deutsche in den niederlanden 1918-1945


III. Die Beobachtung des Nationalsozialismus


Boykott jüdischer Geschäfte 1933
NS-Boykott gegen jüdische Geschäfte Berlin 1933, Quelle: BArch (102-14468)/cc-by-sa

Das Aufkommen der Nationalsozialisten und ihre „Machtergreifung“ im Januar 1933 prägten die 30er Jahre. Auf die immer weiter gehenden Einschränkungen der Meinungsfreiheit und der freien Berufswahl sowie der persönlichen Sicherheit reagierten viele Menschen mit der Flucht aus Deutschland. Nicht nur über 220 000 Juden, sondern auch Emigranten aus den Bereichen Politik und Kultur verließen zwischen 1933 und 1938 ihre Heimat und versuchten, sich in anderen Ländern ein neues Leben aufzubauen.

Für viele derjenigen, die nicht aus Deutschland vertrieben wurden, waren die 30er Jahre eine Zeit positiver Entwicklungen. Der Arbeitsmarkt erholte sich (auch durch den massiven Beginn der Rüstungswirtschaft) und sowohl die Wiedereingliederung des Saarlandes in das Deutsche Reich 1935 als auch der „Anschluss“ Österreichs 1938 schienen ein neues Selbstbewusstsein Deutschlands zu versinnbildlichen.

Für die Niederlande und die hier lebenden Deutschen waren beide Entwicklungen wichtig. Zum einen wurden die Niederlande zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu einem Asylland. Tausende von deutschen Flüchtlingen kamen, um von den Niederlanden aus weiterzuwandern oder sich auch dort niederzulassen. Doch auch für die schon länger im Land lebenden Deutschen spielte die Etablierung des nationalsozialistischen Staates und das in den 30er Jahren wachsende Selbstbewusstsein Deutschlands eine wichtige Rolle.

Die deutschen Flüchtlinge

Unmittelbar nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernommen hatten und Adolf Hitler Reichskanzler geworden war, begannen Repressalien gegen politische Gegner des Systems und die Juden. Der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 führte zu einer ersten großen Welle von Flüchtlingen, die sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlten. In den folgenden Jahren pendelte sich die Zahl der Flüchtlinge auf einem niedrigeren Niveau ein, um nach den Pogromen im November 1938 noch einmal sprunghaft anzusteigen. Insgesamt kamen in den Jahren zwischen 1933 und 1939 ca. 50 000 Flüchtlinge aus Deutschland in die Niederlande, von denen über die Hälfte dort auch blieben und nicht in ein anderes Land weiterwanderten.

Die Niederlande waren auf den plötzlichen Zustrom von Flüchtlingen, der nach den Boykotten im April 1933 einsetzte, nicht vorbereitet. Die Regierung musste sich in ihrer Politik gegenüber den Flüchtlingen erst neu orientieren. Bis zum Frühjahr 1934 dauerte die erste Phase des Abwartens. Da der Visazwang schon 1926 aufgehoben worden war, konnten die Flüchtlinge ungehindert einreisen, doch mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Regulierung des Zugangs der Flüchtlinge zum Arbeitsmarkt im April 1934 begann die niederländische Regierung, sich immer abweisender gegenüber den Flüchtlingen zu verhalten.

Ausschlaggebend dafür war vor allem die angespannte Situation auf dem niederländischen Arbeitsmarkt, die durch die Flüchtlinge nicht noch verschärft werden sollte. Auch die Angst, den wirtschaftlich wichtigen Partner Deutschland nicht zu verärgern, trug in der Folgezeit zu einer immer restriktiveren Politik den Flüchtlingen gegenüber bei. Im Mai 1938 erklärt Justizminister Goseling die Flüchtlinge in einem Rundbrief sogar zu „unerwünschten Elementen“, deren Einreise nicht mehr zugelassen werden sollte. Die Grenzen der Niederlande wurden daraufhin geschlossen, auch ein öffentlicher Sturm der Entrüstung änderte nichts an der Haltung der Regierung. Erst die Geschehnisse des 9. November 1938 bewogen die Regierung, 2000 zusätzliche Flüchtlinge in den Niederlanden aufzunehmen. Durch die Intervention verschiedener Organisationen und einen massiven öffentlichen Druck gelang es zudem, diese Zahl auf insgesamt 7000 Personen aufzustocken. Doch die Politik der Regierung blieb auch in Zukunft auf eine strikte Abschottung der Grenzen ausgerichtet. Eine Folge der sich verschärfenden Regierungspolitik war der Anstieg der illegal in den Niederlanden lebenden deutschen Flüchtlinge. Wer keine offizielle Einreiseerlaubnis erhielt, versuchte, die grüne Grenze zu überqueren und in der Illegalität zu leben. Ende der 30er Jahre sah sich die Regierung genötigt, Auffanglager für diese illegalen Flüchtlinge einzurichten. Doch auch für die legal in den Niederlanden lebenden Flüchtlinge wurden Lager gebaut. Die Städte im Westen konnten die große Zahl an Neuankömmlingen nicht mehr auffangen, und darum sollten Flüchtlingslager auf dem Land die Städte entlasten. Unterhalten wurden die meisten dieser Lager zunächst von Hilfsorganisationen für jüdische Flüchtlinge, bevor Ende der 30er Jahre das „Zentrale Auffanglager Westerbork“ gegründet wurde, das später als Durchgangslager und Abfahrtsstation der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten traurige Bekanntheit erlangen sollte.

Die Reaktionen innerhalb der Bevölkerung auf die Ankunft so vieler Flüchtlinge waren ambivalent. Auf der einen Seite erfolgten als Reaktion auf die Geschehnisse in Deutschland Solidaritätsbekundungen und die Einrichtung diverser Hilfsorganisationen für die Flüchtlinge. Auf der anderen Seite fand die abweisende Politik der Regierung immer mehr Anhänger, die in der großen Zahl von Flüchtlingen eine Gefahr für den Arbeitsmarkt und die allgemeine ökonomische Situation insgesamt sahen. Gerade der jüdische Teil der niederländischen Bevölkerung (ca. 1,4% der Gesamtbevölkerung) befürchtete zudem einen Anstieg des latent bereits vorhandenen Antisemitismus auch in den Niederlanden und sah durch die Flüchtlinge den Status Quo des Zusammenlebens gefährdet.

Die Aufnahme in den Niederlanden, die Möglichkeiten, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und die Integration in die Gesellschaft hingen von verschiedenen Faktoren ab. Besonders ausschlaggebend war die Motivation der Flucht aus Deutschland.

Familie Frank
Anne Frank und ihre Familie, Quelle: NA (092-0079)

Jüdische Flüchtlinge kamen aufgrund einer privaten Entscheidung in die Niederlande, sie flohen aus Angst um ihr Leben und mussten versuchen, ihr Leben in einem neuen Land neu aufzubauen. Je nach dem Zeitpunkt ihrer Ankunft veränderten sich die Möglichkeiten dazu in den Niederlanden. Zu Beginn der 30er Jahre war es noch möglich, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten und sich und seine Familie in ein „normales“ Leben wiedereinzugliedern. So konnten viele Emigranten ihr altes Geschäft aus Deutschland in die Niederlande transferieren und hier erneut aufbauen oder zumindest eine Arbeit finden, die ihnen ein normales Auskommen bot. Bis 1937 bauten Flüchtlinge mehr als 450 neue Betriebe und Unternehmen in den Niederlanden auf und schufen dadurch mehr als 7500 Arbeitsplätze, vor allem in der Textilbranche. Viele der später gekommenen Juden hatten dieses Glück nicht mehr. Sie mussten zum Teil in den Flüchtlingslagern leben, durften keine eigene Arbeit aufnehmen und waren völlig von der Unterstützung der verschiedenen Hilfsorganisationen, wie dem CBJB (Comité voor Bijzondere Joodse Belangen) oder dem CJV (Comité voor Joodse Vluchtelingen), abhängig.

Im Gegensatz zu den jüdischen Flüchtlingen, die zumeist auf sich selbst gestellt waren, fanden die politischen Flüchtlinge in den Niederlanden gut organisierte Netzwerke politisch Gleichgesinnter vor („Rode Hulp“ für die Kommunisten und das „Comité voor Politieke Duitse Vluchtelingen“ für die Sozialdemokraten), die ihnen zur Seite standen und erste Anlaufstationen boten. Für den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime, dem sich viele der aktiven Kommunisten und Sozialdemokraten verschrieben hatten, boten die Niederlande ein geeignetes Umfeld. Bis 1940 kamen insgesamt bis zu 5000 Parteimitglieder für kürzere oder längere Zeit in die Niederlande. Viele von ihnen gingen weiter nach Paris oder Prag, um an den Zentren politischen Widerstandes das weitere Vorgehen aktiv mitzugestalten, doch eine nicht unerhebliche Anzahl blieb in den Niederlanden, um von hier aus die Geschehnisse in Deutschland zu beobachten und wenn möglich, Widerstand zu leisten. Zu den Zielen der politischen Arbeit im Ausland zählte zunächst die Herstellung von Öffentlichkeit, sowohl im Zufluchtsland als auch in Deutschland. Über die Verbreitung von illegalen Zeitungen und Flugblättern sollte die Bevölkerung in den Niederlanden auf den Terror der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht und die Deutschen für den Widerstand und den Kampf gegen das Regime motiviert werden. Weiterhin versuchten die Parteien, an der Grenze zu Deutschland Verbindungsstellen aufzubauen, über die die illegale politische Arbeit in Deutschland aktiv unterstützt werden konnte, die aber auch als erste Anlaufstellen für Flüchtlinge fungierten. Trotz der vorhandenen Verbindungen in den Niederlanden lebten viele der politischen Flüchtlinge in der Illegalität. Sofern sich die Flüchtlinge weiter aktiv für die Ziele ihrer Partei einsetzen wollten, blieb ihnen keine andere Wahl, da es Ausländern in den Niederlanden verboten war, sich politisch zu betätigen. Wurden diese Illegalen von der holländischen Polizei ergriffen, drohte ihnen die Abschiebung nach Deutschland oder die Einweisung in eines der Lager für illegale Flüchtlinge, die von der niederländischen Regierung unterhalten wurden.

Wieder andere Bedingungen fand eine dritte Gruppe von Flüchtlingen vor, nämlich diejenigen, die als Kulturschaffende, also Schriftsteller, Maler oder Schauspieler vor der Politik der Nationalsozialisten flüchteten. Sofern sie in den Niederlanden blieben, konnten viele dieser Personen ihr Leben erfolgreich gestalten, weil sie bereits über internationale Kontakte verfügten. Für viele Schriftsteller waren die beiden Amsterdamer Verlage, Querido und Allert de Lange, äußerst hilfreich, die in den 30er Jahren mehr als 2000 deutschsprachige Bücher von Emigranten veröffentlichten, die weltweit, aber auch in den Niederlanden selbst eine weite Verbreitung fanden. Auch Schriftsteller, die nach ihrer Flucht auf niederländisch zu publizieren begannen, wie Konrad Merz oder Grete Weil, profitierten von diesen Verlagen. Durch die weit verbreitete Kenntnis der deutschen Sprache hatten auch Kabarettisten und Schauspieler gute Möglichkeiten, selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kontakte, die schon zuvor über Ländergrenzen hinweg entstanden waren, halfen oftmals bei der Eingliederung.

Andere Kulturschaffende hatten deutlich mehr Probleme, ihr Leben in den Niederlanden neu aufzubauen. Der prominente Maler Max Beckmann z.B. blieb zwar bis zum Ende der Besatzungszeit in den Niederlanden, lebte jedoch relativ isoliert und zurückgezogen und erfuhr keine öffentliche Anerkennung. Immerhin konnten einige deutsche Wissenschaftler wie der Soziologe Hugo Sinzheimer oder der Philosoph Helmuth Plessner einen Lehrstuhl an einer niederländischen Universität erhalten. Wer von den bekannteren deutschen Flüchtlingen aus der Kulturszene jedoch die Möglichkeit hatte, in ein anderes Land weiterzureisen, in denen er bessere Bedingungen zu finden glaubte, ergriff diese Option in den meisten Fällen.

Trotz der vielen Schwierigkeiten, die vor allem durch die abweisende Haltung der niederländischen Regierung verursacht wurden, waren die Niederlande ein attraktives Emigrationsland. Viele Deutsche hofften auf eine schnelle Rückkehr in ihre Heimat, und dafür bildeten die Niederlande mit ihrer geografischen, aber auch kulturellen und sprachlichen Nähe zu Deutschland einen guten Ausgangspunkt. Hinzu kam natürlich, dass sich viele der Flüchtlinge eine Weiterreise in die USA oder ein anderes überseeisches Land finanziell nicht leisten konnten. Aufgrund ihrer speziellen Lebenssituation nahmen die wenigsten Flüchtlinge teil am Leben der bereits existierenden deutschen Gemeinschaft in den Niederlanden. Wenngleich viele weiterhin deutsch sprachen und viele vertraute Gewohnheiten beibehielten, unterhielten die wenigsten Kontakte zu deutschen Vereinigungen in den Niederlanden aus Angst, auch hier nationalsozialistischen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Die einzigen Ausnahmen bildeten die deutschen Schulen, die eine ganze Reihe neuer Schüler zu verzeichnen hatten.

Die Nazifizierung der deutschen Gemeinschaft

Nachdem die Niederlande in den frühen 20er Jahren noch weitgehend von der weltweiten wirtschaftlichen Krise verschont geblieben waren, führte sie ab dem Ende der 20er und in den 30er Jahren zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit und grundsätzlichen ökonomischen Problemen. Nicht nur die Flüchtlinge hatten darunter zu leiden, sondern auch diejenigen Deutschen, die schon länger in den Niederlanden waren. Das „Gesetz zu ausländischen Arbeitnehmern“ im Frühjahr 1934, das den Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt erschwerte, galt für die anderen Deutschen in gleichem Maße.

Nur die deutschen Dienstmädchen blieben bis 1936 von dieser Regelung ausgenommen. Zwar sollten aufgrund eines Anwerbestopps keine neuen Mädchen mehr in die Niederlande kommen, doch diejenigen Mädchen, die eine Arbeitsstelle in den Niederlanden hatten, erhielten weiterhin ohne Probleme ihre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Stattdessen ergriff die neue deutsche Regierung die Initiative, um so viele wie möglich von ihnen wieder zurück nach Deutschland zu holen. Im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gingen deutsche Mädchen, die im Ausland arbeiteten, dem deutschen Volk als Mutter verloren und brachten das Volkstum in Gefahr. Deshalb erhielten innerhalb der so genannten „Heimschaffungsaktion“ im Winter 1938 alle deutschen Dienstmädchen, die den deutschen Stellen bekannt waren, einen Brief, in dem sie zur Heimkehr aufgefordert wurden. Auch in den großen Tageszeitungen wurden von der deutschen Gesandtschaft Annoncen geschaltet. Am 1. Februar 1939 sollten demzufolge alle deutschen Dienstmädchen die Niederlande verlassen. Andernfalls wurde ihnen mit der Einziehung ihres Passes und der Aufhebung ihrer Staatsbürgerschaft gedroht. Doch längst nicht alle Dienstmädchen leisteten dieser Aufforderung Folge. Viele blieben in den Niederlanden, wo sie inzwischen heimisch geworden waren.

Auch in den übrigen Bereichen des gesellschaftlichen deutschen Lebens in den Niederlanden nahm der Versuch der Einflussnahme nationalsozialistischer Organisationen aus Deutschland nach 1933 stark zu. Sehr schnell wurde z.B. der „Gleichschaltungsgedanke“ der Nationalsozialisten in den deutschen Vereinen umgesetzt, und die deutschen Vereine schlossen sich in verschiedenen Städten zu einer „Deutschen Kolonie“ zusammen. Was zunächst als unpolitischer engerer Zusammenschluss deutscher Organisationen anmutete, entwickelte sich sehr schnell zu einem Bekenntnis zum „neuen Deutschland“ und führte zu einer Übernahme nationalsozialistischer Zielsetzungen. Neben den „Deutschen Kolonien“ entstanden ab 1933 Ortsgruppen der NSDAP in den Niederlanden. Weil die niederländische Regierung jedoch Ausländern verbot, sich in den Niederlanden politisch zu betätigen, mussten diese Ortsgruppen wieder aufgelöst werden. Sie wurden jedoch unmittelbar darauf als „Reichsdeutsche Gemeinschaften“ wiedergegründet, die sich zwar offiziell nicht politisch betätigten, faktisch jedoch der Auslandsorganisation der NSDAP unterstanden. Nach und nach übernahmen die „Reichsdeutschen Gemeinschaften“ die Organisation und Lenkung des gesamten deutschen Gemeinschaftslebens in den Niederlanden. Damit ging automatisch eine Isolation der deutschen Gemeinschaft in den niederländischen Gesellschaft einher, da die deutschen Vereine sich nun viel mehr auf sich selbst und die Entwicklungen in Deutschland konzentrierten. Eine Öffnung zur niederländischen Gesellschaft war nur noch insoweit erwünscht, wie sie den ideologischen Vorgaben entsprach.

Ausnahmen dieser Entwicklung hin zum Nationalsozialismus bildeten einige deutsche Kirchengemeinden und Schulen. Grund für ihre Ausnahmesituation war ihr teilweiser Anschluss an niederländische Organisationsstrukturen. Einige deutsche Kirchengemeinden waren unmittelbar an eine niederländische Gemeinde angeschlossen und konnten sich deshalb nicht offen zum Nationalsozialismus bekennen. Außerdem hatten viele der Gemeinden bis zu 20% niederländische Mitglieder, auf die Rücksicht genommen werden musste. Trotzdem fanden viele deutsche Pfarrer einen Weg, sich den neuen Verhältnissen in Deutschland anzunähern. Statt z.B. mit der ganzen Gemeinde in die „Deutsche Kolonie“ einzutreten, wurden nur die Pfarrer als Einzelpersonen Mitglieder. Zwar hielten sich die deutschen Pfarrer auch weiterhin mit öffentlichen politischen Aussagen zurück, doch standen sie in der Folgezeit oftmals vor einem Dilemma  und versuchten, möglichst vielen Seiten gerecht zu werden.

Kollegium des Deutschen Realgymnasiums in Den Haag im Jahr 1937
Kollegium des Deutschen Realgymnasiums in Den Haag im Jahr 1937, Quelle: Bestand Klaus Erler

Sehr ähnlich erging es den deutschen Schulen. Auch sie standen zum Teil unter niederländischer Schulaufsicht und konnten deshalb die nationalsozialistische Ideologie nicht offen vertreten, doch eine Anpassung an die deutschen Lehrpläne und Unterrichtsinhalten fand in vielen Schulen, so weit dies möglich war, statt. Außerdem wurden analog zur Hitlerjugend und dem Bund deutscher Mädel Jugendabteilungen der „Reichsdeutschen Gemeinschaft“ an verschiedenen Schulen gegründet. Auch der deutsche Staat versuchte, durch die Gewährung zusätzlicher finanzieller Mittel die Schulen aus der niederländischen Schulaufsicht zu lösen und unter deutsche Oberaufsicht zu stellen, um auf diese Weise stärker auf die Inhalte der Lehrpläne einwirken zu können. Die Schulen sollten möglichst als Multiplikatoren nationalsozialistischer Ideologie innerhalb der deutschen Gemeinschaft dienen, gerade weil sie oftmals im Mittelpunkt des Interesses und der Aktivitäten in der jeweiligen Stadt standen. Vielen Flüchtlingen aus Deutschland war der nationalsozialistische Einfluss an den Schulen durchaus bewusst. Trotzdem schickten einige Familien ihre Kinder dorthin, um sie in einem deutschen kulturellen Umfeld aufwachsen zu lassen. Selbst jüdische Schüler sind an der deutschen Schule in Den Haag bis zum Schuljahr 1936/37 nachweisbar. Andere Deutsche in den Niederlanden schickten ihre Kinder ganz bewusst auf niederländische Schulen, um sie von dem nationalsozialistischen Einfluss fernzuhalten.

Entscheidungszwänge

Während in den 20er Jahren das Leben für die Deutschen in den Niederlanden in Bezug auf die Beibehaltung ihrer deutschen Identität viele Optionen bot, die je nach persönlicher Neigung angenommen oder abgelehnt werden konnten, waren die Entscheidungen, die es in den 30er Jahren zu treffen galt, viel einschneidender und weitreichender. Die Nationalsozialisten versuchten, auch in den Niederlanden ihre Ideologie zu verbreiten und gewannen einen großen Einfluss auf das Leben der deutschen Gemeinschaft. Diese orientierte sich, wie auch schon zuvor, an den politischen und gesellschaftlichen Vorgaben aus dem Heimatland und stand den Entwicklungen relativ unkritisch gegenüber. Für die Mitglieder der einzelnen Vereine und Organisationen bedeutete dies, sich entweder aktiv von dem deutschen Gesellschaftsleben in den Niederlanden abgrenzen zu müssen oder in den Sog der neuen deutschen Politik zu geraten.

Auch für die Flüchtlinge stellte sich diese Frage. Durch ihre Flucht hatten sie nicht nur ihre wirtschaftliche Sicherheit verloren, sondern auch ihr Heimatland. In den demokratischen und toleranten Niederlanden konnten sie sich zunächst sicher fühlen. Als „Heimatersatz“ standen sogar deutsche Vereine und Schulen zur Verfügung, doch waren diese von der Politik des Landes beeinflusst, aus dem viele zuvor geflüchtet waren. Auch hier musste eine Entscheidung gefällt werden, inwieweit sich die einzelnen Flüchtlinge an die deutschen Organisationen in den Niederlanden mit ihren vertrauten Riten annähern wollten oder inwieweit sie sie als Vertreter des feindlichen Staates ablehnten.

Autorin: Dr. Katja Happe
Erstellt: Mai 2008


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bergmeier, Horst J.P.: Chronologie der deutschen Kleinkunst in den Niederlanden 1933-1944, Hamburg 1998.

Dittrich, Kathinka/ Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933-1940, Königstein 1982.

Dunk, Hermann von der: Deutsche als Holländer. Zum Thema nationaler und kultureller Amphibien, in: Mühlhausen, Walter/ Wielenga, Friso (Hg.): Grenzgänger. Persönlichkeiten des deutsch-niederländischen Verhältnisses. Horst Lademacher zum 65. Geburtstag, Münster 1998, S. 27-48.

Moore, Bob: Refugees from Nazi Germany in the Netherlands 1933-1940, Dordrecht 1986.

Mulder, Dirk/ Prinsen, Ben (Hrsg.): Uitgeweken. De voorgeschiedenis van kamp Westerbork, Hooghalen 1989.

Zaich, Katja B.: "Ich bitte dringend um ein Happyend." Deutsche Bühnenkünstler im niederländischen Exil 1933-1945, Frankfurt a.M. 2001.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: