,3
CDU
0,8
0,7
0,5
0,4
1,0
2,1
NSB





4,2
Sitzverteilung in der Zweiten Kammer 1946 - 1972
Parteien
'46
'48
'52 '56 '59 '63 '67 '71 '72
KVP
32
32
30
49
49
50
42
35
27
ARP
13
13
12
15
14
13
15
13
14
CHU
8
9
9
13
12
13
12
10
7
CDA









SGP
2 2 2 3 3 3 3 3 3
GPV





1 1 2 2
RPF









ChristenUnie









KNP

1 2





RKPN








1
LPF









Leefbaar NL









Groep Wilders/PVV









PvdV
6







VVD

8 9 13 19 16 17 16 22
BP





3 7 1 3
DS'70







8 6
NMP







2
CP









CD









D66






7 11 6
PvdD









PvdA
29 27 30 50 48 43 37 39 43
CPN
10 8 6 7 3 4 5
6 7
PSP




2 4 4 2 2
PPR







2 7
EVP









GroenLinks









SP









AOV









Unie 55+









Sitzverteilung in der Zweiten Kammer 1977 - 2006
Parteien
'77 '81 '82 '86 '89 '94 '98 '02 '03 '06
KVP










ARP










CHU










CDA
49
48 45 54 54 34 29 43 44
41
SGP
3 3 3 3 3 3 3 2 2 2
GPV
1
1
1 1 2 2 2


RPF

2 2 1 1 3 3


ChristenUnie







4 3 6
KNP










RKPN










LPF







26 8
Leefbaar NL







2

Groep Wilders/PVV









9
PvdV










VVD
28 26 36 27 22 31 38 24 28 22
BP
1








DS'70
1








NMP










CP


1






CD




1 3



D66
8 17 6 9 12 24 14 7 6 3
PvdD









2
PvdA
53 44 47 52 49 37 45 23 42 33
CPN
2 3 3






PSP
1 3 3 1





PPR
3 3 2 2





EVP


1






GroenLinks




6 5 11 10 8 7
SP





2 5 9 9 25
AOV





6



Unie 55+





1



Parteien und Ausrichtung
Partei

Politische Richtung
RKSP/KVP
Rooms-Katholieke Staatspartij/ Katholieke Volkspartij
katholisch (KVP tritt 1946 die Nachfolge der RKSP an)
ARP
Anti-Revolutionaire Partij
protestantisch
CHU
Christelijk-Historische Unie
protestantisch
CDA
Christen-Demokratisch Appèl
christdemokratisch
SGP
Staatkundig-Gereformeerde Partij
orthodox-protestantisch
GPV
Gereformeerd Politiek Verbond
orthodox-protestantisch
RPF
Reformatorisch Politieke Federatie
orthodox-protestantisch
ChristenUnie

orthodox-protestantisch, sozial
KNP
Katholiek Nationale Partij
katholisch, konservative Absplitterung der KVP
RKPN
Rooms Katholijke Partij Nederland
streng katholisch
LeefbaarNL
Leefbaar Nederland
populistisch
Groep-Wilders/PVV
Partij voor de Vrijheid
konservativ, nationalistisch, liberal
PvdV/VVD
Partij van de Vrijheid/ Volkspartij voor Vrijheid en Democratie
konservativ-liberal (1946 Nachfolgepartei der LSP, 1948 nimmt VVD diesen Platz ein)
BP
Boerenpartij
konservative Protestpartei
DS '70
Democratisch-Socialisten 1970
konservative Absplittung von der PvdA
NMP
Nieuwe Midden Partij
Unternehmerpartei
CP
Centrumpartij
rechts-extrem
CD
Centrum Democraten
rechts-extrem, Absplittung der Centrumpartij
D66
Democraten 66
linksliberal
PvdD
Partij voor de Dieren
Tierschützer
PvdA
Partij van de Arbeid
sozialdemokratisch
CPN
Communistische Partij van Nederland
kommunistisch
PSP
Pacifistisch-Socialistische Partij
pazifitisch, sozialistisch
PPR
Politieke Partij Radicalen
Absplittung der KVP, progressiv
EVP
Evangelische Volkspartij
protestantisch-progressiv
GroenLinks

pazifistisch-progressiv (1989 angetreten als Nachfolgepartei von v.a. CPN, PRP und PSP)
SP
Socialistische Partij
sozialistisch
AO

Algemeen Ouderen Verbond

Interessenverband, der sich für die Belange der Älteren einsetzt
Unie 55+

Interessenverband, der sich für die Belange der Älteren einsetzt

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bosmans, J. (Hrsg.): Europagedanke, Europabewegung und Europapolitik in den Niederlanden und Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg, Münster 1996.

Ditzhuyzen, R.E. van (Hrsg.): The Foreign Ministry. 200 Years, The Hague 1998.

Harryvan, A.G./ Harst, J. van der/ Voorst, S. van der (Hrsg.): Voor Nederland en Europa. Politici en ambtenaren over het Nederlandse Europabeleid en de Europese integratie, 1945–1975, Amsterdam 2001.

Hellema, D.: Buitenlandse politiek van Nederland, Utrecht 1995.

Hellema, D./ Zeeman, B./ Zwan, B. van der (Hrsg.): De Nederlandse ministers van Buitenlandse Zaken in de twintigste eeuw, Den Haag 1999.

Pekelder, Jacco: Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen 1949-1989, Münster 2002.

Pastoors, Sven: Von Maastricht bis Laeken: Die Europapolitischen Konzeptionen und die Europapolitk der Niederlande in den neunziger Jahren, (Dissertation) Münster 2004.

Reef, Johannes: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluß eines Kleinstaates, Münster 1995.

Staden, Alfred van: Een trouwe bondgenoot. Nederland en het Atlantisch Bondgenootschap (1960–1971), Baarn 1974.

Voorhoeve, J.J.C.: Peace, Profits and Principles. A Study of Dutch Foreign Policy, The Hague 1979.

Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000.

Wielenga, Friso / Taute, Ilona (Hrsg.): Länderbericht Niederlande. Geschichte -Wirtschaft - Gesellschaft, Bonn 2004.

Wielenga, Friso / Wilp, Markus (Hrsg.): Nachbar Niederlande. Ein landeskundliche Einführung, Münster 2007.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z


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