Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45


III. Die Schlinge wird enger – Verschärfung der antijüdischen Maßnahmen

Im Februar 1941 zerschlug sich die Illusion, dass die Juden in den Niederlanden von weiteren Maßnahmen verschont bleiben würden. Auslöser war der so genannte "Februarstreik", der vielen noch immer als heroisches Widerstandszeichen und als Symbol der Hilfe für die Juden in den Niederlanden gilt.[17]

Razzia Amsterdam Februar 1941
Razzia in Amsterdam im Februar 1941, Quelle: NA (120-0661)

Zur Vorgeschichte: Anfang Februar brachen zwischen Juden und Mitgliedern der nationalsozialistischen "Wehrabteilung" (W.A., einer Unterabteilung der Nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande, der NSB), die durch ein jüdisches Viertel Amsterdams marschierte, Unruhen und Schlägereien aus, bei denen am 11. Februar der W.A.-Mann Hendrik Koot ums Leben kam. Außerdem wurde eine Patrouille der deutschen Ordnungspolizei angegriffen, die einen Eis-Salon durchsuchte, in dem gerade eine Versammlung von jüdischen Mitgliedern einer Widerstandorganisation stattfand. Beide Ereignisse veranlassten den Generalkommissar für das Sicherheitswesen Rauter, am 22. und 23. Februar eine Razzia in Amsterdam durchzuführen und als Vergeltungsmaßnahme 425 junge jüdische Männer festzunehmen.

Alle wurden zuerst in das Konzentrationslager Buchenwald und später in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht. Kommunistische Aktivisten veröffentlichten daraufhin ein Flugblatt, in dem sie zum Generalstreik aufriefen. Dieser  legte am 25. und 26. Februar das öffentliche Leben in Amsterdam und einigen anderen Städten lahm. Die Besatzungsmacht war vom Ausmaß der Aktion überrascht und reagierte erst mit Verzögerung. Erst am zweiten Tag übernahm Rauter den Oberbefehl über die Amsterdamer Polizei und ließ diese zusammen mit der deutschen Ordnungspolizei gegen die Streikenden vorgehen. Zudem verhängte der deutsche Militärbefehlshaber General Friedrich Christiansen den Kriegszustand über die Provinz Noord-Holland, so dass der Streik am Abend des 26. Februar niedergeschlagen war. In den folgenden Tagen normalisierte sich das Leben wieder. Als Folge des Streiks wurden hohe Bußgelder über die beteiligten Städte verhängt, Amsterdam z.B. musste 15 Millionen Gulden bezahlen. Außerdem veränderte der Streik das Verhältnis zwischen der niederländischen Bevölkerung und der Besatzungsmacht. Die Deutschen mussten einsehen, dass die ursprünglich geplante freiwillige "Nazifizierung" der niederländischen Bevölkerung erfolglos geblieben war. Nur die relativ geringe Anzahl der niederländischen Nationalsozialisten befürwortete die Besetzung und die politischen Ziele der Nationalsozialisten, die überwiegende Mehrheit der Niederländer lehnte sie nach wie vor vehement ab. Die Bevölkerung auf der anderen Seite war durch die Niederschlagung des Aufstandes und das harte Vorgehen der Besatzungsmacht eingeschüchtert. Ohne eine landesweite Organisation und Hilfe von außen schien der Widerstand gegen die Besatzer zum Scheitern verurteilt zu sein.

Schon während der ersten Unruhen in dem mehrheitlich von Juden bewohnten Viertel Amsterdams veranlasste der Beauftragte des Reichskommissars für die Stadt Amsterdam, Hans Böhmcker, die Gründung eines Jüdischen Rats für die Stadt. Vorsitzende wurden der Historiker David Cohen und der Diamantenhändler David Asscher. Beide hatten sich zuvor schon in der Hilfe für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland engagiert. In seiner Rede zur Gründung des Jüdischen Rats erklärte Cohen am 14. Februar 1941, dass "jetzt, da beschlossen wurde, an einer Ordnung mitzuwirken, in der Sie ungestört arbeiten und leben können, nichts unterlassen werden darf, um diese Ordnung auch von Ihrer Seite aus kräftig zu unterstützen. Also arbeiten Sie mit, denken Sie an Ihre Verantwortung!"[18] Damit umriss er bereits die zukünftige Handlungsweise und die Ziele des Jüdischen Rats.

David Cohen
David Cohen, hier 1924, Quelle: NA ( 023-0609)

Wichtig war den etwa 20 Mitgliedern des Jüdischen Rats und vor allem seinen beiden Vorsitzenden, die in der Folgezeit die Repräsentanten und wichtigsten Entscheidungsträger des Gremiums waren, die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Sie versuchten, durch Gespräche und Verhandlungen antijüdische Maßnahmen abzumildern oder zu verlangsamen, verstrickten sich jedoch immer tiefer in eine Kooperation mit der Besatzungsmacht. Schließlich wurde der Jüdische Rat zu einem willfährigen Instrument in den Händen der Besatzer.[19] Diese hatten eine soziale Kontrollinstanz der Juden in Amsterdam geschaffen (deren Einflussgebiet im Oktober 1941 auf die gesamten Niederlande ausgedehnt wurde) und konnten antijüdische Maßnahmen in Zukunft leichter und unmittelbarer umsetzen. Natürlich erfuhren die Gründung des Jüdischen Rats und das Vorgehen seiner Vorsitzenden auch Kritik aus den eigenen Reihen. Besonders der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichts der Niederlande, Lodewijk Ernst Visser, attackierte Cohen in verschiedenen Briefen heftig.[20] Visser war zugleich bis zu deren Auflösung im Oktober 1941 Vorsitzender der Jüdischen Koordinations-Kommission, die sich ebenfalls für die Belange der jüdischen Gemeinschaft einsetzte, aber nicht von den Deutschen autorisiert war und deshalb auch keine weitreichende Wirkung entfalten konnte. Er lehnte eine Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden ab und sah auch in der Kooperation des Jüdischen Rats ein schlechtes Beispiel für das weitere Vorgehen.

Diese Kritik am Jüdischen Rat führte auch dazu, dass sich Visser im Laufe des Jahres 1941 intensiv für die ersten Deportierten aus den Niederlanden einzusetzen versuchte. Nachdem im Februar nach den Unruhen 425 Juden deportiert worden waren, griffen die Besatzungsbehörden nach weiteren kleinen Sabotageaktionen erneut 300 Juden auf und deportierten diese ebenfalls nach Mauthausen. Im Frühsommer 1941 erreichten immer häufiger Todesmeldungen von diesen Deportierten die Niederlande. Der Begriff "Mauthausen" wurde deshalb zu einem Synonym für die Deportation in den Tod. Visser setzte sich auf verschiedenen Wegen, u.a. über seine Kontakte zu den niederländischen Generalsekretären, für die Deportierten ein, konnte jedoch nichts erreichen. Der Generalsekretär des Innenministeriums, Karel J. Frederiks, erhielt im November 1941 vom Generalkommissar für das Sicherheitswesen, Rauter, immerhin die Zusage, dass von nun an keine weiteren Juden aus den Niederlanden nach Mauthausen deportiert würden. Bis dahin waren als Vergeltungsmaßnahmen jedoch insgesamt ca. 1 700 Juden in dieses Lager gebracht worden, von denen nur ein einziger den Krieg überlebte.

Nach dem Februarstreik folgten rasch nacheinander neue Verordnungen, die die Juden in den Niederlanden weiter entrechteten und innerhalb der Gesellschaft isolierten. Die meisten dieser Verordnungen waren von Reichskommissar Seyß-Inquart unterzeichnet, der die Gesamtverantwortung trug. Für die Planung und Durchführung der Maßnahmen war jedoch vor allem der Generalkommissar für das Sicherheitswesen, Rauter, zuständig, der zugleich Höherer SS- und Polizeiführer Nord-West und damit auch Chef der Sicherheitspolizei (Sipo) und des SD in den Niederlanden war.[21] Innerhalb seines Apparates waren der Chef der Sicherheitspolizei, Wilhelm Harster, und das für "Judenangelegenheiten" zuständige Referat IV B 4 unter der Leitung von Erich Rajakowitsch (bis Januar 1942) und danach Wilhelm Zoepf federführend bei antijüdischen Maßnahmen, die immer auch mit dem gleichnahmigen Referat im Reichssicherheitshauptamt unter Adolf Eichmann abgestimmt wurden. Zudem wurde im März 1941 die Zentralstelle für jüdische Auswanderung gegründet, die von Willy Lages und seinem Stellvertreter Ferdinand aus der Fünten geleitet wurde. Nach dem Vorbild der Zentralstellen in Wien, Prag und Berlin sollte sie ursprünglich alle Kompetenzen der Judenverfolgung in sich vereinen, blieb in den Niederlanden jedoch nur eine von mehreren Institutionen, die in die Planung und Durchführung der antijüdischen Maßnahmen eingebunden waren.[22] Da in Amsterdam traditionell die meisten Juden lebten, kam sowohl der Außenstelle der Sicherheitspolizei in dieser Stadt als auch dem Beauftragten für die Stadt Amsterdam, Hans Böhmcker, einem Juristen und ehemaligen Senator aus Lübeck, eine wichtige Rolle zu.[23]

Die Maßnahmen, die die verschiedenen Stellen anordneten, schränkten das wirtschaftliche Leben der Juden in den Niederlanden stark ein. So mussten ab dem 12. März 1941 alle jüdischen Betriebe angemeldet werden, für die zudem ein nicht-jüdischer Treuhänder eingestellt werden konnte. Ziel war die "Arisierung" der niederländischen Wirtschaft. Im Juli 1941 musste auch der Grundbesitz und wenig später das Vermögen von Juden angemeldet werden. Für letzteres war die zu diesem Zweck gegründete Bank Lippmann, Rosenthal & Co. zuständig.[24]

Judenstern
Judenstern, Quelle: NA ( 120-0644)

Auch gesellschaftlich und sozial wurden die Juden immer weiter isoliert. Nach den Verboten, keine Kinos mehr besuchen und kein Blut mehr spenden zu dürfen, erschienen im April 1941 die ersten "Für Juden verboten"-Schilder an öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Cafés. Juden mussten ihre Radios abgeben. Ab Mai 1941 durften jüdische Rechtsanwälte, Ärzte und Apotheker ihre Berufe nicht mehr ausüben und schließlich wurde der Besuch von Seebädern und Kurorten ebenso verboten wie der Besuch von Schwimmbädern. Ein schwerer Schlag für die jüdischen Kinder in den Niederlanden war das Verbot, ihre normalen Schulen nach den Sommerferien 1941 weiter zu besuchen. Sie mussten auf rein jüdische Schulen wechseln. Ein jüdisches Mädchen vertraut ihrem Tagebuch an: "Es ist schon ein trauriger Gedanke, dass ich nicht mehr durch das Tor hindurch darf, durch das ich vier Jahre lang jeden Morgen geradelt bin, dass ich meine Schule nicht mehr betreten darf, die mir im Laufe der Zeit lieb geworden ist."[25] Nachdem Juden ab September 1941 auch nicht mehr in Hotels und Pensionen übernachten durften, keine nicht-jüdischen Hausangestellten mehr beschäftigen und ihren Wohnort nur noch mit Zustimmung der deutschen Behörden wechseln durften, war das Leben der Juden in den Niederlanden stark eingeschränkt. Als im Oktober 1941 auch noch die jüdischen Geschäfte gekennzeichnet wurden, hatte das Ausmaß ihrer Entrechtung, wirtschaftlichen Ausbeutung und gesellschaftlichen Isolation etwas mehr als eineinhalb Jahren nach dem Beginn der Besatzungszeit fast dasselbe Niveau wie in Deutschland erreicht.

Während die Juden im öffentlichen Leben immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurden und von den meisten kulturellen Aktivitäten ausgeschlossen waren, schritt auch ihre verwaltungstechnische Registrierung weiter voran. Nach der verpflichtenden Anmeldung von allen jüdischen Bewohnern der Niederlande, war der nächste Schritt, der von Rauter im Juli 1941 angeordnet und von den niederländischen Behörden ausgeführt wurde, die Kennzeichnung der Pässe aller Juden mit einem großen schwarzen J. An diesem Beispiel wird auch die mittlerweile relativ problemlose Zusammenarbeit der deutschen und niederländischen Behörden sichtbar, die innerhalb der Geschichte der Judenverfolgung in den Niederlanden einen wichtigen Bestandteil bildet. Die Generalsekretäre protestierten nicht mehr vehement gegen neue antijüdische Maßnahmen, sondern wiesen die staatlichen und kommunalen Behörden an, die Anordnungen umzusetzen. Und auch die Beamten dieser untergeordneten Behörden protestierten nicht, sondern führten die Anweisungen von höherer Stelle meist kritiklos durch. Es entstand ein sich immer weiter etablierendes System von Anordnung und Ausführung, das die Beamten auch in der Folgezeit, als die Maßnahmen immer härter wurden und schließlich in die Deportation von jüdischen Bürgern übergingen, kaum noch durchbrechen konnten oder wollten.

Die im Sommer und Herbst 1941 erlassenen antijüdischen Maßnahmen drängten die Juden nicht nur an den Rand der Gesellschaft, sie entzogen vielen auch die Existenzgrundlage. Durch das Verbot, Börsen und Märkte zu besuchen im September und die bereits ergangenen Berufsverbote für verschiedene freie Berufe konnten viele Juden nicht mehr ihren Berufen nachgehen. Zudem regelte das Reichskommissariat im Oktober 1941 die Kündigungsfristen für Juden neu – durch all diese Maßnahmen stieg die Arbeitslosenzahl unter der jüdischen Bevölkerung stark an. Dies wiederum nahmen die deutschen Behörden zum Anlass, Arbeitslager für jüdische Arbeitslose in den Niederlanden einzurichten. Da ein Arbeitsdienst für arbeitslose Niederländer bereits längere Zeit verpflichtend eingeführt worden war, wirkte die Anordnung der Deutschen zunächst nicht ungewöhnlich. Ab Januar 1942 mussten sich die ersten gut 1 000 jüdischen Männer melden, um in die verschiedenen Arbeitslager transportiert zu werden. Die ersten Aufrufe trafen arbeitslose, wenn möglich unverheiratete junge Männer, die sich vor ihrer Abreise noch einer medizinischen Untersuchung unterziehen mussten, um ihre Tauglichkeit festzustellen. Kommunale niederländische Behörden waren auf Anordnung der Besatzungsmacht mit der Organisation des Arbeitseinsatzes betraut, was den offiziellen Charakter der Maßnahme verstärkte.

Gleichzeitig war der Jüdische Rat mit eingebunden, der für das Erscheinen der Männer und ihre medizinische Untersuchung verantwortlich war. Die Arbeitslager, die für Juden bestimmt waren – es entstanden insgesamt ca. 50 Lager in den nächsten Monaten –, lagen vor allem in  den Provinzen Drenthe und Overijssel. Die arbeitsverpflichteten Männer wurden hauptsächlich bei der Rodung von Land und im Drainage- und Straßenbau eingesetzt. Zwar hatte der Jüdische Rat von deutscher Seite die Zusage erhalten, dass die Arbeitsbedingungen in den jüdischen Lagern den normalen niederländischen Standards entsprechen würden, dies wurde jedoch nicht eingehalten. Die jüdischen Männer erhielten 20% weniger Lohn und bekamen keinen Urlaub, auch Kranke durften bald nicht mehr nach Hause und die Essensrationen verschlechterten sich. Nach den ersten 1 000 Männern, die sich im Januar 1942 melden mussten, forderten die deutschen Behörden schnell immer weitere Arbeitslose für die Lager an. Innerhalb weniger Wochen stieg ihre Zahl auf 5 000 an. Als dann im März 1942 die von den Deutschen geforderten Kontingente für die Arbeitslager nicht mehr mit Arbeitslosen erreicht werden konnten, ging der Jüdische Rat auf Anordnung der Zentralstelle für jüdische Auswanderung dazu über, alle ledigen Männer zwischen 18 und 40 Jahren zum Arbeitsdienst aufzurufen, selbst wenn sie noch berufstätig waren.

Von dieser Maßnahme betroffen war auch der 19-jährige Philip (Flip) Slier aus Amsterdam, der als Setzer und Typograph beim "Handelsblad" gearbeitet hatte und ab April 1942 im Arbeitslager Molengoot (Provinz Overijssel) schwere Erdarbeiten verrichten musste. Die Briefe, die er in kurzen Abständen nach Hause zu seinen Eltern schickte, sind erhalten geblieben und zeichnen ein detailliertes Bild vom Leben im Lager und den dort herrschenden Zuständen.[26] Trotz der ungewohnten und schweren Arbeit blieb Flip optimistisch und versuchte, sich so gut wie möglich mit der neuen Situation zu arrangieren. Dennoch schrieb er nach Hause: "Hier ist es nicht spaßig. Aber noch einmal: Ich werde mich schon durchschlagen. Sollte irgendetwas passieren, bin ich sofort weg. Das könnt Ihr mir glauben." Und diesen Entschluss setzte er einige Monate später auch in die Tat um. Als die Situation zu eskalieren schien, floh Flip Slier im September 1942 aus Molengoot und tauchte unter. Nach seiner Verhaftung im März 1943 konnte er der Deportation nach Sobibor jedoch nicht mehr entgehen. Dort wurde er im April 1943 umgebracht.
Jüdische Männer in separaten Arbeitslagern zu konzentrieren, war ein weiterer Schritt der Besatzungsmacht zur Isolation der Juden innerhalb der Niederlande. Die Kasernierung brachte zudem innerhalb kürzester Zeit einen großen Teil der niederländischen Juden unter direkte deutsche Kontrolle.

Demselben Zweck diente auch die Konzentration aller noch in den Provinzen lebenden Juden an bestimmten Orten. Im Januar 1942 begann zeitgleich mit dem Aufbau der Arbeitslager die Räumung der Provinzen. Zuerst traf es die Juden aus Zaandam (Provinz Noord-Holland) und kurz darauf diejenigen aus anderen Städten der Küstenregion. Niederländische jüdische Staatsbürger mussten sich innerhalb weniger Tage mit Hilfe des Jüdischen Rats eine neue Wohnung in einem der den Juden zugewiesenen Vierteln Amsterdams suchen, deutsche Juden mussten direkt in das Lager Westerbork umziehen, das als zentrale Sammelstelle genutzt werden sollte. Nachdem die jüdischen Bewohner ihre Wohnungen verlassen hatten, aus denen sie nur wenige Koffer mit Kleidung mitnehmen durften, versiegelte sie die niederländische Polizei, die auch die Schlüssel übernahm. Anschließend räumten Mitglieder des deutschen "Einsatzstabs Rosenberg", der für die Beschlagnahmung von Kulturgütern und Hausrat zuständig war, die Wohnungen leer. Die so genannte "Evakuierung" betraf nach den Bewohnern der Küstenregionen nach und nach auch die jüdischen Bewohner im Landesinnern. Wie bei den Arbeitlagern war das Ziel eine Konzentration der Juden an bestimmten Orten, in diesem Fall in Amsterdam und Westerbork oder dem zu diesem Zweck neugegründeten Lager Vught.

Als letzter Schritt in dieser Reihe von Maßnahmen, die nach den Entschlüssen der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 zur "Endlösung der Judenfrage" als Vorstufen auf dem Weg zur Deportation der Juden aus den Niederlanden zu sehen sind, mussten die Juden im Mai 1942 ihre Stigmatisierung mit dem gelben Stern hinnehmen. Für die Vorsitzenden des Jüdischen Rats, denen der Befehlshaber der Sicherheitspolizei die Anordnung zur Einführung des "Judensterns" am 29. April mitteilte, war dies "ein schrecklicher Tag in der Geschichte der Juden in Holland".[27] Innerhalb weniger Tage mussten alle Juden in den Niederlanden, die älter als sechs Jahre waren, den gelben Stern mit dem Wort "Jood" in der Öffentlichkeit tragen. Edith van Hessen, die schon über ihren Ausschluss aus der Schule berichtete, vermerkt trotz des Schocks in ihrem Tagebuch: "Wir alle tragen unsere Sterne. Es bringt mich dauernd zum Lachen. Was für ein Blödsinn, dieses dämliche Getue mit diesen Sternen. Man hört die ulkigsten Dinge darüber, und die Witze machen noch schneller die Runde als die Gerüchte. Die Leute, die Sterne tragen, werden auf der Straße gegrüßt. Die Herren ziehen den Hut, und man bekommt allerlei aufmunternde Bemerkungen zu hören."[28] Nur wenige Wochen später, als die Deportationen anfingen, verging ihr sicher das Lachen. Das Leben des 17-jährigen Mädchens wurde komplett auf den Kopf gestellt, als sie als Haushaltshilfe bei Bekannten untertauchen musste und nur im Versteck die Besatzungszeit überlebte.


[17] B.A. Sijes: De Februari-staking 25-26 Februari 1941, 's-Gravenhage 1954; Annet Mooij: De strijd om de februari-staking, Amsterdam 2006.
[18] Joods Historisch Museum, Doc. 00003186.
[19] Willy Lindwer: Het fatale dilemma. De Joodsche Raad voor Amsterdam 1941-1943, Den Haag 1995.
[20] J. Melkman: De briefwisseling tussen mr. L.E. Visser en prof. dr. D. Cohen,  in: Studia Rosenthaliana 8 (1974), S. 107-131.
[21] N.K.C.A. in't Veld: De SS en Nederland. Documenten uit SS-archieven, 's-Gravenhage 1976.
[22] Anna Hájková: The Making of a Zentralstelle. Die Eichmann-Männer in Amsterdam, in: Theresienstädter Studien und Dokumente 10(2003), S. 353-381.
[23] Hendrik Flap/ Marnix Th. Croes (Hg.): Wat toeval leek te zijn, maar niet was. De organisatie van de Jodenvervolging in Nederland, Amsterdam 2001.
[24] Gerard Aalders: Geraubt. Die Enteignung jüdischen Besitzes im Zweiten Weltkrieg, Köln 2000.
[25] Edith Velmans-van Hessen: Ich wollte immer glücklich sein. Das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Zweiten Weltkrieg, Wien 1999, S. 91.
[26] Deborah Slier, Ian Shine (Hg.): Der letzte Sommer des Philip Slier. Briefe aus dem Lager Molengoot 1942, Berlin 2009.
[27] L.Ph. Polak: Documents of the persecution of the Dutch Jewry, Amsterdam 1969, S. 54 f.
[28] Edith Velmans-van Hessen: Ich wollte immer glücklich sein. Das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Zweiten Weltkrieg, Wien 1999 S. 108.

Autorin: Katja Happe
Erstellt:
Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Jong, Louis de: Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bde.,'s-Gravenhage 1969-1984.

Presser, Jacob: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, 's-Gravenhage 1956.

Herzberg, Abel: Kroniek der Jodenvervolging 1940-1945, Amsterdam 1985.

Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De Nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998.

Personen

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