Niederlande nach 1945: Politik und politische Kultur


VII. Eine drohende Staatskrise: die Greet-Hofmans-Affäre (1956)

Ein Rasputin am niederländischen Hof?

Haus Greete Hofmanns
Cafe "De Bosboom" Wohn- und Behandlungsstätte von G. Hofmans, Quelle: NA (907-8249)

Am 13. Juni 1956 berichtete Der Spiegel in einem Aufsehen erregenden Artikel über den Einfluss der Gesundbeterin Greet Hofmans auf Königin Juliana. Ebenso wie der Mönch Rasputin im frühen 20. Jahrhundert dem russischen Zar versprochen hatte, den ernsthaft erkrankten Thronfolger zu heilen, und sich en passant als einflussreicher politischer Intrigant entpuppte, habe Greet Hofmans, so Der Spiegel, eine Vertrauensstellung bei Königin Juliana erlangt, indem sie versprach, der halb blinden Prinzessin Marijke (später Christina genannt) das Augenlicht zurückzugeben. „Und wie einst der Name Rasputin im zaristischen Rußland“, fuhr das Hamburger Magazin fort, „so ist auch die Rolle der Spinster dem holländischen Volk und sogar hohen Staatsbeamten völlig unbekannt, während sich die Eingeweihten am Hof und im Kabinett in zwei feindlichen Lagern gegenüberstehen und einander so erbittert befehden, daß selbst die Gefahr einer Staatskrise keine völlige Diskretion mehr verbirgt“. Ganz sicher übertrieb Der Spiegel in diesem sensationellen Artikel, aber viele Tatsachen entsprachen der Wahrheit und das Blatt verfügte über Informationsquellen aus der direkten Umgebung des Hofes.

Politischer Einfluss einer Gesundbeterin?

Was war wirklich geschehen? Die tief religiöse Greet Hofmans, die sich als Medium zwischen leidenden Menschen und Gott ausgab und über Heilkräfte verfügen sollte, war mit Königin Juliana zusammengebracht worden und hatte versprochen, die 1947 geborene Prinzessin Marijke von ihrer schweren Augenkrankheit zu heilen. Sehr schnell genoss sie das Vertrauen der Königin und in dem Jahr, als Juliana gekrönt wurde (1948), bezog sie sogar ein Zimmer im Schloss Soestdijk. Da die Genesung ausblieb und Prinz Bernard schnell das Vertrauen in Greet Hofmans verloren hatte, musste sie 1950 das Schloss wieder verlassen, aber die intensiven Kontakte zur Königin blieben bestehen. In den darauf folgenden Jahren schien sie großen Einfluss auf Julianas Ansichten und ihr Verhalten zu haben. So wurde die Weigerung Julianas im Jahre 1952, der Vollstreckung der Todesstrafe an dem deutschen Kriegsverbrecher Willy Lages zuzustimmen, in Verbindung mit den intensiven Kontakten zwischen der Königin und Hofmans gebracht.

Da das Kabinett an der Todesstrafe festhalten wollte und Juliana mit ihrer Abdankung drohte, gerieten die Niederlande beinahe in eine konstitutionelle Krise, die nur gemeistert werden konnte, indem das Kabinett seine Meinung änderte und das über Lages gefällte Todesurteil in eine lebenslängliche Gefängnisstrafe umgewandelt wurde. Im gleichen Jahre entstanden zwischen dem Kabinett und der Königin Spannungen im Hinblick auf die Ansprachen, die Juliana bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten halten sollte (u.a. vor dem Kongress und der allgemeinen Versammlung der UN). Für Äußerungen der Königin trägt das Kabinett die Verantwortung und innerhalb des Kabinetts bestanden große Bedenken gegen die verschwommen-pazifistischen Botschaften, die die Königin verkünden wollte. Während des Kalten Krieges in den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Garanten für die niederländische Sicherheit, für Abrüstung zu plädieren und Sympathien für den ‚Dritten Weg‘ zur Schau zu stellen, das war zumindest politisch brisant und unvernünftig. Außenminister Stikker drohte mit seinem Rücktritt, für den Fall, dass die Königin ihre Reden nicht abänderte. Schließlich fand man einen Kompromiss und Julianas Reise wurde ein Erfolg, aber der kleine politische Kreis der Eingeweihten machte sich große Sorgen über die Beziehung zwischen der Königin und der Gesundbeterin. Auch bei Prinz Bernard wuchs das Unverständnis und Schloss Soestdijk wurde allmählich in einen ‚Juliana-‘ und einen ‚Bernardflügel‘ zerrissen.

Die Medien schweigen

Niederländische Journalisten, die gerüchteweise etwas über die mystisch-religiösen Einflüsse auf Juliana vernahmen, bekamen von höherer Stelle zu hören, Veröffentlichungen darüber seien nicht erwünscht, und sie waren offensichtlich von der Richtigkeit solcher Instruktionen überzeugt. Ausländische Journalisten bekamen zu hören dass ihre Arbeit in den Niederlanden äußerst schwierig werden würde, falls sie mit Enthüllungen aufwarten sollten. Im Jahre 1952 wurde noch erfolgreich verhindert, dass das amerikanische Magazin Life über die Situation in Soestdijk berichtete, aber 1956 explodierte die Bombe dann doch. Der Spiegel, gut und wahrscheinlich gezielt vom ‚Bernard-Clan‘ informiert, kündigte Beginn Juni 1956 an, mit einem sensationellen Artikel über den niederländischen Hof zu kommen und auch andere ausländische Blätter (Daily Express und Life) verfolgten die Angelegenheit. Versuche des niederländischen Kabinetts, über die deutsche Regierung die Veröffentlichung im Spiegel zu verhindern, schlugen fehl und so wurde die Affäre Hofmans, wenn auch nicht ohne sensationelle Übertreibung, bekannt. In den Niederlanden konnte man darüber anfänglich jedoch nichts lesen.

Verbot vom SPIEGEL in den Niederlanden

Die entsprechende Ausgabe des Spiegel war in den Niederlanden nicht erhältlich, da der Importeur unter Druck des Kabinetts auf die Verteilung verzichtet hatte. Die niederländischen Medien hüllten sich darüber in Schweigen – eine Haltung, die in Verhandlungen zwischen den Chefredakteuren der niederländische Zeitungen und Ministerpräsident Drees vereinbart worden war. Soweit in den darauf folgenden Wochen doch indirekt und spärlich über das Thema geschrieben wurde, warf man dem Spiegel „einen feigen Angriff“ vor. „Die niederländische Presse“, stellte der Journalist Henk Hofland 1972 mit Recht fest, „verarbeitete den Schock mit einer ohrenbetäubenden Demonstration ihrer Treue zum Königshaus, wobei sie die Gelegenheit nahezu verstreichen ließ, diese Treue mit kritischen Interesse zu kombinieren. Sie verschloss sich von vornherein und absichtlich weiteren Informationen, ebenso wie der Allgemeine Niederländische Pressedienst ANP, der über die ganze Affäre kein Wort zur Veröffentlichung über den Ticker schickte.“ Niederländer, die etwas über die Angelegenheit erfahren wollten, waren auf die ausländischen Medien angewiesen.

Ende und Bedeutung der Affäre

Hinter den niederländischen Kulissen wucherte die Affäre allerdings weiter und man schloss sogar Julianas Abdankung oder eine Scheidung der königlichen Ehe nicht mehr aus. Um das zu verhindern, ernannte das Kabinett eine Kommission aus drei Weisen unter Leitung des Innenministers und früheren Ministerpräsidenten Beel (1946–1948), der die Situation am Hof befrieden sollte. Die Empfehlungen der Kommission Beel brachten tatsächlich die gewünschte Ruhe: Juliana blieb auf dem Thron, die Ehe blieb vor der Außenwelt intakt und Greet Hofmans wurde der Zugang zum Schloss untersagt. Im Übrigen besuchte die Königin Greet Hofmans auch danach noch ab zu im Geheimen, aber zu neuen öffentlichen Krisen kam es nicht mehr.

Worin lag nun die Bedeutung der Affäre? Natürlich nicht in den privaten Überzeugungen der Königin und auch nicht in dem vom Spiegel suggerierten – und stark überzogenen – Einfluss des niederländischen ‚Rasputin‘. Die Bedeutung der Affäre liegt woanders: in der nahezu einträchtigen Obrigkeitstreue der niederländischen Medien in den 50er Jahren. Berichte, die für das Königshaus oder die Monarchie schädlich hätten sein können, wurden bewusst zurückgehalten. Die Einträchtigkeit in dem kleinen Kreis der Eingeweihten ging sogar so weit, dass das Schweigen der Presse ohne Druck von oben zustande kam. Kabinett und Chefredakteure lagen auf einer Linie und bestimmten in Grundzügen, was die niederländische Bevölkerung über diese Affäre zu lesen bekam. Als nach einiger Zeit doch Informationen durchsickerten, zeigte sich, dass die Bevölkerung diese Informationspolitik ohne Murren akzeptierte. Nicht nur die Medien, auch die Bevölkerung war in den 50er Jahren noch sehr folgsam und obrigkeitstreu. Mit diesen Merkmalen der niederländischen politischen Kultur rechnete man erst in den 60er Jahren ab. Das letzte Wort über die Affäre ist überdies auch im Jahre 2004 noch nicht gesprochen: Das Archiv der Kommission Beel bleibt bis auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

Wielenga, Friso / Taute, Ilona (Hrsg.): Länderbericht Niederlande. Geschichte -Wirtschaft - Gesellschaft, Bonn 2004.

Lademacher, Horst: Die Niederlande. Politische Kultur zwischen Individualität und Anpassung, Berlin 1993.

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